25.09.2013

UKRAINE„Ich bin kein Tyrann“

Der Ukrainer Wiktor Swjazki, 36, soll als Ideologe die Feministinnen der Protestgruppe Femen dominiert haben - nun ist er untergetaucht.
SPIEGEL: Herr Swjazki, warum sind Sie Ende vergangener Woche aus der Ukraine geflohen?
Swjazki: Ich wurde zweimal von Unbekannten zusammengeschlagen. Dann hat uns die Polizei Ende August auch noch Waffen im Femen-Büro in Kiew untergeschoben und dazu Flugblätter, die Russlands Präsidenten Wladimir Putin und Patriarch Kirill, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, in einem Fadenkreuz zeigen. Ein Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet, mein Anwalt erhält aber keine Akteneinsicht. Ich weiß also nicht, ob ich Zeuge oder Beschuldigter bin. Deshalb tauchte ich unter und entschied mich, in einem westeuropäischen Land Asyl zu beantragen.
SPIEGEL: Wer steckt hinter den Attacken auf Sie und Femen?
Swjazki: Ich halte das für Racheaktionen des russischen Geheimdienstes. Bei der Hannover Messe im April waren Femen-Aktivistinnen auf Putin zugestürzt, wie üblich halbnackt. Er hat zwar danach erklären lassen, die Aktion habe ihm gefallen, tatsächlich aber war er wütend über die öffentliche Demütigung.
SPIEGEL: Was hat die Ukraine damit zu tun, sie ist doch ein selbständiger Staat?
Swjazki: Sie ist eine Enklave Putins.
SPIEGEL: Wieso erklärt der ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch dann, er wolle sein Land näher an Europa rücken, er meint damit weg von Russland.
Swjazki: Das ist nur Show. Wir sind ein vom Kreml kontrollierter Vasallenstaat, in dem der russische Geheimdienst ungehindert operiert.
SPIEGEL: Durch einen Dokumentarfilm über Femen stehen Sie selbst in der Kritik. Im Machostil sollen Sie als Ideologe und Manager im Hintergrund die Feministinnengruppe dominiert haben.
Swjazki: Die Regisseurin Kitty Green kam aus Australien. Zusammen überlegten wir, wie wir ihren Film spannend machen können. Kitty hat vorgeschlagen: Wiktor, du bist in dem Film der Tyrann, und die Mädchen haben Angst vor dir. Am Ende würden die Mädchen sich dann von mir befreien. So wurde der Film schließlich auch gedreht. Doch ganz so schlimm wie in diesem Plot bin ich nicht.
SPIEGEL: Aber Sie sind doch der starke Mann hinter Femen - Sie wählten bislang die Frauen aus und planten die Auftritte.
Swjazki: Das habe ich immer zusammen mit den drei Femen-Gründerinnen getan, in enger Abstimmung. Die kenne ich seit Jahren aus meiner Heimatstadt Chmelnizki. Femen ist ein Gemeinschaftsprojekt, ich bin kein Tyrann.
SPIEGEL: Es gibt noch andere Vorwürfe gegen die Gruppe - sie soll mit der ukrainischen Regierung kooperiert haben. Der Chef der Präsidialverwaltung hat in einer Talkshow anrufen lassen, um Frauen von Femen als Gäste durchzusetzen.
Swjazki: Den Anruf mag es gegeben haben, und es kann sein, dass unsere Aktionen dem Administrationschef gefallen. Eine Abmachung aber gab es nicht. Keiner hat uns je gekauft. Wir nutzen jede Chance, um in Medien aufzutreten. Wer uns warum zu Talkshows einlädt, können wir so wenig kontrollieren wie das Wetter.
SPIEGEL: Wieso hat sich Femen nie für die inhaftierte Oppositionsführerin Julija Timoschenko engagiert?
Swjazki: Wieso sollten wir? Nur weil sie eine Frau ist? Timoschenko war in ihrer Amtszeit ein Mann, der einen Rock trug. Die meisten Ukrainer halten sie für ebenso schlecht wie den jetzigen Präsidenten Janukowitsch. Als sie an der Macht war, grassierte die Korruption so wie heute. Im Westen aber denkt man, dass sie eine Märtyrerin ist, nur weil sie im Gefängnis sitzt.
SPIEGEL: Wieso ist Femen in der Ukraine weniger beliebt als im Westen?
Swjazki: Weil den meisten Leuten hier Politik egal ist. Wir haben eine globale Bewegung geschaffen, einen neuen Feminismus. Es geht um genauso viel wie bei Nelson Mandelas Kampf gegen die Apartheid.
SPIEGEL: Was verstehen Sie unter einem neuen Feminismus?
Swjazki: Der alte Feminismus funktionierte so, dass Frauen graue Pullis trugen und sich Haare unter den Achseln wachsen ließen. Irgendwie wollten sie so sein wie Männer. Der neue Feminismus sagt: Es ist gut, dass Frauen sich von Männern unterscheiden. Die Frau ist schön, ihre Brüste sind ein Symbol der Weiblichkeit. Deshalb gehen die Frauen von Femen oben ohne auf die Straße. Nur durch Unterscheidung erreichen wir wirkliche Gleichheit.
SPIEGEL: Alle Femen-Gründerinnen sind inzwischen aus der Ukraine geflohen - wie geht es also weiter?
Swjazki: Das neue Zentrum ist Paris. Von dort aus wird Femen Mädchen aus aller Welt rekrutieren. Femen ist wie die Fremdenlegion, die überall zuschlagen kann. In die Ukraine wird Femen ausländische Frauen schicken, die wegen ihrer Pässe dort besser geschützt sind.
SPIEGEL: Sind Sie noch bei Femen?
Swjazki: Nein. Ich habe alles getan, was in meiner Macht stand. Femen hat ein kleines Patriarchat schon abgeschüttelt, nämlich mich. Jetzt kämpfen die Frauen weiter gegen das große Patriarchat.
Interview: Andre Eichhofer, Matthias Schepp
Von Andre Eichhofer und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 55/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 55/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UKRAINE:
„Ich bin kein Tyrann“

  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Johnson droht Parlament: "Dann muss es Neuwahlen geben"
  • Dänemark: Leuchtturm wird verschoben