21.09.2013

DÄNEMARKUnter falschen Vorzeichen

Als Hassprediger hetzte er im Karikaturenstreit Muslime auf. Nun wandte sich der Däne Ahmed Akkari vom radikalen Glauben ab - und fürchtet die Rache der Islamisten.
Es gab bislang nicht viele Situationen im Leben des Ahmed Akkari, die dem im Libanon geborenen Dänen die Sprache verschlagen haben. Akkari war Imam, Sprecher der dänischen Muslime und einer der bekanntesten Hassprediger Europas. Vor allem aber war er derjenige, der die Mohammed-Karikaturen in die islamische Welt trug - und damit einen Sturm des Hasses gegen Dänemark entfachte.
Fast acht Jahre ist das her, und nun sitzt im Dorfkrug in Norsminde, einem kleinen Kaff bei Århus, ein nachdenklicher Mann, 35 Jahre alt, mit Strickjacke und ohne Bart, dem oft die Worte fehlen, wenn er erklären soll, wie er erst zum Radikalen wurde - und dann zum Abtrünnigen. Ein Mann, der heute sagt: "'Jyllands-Posten' hat vom Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht, aber der Islamismus beansprucht ein Monopol auf Recht und Wahrheit, auch wenn dazu Häuser niedergebrannt werden müssen."
Schon die Wahl des Treffpunkts war schwierig: Ein Café im Stadtzentrum kam nicht in Frage - zu öffentlich. Ein kleines Hotel am Stadtrand - geschlossen. Daher dieser abgelegene Gasthof an der Ostsee. Eine Empfehlung von Sicherheitsexperten. Denn seit Akkari aus Sicht der Religiösen vom Glauben abfiel, ist er für sie ein "Kafir", ein Verräter. Er wird bedroht, persönlich und auf Facebook. Vor allem, seit vor einigen Wochen ein libanesischer Imam eine Fatwa gegen ihn aussprach. In seiner Wohnung war er seither nicht mehr, er übernachtet bei Freunden; auf die Straße wagt er sich kaum allein.
Aus seiner Erzählung lässt sich rekonstruieren, wie die Wut geschürt wurde über diese zwölf Zeichnungen des Propheten Mohammed in der Tageszeitung "Jyllands-Posten", die viele Muslime als blasphemisch empfanden. Und derentwegen am Ende weltweit Botschaften brannten und Dutzende Menschen starben. Akkaris Geschichte ist aber auch ein Lehrstück darüber, wie ein ganz normaler Einwanderer zum Hassprediger wird.
"Damals war ich überzeugt, eine besondere Verantwortung zu haben und als Vertreter des Islam für eine gerechte Sache zu kämpfen", sagt Akkari. "Heute weiß ich, das war ein Fehler. Ich war blind dafür, dass ich missbraucht wurde."
Begonnen hat es im Libanon, mit dem Bürgerkrieg, vor dem seine Eltern mit ihm und den Geschwistern flüchteten. Sie gingen nach Dänemark, dann zurück in die Heimat, wo sie trotz Waffenruhe keinen Frieden fanden und deshalb im Frühjahr 1992 wieder nach Dänemark kamen. Akkari war glücklich, obwohl er in einem Flüchtlingsheim lebte und der einzige Ausländer in seiner Klasse war. Er lernte gern, er mochte seine neue Heimat, so wurde er Däne.
Ein Palästinenser, zu Gast bei der Familie, überredete ihn dann zum ersten Besuch in einer Hinterhofmoschee in Ålborg. Akkaris Vater, ein liberaler Muslim, war dagegen, sein Sohn eigentlich skeptisch, ein Teenager eben, frisch verliebt, aber auch: interessiert. Er setzte sich in die Ecke, sah den Betenden zu, kam wieder, ließ sich auf Gespräche ein, begann die Aufmerksamkeit zu schätzen, die ihm entgegengebracht wurde.
Er begann im Koran zu lesen, der auf alles eine Antwort wusste, und er bekam nie genug. "Es war wie eine Droge, die langsam abhängig macht", sagt er: "Ich rutschte ab in das religiöse Milieu, am Ende lebte ich wie unter einer Glocke."
Anfangs führte Akkari "zwei Leben, streng voneinander getrennt": bis zum Nachmittag in der Schule unter Dänen, danach in der Moschee. Niemand ahnte etwas von seinem Doppelleben. Bis er begann, seine Schwester zu Kopftuch und züchtiger Kleidung zu nötigen. Mit 20 fing er an zu predigen, wurde Imam und wohl der einzige Prediger, der perfekt Dänisch sprach. So wurde er Stammgast in Talkshows, Sprecher der islamischen Gemeinden und Vereine in Dänemark. Dann veröffentlichte "Jyllands-Posten" am 30. September 2005 die zwölf "Gesichter Mohammeds".
Aber es dauerte noch fast vier Monate, bis die dänische Provinzposse zur internationalen Krise hochkochte. Über die Wochen dazwischen gibt es viele Gerüchte. "Alle dänischen Imame haben sich noch in der Nacht der Veröffentlichung getroffen", berichtet nun Akkari. Die Mehrheit habe zur Ruhe gemahnt, aber er wollte mehr. Gemeinsam mit seinem radikalen Mitstreiter, dem Imam Abu Laban, trat er dafür ein, die Karikaturen als Ausdruck für einen in Dänemark grassierenden "Hass auf die islamische Welt" zu brandmarken - und eine Entschuldigung zu erzwingen. "Ich war jung, naiv, religiös verletzt", sagt er.
Am 3. Oktober 2005 trafen sich die Imame erneut; die Radikalen um Akkari setzten sich durch. Sie beschlossen, dass eine Gruppe in den Nahen Osten reisen sollte, um ihre Glaubensbrüder zu informieren.
Im November flog Akkari an der Spitze einer vierköpfigen Delegation nach Ägypten; im Dezember besuchte er den Libanon und Syrien. Er traf Großmuftis, Vertreter der Arabischen Liga und einfache Prediger. Im Gepäck hatte er eine 43-seitige Dokumentation mit den zwölf Karikaturen, darunter auch die des Propheten mit der Bombe im Turban.
Es waren aber auch drei weitere Abbildungen dabei: Sie zeigten Mohammed als Pädophilen, einen als Propheten verkleideten Komiker mit Schweinsnase und -ohren sowie einen betenden Muslim, der von hinten von einem Hund bestiegen wird.
Diese drei Abbildungen schürten den Zorn zusätzlich. Akkari sagt heute, er wisse nicht mehr, wie sie in die Dokumentation kamen. Damals präsentierte er sie als Schmähungen, die Glaubensbrüdern geschickt worden seien. Andere Imame erzählten, sie gehörten zu den Karikaturen. Eine Manipulation, sagt Akkari: "Niemand hat den Unterschied zu den Karikaturen erklärt oder auf die Herkunft der drei anderen Bilder hingewiesen."
Auch sei der Protest in der islamischen Welt kein so spontaner Ausdruck echter Empörung gewesen, wie es den Anschein erweckte. "Das war in vielen Fällen politisch organisiert", sagt Akkari. "Es war ein Weg für die Religiösen, ihren Führungsanspruch zu untermauern."
Womöglich war das der Moment, in dem ihm erste Zweifel kamen. Sein Umdenken begann, als er 2007 für längere Zeit erst im Libanon, dann am Persischen Golf lebte, um islamische Studien zu betreiben. Je intensiver er sich mit dem Koran auseinandersetzte, desto größer wurde seine Distanz zu radikalen Deutungen. Die Sicherheit, mit der seine Glaubenslehrer auf jede Frage die Antwort wussten, verstörte ihn nun. "Ich merkte immer mehr, wie ich manipuliert wurde. Sie hörten mir nicht zu, wollten keinen Dialog, sie hatten nur ein Ziel: ihre Meinung zu verteidigen und durchzusetzen."
Seine Verunsicherung war groß, daher floh er so weit, wie es in Dänemark möglich ist: nach Grönland. Zwei Jahre lang, ab Sommer 2008, arbeitete Akkari als Lehrer für Dänisch, Englisch und Religion im Dorf Narsaq, das im Winter nur per Helikopter erreichbar ist. Nach der Arbeit las er Bücher westlicher Autoren, den dänischen Philosophen und Theologen Søren Kierkegaard etwa, der im 19. Jahrhundert radikale Kritik an der christlichen Kirche übte. Seine innere Reise führte ihn dann im Sommer dieses Jahres von Kierkegaard zu Westergaard.
Kurt Westergaard, 78, hat die umstrittene Mohammed-Karikatur mit der Bombe im Turban gezeichnet. Seit Jahren lebt er deshalb unter ständigem Polizeischutz, nur knapp entging er mehreren Attentatsversuchen. Bei ihrem Treffen sprachen die beiden eine Stunde lang miteinander.
"Ich habe die Welt mit völlig falschen Augen gesehen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, ich entschuldige mich für meine Rolle", erklärte der einstige Prediger.
"Jetzt bist du kein Islamist mehr, jetzt bist du ein Humanist", antwortete der Zeichner.
Nun schreibt Akkari ein Buch über den Karikaturenstreit, das sein Gewissen befreien soll. "Ich habe meinen Glauben nicht gewechselt", beteuert er, "nur meine Sichtweisen." Doch seit fast vier Jahren hat er keinen Fuß mehr in eine Moschee gesetzt.
Von Manfred Ertel

DER SPIEGEL 39/2013
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