02.09.2013

GESUNDHEITSchlechter Witz

In der privaten Krankenversicherung leiden vor allem Senioren unter hohen Beiträgen. Jeder Vierte bereut bereits den Wechsel.
Von den Visionen des Bundesgesundheitsministers erfuhr Manfred Schmeltz im Krankenhaus. In der Zeitung las er, was Daniel Bahr jüngst im Wahlkampf gefordert hatte: Es solle jeder selbst entscheiden können, wie und wo er sich versichern wolle, ob bei einer privaten oder einer gesetzlichen Kasse. Und wenn Schmeltz nicht mit dem Krebs kämpfen müsste, hätte er vielleicht sogar gelacht. "Ich halte den Vorstoß für einen schlechten Witz", sagt er.
1991 war Schmeltz von der gesetzlichen zu einer privaten Assekuranz gewechselt. Damals betrug sein Monatsbeitrag umgerechnet 193,76 Euro. Im Jahr 2005 zahlte er inklusive Pflegeversicherung 283,10 Euro, inzwischen hat die Allianz seine Prämie auf insgesamt 419,60 Euro erhöht. Das Problem ist nur: Heute ist Schmeltz 74 Jahre alt und muss auf jeden Cent achten. 1079,94 Euro überweist ihm die Rentenkasse in jedem Monat. "Mit dem, was mir übrig bleibt, kann ich meinen Lebensunterhalt kaum noch finanzieren."
Darum ist der Berliner zum Lobbyisten in eigener Sache geworden. Er hat die Allianz AG mit Beschwerdebriefen geflutet. Er hat den Bund der Versicherten eingeschaltet. Und vor kurzem hat er sogar prüfen lassen, ob er seine Versicherung per Klage zwingen kann, die Beiträge zu senken. "Im Alter ist die private Kasse eine Falle", bilanziert Schmeltz. Mit dieser Meinung steht er nicht allein.
Nach einer noch unveröffentlichten Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), der Ideenschmiede der gesetzlichen Kassen, sind die teuren Policen in vielen Haushalten zum großen Problem geworden: Die Prämien seien "aufgrund hoher Ausgabenzuwächse seit Jahren stark gestiegen und bedeuten für eine wachsende Zahl von Privatversicherten eine erhebliche Belastung", heißt es in dem Papier.
Das klingt zwar zunächst wie die übliche Negativpropaganda der gesetzlichen Konkurrenz, ist wissenschaftlich aber gut fundiert. Die WIdO-Forscher haben für ihre Untersuchung jeweils 1000 Versicherte aus beiden Welten befragt. Das Ergebnis: In der gesetzlichen Krankenversicherung würden sich immerhin 83,5 Prozent sicher noch einmal für ihre Kasse entscheiden. Bei den Privatversicherungen sind es nur 75,4 Prozent.
"Die Unzufriedenheit nimmt mit dem Alter zu", schreiben die Wissenschaftler. Jeder vierte privatversicherte Rentner bereue inzwischen seine Entscheidung. Klar ist: Je älter man wird, umso drastischer steigen die Beträge.
Um Geld zu sparen, wechseln deshalb immer mehr Menschen in billigere Tarife mit höherem Risiko. Knapp 23 Prozent der Privatversicherten gingen 2011 und 2012 diesen Schritt und tragen seither einen Teil ihrer Rechnungen selbst, um höhere Prämien zu vermeiden. Bei den Rentnern sind es gar knapp 41 Prozent. Rund 13 Prozent aller PKV-Versicherten entschieden sich laut Studie, in ihren Tarifen auf besondere Leistungen wie die Chefarztbehandlung oder hohe Rückerstattungen beim Zahnersatz zu verzichten. Bei den Rentnern sind es 24 Prozent.
Selbst die Basistarife, die die Branche inzwischen anbieten muss, um Privatpatienten vor dem Sturz in die Armut zu bewahren, helfen kaum weiter. Nach neuen Daten der Einkommensstatistik Sozio-oekonomisches Panel müssen rund 370 000 erwachsene Privatversicherte von durchschnittlich 8600 Euro pro Jahr leben, das entspricht fast Hartz-IV-Niveau.
Als fragwürdig erscheint damit der Vorstoß des Gesundheitsministers, den Privatkassen weitere Kunden zuzutreiben. Bislang darf nur wechseln, wer monatlich mehr als 4350 Euro brutto verdient. Im Juli erst hatte der Verband der privaten Krankenversicherung gefordert, diese Pflichtgrenze abzusenken.
Bahrs Vorstoß geht darüber weit hinaus, er würde für die Branche eine finanzielle Bluttransfusion bedeuten. Weil sich vor allem junge Menschen für die PKV entscheiden, müssten die Versicherungen weniger Geld für medizinische Leistungen ausgeben. Die gesetzlichen Kassen hingegen fürchten, dass ihnen vor allem Finanzschwache und Ältere blieben. "Ein Rettungspaket für die PKV zu unseren Lasten", schimpft Jürgen Graalmann, Chef des AOK-Bundesverbands.
So liefert die WIdO-Studie neues Krawallpotential für die Debatte, ob die private Krankenversicherung nach der Bundestagswahl noch eine Zukunft hat und ob das Land sich ein System leisten soll, in dem zwei Versicherungsphilosophien nebeneinanderher existieren.
Während SPD, Grüne und Linke beide Systeme in einer Bürgerversicherung integrieren wollen, denkt FDP-Politiker Bahr darüber nach, sie in den Wettbewerb zu schicken. Auch die privaten Kassen will er verpflichten, jeden Bürger, unabhängig von dessen Gesundheitszustand, aufzunehmen - so wie es bisher bei den gesetzlichen der Fall ist. An den Erfolg solcher Pläne scheint aber auch das Gesundheitsministerium nicht zu glauben. Neulich hat Manfred Schmeltz einen wütenden Brief nach Berlin geschickt. "Ich kann nachvollziehen, dass der Anstieg der Beiträge zur privaten Krankenversicherung Ihnen Sorge bereitet", hat ihm ein Beamter mitgeteilt. Aber leider könne das Ministerium nichts für ihn tun.
Von Cornelia Schmergal

DER SPIEGEL 36/2013
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