30.09.2013

KATARSklaven am Golf

Am Rand der Wüste bauen Gastarbeiter aus Nepal und Indien am Traum der Fußball-WM 2022. Etliche bezahlten den Job mit ihrem Leben.
Pete Pattisson wartete elf Tage lang am Flughafen von Katmandu, bis Ganesh eintraf. Ganesh stammt aus einem Dorf, zwölf Autostunden entfernt von der Hauptstadt Nepals.
Er galt als zäher Arbeiter, auch deshalb hatte ihn seine Familie nach Katar geschickt, zu einer der neuen Baustellen am Persischen Golf. Ganesh wurde 16 Jahre alt. Er kam in einem roten Holzsarg zurück.
Pete Pattisson, ein Brite, arbeitet hauptberuflich als Lehrer. Nebenbei beschäftigt er sich als Journalist mit "Formen moderner Sklaverei". Er lebt seit acht Monaten in Nepal, zuvor gab er an einer Londoner Schule Demokratieunterricht.
Vorige Woche berichtete Pattisson nach dreimonatiger Recherche im britischen "Guardian" über das Schicksal von Ganesh und enthüllte weitere Todesfälle. Allein zwischen Juni und August starben 44 nepalesische Arbeiter in Katar, die meisten an Herzattacken oder nach Arbeitsunfällen, Dokumente aus Nepals Botschaft in Katar belegen das.
Pattissons Enthüllungen sind brisant, Katar will 2022 die Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten. Das Emirat wird bis dahin geschätzte 100 Milliarden Dollar für neue Straßen, Hotels, Schnellbahnstrecken und Stadien ausgeben, gebaut von Gastarbeitern wie Ganesh, die bei 50 Grad Celsius für einen Hungerlohn schuften. Sie sind die neuen Sklaven vom Golf.
Vieles spricht dafür, dass die 44 toten Nepalesen keine Ausnahme sind. So berichtete der Botschafter Indiens nach den "Guardian"-Enthüllungen, dass in den ersten fünf Monaten des Jahres auch 82 indische Arbeiter gestorben seien. Außerdem hätten sich 1460 Landsleute über schlechte Arbeitsbedingungen beschwert. Der Internationale Gewerkschaftsbund befürchtet, dass bis zu 4000 Arbeiter in Katar umkommen könnten, bevor das erste Spiel angepfiffen wird, sollten sich die Arbeitsbedingungen nicht ändern.
Die Nachricht vom Tod der Nepalesen hat auch die Fußballwelt aufgeschreckt. Willi Lemke, Uno-Sonderbeauftragter für Sport, organisierte noch am Freitag eine Telefonkonferenz mit Mitarbeitern in New York. Er überlegt nun, Beobachter der Internationalen Arbeitsorganisation nach Doha zu schicken. Die Option, Katar die Weltmeisterschaft zu entziehen, so Lemke, "sollte als letztes Druckmittel von der Fifa in Betracht gezogen werden".
Liga-Präsident Reinhard Rauball ergänzte: "Es darf keine WM geben, die auf einem System der Sklaverei aufbaut und Menschenleben missachtet. Es geht um die Glaubwürdigkeit des Weltfußballs und seine moralische Integrität."
Allein aus Nepal zieht es jedes Jahr über 100 000 Menschen auf die Großbaustellen am Golf. Der Brite Pattisson verbrachte eine Woche mit Nepalesen in Doha. Er traf Männer, die wie Vieh zusammengedrängt zu zwölft in engen Kammern leben, die verdreckte Toiletten benutzen und sich zu Hunderten zwei Küchen teilen müssen. In einem Zimmer hinter der nepalesischen Botschaft entdeckte er Dutzende Arbeiter, die vor ihren Auftraggebern geflüchtet waren.
Vielen Ausländern werden von ihren Firmen als Druckmittel die Pässe bei der Einreise abgenommen. Oft reisen die Arbeiter zudem mit hohen Schulden ein, weil sie zu Hause Vermittlungsgebühren an Personalagenturen zahlen mussten. So bleibt ihnen gar keine andere Wahl als die Arbeit in der Wüste. Bereits vor sechs Monaten sagte die nepalesische Botschafterin, der Golfstaat sei ein "offenes Gefängnis". Vorige Woche wurde sie zurückberufen.
Für den Emir Tamim Al Thani und seinen Vater Hamad, den Begründer des modernen Katar, wiegen die Enthüllungen schwerer als für jeden anderen Herrscher am Golf. Denn sie stellen das Wunder von Katar in Frage. Kein anständiger Katarer macht sich die Hände schmutzig, über 90 Prozent der Arbeiter im Emirat sind Ausländer. Fast die Hälfte stammt aus Nepal, andere kommen aus Indien, Pakistan oder Indonesien.
Bislang schienen eher die Nachbarn am Golf durch Ausbeutung und unmenschliche Arbeitsbedingungen aufzufallen: Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate mit Dubai oder Abu Dhabi. Katar stellt sich gern als saubere Monarchie mit einer Mission dar. Als ein in Diplomatie, Kunst, Bildung, Sport und Völkerverständigung investierender Kleinstaat, wohlhabend und stabil, eine kleine Schweiz am Golf - auch deshalb trauten viele dem Emirat eine Fußball-WM zu.
Scheicha Musa, Frau des alten und Mutter des neuen Emirs, bat US-Universitäten wie Cornell oder Georgetown, in Doha einen Campus zu errichten. Alljährlich treffen sich auf ihre Einladung die Entwicklungshelfer der Welt zu einer Konferenz. Und bei den "Doha Debates" diskutiert man über die Frage, wie man den Planeten verbessern könne.
In den Baugruben von Katar geht es anders zu. In Lusail City, am Rande der Geröllwüste, hebt sich gerade eine gigantische Retortenstadt aus dem Boden, in der später auch das Endspiel-Stadion stehen wird. Gastarbeiter asphaltieren hier Straßen bei glühender Hitze.
Journalist Pattisson hat in Nepal gerade die Familie von Ganesh besucht. Sie haben ihren Sohn am Flussufer seines Heimatdorfs verbrannt, nach alter Sitte. "Mein Sohn war immer stark und gesund. Er hatte in seinem Leben noch nie einen Husten", sagte der Vater. "Ich möchte das Wort Katar nie wieder hören."
Von Lukas Eberle, Maik Grossekathöfer, Christoph Scheuermann und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 40/2013
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