09.09.2013

FEMINISMUSGegen die Dominanz

Ein neuer Film zeigt, wie ein Ukrainer die Frauenrechtlerinnen von Femen aus dem Hintergrund dirigierte. Entsprangen die Aktionen der Gruppe einer sexistischen Männerphantasie?
Am 25. Juli erschien auf der Website von Femen das Bild eines Mannes, den jemand übel zugerichtet hatte. Seine Augen waren geschwollen, aus mehreren Wunden auf der Stirn und aus der Nase lief Blut.
Der Mann heißt Wiktor Swjazki. Er sei "Politikwissenschaftler", stand über dem Bild. Am Abend zuvor hätten ihn Unbekannte in Kiew verprügelt, ganz in der Nähe der Zentrale der Frauenrechtsgruppe. Das Foto sollte belegen, welchen Gefahren sich Menschenrechtler in der Ukraine ausgesetzt sehen. Niemand fragte nach, was eigentlich ein Politikwissenschaftler bei Femen macht.
Seit vergangener Woche gilt der Mann auf dem Foto als der Erfinder von Femen. Als das Mastermind, das sich die ganze Sache ausgedacht hat: eine Armee von Frauen, schön wie Fotomodelle, die sich bei jeder Gelegenheit die Kleider vom Leib reißen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Jetzt heißt es, Swjazki habe die Mädchen in Kiew antanzen lassen wie der Moderator einer Castingshow, ihre Körper betrachtet und entschieden, welche schön genug sei, um sich für die Truppe auszuziehen.
Es ist das ultimative Fiasko, das einer feministischen Bewegung widerfahren kann: eine Frauengruppe als sexistische Männerphantasie.
Vor fünf Jahren traten die Feministinnen aus der Ukraine zum ersten Mal auf und wurden sofort weltberühmt. Sie protestierten mit nackten Brüsten gegen Zwangsprostitution und Sextourismus, ihrem Land stand die Fußball-Europameisterschaft bevor. Die Frauen trugen Blumenkränze im Haar und ließen sich von Polizisten fortschleppen. Blumenmädchen gegen die Diktatur: Die Fotos von ihren Aktionen waren überall zu sehen. Die Frauen nannten sich Femen, ihr Slogan war: "Die Ukraine ist kein Bordell".
So heißt auch der Dokumentarfilm über Femen, der am vergangenen Mittwoch beim Filmfestival in Venedig Premiere hatte. Die Produzentin, Regisseurin und Kamerafrau Kitty Green war von Australien nach Kiew gezogen, um in einer Wohnung mit vier Aktivistinnen von Femen zu leben und die Frauen bei ihren Aktionen zu filmen. Green blieb ein Jahr und zwei Monate (siehe Interview).
"Die Ukraine ist kein Bordell" ist ihr erster Film, und man kann sagen, dass er lauter einschlug als ein Dutzend Oben-ohne-Proteste von Femen. Das lag vor allem an einem Auftritt des mysteriösen Femen-Beraters Swjazki: An einer Stelle taucht er mit einer Hasenmaske aus Pappe vor dem Gesicht auf und beklagt sich, dass den Frauen Tugenden von Berufsrevolutionären fehlten: "Sie sind unpünktlich, unprofessionell, unterwürfig", die Aktivistinnen hätten "nicht einmal den Wunsch, stark zu sein". Er sagt auch, dass er es anfangs vor allem auf Sex abgesehen hatte. "Unbewusst", versteht sich.
Gerüchte über einen mächtigen Mann hinter Femen gab es seit einiger Zeit. Je bekannter Femen wurde und je mehr Ableger sich gründeten, desto häufiger hörte man, die Frauen würden strikt nach Aussehen ausgesucht, sie müssten Diät halten und würden für jeden Auftritt bezahlt.
Im Juni rief eine Reporterin der "Süddeutschen Zeitung" in Kiew im Büro von Femen an, um der Sache auf den Grund zu gehen, und fragte, ob ein Mann hinter der Gruppe stehe. Daraufhin brachen die Ukrainerinnen das Gespräch ab.
Der Film schien nun alle Gerüchte zu übertreffen. Viele Feministinnen, die sich über den Medienerfolg und die als naiv empfundenen Aktionen von Femen geärgert hatten, sahen sich bestätigt.
Als Inna Schewtschenko am vergangenen Donnerstag erklären soll, was passiert ist, überschlägt sich ihre Stimme fast. Schewtschenko war eine der ersten Frauen bei Femen in der Ukraine, vor einem Jahr ist sie nach Frankreich geflohen und hat dort Asyl erhalten. Bevor sie nach Paris entkam, hatte sie in Kiew ein sechs Meter hohes Holzkreuz abgesägt, nur mit sehr kurzen roten Shorts bekleidet.
"Ein Mann soll unser Chefideologe sein? Der Gründer der Bewegung? Ich werde niemandem erlauben, das zu sagen", brüllt sie in ihr Mobiltelefon. Am Mittwoch lief sie mit nackten Brüsten über den roten Teppich in Venedig, als würde sie fürchten, dass man sie angezogen gar nicht mehr erkennt.
Sie erzählt, rasend schnell, von Swjazki; "dieser Bastard" nennt sie ihn. Der Politologe sei 2009 zu Femen gekommen, ein Jahr nach der Gründung, Anna Huzol, eine der Gründerinnen, habe ihn mitgeschleppt. Es seien damals viele Leute zur Gruppe gekommen, auch Männer. Wiktor habe nett und klug gewirkt, sein Einfluss als Berater sei schnell gewachsen.
Mit der Zeit habe er sich verändert, sagt Schewtschenko. Er habe herumgebrüllt und den Frauen Vorschriften gemacht. "Ungehobelt und brutal" sei er gewesen.
Warum haben sie auf ihn gehört?
"Wir waren Mädchen, die einfach nicht wussten, wie man so jemanden bekämpft. Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der Männer dominieren und Frauen sich beherrschen lassen."
Schewtschenko sagt, dass der Film eine wahre Geschichte erzähle. Die Geschichte darüber, wie ein Mann versuchte, Femen zu dominieren. Der Kampf gegen Swjazki gehöre zu Femen.
"Das war unser Kampf gegen das Patriarchat in unserer eigenen Bewegung", sagt sie. Ihre Stimme zittert, sie klingt, als würde sie weinen am Telefon. Dann bricht die Verbindung ab.
Die Frage ist jetzt, wie es weitergehen kann. Femen werde auf jeden Fall weitermachen, hat Inna Schewtschenko in Venedig angekündigt. Die Frauenrechtsgruppe ist inzwischen eine internationale Organisation mit einem Dutzend Ablegern, auch in Deutschland gibt es einen. Femen ist eine Art eingetragenes Markenzeichen wie Greenpeace oder Amnesty International, das gibt man nicht mal eben auf.
In Hamburg kämpft Irina Khanova gegen die eigene Verunsicherung. Sie ist eine der Gründerinnen der deutschen Gruppe von Femen, die Gerüchte über einen Mann im Hintergrund kennt sie, seit sie bei der Frauengruppe ist.
Sie kennt auch Wiktor Swjazki. Er habe manchmal im Büro von Femen in Kiew herumgehangen, wenn sie sich über Skype dort meldete. Khanova spricht Russisch, deswegen hielt sie den Kontakt in die Zentrale. Swjazki habe ihr Tipps für Interviews gegeben, sagt sie, ein kluger Mann, erfahren in solchen Fragen. Sie habe ihn nie unbeherrscht erlebt.
"Damit das ganz klar ist: Niemand hat mich ausgewählt, nach Schönheit oder so, schon gar kein Mann", sagt Khanova. Manchmal bringe ihr Partner vom Einkaufen etwas mit, Farbe zum Bemalen ihrer Brüste zum Beispiel. Der deutsche Zweig von Femen ist jetzt ein gemeinnütziger Verein. Es gibt 20 Mitglieder, darunter keinen einzigen Mann.
Von Wiebke Hollersen und Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 37/2013
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