02.09.2013

MEDIZIN„Von Heilung träumen“

Anfangs war die Diagnose ein Todesurteil. Später gelang mit Medikamenten das Überleben. Heute, 30 Jahre nach Entdeckung des Aidsvirus, keimt Hoffnung auf, dass sich die Infektion sogar kurieren lässt.
Die Praxis des HIV-Spezialisten Stefan Fenske im Hamburger Uni-Viertel ist kein Ort für Todgeweihte. Die Räume sind hell, an den Wänden hängt moderne Kunst, Lachen ist zu hören. Gutgelaunt sitzt Werner Thomas(*) im Sprechzimmer. Nicht Feind, nicht tödliche Bedrohung, nein "Untermieter" nennt der 63-Jährige das HI-Virus, das sich vor mehr als 23 Jahren in seinem Körper eingenistet hat.
Alle drei Monate fährt Thomas aus seinem kleinen Dorf in der Nähe Hamburgs hierher, lässt sich Blut abnehmen, eine Viertelstunde später ist er wieder weg. "Manch ein Gesunder wäre froh, so gute Werte zu haben wie ich", sagt er. Auch Arzt Fenske ist zufrieden: "Bei ihm ist wohl das Rauchen ein größeres Risiko als das Virus."
Der Mediziner hat noch das Grauen von Aids und Sterben miterlebt, damals, vor 1996, als es noch keine hochwirksamen Medikamente gab. Als die immungeschwächten, bis zum Skelett abgemagerten Körper der Aidskranken von Infektionen zermürbt und von Tumoren zerfressen wurden.
Auch für Werner Thomas' Freund kamen die neuen Medikamente zu spät. Er starb 1993 an Aids. Thomas selbst durfte nicht mehr als Kellner arbeiten, musste
mit 40 in Rente gehen. "Was machst du denn jetzt?", dachte er damals. "Alt werden, auf jeden Fall!", schwor er sich.
Bis zu 20 Pillen täglich schluckte er anfangs, mit teils heftigen Nebenwirkungen. Aber Jahr für Jahr war die Therapie leichter zu ertragen. Heute braucht er nur noch drei Tabletten am Tag.
Nicht immer läuft es so gut wie bei ihm. Die Medikamente können das Risiko für Krebs und einen Herzinfarkt erhöhen, zu Knochenschwund und Nierenproblemen führen. Dennoch haben HIV-Infizierte, die rechtzeitig mit der Therapie beginnen, inzwischen eine fast normale Lebenserwartung. "Es haben sich Welten getan in der Behandlung von HIV", sagt Fenske. Ehemalige Aidshospize werden inzwischen zu Altenheimen für Infizierte umgebaut. Werner Thomas ist gerade dabei, sich mit seinem neuen Freund zusammen ein Eigenheim zu kaufen.
Nur heilen, das können die Medikamente nicht. Sie schaffen es, die Vermehrung des HI-Virus zu stoppen - aber sie vermögen nicht, es endgültig aus dem Körper zu vertreiben. Nur weniger als ein Prozent der Infizierten gehören zu jenen Glücklichen, die dank einer genetischen Besonderheit den Erreger selbst in Schach halten können. Zu allen anderen, die ihre Pillen absetzen, kommt das Virus zuverlässig und gnadenlos zurück.
Das dachte man jedenfalls bislang.
Inzwischen hat nämlich eine Reihe spektakulärer Patientenfälle die Forscher weltweit in Euphorie versetzt. Fälle, bei denen eine Therapie dazu führte, dass die Infizierten das Virus dauerhaft unter Kontrolle bringen konnten. Immer mehr Wissenschaftler suchen nach Antworten auf die Frage, die bis vor kurzem niemand zu stellen wagte: Wie lässt sich HIV nicht mehr nur behandeln - sondern heilen?
‣ 2009 berichteten Ärzte der Charité über den HIV-infizierten "Berliner Patienten" Timothy Brown, der wegen einer Leukämieerkrankung eine Knochenmarkstransplantation erhielt. Der Spender war aufgrund seiner genetischen Ausstattung gegen HIV unempfindlich - Brown ist es nach der Transplantation jetzt offenbar auch. 2013 berichteten Ärzte der Harvard Medical School über ähnliche Erfolge.
‣ Im März 2013 wurde der Fall des "Mississippi Baby" öffentlich: Ein Kind, das sich im Mutterleib mit HIV infiziert hatte, war seit dem zweiten Lebenstag aggressiv mit Medikamenten behandelt worden. Als die Mutter die Therapie nach 18 Monaten abbrach, konnte das Kind das Virus fortan zur Überraschung der Ärzte auch ohne Medikamente in Schach halten.
‣ Französische Forscher berichteten über 14 erwachsene Patienten, die ebenfalls schon sehr bald nach der Ansteckung behandelt wurden. Als sie die Therapie später abbrachen, konnte sich das Virus trotzdem nicht wieder vermehren.
‣ Ein weiterer Fall war 14 Jahre lang als Kuriosität abgetan worden; jetzt, im Nachhinein, passt er zu den anderen Heilungsgeschichten: Damals berichteten Berliner Forscher im "New England Journal of Medicine" von einem Mann, der bereits im Frühstadium behandelt worden war und später gesund blieb, obwohl er die Medikamente absetzte.
‣ Auch der Hamburger Aidsforscher Jan van Lunzen berichtet von einem solchen Patienten. Nach neun Jahren ohne Therapie sei bei dem Mann immer noch kein HI-Virus nachweisbar.
"Wir dürfen heute von Heilung träumen", sagt van Lunzen, Ärztlicher Leiter der Infektiologie am Hamburger Universitätsklinikum. "Alle diese Fälle sagen uns, dass eine Heilung möglich ist", meint auch die australische Aidsforscherin Sharon Lewin von der Monash University. Und die HIV-Entdeckerin Françoise Barré-Sinoussi vom Pariser Institut Pasteur sagt: "Eine Heilung zu finden gehört inzwischen zu den Prioritäten der Aidsforschung."
Im renommierten Karolinska Institutet in Stockholm kommen diese Woche etliche der besten HIV-Forscher der Welt zusammen. Das Thema der Konferenz: "Auf dem Weg zu einer Heilung der HIV-Infektion". Zeitgleich hält Barré-Sinoussi am Hamburger Heinrich-Pette-Institut einen Vortrag, in dem es ebenfalls um potentielle Heilungsansätze geht.
Genau 30 Jahre ist es jetzt her, dass Françoise Barré-Sinoussi und ihr Kollege Luc Montagnier das HI-Virus als Auslöser jenes rätselhaften Leidens identifizierten, das damals vor allem die Homosexuellen San Franciscos heimsuchte. Die Betroffenen litten an merkwürdigen Pneumonien und Pilzinfektionen und an einem Tumor, der sonst nur alte Männer befiel: dem Kaposi-Sarkom. Ihre Immunabwehr hatte versagt - am Ende starben die Kranken den hilflosen Ärzten unter den Händen weg.
Zügig breitete sich die neue Seuche - die den Namen Acquired Immune Deficiency Syndrome (Aids) erhielt - um den Erdball aus. Schon bald gehörten auch heterosexuelle Männer zu den Opfern, Frauen und Kinder.
Rückblickend erscheint es absurd, welche Horrorszenarien Forscher und Politiker damals für die Industrienationen entwarfen. Eine Computersimulation der Universität Bamberg etwa sagte in einer fiktiven Modellstadt mit 2,3 Millionen Einwohnern 107 000 Aidstote innerhalb von zehn Jahren voraus. Andere prognostizierten den Zusammenbruch des Frankfurter Immobilienmarkts, ausgelöst durch Aids.
Gleichzeitig verschloss man die Augen vor der sich anbahnenden Katastrophe in Afrika. So erklärte zum Beispiel die WHO die zentralafrikanischen Länder 1985 fälschlicherweise für "aidsfrei". Françoise Barré-Sinoussi erinnert sich an einen Arzt aus Zaire, der bei einer Konferenz 1986 aufstand und rief: "Die Situation in meinem Land ist dramatisch. Die Leute sterben an dieser Krankheit - aber niemand macht etwas!" Heute sind weltweit rund 34 Millionen Menschen mit HIV infiziert - zwei Drittel davon allein in Schwarzafrika (siehe Grafik Seite 116).
Angesichts dieser Zahlen ist es tragisch, dass bis heute kein wirksamer Impfstoff entwickelt werden konnte. Denn obwohl inzwischen auch in Afrika viele Infizierte Zugang zu wirksamen Medikamenten haben und obwohl dadurch und durch Präventionsmaßnahmen wie Kondome wahrscheinlich noch Schlimmeres verhindert werden konnte, werden immer noch rund 40 Prozent der Betroffenen nicht angemessen behandelt.
So geht es bei der Suche nach einer möglichen Heilung auch nicht in erster Linie darum, Patienten in reichen Ländern ein besseres Leben ohne lästige Pillen zu verschaffen. Sondern vor allem darum, dass sich gerade die Armen womöglich eher heilen als lebenslang teuer therapieren lassen.
Timothy Brown, der "Berliner Patient", war für die Forscher 2009 so etwas wie der erste Hoffnungsschimmer. "Der Fall hat uns erstmals gezeigt, dass die Heilung einer HIV-Infektion prinzipiell möglich ist", sagt Barré-Sinoussi. HIV-Infizierte wie Brown in Zukunft einer Knochenmarkstransplantation zu unterziehen ist allerdings viel zu riskant - die Prozedur ist lebensbedrohlich.
Noch mehr fasziniert die Wissenschaftler deshalb inzwischen das "Mississippi Baby" und all die anderen Fälle, in denen eine frühe Therapie mit starken Medikamenten half, das Virus zu besiegen.
Die Kinderärztin des "Mississippi Baby", Hannah Gay, wurde dieses Jahr sogar vom "Time Magazine" zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt gekürt. Dabei war die Heilung des kleinen Mädchens wohl eher Zufall.
Als das Mädchen nach fünf Monaten ohne Behandlung von der Mutter wieder in die Klinik gebracht wurde, erinnert sich Gay, Professorin an der University of Mississippi, sei sie sicher gewesen, dass sich das Virus zwischenzeitlich in dem kleinen Körper vermehrt hatte. "Als im Blut des Kindes dann kein HI-Virus nachweisbar war, hielt ich das zunächst für einen Laborfehler oder für eine Verwechslung." Erst nach weiteren Tests dämmerte Gay: Das Mädchen war offenbar geheilt. Zumindest so weit, dass sein Körper das Virus nun selbst in Schach halten konnte - "funktionelle Heilung" nennen die Forscher das.
Derzeit haben sie dafür nur eine mögliche Erklärung. Gay hatte dem Kind bereits im Alter von 30 Stunden die ersten Aidsmedikamente verabreicht. Auf diese Weise konnte sich kein sogenanntes Reservoir bilden, kein kleiner Rest von Virus-DNA, die sich unauffällig und unerreichbar für das Immunsystem mitten im menschlichen Erbgut versteckt. Nichts scheint dieser stillen Reserve etwas anhaben zu können, und so entstehen aus ihr immer wieder neue Viren.
Dieses Reservoir an viraler Erbinformation ist das Teuflische an Aids, es ist der Grund, warum Medikamente nicht heilen, warum das Virus jedes Mal wiederkommt, wenn die Mittel abgesetzt werden. Deshalb ist das Reservoir zu einem zentralen Forschungsobjekt geworden.
Inzwischen steht fest, welch perfektes Versteck sich die HI-Virus-DNA ausgesucht hat: spezielle Zellen des Immunsystems. Diese "ruhenden Gedächtniszellen" seien der "perfekte Ort, um die genetische Information eines Virus zu speichern", glauben Janet und Robert Siliciano von der Johns Hopkins University in Baltimore, die zu den Entdeckern des Reservoirs zählen. Denn diese Gedächtniszellen, so das Forscherehepaar, stürben niemals ab, sie existierten so lange, wie der Mensch lebt, zu dem sie gehören. Hat die Virus-DNA sich erst einmal eingenistet, wird man sie also niemals mehr los.
Fest steht inzwischen auch: Das Reservoir bildet sich sehr früh, wahrscheinlich spätestens ein oder zwei Wochen nachdem man sich angesteckt hat. Wenn die Ärzte verhindern wollen, dass es entsteht, müssen sie deshalb auch sehr früh behandeln. Französische Forscher schätzen, dass rund 15 Prozent der sehr früh therapierten HIV-Infizierten das Virus nach einer Weile selbst kontrollieren können.
Für die restlichen 85 Prozent - und die große Mehrheit, die zu spät mit der Therapie beginnt - suchen die Wissenschaftler jetzt nach Wegen, die Virus-DNA aus ihrem Versteck zu locken. Verschiedene Substanzen, zum Beispiel Krebsmedikamente, wurden dafür bereits im Labor getestet. Inzwischen laufen erste kleine Studien an Patienten. Auch Gentherapie und Stoffe, die helfen, das Immunsystem zu regulieren, werden erprobt.
Doch schon jetzt schauen viele HIV-Ärzte mit neuem Blick auf ihre Patienten. "Ich weiß ja gar nicht, ob nicht vielleicht auch andere Kinder, die ich behandle, schon geheilt sind", sagt etwa Kinderärztin Hannah Gay aus Mississippi.
Das Problem dabei: Die HIV-Medikamente einfach probehalber abzusetzen ist strikt tabu. Denn dadurch kann sich die Prognose deutlich verschlechtern. Eine internationale Studie soll nun Klarheit darüber bringen, wann bei Kindern die Einnahme der Medikamente ohne allzu großes Risiko gestoppt werden darf.
Hans Jäger, Internist und Aids-Spezialist aus München, leitet gemeinsam mit Wissenschaftlern der Ludwig-Maximilians-Universität eine Studie an erwachsenen HIV-Patienten, in der es auch um diese Frage geht: "Wir suchen nach einem Laborwert, mit dem sich vorab feststellen lässt, wer geheilt ist und wer nicht", sagt Jäger.
Der Arzt ist davon überzeugt, dass schon bald etliche HIV-Infizierte ihre Medikamente in der Schublade lassen können. "Ich vermute, dass wir im Moment eine nicht zu unterschätzende Zahl an Patienten behandeln, die das gar nicht mehr brauchen."
* Name geändert.
Von Christoph Behrens und Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL 36/2013
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