30.09.2013

„Nicht auf der Höhe der Zeit“

Der hessische Generalsekretär Michael Roth, 43, über Probleme der SPD bei jungen Menschen und seinen Wunsch nach Radikalität
SPIEGEL: Herr Roth, laut Wahlstatistik kommt die SPD nur noch bei alten Männern an. Warum ist das so?
Roth: Das hat auch mit unserem Auftreten zu tun. Die Zeit der Politiker mit knallharten Macho-Allüren ist vorbei. Junge Leute wünschen sich mehr Frauen, mehr Buntheit, auch weniger Phrasen. Einfach Menschen, die mehr mit ihrer eigenen Lebenswirklichkeit zu tun haben.
SPIEGEL: Nach den 23 Prozent 2009 ist die SPD kaum vom Fleck gekommen.
Roth: Das muss uns zu denken geben. Wir waren vier Jahre in der Opposition. Wir haben uns inhaltlich neu aufgestellt, sind den Gewerkschaften entgegengekommen. Wir haben alles, wofür man uns geprügelt hat, wieder gerichtet. Trotzdem stecken wir weiter im Keller.
SPIEGEL: Woran liegt das?
Roth: Wir sind einfach nicht auf der Höhe der Zeit. Wir schaffen es nicht, für uns wichtige Leute anzusprechen. Wenn ich in Schulen oder Unis Gespräche führe, sind nicht allein Inhalte wichtig. Da geht's eben auch um Offenheit. Oder um die Frage: Kann ich dem Typen vertrauen? Nehme ich dem ab, was er sagt?
SPIEGEL: Muss die SPD personelle Konsequenzen aus der Niederlage ziehen?
Roth: Man muss doch nicht in stalinistischer Manier eine ganze Generation einen Kopf kürzer machen. Es geht um die Mannschaftsaufstellung. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Karawane unabhängig von Wahlergebnissen einfach so weiterzieht. Ich wünsche mir mehr Mut bei der Neuaufstellung.
SPIEGEL: Was heißt Mut?
Roth: Mir fallen nur zwei Namen ein, bei denen die SPD Mut gezeigt hat. Thorsten Schäfer-Gümbel in Hessen und Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen. Da kamen auf einmal zwei Unbekannte in Spitzenpositionen. Beide tun der SPD richtig gut. Es geht also doch!
SPIEGEL: Sie wünschen sich Nobodys an der Partei- oder Fraktionsspitze?
Roth: Wenn die Grünen Anton Hofreiter aufs Feld stellen, warum sollten wir nicht einmal gucken, ob es nicht auch in unseren Reihen neue, unverbrauchte Köpfe gibt? Hofreiter mag den einen oder anderen befremden, denn er trägt klobige Wanderschuhe und hat die Haare lang. Und so einer soll jetzt tatsächlich Fraktionsvorsitzender werden? Ist doch super!
SPIEGEL: Das Problem der SPD im Wahlkampf war doch, dass sie die Mitte vergessen hat.
Roth: Zu viele Leute glauben uns immer noch nicht, was wir sagen. Wir werden auch nicht mehr als die emanzipatorische Kraft wahrgenommen, die entschieden solidarisch mit Entrechteten ist, zum Beispiel mit den arbeitslosen Jugendlichen in Griechenland! Oder entschieden gegen Bürokratie und für Kreativität eintritt! Pragmatismus pur ist eben ziemlich langweilig. Wir setzen zu wenige Themen. Wir reagieren häufig nur noch.
SPIEGEL: Muss sich die SPD auch bei Koalitionen öffnen?
Roth: Die CDU hat von Schwarz-Grün bis Jamaika alles ausprobiert, wir aber nicht. Wir sind weiter fest gefangen in unserem Wunsch nach Rot-Grün, und wir enden dann in der Großen Koalition. Es gibt keine Ampeln, auch von Rot-Grün-Rot sind wir meilenweit entfernt, solange für die Linkspartei der Hauptgegner die SPD ist. Bundesländer sind die Labore der Macht. Alle müssen raus aus den Schützengräben, wir müssen offener und selbstbewusster werden. Das gilt für alle Bereiche unserer Politik.
Interview: Gordon Repinski
Von Gordon Repinski

DER SPIEGEL 40/2013
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