25.09.2013

König von Kreuzberg

Zum vierten Mal holte Hans-Christian Ströbele in Berlin ein Direktmandat. Der 68er überstrahlt seine Partei - weil er standhaft eigene Positionen vertritt.
An Wahlabenden pflegt Hans-Christian Ströbele erst spät in Erscheinung zu treten. Wenn die Niederlagen längst schöngeredet oder die Triumphe gefeiert sind, taucht er bei seinen Parteifreunden auf. Und dieses Mal ist er noch später dran als üblich. Neun nach neun zeigt die Uhr, als Ströbele im Sitzungssaal der Bezirksverordnetenversammlung in Berlin-Kreuzberg aufkreuzt.
Er schlendert herein, er hat ein blau-rot kariertes Hemd an, darüber einen blauen Pullover und eine blaue Daunenweste. In der Hand hält er einen Jutebeutel. An die hundert Menschen sind im Plenarsaal des Bezirksparlaments versammelt, überwiegend Grüne. Beifall brandet auf.
Knapp 40 Prozent der Erststimmen hat Ströbele geholt, die nach ihm zweitbeste Kandidatin, eine Deutschtürkin der SPD, liegt mit ihren 18 Prozent weit zurück. Der Rechtsanwalt hat zum vierten Mal das einzige Direktmandat der Grünen geholt und in seinem Bezirk nahezu doppelt so viele Stimmen bekommen wie seine Partei.
"König von Kreuzberg" nennen ihn manche, doch Ströbele ist alles andere als ein Aristokrat. Er ist einer der letzten 68er, die noch in einflussreicher Position in der deutschen Politik mitmischen. Joschka Fischer berät auf seine alten Tage BMW und andere gut zahlende Firmen. Otto Schily, Ströbeles Kollege in den Prozessen gegen die RAF-Terroristen in den siebziger Jahren, ist nur noch als Anwalt aktiv.
Zum Elder Statesman, der seinen Grünen nach dem Wahldebakel den Weg in die Zukunft weist, taugt Ströbele dennoch nicht. Prinzipientreu, manchmal stur vertritt er seine linken Positionen, auch wenn sie von der Parteilinie abweichen; etwa wenn es um die Euro-Rettung oder Auslandseinsätze der Bundeswehr geht. Ob NSU oder NSA, mit aller Härte geißelt er die Fehler der Bundesregierung; eine Koalition mit der CDU hält er für undenkbar.
74 Jahre ist er alt, seine Haare sind schlohweiß. Ströbele hat nie geraucht, er trinkt keinen Alkohol, seine Sucht ist die Politik. Noch am Abend vor der Wahl hatte er in türkischen Lokalen Flyer verteilt, und dabei wurde er immer wieder gefragt: "Warum machst du noch Wahlkampf? Du wirst sowieso gewählt."
Am Sonntagnachmittag buk er erst mal einen großen Pflaumenkuchen, seine Spezialität, schon seit er 1978 zu den Gründern der "Tageszeitung" gehörte. Wenn die jungen "taz"-Redakteure sich wieder furchtbar um die politische Linie des Blattes gestritten hatten, war er mit einem Blech Pflaumenkuchen und seinem gewinnenden, aber auch unnahbaren Lächeln vorbeigekommen.
Die für die Grünen schockierenden Prognosen verfolgte Ströbele zu Hause mit seiner Frau Juliane, einer Lateinamerika-Expertin. Er fing an, den Trend auf seine Erststimmen hochzurechnen und hatte schon das Ende seiner Parlamentskarriere vor Augen. Zu seiner Frau sagte er: "Juliane, vielleicht solltest du für uns eine Reise in die Karibik buchen."
So schlimm kam es für ihn dann nicht, aber das Wahlergebnis seiner Partei nennt Ströbele "ein Desaster". Schließlich habe sie vor dem Wahlkampf noch stabil bei 15 Prozent gelegen.
"Wir waren keine gute Opposition", sagt Ströbele. Kritische Medien und die Verbindung zu Pädophilen vor rund 30 Jahren könnten nicht für den Niedergang verantwortlich gewesen sein. Er habe nur zwei, drei Mails zu diesem Thema bekommen. "Ein einziges Mal hat mich jemand als ,Kinderficker' beschimpft."
Eigentlich wollte er das Blech mit dem Pflaumenkuchen, das seine Frau im Bezirksparlament vorbeigebracht hat, noch zur zentralen Wahlparty der Grünen ins nur zwei Kilometer entfernte Tempelhof mitnehmen, doch ein Parteifreund rät ab: "Die Trauerfeier dort ist so gut wie vorbei."
Also bleibt er an jenem Ort, wo die grüne Welt noch in Ordnung ist, im Rathaus Kreuzberg, und kündigt eine schonungslose Analyse der bundesgrünen Wahlschlappe an: "Waren es die Personen, waren es die Themen, war es die mangelhafte und falsche Vermittlung von Themen wie Steuererhöhungen?" Und was ist mit der rot-rot-grünen Mehrheit? "Wir sollten auch ernsthaft mit den Linken reden", fordert Ströbele. So mögen die Kreuzberger Grünen ihren Christian. Sie applaudieren. Und er legt nach: "Ich kann mir keine Koalitionsvereinbarung mit der CDU vorstellen, der ich zustimmen könnte."
Es ist Punkt Mitternacht, als der siegreiche Kandidat das Rathaus Kreuzberg verlässt. Ströbele packt den Jutebeutel auf den Gepäckträger seines Fahrrads. Dann steigt er auf und fährt langsam auf dem Bürgersteig davon.
Von Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 55/2013
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