02.09.2013

SPIEGEL-GESPRÄCH„Illoyal, herablassend, falsch“

Der SPD-Abgeordnete Prof. Dr. Dr. Karl Lauterbach, 50, über das schwierige Verhältnis von Intelligenz und Politik, die Wandlung vom Wissenschaftler zum Politiker und seinen Widerstand gegen den damaligen SPD-Chef Kurt Beck
SPIEGEL: Herr Lauterbach, was hat die jüngste Messung Ihres Intelligenzquotienten ergeben?
Lauterbach: Ich bin mit dem Status quo sehr zufrieden. Für die Dinge, die mir wichtig waren, hat es immer gut gereicht.
SPIEGEL: Sie haben keinen Intelligenztest gemacht?
Lauterbach: Doch. Aber der Wert war hoch genug, um nicht so dumm zu sein, ihn hier zu nennen.
SPIEGEL: Schadet zu viel Intelligenz in der Politik?
Lauterbach: Nein. Aber in der Politik ist nichts dümmer, als seine Intelligenz zu betonen.
SPIEGEL: Was passiert, wenn man es tut?
Lauterbach: Dann unterstellt man indirekt, dass man andere für dümmer hält. Politik bedarf einer besonderen Intelligenz. Die Intelligenz eines Wissenschaftlers zum Beispiel ist in der Politik oft nicht nur wertlos, sie schadet sogar.
SPIEGEL: Warum?
Lauterbach: Wissenschaftliche Intelligenz bedeutet, dass man abstrahiert. In der Politik zählt jedoch das Konkrete. Wissenschaftler lieben Details und lange Vorträge, Politik braucht eine extreme Zuspitzung durch Bilder, plakative Sätze oder eine Story.
SPIEGEL: Sie sind Professor für Gesundheitsökonomie. Als Sie 2005 frisch ins Parlament einzogen, schwärmten Sie: "600 Experten im Bundestag. Das wäre phantastisch." Woher kam Ihre Sehnsucht nach einer Regierung der Professoren?
Lauterbach: Ich hatte damals völlig falsch eingeschätzt, wie Politik funktioniert. Ich glaubte an die Vision Kants mit dem Ideal der Herrschaft der Vernunft. Mittlerweile bin ich bescheidener geworden. Die Wissenschaftsgläubigkeit von Wissenschaftlern ist zu hoch, um ihnen die politische Verantwortung allein zu überlassen. Für die Gesetzgebung ist ein kluger, skeptischer Laie oft sogar besser. Weil er um seine Fehlbarkeit weiß und alle Argumente und Erkenntnisse miteinbezieht.
SPIEGEL: Das klingt, als würden Wissenschaftler überschätzt.
Lauterbach: Nein, aber wenn man etwas sehr intensiv macht, bleiben andere Dinge auf der Strecke. Bei vielen Wissenschaftlern ist das die soziale Intelligenz. Ohne die bin ich als Politiker aber schon verloren. Wissenschaftler glauben, dass sich am Ende immer das bessere Argument durchsetzt. Das ist aber eher die Ausnahme. Man muss sein Argument auch darauf überprüfen, ob es verhetzbar ist, ob es absichtlich missverstanden werden kann. Verhetzbarkeit spielt in der Politik eine riesige Rolle. Wissenschaftler halten es oft für eine Zumutung, auf der Straße, in Interviews, in Talkshows für ihre Position zu werben. Ein schönes Beispiel ist der Professor Paul Kirchhof mit seiner Flat Tax. Der war im Bundestagswahlkampf 2005 so eingenommen von seiner Idee, dass er nicht gesehen hat, wie leicht angreifbar sie war.
SPIEGEL: Zu Beginn Ihrer politischen Karriere fürchteten Sie, es in der SPD schwer zu haben. Begründung: "Weil ich nicht genügend Würstchen gewendet habe." Was meinten Sie?
Lauterbach: Ich bin sogar mit zwei Handicaps in die Politik gegangen. Ich esse keine Bratwurst, und ich trinke kein Kölsch. Gerade in der SPD wird einem das schnell als mangelnde Volksnähe ausgelegt.
SPIEGEL: Wie viele Stunden haben Sie inzwischen auf Grillfesten, Vereinsjubiläen, Schützenfesten verbracht?
Lauterbach: Ich gehe zu so wenig Schützenfesten wie möglich, und ich tue auch nicht so, als wäre ich dort glücklich. Ich fühle mich eben nicht wohl auf einem Schützenfest, deswegen begrenze ich das auf ein Minimum. Für einen Politiker ist es das Schlimmste, wenn er nicht mehr authentisch wirkt. Man muss den Leuten dann etwas anderes anbieten. Wer in meine Bürgersprechstunde kommt, der kann sich in medizinischen Fragen oder zur Pflege konkret beraten lassen. Die Leute finden das toll.
SPIEGEL: Gehört es zu den Kernkompetenzen eines Politikers, Langeweile ertragen zu können?
Lauterbach: Ja, das ist leider so. Manchmal muss man einfach Reden über sich ergehen lassen.
SPIEGEL: Können Sie mit offenen Augen schlafen?
Lauterbach: Ich kenne Kollegen, die behaupten das von sich. Ich halte es für medizinisch unmöglich. Der Liddeckel schließt sich, bevor der Thalamus im Gehirn das Schlafsignal gibt.
SPIEGEL: Haben Sie schon bei Reden geklatscht, die Sie für abgrundtief dämlich hielten?
Lauterbach: Ja, das bleibt niemandem erspart. Ich kenne aber auch Geschäftsleute, die klatschen, wenn der eigene Vorstand einen idiotischen Vorschlag vorträgt.
SPIEGEL: Ihre Partei scheint mit Quereinsteigern wie Ihnen noch immer zu fremdeln. Warum hat Ihnen die SPD in Nordrhein-Westfalen keinen aussichtsreichen Platz auf der Landesliste gegeben, obwohl Sie dort einer der prominentesten Kandidaten sind?
Lauterbach: Ich habe mich nie um einen Listenplatz bemüht, ich will meinen Wahlkreis Leverkusen/Köln direkt gewinnen. Andererseits hätte ich wohl auch keine Chance auf einen sicheren Listenplatz. Das System der Listenaufstellung ist in allen Parteien, auch in der SPD, ziemlich fragwürdig, das Verfahren völlig intransparent.
SPIEGEL: Woran liegt das?
Lauterbach: Die Listen werden nicht von Spitzenpolitikern aufgestellt, sondern von den Vorsitzenden der lokalen Gliederungen. Wenn ich mich dort als Quereinsteiger bewerbe, komme ich niemals auf die Liste - die örtlichen Parteigrößen wollen sich meist zuerst selbst absichern. Wer den Kuchen verteilen darf, greift als Erster zu.
SPIEGEL: Welcher Typus Politiker hat die besten Chancen, einen Listenplatz zu bekommen?
Lauterbach: Derjenige, der von Anfang an dabei ist. Der kann durch alle Gremien langsam in jene Funktionen hineinwachsen, die die Liste bestimmen. Oft ist die Anzahl der Jahre entscheidend.
SPIEGEL: In der SPD-Bundestagsfraktion waren Sie anfangs nicht gut gelitten. Woran lag das?
Lauterbach: Ich hatte mit Vorbehalten von Peter Struck zu kämpfen, dem damaligen Fraktionschef. Struck und andere wollten erst mal schauen, wie ich in dem System funktioniere: Ist das ein Teamspieler? Ist das wirklich jemand, der sich mit der Partei identifiziert?
SPIEGEL: Bei Ihrer ersten Kandidatur als gesundheitspolitischer Sprecher 2005 kassierten Sie gleich eine Niederlage.
Lauterbach: Die Schlappe war gut für mich. In der Politik wird man ohne Niederlagen nicht stärker. Ich habe dann den Wert von Netzwerken und Loyalitäten begriffen. Ohne Netzwerke in der Partei und ohne einflussreiche Unterstützer kommt man in keiner Partei voran.
SPIEGEL: Ist die Fraktionsdisziplin nicht eine Beleidigung für selbständig denkende Menschen?
Lauterbach: Nein, Fraktionsdisziplin ist notwendig, weil ich sonst als Fraktion nichts erreiche. Wenn die klare Linie fehlt, macht man es dem Gegner leicht.
SPIEGEL: Anfangs fielen Sie vor allem dadurch auf, dass Sie gegen die Mehrheitsmeinung der Fraktion rebellierten. Nun gehören auch Sie zu den braven Abgeordneten. Ist Duckmäusertum der Preis für den Aufstieg?
Lauterbach: Ich war am Anfang sehr viel renitenter, vor allem in den ersten zwei Jahren. Das ist wahr. Aber ich habe den Wert der Fraktionsdisziplin kennengelernt, als ich irgendwann selbst eine Arbeitsgruppe leiten durfte. Es war tatsächlich ein Lerneffekt. Leiten statt rebellieren.
SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, die meisten Ihrer Bundestagskollegen seien "Stimmvieh und Claqueure".
Lauterbach: Das war Übermut, der Hochmut der jungen Jahre. Ich würde das heute auf keinen Fall mehr sagen. Man muss gute Wissenschaftler für die Arbeit als Abgeordneter begeistern. Umgekehrt gilt aber: Jeder Wissenschaftler lernt durch die politische Arbeit. Ich hatte vor meinem Einzug ins Parlament viele politikwissenschaftliche Bücher gelesen. Politik kann man aber nicht aus Büchern lernen, das war mein Trugschluss.
SPIEGEL: Was hätten Sie niemals aus Ihren Büchern lernen können?
Lauterbach: Beispielsweise die Bedeutung des Vertrauens. Die spielt im politischen Prozess eine riesige Rolle. In der Regel ist es so: Die fachfremden Kollegen in der Fraktion können die Vorschläge, die man macht, inhaltlich überhaupt nicht bewerten. Mach ich jetzt einen komplizierten Vorschlag, etwa wie wir die Diabetesbehandlung in Deutschland optimieren wollen, können das sehr wenige meiner Kollegen beurteilen. Sie müssen mir vertrauen, dass ich die Sache schon richtig mache. In anderen Bereichen vertraue ich ihnen. Die Münze des Vertrauens wird aber nirgendwo in der politischen Literatur beschrieben.
SPIEGEL: Haben Sie am Anfang zu wenig getan, um das Vertrauen Ihrer Kollegen zu gewinnen?
Lauterbach: Ja, definitiv. Im Jahr 2006 habe ich zum Beispiel aus einer Sitzung berichtet, dass der damalige Parteichef Kurt Beck sich beim Wort "Gesundheitsfonds" verschrieben hatte.
SPIEGEL: Er schrieb es ohne s am Ende.
Lauterbach: Weil ich gegen diesen Fonds war, habe ich das ausgeplaudert und seinen Fehler gegen ihn verwendet. Das war unfair von mir. Es war illoyal, herablassend, falsch. Ich habe mich für eine gute Geschichte indirekt über Beck lustig gemacht. Ich habe mich dann bei ihm entschuldigt.
SPIEGEL: Es gibt den berühmten Satz von Winston Churchill: "Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein Fünf-Minuten-Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler." Sehen Sie das auch so?
Lauterbach: Nein. Durchschnittliche Wähler sind Leute wie meine Eltern. Viele sind sehr intelligent, aber nie richtig ausgebildet worden. Wenn man diesen Leuten zuhört und sie ernst nimmt, dann lernt man auch etwas.
SPIEGEL: Muss man sich als Politiker manchmal dümmer machen, als man ist?
Lauterbach: Wenn man die Leute ständig spüren lässt, dass man sich für klüger hält, dann ist man als Politiker fehl am Platze. Ich fand es schon als Professor eine Pest, was für Blender manche Kollegen waren. Nur weil sie sich auf ihrem Wissensgebiet auskannten, mussten sie so tun, als seien sie Universalexperten. Das ist peinlich, auch weil es oft auffliegt.
SPIEGEL: Würden Sie gern ein bisschen Intelligenz abgeben, wenn Sie dafür mehr Charisma bekämen?
Lauterbach: Zunächst stelle ich hier zwei Dinge strittig. Erstens, dass ich Intelligenz
zu verschenken hätte. Und zweitens, dass es mir an Charisma mangelt. Insofern kollabiert Ihre Frage.
SPIEGEL: Neigen schlaue Menschen zu Arroganz?
Lauterbach: Auf jeden Fall.
SPIEGEL: Sie auch?
Lauterbach: Da ich nicht weiß, ob ich schlau bin, kann ich das auch nicht beantworten.
SPIEGEL: Da Sie mit Ihrem Intelligenzquotienten zufrieden sind, liegt es nahe, dass Sie auch einen hohen Arroganzquotienten haben.
Lauterbach: Jemand, der sich für intelligent hält, neigt tatsächlich oft zur Arroganz. Dann wäre es zumindest hilfreich, tatsächlich intelligent zu sein. Arroganz auf der Grundlage eingebildeter Intelligenz ist auf jeden Fall noch schlimmer als gelegentliche Arroganz aufgrund existierender Intelligenz.
SPIEGEL: Sind die Deutschen zu dumm, um die Vorzüge der SPD und eines Peer Steinbrück zu erkennen, oder ist die Partei zu dumm, um die Wähler zu überzeugen?
Lauterbach: Das hat nichts mit Dummheit zu tun, und noch ist nichts entschieden. Ich glaube, dass wir in der rot-grünen Zeit und in der Großen Koalition als SPD sehr gute Arbeit geleistet haben. Die letzten vier Jahre unter Schwarz-Gelb waren dagegen Stillstand. Wenn es uns nicht gelingt, die Bürger von uns zu überzeugen, ist nicht der Bürger zu dumm, sondern wir sind zu schwach gewesen. Dann haben wir den Sieg auch nicht verdient.
SPIEGEL: Was war dümmer von Steinbrück: zu sagen, er trinke keinen Pinot Grigio unter fünf Euro, oder, ein Bundeskanzler verdiene zu wenig?
Lauterbach: Glauben Sie wirklich, dass ich in die Falle tappe, die Sie mir mit dieser Frage stellen?
SPIEGEL: Haben Sie mal ausgerechnet, wie viel Geld Ihnen durch die Lappen gegangen ist, weil Sie mit 42 Jahren in die Politik gewechselt sind?
Lauterbach: Wenn ich das täte, müsste ich trockene Taschentücher zur Hand haben. Aber ich bin ja nicht wegen des Geldes in die Politik gegangen.
SPIEGEL: Was kostet Sie die Mitgliedschaft im sogenannten Kompetenzteam der SPD?
Lauterbach: Nichts. Ich habe meine Aufsichtsratstätigkeit in den Rhön-Kliniken aufgegeben. Aber das war sowieso an der Zeit, es war für mich zum Schluss auch nervig, darauf ständig angesprochen zu werden.
SPIEGEL: Ist Politik für begabte Menschen ein unattraktiver Job geworden?
Lauterbach: Politik muss zu einem passen. Politik ist ein Hochrisikojob, das ist etwas, was ich sehr mag. Es kann passieren, dass man binnen einer Woche sein Einkommen, seine Reputation und seine berufliche Perspektive einbüßt. Es gibt nicht viele Berufe, wo das Risiko so hoch ist. Dieses Risiko ist auch wichtig, es erhält die Spannung und den Wettbewerb in der Politik. Umso bedauernswerter finde ich es, wenn Politiker wegen Nichtigkeiten scheitern.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Lauterbach: Wenn man alles verlieren kann wegen eines politischen Fehlers, dann ist das in Ordnung. Aber wenn wir amerikanische Verhältnisse bekommen und man wegen privater Fehltritte alles verliert, dann hat's keinen Zweck.
SPIEGEL: Sie kommen gut aus mit dem CSU-Chef Horst Seehofer, zu Zeiten der Großen Koalition hatten Sie sogar einen gemeinsamen Hintergrundkreis für Journalisten mit ihm. Hat er Ihnen leidgetan, als seine außereheliche Affäre publik gemacht wurde?
Lauterbach: Ja, ein bisschen schon. Es war auf der anderen Seite aber auch nicht ganz unverdient. Er hat mit seinem intakten Familienleben immer wieder kokettiert. Da kann man sich schlecht beklagen, wenn Journalisten darüber berichten, wenn das heile Bild Risse bekommt. Ich finde etwas anderes wichtig. Viele Politiker wie Jürgen Trittin oder ich halten ihr Privatleben ganz aus der Politik raus. Da darf dann aber auch nicht geschnüffelt werden.
SPIEGEL: Herr Lauterbach, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Markus Feldenkirchen und René Pfister in Berlin.
Von Markus Feldenkirchen und René Pfister

DER SPIEGEL 36/2013
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