30.09.2013

BAYERNAbsolute Mehrheit

Das Oktoberfest zieht ein globales Publikum an. Vordergründig geht es um Sex und Suff. Tatsächlich wird ein deutscher Irrsinn inszeniert: der Siegeszug der Monarchie in aufgeklärten Zeiten. Von Ullrich Fichtner
Kurz vor der Geisterstunde, als die von Erotikmessen bekannte Micaela Schäfer und die als Teppichluder in gewissen Kreisen berühmte Janina Youssefian im Käfer-Zelt ihre Brüste fotogen aus dem Dirndl drücken, geht die Einsatzgruppe von Polizeihauptkommissar Thomas Obermayer auf der Theresienwiese in die Igelformation. In der breiten Budenstraße direkt unter der monumentalen Bavaria aus Bronze stellen sich die sechs Streifenbeamten im Kreis auf, die Rücken einander zugekehrt. Es ist die vergangene Woche, der erste Montag des 180. Oktoberfests, die Bierzelte machen gerade Feierabend, und die letzte Maßkrugschlägerei - eine Schweizerin gegen einen Münchner - ist noch keine drei Stunden her.
Im fahlen Licht sehen Obermayers Leute für einen Moment lang aus wie die belagerten Guten in einem Horrorfilm, die letzte Hoffnung der Menschheit in einer von Zombies eroberten Welt. Vernebelte Gestalten in Lederhosen torkeln gefährlich nah vorbei, Frauen im Dirndl mit verrutschter Frisur, grölende Asiaten in Lodenjacken, sie kommen aus allen Richtungen.
Manche pöbeln die Polizisten an, rülpsen demonstrativ, manche schenken ihnen lallend einen Rest gebrannte Mandeln. Im Sichtfeld von Obermayers Trupp urinieren pendelnde Männer neben Müllkübel, unsicher stehende Paare lecken sich Hälse und Gesichter, und reichlich Menschen sitzen einfach still im Dreck, irgendwie fassungslos im verglühenden Stakkato der Karusselllichter, als hörten sie gerade sehr tief in sich hinein.
Oktoberfest, die Wiesn, das lässt sich auf viele Weisen erzählen und erleben, und die Perspektive der Polizei ist dabei nur die finsterste. Einer der jungen Kollegen in Obermayers Team, der zum ersten Mal dabei ist und gerade seine zweite Schicht hinter sich bringt, redet von einem Kulturschock und, abfällig, von einem "Völkerbesäufnis". Die anderen sagen, zwei Beamtinnen darunter, sie kämen auch privat schon mal her, aber nie mit Kindern. Und der Hauptkommissar selbst, ein korrekter Enddreißiger mit der Statur eines Kleiderschranks, gebürtiger Münchner, mag zwar den Einsatz auf dem Festplatz, aber nicht das Fest. "Mir ist ein ruhiger Biergarten lieber", sagt Obermayer, "die Stehparty hier is nix für mich."
Zur Stehparty wird das größte Volksfest der Welt an allen seinen 16 Tagen vom späten Nachmittag an. Wenn unter dem Johlen der mit Schnäpsen "vorgeglühten" Zecher die ersten Maßkrüge auf ex geleert sind, hält es bald keinen mehr auf seinem Sitz. Die Großzelte, die eigens aufgebauten Festhallen mit ihren 7000, 8000, 10 000 Plätzen, sind Jahr für Jahr die Hölle für alle, die Menschenaufläufe fürchten, und der Himmel für jeden, der imstande ist, im Rausch mit einer Masse glücklich zu verschmelzen.
Stundenlang und bis zum Schankschluss schon um 22.30 Uhr geht es im Wesentlichen darum, möglichst schnell möglichst viel starkes Bier in sich hineinzudrücken, das Essen bei sich zu behalten und ansonsten an der passenden Stelle und im Takt: "Alice!? Who the fuck is Alice!" zu brüllen oder "Skandal! Skandal um Rosi!"
Nichtbayern und andere Ausländer neigen dazu zu glauben, dass sich das wilde Volksfest darin schon erschöpft, im kollektiven Besäufnis, im massenhaften Feiern und Achterbahnfahren, im erotisch aufgeladenen Ausführen knapper Dirndl und hirschlederner Hosen, im Humtata der Blaskapellen. Aber unter dem Lärm und dem Klirren der Krüge liegt eine feinere Partitur. Das Oktoberfest, die Theresienwiese ist eine 35 Hektar große Bühne, auf der sehr viele Stücke von großer Bedeutung gleichzeitig gegeben werden.
Sie handeln vom sonderbaren Land der Bayern, das im Herzen immer eine kleine, stolze Nation geblieben ist. Sie handeln von der Staatspartei CSU, die sich im Rausch der Trachten und absoluten Mehrheiten als legitimer Nachfolger des abgedankten Königtums erfolgreich inszeniert. Sie handeln von der rührenden Anhänglichkeit einer Gesellschaft an das Gehabte, Hergebrachte, von der unverbrüchlichen Treue selbst zu Heino, Roberto Blanco und Uschi Glas, die in den Münchner Stadtgrenzen noch immer weltberühmt sind. Sie handeln von einer Stadt, in der gleich sechs global agierende Dax-Konzerne um Macht und Einfluss rangeln und also um möglichst viele Sitzplätze in den Bierzelten des Oktoberfests.
Letzteres mag klingen wie ein Witz, aber es ist keiner. Ein schweres politisches Beben ging schon im vergangenen Dezember durch München, als der städtische Referent für Arbeit und Wirtschaft, Dieter Reiter, Wiesn-Chef und Aspirant auf das Amt des Oberbürgermeisters, durchsetzte, dass auf der Wiesn 2013 an den Wochenenden nach 15 Uhr nur noch 65 Prozent der Tische reserviert werden dürften.
Was wie eine mickrige, lokale Meldung klingt, löste Panik aus auf den Vorstandsetagen der vielen Münchner Großfirmen, die ihre vielen Großkunden in aller Welt gern mit einem exklusiven Besuch des Oktoberfests beschenken, am allerbesten im Kombi-Ticket mit einem Heimspiel des FC Bayern, der anderen tragenden Säule des weltweiten Münchner Renommees.
Das 200 Jahre alte Volksfest ist, neben dem Fußball, die schärfste Waffe in den Händen aller Münchner PR-Strategen, eine jährlich sich wiederholende, letztlich spottbillige Imagekampagne, deren Wert gar nicht zu überschätzen ist. Das Oktoberfest ist zu einer der schillerndsten "love brands" der Welt geworden, mit Ablegern überall, so berühmt wie der Karneval in Rio und bekannter mittlerweile als die Stierhatz von Pamplona oder der St. Patrick's Day von New York. Damit hantieren BMW und Munich Re, Allianz und Linde AG, Siemens, Burda, Random House, die alle in München zu Hause sind und vom Glanz der Wiesn so viel Licht wie möglich auf sich umzuleiten versuchen.
Es laden Eventmanager und "Society Ladies" zu geschlossenen Teilgesellschaften in die Festzelte ein, Regine Sixt bittet zur Damenwiesn und BMW zum "traditionellen" Armbrustschießen im Armbrustschützenzelt. Letzteres fand am vergangenen Montag neuerlich statt, der Münchner Niederlassungsleiter des Autokonzerns trug Kniebundhosen und Wams, und wer die Gästeliste genauer liest, weiß schnell, dass hier nicht nur auf Scheiben, sondern auch auf allseits gute Beziehungen gezielt wird. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann stellte sich ein, dazu der Chef der Paulaner-Brauerei, Andreas Steinfatt, dazu Bauunternehmer und Herzchirurgen, Schauspieler und ein paar Models für die bessere Optik, und immer auch ein paar Rest-Adlige wie Uschi von Bayern und Inge Fürstin Wrede-Lanz.
So geht das zwei Wochen lang, kein Münchner Konzern, der auf sich hielte, darf ohne VIP-Wiesn-Party bleiben, und also brauchen die Firmen in den Zelten Platz, je nach Größe und Anspruch zwischen 900 und 4000 Plätze und dazu so viele VIP-Boxen wie möglich, auch wenn jeder Zentimeter Bierbank kostbar ist und Zehnertische auf dem Schwarzmarkt schon für 3000 Euro verkauft werden.
"Wegen Überfüllung geschlossen" steht auf gemalten Schildern über den Portalen der Festzelte, an den Wochenenden zumal. Dann drängen 500 000 Menschen auf die Wiesn, sechseinhalb Millionen sind es in 16 Tagen, aber in allen Zelten ist nur für 114 000 Feierbiester Platz, und selbst wenn sie zwei Schichten fahren, bleiben um die 200 000 Leute mit Bier und Blasmusik gefährlich unterversorgt.
Ihr Frust bringt regelmäßig die Polizei zurück auf den Plan. Zur Zeit der "Tischwechsel" am späten Nachmittag fangen gern die Schlägereien an zwischen denen, die unbedingt im Zelt bleiben, und denen, die unbedingt hineinwollen. Hauptkommissar Obermayers Einsatzgruppe rückt dann aus, Spiraldrähte im Ohr, Pfefferspray am Gürtel, und wird von der Einsatzzentrale zu Tatorten gelotst, die in der Regel so aussehen, als wäre bei der Aufführung eines Bauerntheaters etwas furchtbar schiefgelaufen.
300 Polizisten arbeiten auf der Wiesn-Wache rund um die Uhr im Schichtbetrieb, sie bilden 16 Tage lang die größte Polizeidienststelle Bayerns, und ihr Auftrag besteht darin sicherzustellen, dass die Münchner Gesellschaft, die Mitbürger und Gäste möglichst ungestört von Randalierern in aller Ruhe saufen und selbst randalieren können. Es ist ein Knochenjob, der sich ziemlich absurd anfühlen kann.
Am ersten Samstag war die erste Schnapsleiche der Saison 2013 nur Minuten nach dem Anstich abzuholen, bis zum Schankschluss platzten sieben Maßkrugschlägereien mit teilweise schweren Schädelverletzungen los, Holländer prügelten sich mit Amerikanern, Italiener sich mit Münchnern. Ein türkischer Ingenieur musste davon abgehalten werden, onanierend durchs Hofbräuzelt zu laufen, Bettler waren zu verfolgen, Taschendiebe, Trickbetrüger, Busengrapscher, am ersten Samstag allein hatte die Wiesn-Polizei 201 Einsätze, 20 mehr als im vergangenen Jahr, und also kündigte sich ein lebhaftes Oktoberfest an.
Es ist ein Wahnsinn manchmal, sagt Polizeidirektor Peter Hartwich, Chef der Wiesn-Wache, "weil der Hang der Leute zur Selbstverwirklichung keine sozialen Grenzen mehr kennt". Weil sie jetzt den Damen mit ihren Handys immerfort unter die Röcke fotografieren und die Ergebnisse auf Pornoseiten posten. Und weil so mancher Gast, sagt Hartwich, "wenn er endlich ausgetrunken hat, den leeren Krug in hohem Bogen einfach hinter sich schmeißt. Und die Dinger sind schwer".
Es ist der Wahnsinn. Es ist die Wiesn. Es ist Bayern, ein Land, das sich ans Leben im Klischee gewöhnt hat, an den herablassenden Spott von Ortsfremden, die freilich nie erklären können, warum die angeblich so bäuerlichen "Seppln" im Süden ein Bundesland aufziehen, das im deutschen Vergleich allen anderen in fast allen Belangen überlegen ist.
Bayern liegt vorn, wenn es um Zukunftschancen und Arbeitsplätze geht, um sozialen Zusammenhalt, um Sicherheit, Kaufkraft, Einkommen, Lebensqualität. Die Max-Planck- und die Fraunhofer-Gesellschaft sind stark in München vertreten. Es gibt erstrangige Universitäten, Orchester, Opernhäuser, und schon die Grundschulkinder können besser rechnen und lesen als ihre Altersgenossen in Hamburg oder Niedersachsen.
Wer über Gründe für so viel Exzellenz nachdenkt, stößt auf Fragen, die so manchen Grundkonsens der (nord)deutschen Gesellschaft ankratzen. Es ist gut möglich, es ist sogar wahrscheinlich, dass die bayerische Verwurzelung in Tradition und Brauchtum die Gesellschaft insgesamt beruhigt und dadurch Kräfte freisetzt, die für die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft gebraucht werden.
Das vom einstigen Bundespräsidenten Roman Herzog geprägte und von der CSU sofort gekaperte Wort von "Laptop und Lederhose" mag witzig klingen, aber es beschreibt die bayerische Janusköpfigkeit ziemlich gut. Das Land steht, mit einem Bein, immer ganz sicher in der Vergangenheit und schreitet mit dem anderen nach vorn.
Wenn die Wirte zum Auftakt der Wiesn im Gefolge der sechsspännigen Brauereifuhrwerke in ihren prächtig geschmückten Kaleschen durch die Innenstadt zur Festwiese rollen, scheint ihr schöner Zug direkt aus dem 19. Jahrhundert zu kommen und ins 21. hineinzufahren, zu den halsbrecherischen Achterbahnen und "Freifalltürmen", in denen Technik von Siemens steckt.
Aus den Kutschwagen winken Minister und Stadträte, der Oberbürgermeister und der Ministerpräsident. Und es wirkt, vom Straßenrand aus, als führen nicht gewöhnliche Wirte und auf Zeit gewählte Berufspolitiker vorbei, sondern geborene Regenten, die sich die Huldigungen eines untertänigen Volkes gnädig gefallen lassen.
Hunderttausend Menschen standen auch dieses Jahr an der Strecke, und sie warteten später, um Punkt zwölf Uhr, gespannt darauf, welches Gesicht wohl der Münchner OB Christian Ude machen würde nach seinem "O'zapft is!", beim traditionellen Überreichen der ersten Wiesn-Maß an den bayerischen Ministerpräsidenten. An ebenjenen Horst Seehofer, der bei der Landtagswahl nur eine Woche zuvor die absolute Mehrheit für die CSU zurückgeholt hatte, gegen ebenjenen SPD-Spitzenkandidaten Christian Ude.
Beide hielten sich gut. Man lobte sich und trank anschließend Bier aus Steinkrügen, die in den Zelten aus Sicherheitsgründen längst verboten sind. Aber sie sehen im Fernsehen einfach viel besser aus.
In solchen Momenten, in der Anzapfbox, live übertragen von der ARD, zeigt sich ein anderer altmodischer Zug der bayerischen Gesellschaft, die die Figur des allseits geachteten Honoratioren noch kennt, der Respektsperson, deren Autorität nicht weiter hinterfragt wird. Ministerpräsident und OB sind, ganz gleich, ob sie politische Gegner sind, zur gegenseitigen Achtung verpflichtet, und es würde als schlimmer Fauxpas empfunden, wenn der eine den anderen womöglich öffentlich brüskierte.
Derlei gehört sich nicht in Bayern, nicht auf den Dörfern, wo der Herr Schuldirektor noch immer selbstverständlich gegrüßt wird und der Herr Landrat sowieso, und es gehört sich nicht in München, wo sich eine durch Ämter, Würden und Medienpräsenz beglaubigte Oberschicht tummelt, die eine verschworene Machtclique bildet, in der eine Hand die andere wäscht.
In solchen Kulturen ist die Kirche nie fern, und prompt saß beim Wiesn-Auftakt auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx im Gegröle des Schottenhamel-Festzelts, um seinen 60. Geburtstag zu feiern. Und am ersten Sonntag, dem Trachtentag, zogen gottesfürchtige Jäger und Blechbläser, Brauchtumsgruppen und die Bayerischen Gebirgsschützen ein, die zur Feier des 85. Geburtstags von Papst Benedikt XVI. einst eine 450 Mann starke Abordnung nach Castel Gandolfo geschickt hatten, wo der Pontifex prompt einen feierlichen bayerischen Abend für sie ausrichten ließ.
Über derlei kann sogar ein Bayer lachen. Über die ganze bigotte, bierselige Trachtenherrlichkeit, und doch ist sie zugleich Ausdruck einer lebendigen Tradition, von den Generationen weitergereicht, erfolgreich erneuert seit Jahrhunderten und noch nicht einmal vernichtet durch die Instrumentalisierungen im "Dritten Reich".
Was völkisch war, ist wieder volkstümlich geworden, und die Oktoberfeste der vergangenen Jahre, die sich zu folkloristischen Modenschauen immer weiter ausgewachsen haben, markieren eine Renaissance. Es scheint, als hätte die bayerische Tracht, ganz wie der so lang verpönte deutsche Patriotismus, eine ungefähr 50 Jahre währende Pause nach dem Krieg einlegen müssen, nur um jetzt mit Macht wiederzukehren.
Bis vor ungefähr zehn Jahren trug der Wiesn-Besucher Jeans, vielleicht einen Janker, und in den kompletten bayerischen Wichs warfen sich nur noch die Alten auf dem Land und CSU-Leute im Wahlkampf. Heute stecken drei Viertel aller Oktoberfest-Gänger in karierten Hemden, Hirschledernen und Dirndln, die Kinder werden nach alter Sitte herausgeputzt, und die Mädchen tragen die Haare zu Zöpfen geflochten, als kämen sie gerade von der Feldarbeit oder vom Melken.
Das Oktoberfest ist - trotz aller Japaner mit Tirolerhüten, trotz aller Komasauf-Touristen aus Neuseeland, Italien oder Amerika - ein bayerisches Fest geblieben. 70 Prozent der Besucher stammen aus München und Umgebung, es ist ihr Fest, ein tiefbayerisches, Ausdruck eines quasinationalen Stolzes, und diese Gemengelage kommt, politisch, keiner Partei mehr zupass als der in diesen Wochen triumphierenden CSU.
Ihr ist es in Jahrzehnten gelungen, die weiß-blauen Postkartenbilder und Kalenderblätter, die Volksfeste und alten Bräuche für sich zu reklamieren und symbolisch zu besetzen. Mag sein, dass im Münchner Stadtrat und in anderen Stadträten Bayerns SPD-Mehrheiten sitzen, aber wenn es um Bayern geht, das ganze Land, denkt jeder nur noch CSU. Die Partei hat ihren Wählern beigebracht, wie es Peter Bichsel einst boshaft über die Schweizer schrieb, an die Lügen in den eigenen Fremdenverkehrsprospekten zu glauben. Was in Bayern, objektiv betrachtet, nicht sehr schwer war.
Wer nur an einem warmen Herbsttag mit dem Riesenrad über die Wiesn aufsteigt, die Kirchtürme Münchens unter sich und, bei gutem Wetter, die majestätisch leuchtenden Alpen in der Ferne, der kommt nicht in irgendeine Wechselstimmung. Der will, dass alles genauso bleibt. Und der glaubt der SPD oder den Grünen oder sonst wem kein Wort davon, dass in Bayern vieles anders werden müsse.
Von allen Besonderheiten Bayerns ist diese aber die verrückteste: dass eine Landesregierung, in teilweise milliardenteure, immer peinliche Skandale verstrickt, am Wahltag nicht abgestraft, sondern mit der absoluten Mehrheit belohnt wird. Und warum? Weil Seehofer ständig seine Meinung ändert? Weil er im Wahlkampf die Autobahn-Maut "für Ausländer" fordert? Oder weil er einfach der letzte Unionspolitiker ist, der gegen die Kanzlerin überhaupt noch aufzustehen wagt?
Die Amigo-Affären und Spezl-Wirtschaften, die von den großen Redaktionen im fernen Hamburg und Berlin so eifrig aufgedeckt und hämisch kommentiert werden, wecken in Bayern selbst nie die ausreichende Empörung, sondern werden den Handelnden schnell und pauschal als Schlitzohrigkeit geschenkt, als gäbe es auch für politische Sünden immer sofort die Absolution. "A Hund is a scho", ein Hund ist er schon, zählt zu den höchsten bayerischen Komplimenten, entschuldigt wird damit fast alles von Verlogenheit bis Bestechlichkeit, und das ist keine Karikatur.
Bayern ist durchzogen von einem italienischen Element, einer leicht mafiösen Grundhaltung, vielleicht nennt sich München auch deshalb gern die "nördlichste Stadt Italiens". Jedenfalls steckt in allem stets ein Schuss Berlusconi, der die Bayern glauben lässt, dass zu viel Korruption auf Dauer gewiss schädlich ist, ein bisschen Korruption aber die Verhältnisse am Ende erträglicher macht als jede rigide, protestantische Ordnungshuberei.
Das Oktoberfest ist das Hochamt dieses Geistes. Es mag ein wenig gelitten haben durch seine brutale Vermarktung, durch den Umstand, dass das Bayerische allerorten dank Krawall-TV und "Bild"-Zeitung irgendwie Kult geworden ist. Es mag sich grotesk verzerren manchmal, wenn in den Krügen der Weinzelte von Kuffler und Käfer nicht Bier, sondern Rosé-Champagner schwappt, getrunken von Michael Ballack und Vicky Leandros, Florian Silbereisen, Poldi Prinz von Bayern und dem unvermeidlichen Boris Becker.
Es mag sich auch seltsam anfühlen, wenn in den Großzelten die Ehrengäste immer ein wenig steif in ihren Boxen sitzen wie in Theaterlogen und dem Volk in den brüllenden Mittelschiffen der Bierschwemmen beim wirklichen Leben zuschauen. Und doch scheint die Magie dieses Volksfests, seine seltsame Kraft, ganz ungebrochen, unzerstörbar, auch nach 200 Jahren.
Und es scheint auch, als gingen die Bayern, die Münchner, wenn sie, wie im vergangenen Jahr, ihre 7,4 Millionen Liter Bier getrunken, 509 000 Brathendl und 59 000 Schweinshaxen verspeist haben, 116 Ochsen und 85 Kälber, magisch gestärkt in ein neues Jahr.
Für die Beamten der Polizei, die sich mühen, den Laden zusammenzuhalten, für Hauptkommissar Obermayer und seine Einsatzgruppe, gilt das nicht. Sie werden, erzählen sie, spätestens in der zweiten Festwoche alle krank. Erkälten sich im Hinein und Hinaus aus der nächtlichen Kälte in die aufgeheizten Bierzelte und zurück, schnappen bei Festnahmen Viren auf, die Fieber bringen, Gliederschmerzen, Mattheit.
Am ersten Montag des Oktoberfests, vergangene Woche, müssen sie einmal im Laufschritt die begrünte Geländekante nehmen, die sich im Westen der Festwiese zwischen Bavaria und U-Bahn-Station Schwanthalerhöhe hinzieht. Schweinehügel wurde der Hang früher genannt, hier liegen an den Abenden Betrunkene wie tot herum, Frauen wie Männer, es kommt zu Kopulationen unter freiem Himmel, zu Szenen des totalen Kontrollverlusts.
Auch zu absonderlichen Verbrechen, wenn sich Gelegenheitsvergewaltiger über reglose Frauen hermachen, wenn sich jahrelang geplante feuchtfröhliche Sauftouren junger Amerikanerinnen in stockfinstere Alpträume verwandeln. Am besten, sagt Hauptkommissar Obermayer, sollte man über dem ganzen Hügel ein Riesenplakat aufspannen, auf dem steht: "Die Würde des Menschen ist antastbar."
Seine Einsatzgruppe rennt schräg hügelan, auf den Videomonitoren der Wache haben sie einen Dieb ausgemacht, der einem Volltrunkenen auf der Wiese die Taschen ausgeräumt hat. Sie starten am Käfer-Zelt, wo sich im gesperrten Obergeschoss laut "Bild"-Zeitung gerade der "Wiesn-Wahnsinn" voll entfaltet, obwohl "Nacktschnecke Micaela Schäfer diesmal weder Nippel noch Po zur Schau" stellt, und doch wird auch bei Käfers gefeiert, "bis bei manchen Paaren die Fäuste" fliegen. Die Polizei wird nicht gerufen.
Obermayers Team muss sich kümmern, im Dunkeln, zwischen Pfützen von Erbrochenem, um einen jungen, schüchternen Mann mit ecuadorianischem Pass, der auffällig viele Mobiltelefone in den Taschen hat und dem die Farbe aus dem Gesicht weicht, als ihn die Beamten umstellen. Es dringt Musik herüber, aus einem nahen Biergarten, wo gerade eine der vielen "After Wiesn"-Partys beginnt, so heißt das heute. Sie spielen "Live Is Life".
Auf dem Festplatz selbst verlischt, nach und nach, alles Leben. Die Buden machen dicht, die Geisterstunde hat begonnen, die Welt beruhigt sich. Obermayers Einsatzgruppe steigt ab zur Wiesn-Wache, den Ecuadorianer in ihrer Mitte. "Jetzt kommen die Pfandflaschensammler", sagt Obermayer, "die sind immer die Letzten."
Die Ersten werden bald wieder da sein. Neun Stunden nur, dann geht alles von vorn los, dann bricht der vierte von 16 Feiertagen an. Viele Gäste werden zum Frühstück Wodka und Jägermeister trinken, um die Festzelte gut vorgeglüht zu erreichen. Dann Bier. Und noch mehr Bier. Dann geht es kopfüber in die Nacht, in die rasende bayerische Gemütlichkeit. ◆
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 40/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BAYERN:
Absolute Mehrheit

  • Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben
  • Sibiriens ungewöhnlichster Strand: Gletscher im Grünen
  • Deutscher Neu-Astronaut: Der China-Mann
  • Weltrekord: Die Welt hat eine neue steilste Straße