16.09.2013

LINKELa Fontaine

Das Umfragehoch grämt den Realo-Flügel: Es ist auch der Erfolg einer gewandelten Sahra Wagenknecht. Die Kommunistin kopiert ihren Lebensgefährten und greift nach der Macht.
Die Linken lieben Symbole. Im vergangenen Jahr nutzten sie die Auferstehungskirche in der Berliner Friedenstraße, um Harmonie zu inszenieren. Dort trafen sich Oskar Lafontaine und Gregor Gysi kurz nach ihrem öffentlichen Zerwürfnis auf dem Göttinger Bundesparteitag, um zu beweisen, dass die Partei doch nicht endgültig gespalten sei.
Am vergangenen Montag luden die Genossen nun erneut in die Auferstehungskirche, zum Schaulaufen des achtköpfigen Spitzenteams mit Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht. Ex-Partei- und Fraktionschef Lafontaine reiste dazu gar nicht an - und war vielen Genossen dennoch so präsent wie eh und je.
Als Lafontaines Lebensgefährtin Wagenknecht das Podium bestieg, um ihre Standardrede gegen Bankenmacht und den bösen Finanzkapitalismus zu halten, ätzte ein linker Funktionär in der letzten Reihe: "Achtung, jetzt spricht die Fachfrau für Finanzen in Oskars Namen."
Seit einem Jahr beobachten die Genossen die Wiederkehr des Lafontainismus in der Person Wagenknecht. Mal mit Spott, mal mit mulmigem Gefühl registrieren sie, dass Wagenknecht ihrem Freund Oskar im Auftreten, im Reden und in den Methoden zum Verwechseln ähnlich geworden ist: Populismus statt Politik, Feindbilder statt Dialog, Dienstwagen statt Demut. Und zwischendurch ein bisschen Hummer.
Wagenknecht hat sich zum Popstar der Linken entwickelt - von der grimmigen Anführerin der Kommunistischen Plattform aus dem Osten hat sie sich zum Liebling der Talkshows gewandelt, der auch im Westen Säle füllt und sich unter Bankern so geschmeidig bewegt wie im Straßenwahlkampf. Die gebürtige Jenaerin lebt inzwischen im Saarland, macht Radtouren nach Frankreich und hat im Hause Lafontaine gelernt, sich noch besser zu vermarkten, wie zuletzt in der Promi-Postille "Gala", für die sie sich in Posen der Malerin Frida Kahlo ablichten ließ.
Wie schon bei Lafontaine bleibt Wagenknechts Stuhl bei Fraktions- und Parteivorstandssitzungen zum Ärger der Genossen oft leer. Die Mühen der Ebene in der Parteiarbeit meidet sie, inhaltlich konzentriert sie sich auf Finanz- und Wirtschaftspolitik und drückt der Partei eher durch markige Interviews als in Sitzungen ihren Stempel auf. Sie benutzt häufig sogar Kraftausdrücke, die Genossen an die gefürchteten Reden von Lafontaine erinnern.
Wagenknecht hat nicht nur Karl Marx gelesen, sondern auch Ludwig Erhard - "und verstanden", wie Gysi giftig lobte. Ein Spitzengenosse, der Wagenknecht seit Jahrzehnten kennt, sagt gleichermaßen belustigt wie beeindruckt: "Sie ist die Kopie Lafontaines", la Fontaine.
Die Kopie kommt gut an. Die rote Sahra ist Gysis schärfste Konkurrentin im
Ringen um den Fraktionsvorsitz und die künftige Ausrichtung der Partei. Als Gysi kürzlich bei seinem Lieblingsitaliener in Berlin abends beim Wein gefragt wurde, ob er sicher sei, dass nach der Wahl nicht doch auch Wagenknecht an die Fraktionsspitze gewählt werde, sagte er: "Das werden sie nicht wagen." Es klang nicht so, als wäre er sich dessen sicher.
Wagenknecht und Gysi verfolgen im Wahlkampf verschiedene Ziele: Gysi will beweisen, dass er ohne Lafontaine Abstimmungen gewinnen kann. Er strebt an, die Linke über eine Stärkung des Realo-Lagers in eine Koalition zu führen; Wagenknecht kämpft für ein stärkeres Fundi-Lager als eigene Machtbasis. Erbittert streiten die Flügel über den Einsatz der Bundeswehr im Ausland. Die Realos wollen Missionen mit Uno-Mandat unter Umständen zustimmen, die Fundis die Armee am liebsten ganz abschaffen.
Bei den Wählern ist die Doppelstrategie bisher zwar erfolgreich - in den Umfragen liegt die Linke bei bis zu zehn Prozent -, aber in Wahrheit agiert sie bei dieser Wahl nach dem grotesken Motto: getrennt marschieren in Ost und West, um Stimmen zu maximieren - und einander später schlagen.
Die Spaltung der Partei lässt sich schon am Terminplan ihrer Protagonisten ablesen. Es sind so gut wie keine gemeinsamen Veranstaltungen von Wagenknecht und Gysi vorgesehen - und wenn, dann gehen sie nacheinander auf die Bühne. Beim offiziellen Wahlkampfauftakt der Bundespartei in Leipzig sollte Wagenknecht anfangs gar nicht auftreten. Der örtliche Stadtverband lud sie dann auf eigene Faust ein, und Parteichefin Katja Kipping kündigte die "großartige Rede" einer "Buchautorin und Doktorin" an. Hauptredner Gysi kam erst, nachdem Wagenknecht schon zur Talkshow von Anne Will weitergereist war.
Gysi hatte sich im Januar nur mit Mühe einem gemeinsamen Spitzenkandidaten-Duo mit ihr widersetzen können. Der Kompromiss war dann eine typisch linke Lösung, um den brüchigen Parteifrieden bis zur Wahl zu wahren: ein Achterteam, das die Strömungen abbildet, von dem aber die eigenen Funktionäre nicht immer wissen, wer alles dazugehört.
Wagenknecht konzentriert sich im Wahlkampf fast ausschließlich auf Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, die Machtbasis der Fundis im Westen. Gysi bereist mit seinen fast 200 Terminen zwar das ganze Land, fördert aber gezielt Landesverbände und Direktkandidaten aus dem Realo-Lager.
Verirren sie sich dennoch in das Hoheitsgebiet des jeweils anderen, dann nur, um zu sticheln. So reiste Wagenknecht Anfang September zwar nach Cottbus in Brandenburg. Aber nicht, um die linke Direktkandidatin aus dem Reformerlager zu unterstützen. Sie veredelte eine Podiumsdiskussion von Wolfgang Neskovic, der 2012 die Bundestagsfraktion der Linken verlassen hat und nun als parteiloser Direktkandidat mit den Linken konkurriert.
Nach einer wütenden Beschwerde des brandenburgischen Landesverbands bei Parteichefin Kipping konnte diese Wagenknecht immerhin das Versprechen abringen, in der Diskussion zur Wahl der Linken aufzurufen. Offiziell gilt die Sache damit als "befriedet".
Aber die Realos schlagen zurück und wildern im Westen. Weil Oskar Lafontaine in seinem saarländischen Heimatverband seine Wunschkandidatin für Platz eins nicht durchsetzen konnte, macht er dort beleidigt keinen offiziellen Wahlkampf. Stattdessen tourt auch er durch Nordrhein-Westfalen, wo Sahra und ihre Entourage die vorderen Listenplätze belegen. Thomas Lutze, im Saarland auf Listenplatz eins und kein Freund lafontainescher Methoden, konnte sich dennoch über prominente Unterstützung freuen: Gysi füllte die Lücke als Gastredner vor Lafontaines Haustür nur zu gern.
Im innerparteilichen Lagerwahlkampf um die Vormacht in der künftigen Bundestagsfraktion sind alle Mittel recht. Dem praktisch zahlungsunfähigen Landesverband Rheinland-Pfalz, Bastion der Fundis im Westen, verweigerte der Realo-Bundesschatzmeister eine Kreditverlängerung. Dass nun bekanntwurde, Wagenknechts Ex-Mann Ralph Niemeyer sei von der Bundestagsfraktion mit gutdotierten Aufträgen versorgt worden, wird im Fundi-Lager als gezielte Indiskretion der Realos gewertet.
Die Partei wirbt mit zwei Gesichtern auf Großflächen-Plakaten: Eins zeigt Gysi, eins Wagenknecht. Ein gemeinsames Poster mit Wagenknecht hatte Gysi abgelehnt, weil es als eine Festlegung auf Wagenknecht als Nachfolgerin gewertet werden könnte. Eifersüchtig zählen die Genossen, wer in der Zentrale welches Motiv bestellt. Im Krieg der Plakate liegt Gysi weit vorn - sein Konterfei wurde bisher doppelt so oft geordert wie das von Wagenknecht.
Das muss aber nichts bedeuten. Im Westen, wo die Partei zuletzt eine Wahl nach der anderen vergeigte, stabilisiert sich Die Linke, was die Fundis als Wagenknechts Verdienst werten. Die Realos ätzen, das sei allenfalls der "Syrien-Effekt", welcher der selbsternannten Friedenspartei Wähler zutreibe.
Doch wo Wagenknecht auftaucht, herrscht Andrang, und die früher Unnahbare schreibt sogar ihren Anhängern Autogramme direkt auf die Haut. Wenn sie wie einst Lafontaine in ihren Reden poltert, der "Finanzmafia" dürfe man nicht "den Arsch vergolden", tobt der Saal. Wagenknecht sieht dann ein wenig so aus, als wäre sie von sich selbst überrascht.
Die steigenden Umfragewerte im Westen beunruhigen das Realo-Lager. Noch vor kurzem waren dessen Anhänger sich sicher, dass sie in der kommenden Fraktion die Mehrheit mit überwiegend Ostvertretern stellen. Jetzt rechnen sie hektisch Modelle durch, welche Mischung bei welcher Prozentzahl droht: Acht Prozent gelten als gut für die Reformer, bei neun droht eine Übermacht der Fundis, bei zehn ziehen auch hintere Listenplätze im Westen, was ein paar Reformer mehr in die Fraktion spülen würde.
Doch nicht nur die Modellrechnungen kursieren unter den Linken, es sind auch schon Listen aufgetaucht mit Namen von Mitarbeitern in Fraktion und Parteizentrale, die man nach der Wahl loswerden möchte. Das Wort "Säuberung" macht die Runde, was einige an finsterste SED-Zeiten erinnert. Ein Spitzengenosse spricht von einem "schizophrenen Wahlkampf", der gegen Teile der eigenen Partei gehe.
Der 22. September wird wohl ein sehr langer Wahlabend für Die Linke, die zur Party in Berlins Kulturbrauerei geladen hat. Die Prognose um 18 Uhr interessiert die wenigsten Parteimitglieder; dass man wieder über fünf Prozent kommt und in den Bundestag einzieht, gilt als sicher.
Die Genossen werden auf das Ergebnis in der Nacht starren und dann zählen. Denn die Frage, welche Landesverbände wie viele Abgeordnete entsenden, wie viele Ausgleichsmandate und Direktmandate die Linke gewinnt, entscheidet darüber, wie stark die jeweiligen Lager in der künftigen Fraktion vertreten sind. Und dann beginnt die Abrechnung.
* Auf einer Linken-Veranstaltung am 7. September in Düsseldorf.
Von Markus Deggerich

DER SPIEGEL 38/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 38/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LINKE:
La Fontaine