05.04.1999

GOETHENicht ganz dicht

Ein bisher unbekanntes Protokoll von Jenaer Medizinern wirft neues Licht auf den Umgang mit des Dichters sterblicher Hülle.
Der letzten Ruhestätte des Dichters in der Weimarer Fürstengruft entquoll gräßlicher Gestank. Die Gebeine im geöffneten Sarg ruhten auf einer modrigen Masse, die anscheinend einmal Seegras gewesen war. Die sterblichen Überreste Goethes faulten vor sich hin, Knochen waren schmutzig verfärbt, der Schädel zeigte schimmelige Auflagerungen. Den zur Begutachtung herangezogenen Wissenschaftlern bot sich - so formulierten es zwei von ihnen eher zurückhaltend - "ein sehr unerfreulicher Anblick". Aufgrund der "Fäulnisprozesse und möglicherweise auch Einwirkung von Insekten und Ungeziefer sowie Feuchtigkeit", notierten die beiden in einem Protokoll, breiteten sich "eklige Gerüche im Sarg und in der Gruft" aus. Noch nicht in Verwesung übergegangen war lediglich der extrem trockene, "gut erhaltene Lorbeerkranz".
Urheber dieses bisher unbekannten Dokuments über eine zweistündige Begutachtung der Goetheschen Leiche am Abend des 2. November 1970 waren zwei professorale Kapazitäten der DDR: Franz Bolck, Pathologe und Rektor der Friedrich-Schiller-Universität Jena, sowie Gerhard Hansen, Direktor des dortigen gerichtsmedizinischen Instituts.
Sogleich nach dem ungewöhnlichen Diensttermin hatten die beiden Mediziner beschlossen, ihren Befund für die Nachwelt festzuhalten: Ihnen schwante, daß die zum Himmel stinkenden Gebeine des großen Toten eines künftigen Tages zum öffentlichen Skandal werden würden.
Unter dem Datum des 6.11.1970 schickte Hansen dem Kollegen Bolck ("Ew. Magnifizenz!") seinen Entwurf eines Protokolls, das "in die Archive" gelangen, "einer möglichen Abschiebung der Verantwortung auf uns" vorbeugen und "späteren Fehldeutungen der wahren Sachlage" entgegenwirken sollte.
Die Sache stank von Anfang an, die Gruft-Erkunder hatten einen guten Riecher: Vor gut zwei Wochen referierte die "Frankfurter Allgemeine" aus der anatomischen Sammlung des Goethe-Nationalmuseums in Weimar den offiziellen Bericht über die konservatorischen Maßnahmen am Leichnam Goethes im November 1970 - zwischen dieser Beschreibung und den erst jetzt öffentlich gemachten Aufzeichnungen von Hansen und Bolck gibt es delikate Differenzen. Die "FAZ" beklagte eine vermeintliche Untat des Sozialismus: eine Brechung der Totenruhe mit schnöde materialistischen Motiven und eine pietätlose "Brutalität" der Verantwortlichen. Unerhört sei "die Grausamkeit, mit der damals etwas geschah, was nicht hätte geschehen dürfen".
Für den heute 80jährigen Pathologen Bolck bestätigen solche Interpretationen genau die Befürchtungen, die sein Kollege Hansen und er schon vor fast 30 Jahren gehegt hatten. Er stellte darum dem SPIEGEL das elfseitige Protokoll aus dem Jahr 1970 zur Verfügung. Verfaßt von ihm selbst und dem 1978 verstorbenen Hansen, enthält es den wissenschaftlichen Befund, der zur Skelettierung ("Mazeration") und konservatorischen Behandlung von Goethes sterblichen Überresten führte:
Nachdem Goethes Leichnam 1832, luftdicht verschlossen, in einem Eichensarg mit Bleiauskleidung beigesetzt worden war, sei es zunächst "offenbar ohne nennenswerte Erscheinungen einer Fäulnis sofort zu dem Prozeß einer totalen Mumifizierung" der Leiche gekommen. Der für das Greisenalter typische Flüssigkeitsverlust des Körpers habe diesen Prozeß unterstützt. "Solche Vorgänge sind nicht ungewöhnlich; wir wissen von gut erhaltenen Mumien, die mehr als hundert Jahre alt sind." Der "Mumifizierungsprozeß" habe wahrscheinlich "bis zur gewaltsamen Eröffnung des Bleisarges" bestanden.
Urheber und genauer Zeitpunkt dieses zerstörerischen Eingriffs sind nicht bekannt; meist wird er auf die Wirren der Nachkriegszeit datiert. Da der Sarg danach nicht ganz dicht gewesen sei, so das Protokoll, habe Feuchtigkeit eindringen können: Am primär mumifizierten Leichnam setzte nun "eine sekundäre Fäulnis der Gewebereste" ein.
"Die Fäulnis- und Zerfallsprozesse", konstatieren die Wissenschaftler weiter, "sind nicht rückgängig zu machen und nicht aufzuhalten. Auch die Einlagerung der Überreste in einem luftdichten Zinksarg würde eine weitere Skelettierung nicht verhindern; es ist zu befürchten, daß die noch gut erhaltenen Knochen, insbesondere der Schädel, dann auch einer langsamen Zerstörung unterliegen werden." Allein die Ablösung der fauligen Gewebereste vom Skelett und die fachgerechte Konservierung der Knochen eröffne "die begründete Aussicht, diese Überreste noch über viele Jahrzehnte zu erhalten". Die angebliche Pietätlosigkeit der Knochenkenner war also dringend geboten - wollte man den Verwesungsprozeß nicht, wie bei Erdbestattungen, bis zur Totalauflösung fortschreiten lassen.
Der ursprünglichen Einsargung des verstorbenen Dichters in einer luftdicht verschlossenen Ruhestatt lag der Gedanke zugrunde, die sterbliche Hülle müsse so gut und so lange wie möglich gehütet werden. Ihr sollte das Schicksal von Schädel und Gebeinen Schillers erspart bleiben: Im Jahr 1826 - 21 Jahre nach Schillers Beisetzung in einem Tannensarg - hatte der Weimarer Bürgermeister Karl Lebrecht Schwabe Schillers Schädel mühsam aus zahlreichen Skeletten und Sargresten im "Kassengewölbe" auf dem Jakobskirchhof herausgesucht. Seine nächtlichen Expeditionen ins Totenreich hat Schwabe aufgezeichnet: "Das Scheußliche des Aufenthalts in dieser lang nicht geöffneten, nur mit dem heftigsten Modergeruch angefüllten Totengruft unter herumliegenden Schädeln und Totengebeinen läßt sich nicht beschreiben, und nur das eifrigste Tabakrauchen gab mir einige Erleichterung."
Bis heute kann niemand sagen, ob der Schädel und die später dazugesammelten Gebeine, die seit Dezember 1827 in der Weimarer Fürstengruft im Sarg mit der Aufschrift "Schiller" liegen, die richtigen sind. Solche Zweifel gibt es beim Nachbarsarg Goethes nicht.
Wer die Aktion zur Erhaltung von Goethes Gebeinen anprangert, kann sich am wenigsten auf den Dichter selbst berufen:
Während Schillers Schädel nach der Bergung aus dem "Kassengewölbe" gereinigt wurde, lagerte er eine Zeitlang in Goethes Haus. Bewegt angesichts dessen, was vom toten Freund geblieben war, schrieb Goethe in feierlichen Terzinen sein Gedicht "Bei Betrachtung von Schillers Schädel"; ehrfürchtig sprach er mit Bezug darauf von den "Reliquien Schillers".
Es ist also gerade angesichts Goethes eigener Haltung abwegig, die Konservierung seines Leichnams zur historischen Untat der versunkenen DDR zu stilisieren. Gleichwohl kritisieren die Jenaer Mediziner implizit auch die Zuständigen, wenn sie eine jährliche Kontrolle der Überreste fordern und im Schlußsatz feststellen: "Eine solche regelmäßige Überprüfung des Leichnams Goethes hätte die heute vorliegende Zerstörung verhindern können."
Vor allem der zwingende Rückschluß auf amtliche Nachlässigkeit dürfte die jahrzehntelange Geheimniskrämerei um das Schicksal von Goethes sterblichen Überresten motiviert haben. RAINER TRAUB
Von Rainer Traub

DER SPIEGEL 14/1999
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