25.09.2013

MALEREIÖl für die Welt

Im chinesischen Dafen malen 10#8239000 Menschen fünf Millionen Bilder im Jahr. Früher gingen die Werke nach Europa, nun sollen sie das eigene Land fluten. Entsteht so eine neue Kulturmacht? Von Katrin Kuntz
Seit die Chinesen sein Dorf übernommen haben, ist Huang Jiang ein Mann, der nicht mehr schlafen will. Er besitzt zwei Handys, deren Weckfunktion er aktiviert, bevor er sich am Abend ins Bett legt. Er läuft nach dem Aufstehen um fünf Uhr einen Berg hinter seiner Wohnung hinauf, dann macht er Liegestütze und Kniebeugen. Beim Frühstück nimmt Huang seine Tabletten gegen Bluthochdruck ein, er trinkt bis zum Mittag zwei Liter schwarzen Tees. Seine Augen hörten während des Tages nicht auf zu brennen, sagt er.
Huang muss früh aufwachen, es gibt für ihn viel zu tun. Mit jedem neuen Tag verändert sich die Welt vor seinem Haus.
Huang ist 67 Jahre alt, vor 24 Jahren hat er das größte Ölmalerdorf der Welt gegründet, es liegt im Viertel Dafen am Rand der Industriestadt Shenzhen im Süden Chinas. Das Dorf ist vier Quadratkilometer groß, es ist Huangs Imperium. 10 000 Menschen malen dort fünf Millionen Ölbilder im Jahr. Bis vor kurzem waren es vor allem Kopien von van Goghs "Sonnenblumen", Monets "Seerosen", Rembrandts Selbstporträts, Leonardos "Mona Lisa" und diverse "Stillleben mit Äpfeln". Sie hängen in Casinos in Las Vegas, in Galerien in Baden-Baden, auf Kreuzfahrtschiffen und über Sofas von Walmart-Kunden überall auf dem Globus. Dafen als Weltlieferant gefälschter alter Meister, das ist Huangs Idee, Huangs Basis, sein Leben.
China will zu einer Weltmacht der Kultur aufsteigen, und Männer wie Huang könnten den Antrieb dazu liefern. Das Land ist angewiesen auf Dörfer wie Dafen, wenn es seine kulturelle Tradition wiederbeleben will. Wenn das gelingen soll, müsste Dafen ein Versuchslabor werden, und Huang müsste versuchen, dieses Labor zu leiten. Er darf nicht müde werden, er muss versuchen, sich an die Spitze dieser Bewegung zu setzen. Er hat Erfahrung im Umgang mit turbulenten Märkten.
Feng, eine ehemalige Schülerin, ist zurückgekehrt in sein Dorf. Er sieht sie manchmal über die Straße laufen. Interessant sieht sie aus, eine schöne junge Frau in einem Glitzershirt. Vielleicht hilft sie ihm dabei, Dafen zu einem der Pfeiler einer Weltmacht zu formen. Vielleicht macht sie es aber auch lieber allein.
Huang, der Dorfchef, macht sich nach dem Frühstück auf den Weg. Zu seiner Frau sagt er: "Ruf mich später mal an, und frag mich, ob es mir bessergeht."
Er läuft einen Pfad neben einer Schnellstraße zu seinem Atelier entlang, er trägt Laufschuhe, ein Leinenhemd, über seiner Stirn wippt lichtes Haar. Am Eingang des Dorfes steht eine überdimensionale Hand, die einen Pinsel zwischen Zeige- und Mittelfinger hält. Hinter ihr weht der Geruch von Terpentin durch die Luft, es beginnen die Ateliers und Gassen der Fälscherstadt.
Huang nimmt neuerdings gern einen Umweg zu seinem Arbeitsplatz. Er kommt dabei an einem Porträt von sich selbst vorbei, das an einer Mauer neben dem Eingang des Dorfes hängt, gut ausgeleuchtet und hinter Glas. Unter dem Foto steht Huangs Lebensgeschichte. Es ist eine Geschichte über einen Mann und einen Ort, der bekannt wurde als Werkbank der Welt. "Eine schöne Geschichte", sagt Huang. Das klingt so, als wolle er sichergehen, dass sie noch gilt. Huang bleibt vor seinem Porträt stehen. Seine Geschichte unter dem Bild ist nicht zu Ende erzählt. Ihr Verlauf ändert sich gerade, weil sich die Machtgefüge auf der Welt verschieben.
Huang, so erzählt es die Geschichte unter seinem Porträt, ist der König des Bilderimperiums. Mehr als die Hälfte aller Ölbilder, die weltweit verkauft werden, kämen aus dem "Dafen Oil Painting Village", sagt Huang. 80 Prozent der Ware gingen bis zur Weltfinanzkrise nach Europa und in die USA. Das Dorf machte einen Umsatz von 250 Millionen Euro im Jahr.
Als Huang Ende der achtziger Jahre nach Dafen in die Sonderwirtschaftszone kam, hatte er seinen ersten Auftrag von Walmart dabei: 6000 Kopien, 23 mal 25 Zentimeter, sechs Wochen Zeit. Er zog mit seinen Arbeitern in eine Fabrikhalle, baute eine Kantine, Betten. Die Arbeiter malten grüne Landschaften mit Bergen und Flüssen. Nach und nach kamen weitere Aufträge herein: 10 000, 60 000, 100 000 Bilder in einem Monat.
Bald hatte Huang 4000 Maler, sie waren Bauernjungen. Sie konnten nicht malen. Huang sagt: "Ich half ihnen, eine Technik zu entwickeln, mit der sie so tun konnten, als ob." Er bildete sie zu Anstreichern aus, einige malten nur Körperteile, andere Äpfel, andere Blätter, die an Bäumen hängen. Die schlechten Maler kümmerten sich um den Hintergrund, die guten malten das Lächeln der "Mona Lisa".
Er habe für sein Dorf in den vergangenen 20 Jahren sehr viel gearbeitet, sagt Huang. Er sei auch nie müde gewesen. Aber irgendwann schaffte er die Arbeit nicht mehr, er suchte eine Assistentin, und dann saß er mit Feng Jianmei am Tisch, sie war damals Studentin.
Feng wirkte sympathisch auf ihn. Außerdem sprach sie gut Englisch. Sie begann, als Übersetzerin für ihn zu arbeiten, und fuhr auf Kunstmessen in den Westen. Sie begann, darüber nachzudenken, welchen Wert Kunst für eine Gesellschaft haben könnte. Sie dachte im Gegensatz zu Huang Jiang nicht nur an Dekoration. Sie glaubte, dass Kunst einer Gesellschaft helfen könne zu denken.
Für Huang Jiang bedeuteten Bilder vor allem eines: viel Geld.
Die Wege der beiden trennten sich.
Vor sechs Jahren gründete Feng eine eigene Firma. Sie hatte keine Lust mehr, mit dem Westen um Preise zu feilschen, sie wollte etwas Eigenes erschaffen. Sie wollte kreativ werden. Huang sagte bloß: "Viel Glück."
Er biegt jetzt in die Straße ein, in der Feng ihr Atelier hat. Paare kommen ihm entgegen, Geschäftsleute, Familien mit Plastiktüten. Es ist Chinas neue Mittelschicht, sie transportiert Bilder ab. Die Kunden erkennen den alten Mann nicht. Sie sehen nur ihre Bilder.
Huang sieht: schwarze Kalligrafie; die chinesische Mauer in Rot; Familienporträts; Teehäuser in Blau-weiß; Mao mit dicken Backen.
Die Bilder in Fengs Straße zeigen: China sucht jetzt das Eigene, ein neues Gesicht.
Im Fünfjahresplan von 2011 hat Chinas Führung festgelegt, dass die Kulturindustrie zu einer Schlüsselindustrie der Volksrepublik werden soll. Sie sieht China und die Rolle der Kommunistischen Partei durch eine globalisierte Kultur gefährdet, sie wünscht sich eine Rückbesinnung auf die eigene Tradition. Die Kreativoffensive hat jetzt auch Dafen erreicht, und Huang Jiang sagt: "Ein starkes China macht mir schlechte Gefühle."
Sein Land hat ihn traumatisiert. Während der Kulturrevolution unter Mao gehörte Huang den Roten Garden an. Er hatte den Auftrag, die Kultur der alten Gesellschaft zu vernichten; die Rotgardisten verbrannten Bilder, zerschnitten Seidenschals, sie zerschlugen Teehäuser und Buddhas. Man hatte ihnen gesagt, dass die alte Kultur wertlos und schuld an Chinas Rückstand sei.
Huang wurde ein Fremder im eigenen Land. Er hatte nie gelernt, auf die Traditionen stolz zu sein. Sein Land war ihm nie freundlich erschienen. Er floh nach Hongkong, "dort war das Leben freier, ich wollte atmen", sagt er. Er schwamm eines Nachts durch das Meer hinüber in die Freiheit und wurde Kopist für Walmart. Fortan liebte er den Westen.
90 Prozent der Bilder aus Dafen werden heute in China vertrieben. Bei Auktionen im Land sind chinesische Kulturgüter wieder gefragt. Hunderte Museen eröffnen jedes Jahr, der Staat will die Filmindustrie stärken, Konfuzius-Institute verbreiten Sprache und Kultur im Ausland. Das Eigene soll in die Welt ausstrahlen. Huang Jiangs Problem dabei ist: Chinas neue Strahlkraft stiehlt ihm das Licht.
Feng Jianmei, früher seine Schülerin, ist 35 Jahre alt, sie macht den Eindruck, als sei sie auf einem glücklichen Trip. Sie kommt aus ihrem Büro mit zwei Smartphones in der Hand, in die sie abwechselnd spricht. Sie sieht Huang nicht, der noch immer zwischen den Kunden vor ihrer Tür steht. Sie muss mit einem Rahmenfabrikanten verhandeln, mit dem Kindermädchen ihres Sohnes und mit ihrem Mann, sie wollen am Wochenende zusammen mit dem Sohn in einen Vergnügungspark. Feng interessiert sich nicht besonders für Huang, ihren ehemaligen Lehrer, und Huang weiß nicht, ob die junge Frau ihn überhaupt noch braucht.
Es ist Mittag, als Feng in einem neuen Hyundai zu ihrem Atelier fährt. Sie lässt gerade eine Fabrikhalle umbauen und ist mit dem Leiter einer Baufirma verabredet. "Schlagen Sie ein Loch hier in die Wand", sagt sie zu ihm. "Nehmen Sie die andere Wand gleich mit raus." Die Wand ist 100 Meter lang. Es soll eine offene Atmosphäre bei der Arbeit herrschen; Feng plant ein Kreativquartier.
Sie hat ihr Geschäft nach der Finanzkrise fast komplett auf China umgestellt. Im alten Atelier nebenan stehen eine Stereoanlage in der Mitte des Raums, ein Kicker, an den Rändern abgesessene Sofas. Die Malerinnen und Maler, die hier arbeiten, kommen von Kunstakademien im ganzen Land. Sie sagen: "Dafen ist ein erster Schritt zur Karriere."
Sie haben gerade einen Auftrag für das Luxushotel Sheraton fertiggestellt. Für das Schneehotel, das Frühlingshotel und das Tropenhotel, die in China eröffnet haben, haben sie Schnee, Frühling und die Tropen in 2000 Varianten gemalt. Sie zeichnen Entwürfe für Shangri-La, Holiday Inn. Zwischen den Auftragsarbeiten stehen Maler, die Werke für eine Ausstellung entwerfen.
Feng sagt: "Stellen Sie sich einmal vor: In China leben 1,4 Milliarden Leute. Es gibt eine halbe Milliarde Wohnungen, in denen dreiköpfige Familien wohnen. In jeder Wohnung sollten drei Bilder hängen, weil die Menschen diese Bilder brauchen, um glücklich zu sein. Verstehen Sie, was hier los ist?"
Drei Jahrzehnte lang war die Exportindustrie der Hauptmotor für Chinas Wachstum. Jetzt sollen seine Bürger selbst konsumieren. Die neue Mittelschicht soll wachsen und künftig Bilder aus Dafen kaufen, sie soll lernen, auf ihr Land, auf das Eigene stolz zu sein. Die Frage dabei ist: Was passiert in einem Land, das, seiner Traditionen weitgehend beraubt, sich kulturell neu orientiert?
Feng hat 35 festangestellte Mitarbeiter und Hunderte freie. Sie sagt: "Natürlich habe ich die besten Maler im Dorf. Ich behandle sie gut, ich gebe ihnen die Möglichkeit, kreativ zu sein. Wenn sie einen Tiefpunkt haben, gebe ich ihnen einen Tag frei. Wenn sie dann immer noch nicht kreativ sind, suche ich mir neue." Es ist ein ziemlich selbstbewusster Satz für eine Frau in einem Dorf, in dem bis vor kurzem noch Bauernjungen arbeiteten.
Feng hat auch einige von Huangs Schülern abgeworben.
Sie arbeiten in 16-stöckigen Hochhäusern am Dorfrand, in denen der chinesische Staat die Miete zur Hälfte zahlt. Die Maler müssen dafür beim Amt Bilder vorlegen, die beweisen sollen, dass sie Künstler sind.
Huang hat die Hochhäuser nie betreten. Er kann sie von seinem Büro aus sehen. Er sagt: "Sie stören meine Sicht."
Wer zwischen Garküchen mit Schildkröten und Rinderzungen hindurchgeht und ein solches Hochhaus betritt, gelangt ins Zentrum dieses Zukunftslabors. Hinter halboffenen Türen braten Frauen Nudeln, auf den Gängen spielen Kinder Ball. Ihre Väter stehen auf den Terrassen, in ihren Zimmern, einige haben ein Smartphone in der Hand, von dem sie abmalen, die meisten malen ohne Vorlage.
In jedem Stockwerk wohnt jetzt ein Maler, der sich die Freiheit nehmen darf zu fragen, was sein Land eigentlich ist und werden soll; was sein Geschmack sein könnte, welche seine Sehnsuchtsorte sind, seine Idole, seine Wunden, sein Stolz.
Ein Maler im 5. Stockwerk sagt: "Die Chinesen lieben den Norden." Er lässt ein Porträt eines tibetischen Mädchens im Fensterrahmen trocknen.
Ein Maler im 8. Stock sagt: "Die Chinesen hassen Blau." Er klatscht Farbe auf die Leinwand, alles außer Blau.
Ein Maler im 11. Stock sagt: "Die Chinesen lieben Großformate und sich selbst." Er malt Xi Jinping, den Staatspräsidenten, sechs mal zwei Meter, das Bild füllt seine Wohnzimmerwand aus, er hat die Umrisse mit Bleistift vorgezeichnet. Er darf nicht sagen, wer sein Auftraggeber ist.
Ein Maler im 15. Stock sagt nichts. Er holt Zeugnisse aus einer Plastiktüte, Zertifikate einer Kunstakademie, Fotos einer Ausstellung. Er will zeigen, dass er Künstler ist und kein Kopist.
Von der Dachterrasse im 16. Stock aus sieht man weit unten das Dorf. Die Regierung hat in Dafen auch ein Museum aus schwarzem Marmor finanziert, in dem gerade keine Bilder hängen. Sie hat in wenigen Kilometern Entfernung ein Copyright-Büro eingerichtet, in dem Maler Patente anmelden können. Nach dem Vorbild von Dafen wachsen überall im Land Künstlerdörfer.
Huang Jiang hat seine besten Leute an Chinas neue Offensive verloren. In Dafen wird diese Offensive von seiner ehemaligen Schülerin geleitet, das hat Huang inzwischen begriffen. Sie ist keine Ehemalige mehr, sondern eine Zukünftige. Sie ist seine Gegnerin, sie kämpft um die Macht.
Aber einige seiner Kunden aus dem Westen sind noch da, er hat sein Atelier, er will nicht untergehen. Huang hat deshalb eine Schule gegründet, in der er nun den Nachwuchs unterrichtet.
Sechs Kinder und Jugendliche sind an diesem Morgen gekommen, sie zeichnen Kugeln und Dreiecke. Huang legt seine Hand auf die Staffelei eines Mädchens. Er fragt: "Warum ist der Kopf so dunkel?" Die Schülerin hört ihn nicht, die Musik aus ihrem Kopfhörer ist zu laut. Ihre Eltern zahlen umgerechnet 80 Euro im Monat, damit Huang ihr beibringt, wie man malt. Gerade zeichnet sie eine Büste ab, aber sie hat vergessen, das Licht neben dem Gipskopf anzuknipsen. Neben ihr liegt ein Buch mit Motiven, die sie künftig beherrschen soll: Venedig, ein Hummer, der Eiffelturm, nackte Putten. Huang knipst das Licht an. Es wirkt wie eine Verzweiflungstat.
Huang hätte genug Wissen und Geld, um bei Chinas Kulturoffensive vorneweg zu laufen. Aber Huang ist zu alt, um sein Geschäft neu auszurichten, und er ist zu störrisch, um Platz zu machen. Er hatte mit Dafen einen globalen Lieferdienst geschaffen, dessen Modell lange funktionierte. Der Westen bestellte, China produzierte. Huang ist es nicht gewohnt, dass sein Land Fragen stellt, auf die er Antworten finden muss.
Feng Jianmei kennt diese Fragen und gibt schnelle Antworten darauf. Sie sitzt in einem Konferenzzimmer in einem chinesischen Restaurant in der Nähe ihres Büros und hat den Tisch schwer beladen lassen, Morcheln in Sojasauce stehen darauf, Muscheln mit Knoblauch, Sprossen in Essig, eingeweichte Erdnüsse, Hühnchen, Seidentofu, grüne Bohnen, Rinderbrühe, Fischfrikadellen, Klebreis und blanchierter Kohl. Sie hat eine Künstlerin aus Shanghai eingeladen, die Dafens Kunst im Ausland bekannt machen soll. Sie soll mit einer Delegation Kunststudenten nach Europa reisen und Bilder ausstellen. Feng sagt: "Wir müssen chinesisch sein, aber nicht zu chinesisch."
Sie muss den Geschmack treffen. Sie redet mit Architekten und Designern, sie besucht Messen und liest Mode-Blogs im Netz. Sie hat vier Kriterien entwickelt.
Erstens: Originale statt Kopien.
Zweitens: Helle Farben, weil es in China jetzt neue Wohnungen gibt.
Drittens: Lieber abstrakte Bilder als gegenständliche.
Viertens: Die Bilder müssen dem Betrachter eine Frage stellen. Die Frage lautet: Was siehst du in mir und warum?
Feng ist während Chinas großer Öffnung unter Deng Xiaoping aufgewachsen. Sie sah, wie ihr Vater ein Telefon, einen Fernseher, ein Auto kaufte und das Leben immer besser wurde. Sie hat nie Repression gespürt, China erschien ihr als Land vieler Möglichkeiten. Sie verliebte sich in das Unfertige.
Ihren Mann lernte sie in einem Lovechat kennen, er war derjenige, der ihr das schlechteste Gedicht von allen schickte. Er schrieb: "Ich war ein Bettler auf der Straße, und als du vorbeigingst, warfst du eine Münze in die Luft, in der sich die Sonne spiegelte, und ihre Strahlen fielen auf mein Gesicht." Feng gefiel, dass er etwas wagte. Sie sagt: "China ist ein selbstbewusstes Land, das die Kulturmodelle des Westens nicht spiegeln muss."
Huang, ihr Entdecker, sitzt auf einem Sofa aus lilafarbenem Plüsch in einem Restaurant mit westlichen Gerichten, in das er gern zum Mittagessen geht, und sagt: "Dieses Land ist zu schnell." Er bestellt eine scharfe Nudelsuppe. Er wiederholt diesen Satz sehr oft. Huang würde den Lauf der Welt gern anhalten. Er kommt nicht mehr mit.
Neulich beschloss er, zu Feng zu gehen und mit ihr darüber zu reden, wie es weitergehen könne. Es war sein erster Besuch bei ihr, er setzte sich auf ein Sofa, trank Jasmintee und sagte zu seiner ehemaligen Schülerin: "Schön hier." Sie sagte: "Ja." Er sagte: "Schön." Sie fragte: "Brauchst du meine Hilfe?" Sie schwiegen. Der alte Mann wollte nicht zugeben, dass er die Hilfe der jungen Frau gut gebrauchen könnte. Die junge Frau wollte ihn nicht demütigen. So saßen sie einander ratlos gegenüber - wie Menschen, die wissen, dass sie sich von nun an aus dem Weg gehen müssen.
Dann sprachen sie, um auf ein harmloses Thema auszuweichen, über die Safarilodge, die in der Mitte des Dorfes steht, und den Künstler, der darin lebt. Sie kamen überein, dass sich die Frage um Anerkennung im Dorf künftig nicht mehr nur zwischen ihnen entscheiden würde. Beide wussten, dass die Bilder, die sie produzieren, lediglich Dekoration sind, ein Produkt, immer noch kaum wertvoller als Plastikspielzeug.
In der Mitte des Ölmalerdorfs lebt ein Chinese, der zeigt, wohin das Dorf sich in Zukunft entwickeln wird. Chen Qiuzhi, so sein Name, wohnt neben Huangs Galerie in einem Haus mit wehenden Vorhängen, das aussieht wie eine Luxus-Safarilodge. Der Staat hat den Bau dieses Hauses subventioniert. Wenn Dafens Kunden sich durch seine Gänge bewegen, sieht es aus, als bewegten sie sich durch eine Kathedrale. Der Künstler malt Kalligrafien, die chinesische und westliche Elemente vereinen; es sind großformatige Originale. Sie kosten umgerechnet bis zu 100 000 Euro.
Es gibt Maler im Dorf, die glauben, dass der Safarimann für die chinesische Mafia arbeitet; sie können sich seinen Erfolg nicht anders erklären. Seine Bilder sind keine Gebrauchsware. Es strahle von ihnen etwas Höherwertiges aus, sagen Kunden aus Shanghai, die in der Galerie vor einem Paravent stehen und versuchen, den Künstler zu fotografieren.
Der Safarimann liegt hinter dem Paravent auf einer Bank in seinem Atelier und schläft. Wenn er wach ist, kann er Geschichten erzählen von Malern aus dem Dorf, die sich in seine Räume schleichen und seine Werke abfotografieren. Er ruft dann seine Angestellten und schickt sie hinaus in die Gassen. Sie sollen ihm die Diebe bringen. Er geht jetzt systematisch gegen Menschen vor, die versuchen, ihn zu kopieren.
Von Katrin Kuntz

DER SPIEGEL 55/2013
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