30.09.2013

SPIEGEL-GESPRÄCH„Jeder hat eine dunkle Seite“

Der schwedische Superstar Zlatan Ibrahimovi#263über eine Kindheit im Ghetto, seine Wut auf Pep Guardiola und die deutsche Fußball-DNA
Mit einer Stunde Verspätung kommt Zlatan Ibrahimović, 31, zum Interview, lässig schlendert Schwedens bekanntester Sportler in die Lobby des Hotels Scandic Park in Stockholm. Er wird begleitet von seiner elf Jahre älteren Frau Helena, einer "evil super bitch deluxe", wie er sagt, einer "üblen Superluxus-Tussi". Die gemeinsamen Söhne sind auch dabei, Maximilian und Vincent, sieben und fünf. Der jüngere trägt Irokesenschnitt und Nerd-Brille. Ibrahimović steckt in abgewetzten Jeans und rotem Kapuzenpullover. Ibrahimović zählt zu den besten Stürmern der Welt. In den vergangenen zwölf Jahren wurde er nur zweimal nicht Meister. Er gewann mit Ajax Amsterdam die niederländische Meisterschaft und mit Juventus Turin, mit Inter und dem AC Mailand jeweils die italienische. Mit dem FC Barcelona holte er den Titel in Spanien, vergangene Saison wurde er mit Paris Saint-Germain, seinem aktuellen Club, Meister in Frankreich. Er schoss in 34 Spielen 30 Tore. Sein Vater kam aus Bosnien nach Schweden, seine Mutter aus Kroatien. Zlatan Ibrahimović wurde in Malmö geboren und wuchs im Problemviertel Rosengård auf. Am 1. Oktober erscheint in Deutschland seine Biografie "Ich bin Zlatan" (Malik Verlag, 22,99 Euro). 675 000 Exemplare wurden in Schweden abgesetzt. Ibrahimović gilt als arrogant, exzentrisch und sperrig. Es werden entspannte 60 Minuten.
SPIEGEL: Herr Ibrahimović, stimmt es, dass Sie sich gut mit Fahrrädern auskennen?
Ibrahimović: Ich denke, das kann man so sagen.
SPIEGEL: Was ist die beste Methode, ein Fahrrad zu klauen?
Ibrahimović: Das hängt ganz vom Schloss ab. Am einfachsten ist es, wenn es dunkel ist und dich keiner sehen kann. Allerdings ist es dann auch nicht so aufregend.
SPIEGEL: Hatten Sie Talent?
Ibrahimović: Ich würde sagen, ich war ein ziemlich talentierter Dieb. Ich habe viele Räder mitgehen lassen.
SPIEGEL: Warum?
Ibrahimović: Nun ja, der Weg zum Fußballplatz war weit, und ich habe mich irgendwann gefragt: Warum zum Teufel läufst du eigentlich immer zu Fuß? Mein Vater hatte kein Geld, um mir ein Rad zu kaufen - da habe ich mir eines genommen. Mir wurde es übrigens später selbst geklaut, während ich in der Schule war. Ich klaute ein anderes. So ging das immer weiter. Einmal stand da ein wunderbares Rad. Es gehörte dem Postboten, und er hatte es nicht abgeschlossen.
SPIEGEL: Der Dummkopf.
Ibrahimović: Ja ... ich meine: nein. Ich war in Wahrheit der Dummkopf. Als der Mann mit der Post im Hausflur verschwunden war, bin ich auf den Sattel gesprungen und weggefahren. Als ich um die Ecke war, habe ich angehalten und in die Gepäcktaschen geschaut. Es waren Briefe drin. Da habe ich mir gesagt: Nein, das kannst du nicht bringen. Ich habe das Rad abgestellt und bin weggelaufen. Ich war jung. Ein Kind.
SPIEGEL: So jung waren Sie nicht mehr, als Sie mit Ajax Amsterdam in der Champions League gespielt und bei Ikea gestohlen haben.
Ibrahimović: Ich war da mit einem Freund. Wir waren auf dem Weg zur Kasse, und einer der Transportwagen, auf dem die Einkäufe lagen, blieb nicht stehen, sondern rollte weiter. Als der Wagen fast an der Kassiererin vorbei war, habe ich ihm noch einen Schubser gegeben.
SPIEGEL: Zu wenig Geld kann nicht der Grund gewesen sein.
Ibrahimović: Es ging um den Kick. Wenn ich heute mit meinen alten Freunden in einen Supermarkt gehe, dann machen die hinterher im Auto ihre Jacken auf, und es fallen lauter Sachen raus. Ich frage die dann, habt ihr sie noch alle? Ich könnte den ganzen Laden kaufen. Aber darum geht es nicht. Die machen das aus Spaß. Wir sind so aufgewachsen. Ich bin vernünftiger geworden, und ich bin reich. Aber meine Herkunft werde ich nie leugnen können. Wie heißt es? Du kriegst den Jungen aus dem Ghetto heraus, aber nicht das Ghetto aus dem Jungen.
SPIEGEL: Haben Sie sich als Jugendlicher oft geprügelt?
Ibrahimović: Ja, oft. Da, wo ich herkomme, ruft man nicht die Polizei, wenn es ein Problem gibt. Das wird anders geregelt.
SPIEGEL: War Alkohol ein Thema?
Ibrahimović: Wenn wir nach dem Gespräch in eine Bar gehen würden, könnte ich ein Glas mittrinken. Aber sich zulaufen lassen? Nein. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich klein war. Ich habe bei meinem Vater gewohnt. Er hat gesoffen. Ich habe einen kritischen Blick auf Alkohol.
SPIEGEL: Ihre Mutter hat Ihnen nicht geholfen?
Ibrahimović: Meine Mutter hat 500 Meter entfernt gewohnt, zusammen mit meiner Schwester und meinem Bruder. Sie hatte ihre eigenen Probleme. Meine Mutter war Putzfrau. Sie kam selber kaum über die Runden. Wenn ich drei, vier Tage nichts Richtiges gegessen hatte, ging ich zu ihr und aß alles, was zu kriegen war.
SPIEGEL: Schule?
Ibrahimović: Manchmal bin ich nur zum Mittagessen hingegangen, manchmal gar nicht. Ich habe lieber Fußball gespielt.
SPIEGEL: Auf dem Platz hatten Sie es leichter?
Ibrahimović: In meinem Viertel, in Rosengård, lebten Türken, Jugoslawen, Palästinenser, Polen. Mit 16 war ich zum ersten Mal in der Innenstadt von Malmö, ich habe nie schwedisches Fernsehen geguckt. Meine Mitspieler bei Malmö FF hießen Mattisson, Persson, Ohlsson. Ich war ein Außenseiter. Mein Trainer wollte, dass ich mannschaftsdienlich spiele, den einfachen Pass gebe. Mehr renne. Ich dachte, fuck you, wenn ich drei Mann ausdribbeln kann, dann dribble ich die aus. Ich werde nie ein echter Schwede sein, warum sollte ich spielen wie einer? Der Trainer hat mich oft ausgewechselt. Meine Mitspieler hatten es einfacher. Die hatten blonde Haare, haben mannschaftsdienlich gespielt und sind gerannt. Mich hat das böse gemacht und zu dem Spieler, der ich bin.
SPIEGEL: Müssen Sie böse sein, um gut zu spielen?
Ibrahimović: Es gab damals keinen, der mir einen Weg gezeigt hätte. Ich musste ihn selbst finden. Wut hat mich angetrieben.
SPIEGEL: Und wie ist es heute?
Ibrahimović: Ich habe das in mir. Es ist nicht einfach, sich jeden Tag zu motivieren. Ich stehe ab und zu morgens auf und denke: Fuck, ich muss wieder spielen. Zum Glück rege ich mich schnell auf, auch über Kleinigkeiten.
SPIEGEL: Als Sie bei Ajax waren, hat Ihnen der ehemalige Stürmer Marco van Basten geraten, niemals auf einen Trainer zu hören. Den Rat haben Sie befolgt, oder?
Ibrahimović: Er hatte gut reden, er ist eine Legende. Van Basten meinte, ich helfe meinem Team, wenn ich angreife. Nicht, wenn ich verteidige. Er hat recht.
SPIEGEL: Verteidigen ist nichts für Sie?
Ibrahimović: Es liegt mir nicht. Wo immer ich hinkomme, regt sich immer jemand darüber auf. Jeder Trainer meint, er weiß es besser. Und bei Ajax lief auch noch Louis van Gaal rum. Der war Technischer Direktor und erklärte mir mit dem Bleistift, wann ich wohin laufen sollte. Ich habe ihm gesagt: Hör mal, Meister, du hast mir gar nichts zu sagen - geh in dein Büro, und schreib Briefe! Mir ging seine Art furchtbar auf die Nerven.
SPIEGEL: Van Gaal hat Sie später gegen den Willen des Trainers verkauft.
Ibrahimović: Ich hatte Streit mit Rafael van der Vaart. Er meinte, ich hätte ihn absichtlich gefoult und verletzt. Ich habe zu van Gaal gesagt: Ich habe mich bei Rafael entschuldigt, aber der hört nicht auf, mich anzumachen; er ist mein Kapitän und attackiert mich - wenn der Typ spielt, spiele ich nicht.
SPIEGEL: Was hat van Gaal geantwortet?
Ibrahimović: Er hat mir befohlen zu spielen. Nein, habe ich gesagt, fuck off. Eine Woche später war ich bei Juventus. Du musst ein Gefühl für deine Mitmenschen besitzen - van Gaal hat das nicht.
SPIEGEL: Pep Guardiola, Ihren Trainer bei Barcelona, haben Sie mal als "Philosophen" verspottet. Was haben Sie gegen den Mann?
Ibrahimović: Guardiola ist ein phantastischer Trainer. Aber als Mensch? Er ist feige. Er ist kein Mann. In den ersten Monaten bei Barcelona lief es gut. Ich habe viele Tore geschossen. Danach ist er mir aus dem Weg gegangen. Hat kaum noch mit mir gesprochen und mich nicht mehr aufgestellt.
SPIEGEL: Warum nicht?
Ibrahimović: Fragen Sie ihn! Ich weiß es nicht.
SPIEGEL: Vielleicht hat er gemerkt, dass Ihre Art zu spielen nicht zu seiner Idee von Fußball passt.
Ibrahimović: Keine Ahnung. Sagen Sie es mir! Wissen Sie, was ich glaube?
SPIEGEL: Was?
Ibrahimović: Dass er mich für Lionel Messi geopfert hat. Und er hatte nicht den Mut, mir das zu sagen. Guardiola hat keine Eier. Messi ist ein brillanter Spieler, gar keine Frage, aber ich habe mehr Tore erzielt als er. Messi hat sich bei Guardiola beschwert, und das ist ein Problem - Messi ist sein Star. Guardiola wollte plötzlich, dass ich nicht mehr neben Messi spiele, sondern vor ihm. Er wollte, dass ich den Platz rauf- und runterlaufe. Ich kann das, aber nicht lange. Ich wiege 100 Kilogramm, nach vier, fünf Sprints bin ich müde.
SPIEGEL: Haben Sie ihm das gesagt?
Ibrahimović: Ich habe ihm gesagt: Wenn ich hier nicht reinpasse, musst du mir das nur einmal sagen - dann bin ich weg. Guardiola hat rumgesäuselt: Ibra, du bist super, du machst alles richtig. Trotzdem hat er mich auf die Bank gesetzt.
SPIEGEL: Wie sind die anderen Spieler mit Guardiola klargekommen, Andrés Iniesta oder Xavi?
Ibrahimović: Das sind gute Jungs, ich habe nichts gegen sie, aber sie haben immer nur genickt, wenn Guardiola etwas gesagt hat. Wie Schüler, die vorm Lehrer stehen. Das ist eine Frage der Persönlichkeit. Beim AC Mailand war ich in einer Mannschaft mit Filippo Inzaghi, Gennaro Gattuso, Mark van Bommel. Wenn der Trainer gesagt hat, wir sollen linksrum laufen, haben wir gefragt: wieso? Er musste uns überzeugen. Wenn ein Trainer das nicht schafft, kann er seinen Job hinschmeißen.
SPIEGEL: Sie haben Barcelona nach einem Jahr verlassen. Sie hätten versuchen können, sich durchzusetzen.
Ibrahimović: Als sicher war, dass ich gehe, habe ich mich gefragt: Du verlässt die beste Mannschaft der Welt - willst du das? Ja, denn ich möchte glücklich sein, und das bin ich nur, wenn mir die Leute um mich herum zeigen, dass sie mich mögen. Guardiola hat das nicht getan.
SPIEGEL: Kann es sein, dass Sie sich nicht unterordnen können?
Ibrahimović: Es ist simpel - ohne Team gewinne ich nichts. Ich muss aber den Platz innerhalb der Mannschaft haben, damit ich mich entfalten kann. Wer mich kauft, kauft einen Ferrari. Wer einen Ferrari hat, tankt Super, fährt auf die Autobahn und gibt Vollgas. Guardiola hat Diesel getankt und eine Tour ins Grüne gemacht. Hätte er sich gleich einen Fiat kaufen sollen.
SPIEGEL: Sie haben bei Inter Mailand unter José Mourinho gespielt, Guardiolas ärgstem Rivalen. Guardiola hat das Image eines Gentleman, Mourinho das eines Straßenköters. Sie sehen das wohl anders.
Ibrahimović: Der Bösewicht ist wenigstens er selbst geblieben. Mourinho hat es nicht nötig, eine Rolle zu spielen. Der andere will perfekt sein. Tiger Woods wollte auch perfekt sein. Und was ist passiert? So ist es auch mit Guardiola. Jeder hat eine dunkle Seite.
SPIEGEL: Wie ist Mourinho?
Ibrahimović: Für José Mourinho wäre ich gestorben. Er ist herausragend. Sehr intelligent, ein unglaublicher Motivator. Guardiolas philosophische Ansprachen in der Kabine aber - das ist Scheiße für Fortgeschrittene. Mourinho kann mit Persönlichkeiten umgehen, er ist in der Lage, aus elf Charakteren eine Mannschaft zu bauen. Guardiola nicht. Und Mourinho hat immer schwierige Jobs angenommen. Guardiola nicht. Sonst wäre er zu Chelsea gegangen. Warum hat er sich für Bayern München entschieden?
SPIEGEL: Sagen Sie es uns.
Ibrahimović: Weil die Mannschaft auch ohne ihn funktioniert. Sie war komplett. Er hat neue Spieler geholt, aber die braucht er nicht. Guardiola hat einen cleveren Zug gemacht, weil in München nichts schiefgehen kann. Er wird sicher Erfolg haben. Paris aber? Ein neues Projekt, alles auf null. Das ist eine Herausforderung. Ich mag das. Mourinho mag das. Guardiola meidet es.
SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, eines Tages in der Bundesliga zu spielen?
Ibrahimović: Warum nicht? Bayern München ist eine erstklassige Adresse. Allerdings erst, wenn Guardiola weg ist.
SPIEGEL: In zwei Wochen trifft Schweden in der Qualifikation zur WM auf Deutschland. Das Hinspiel vor einem Jahr endete 4:4, obwohl Deutschland mit 4:0 in Führung lag. Was ist passiert?
Ibrahimović: Was auch immer, für uns war es schlecht.
SPIEGEL: Wirklich?
Ibrahimović: In der ersten Halbzeit waren wir Statisten, die Deutschen hätten auch mit verbundenen Augen getroffen. Dann habe ich das 1:4 geköpft. Ich habe den Ball geschnappt und zum Mittelpunkt getragen. Es sollte ein Zeichen sein, ich hatte noch Hoffnung, dass es nicht ganz so peinlich ausgeht. Dann fiel das 2:4. Plötzlich begannen wir zu wachsen und die Deutschen zu schrumpfen. 3:4. Ich dachte: Oh, jetzt ist es keine Schande mehr. Mir fiel auf, wie leer die deutschen Spieler waren. Ihnen stand Angst ins Gesicht geschrieben. 4:4. Da wusste ich auch nicht mehr, was los war. Wir schwebten. Nach dem Spiel fühlten wir uns, als wären wir schon bei der WM. Das war ein Fehler.
SPIEGEL: Was war falsch?
Ibrahimović: Wir wähnten uns stärker, als wir sind. Die nächsten beiden Spiele waren schlecht. Wir hätten besser gegen Deutschland verloren und gegen Irland und Österreich gewonnen.
SPIEGEL: Den Deutschen wurde vorgeworfen, sie seien zu brav gewesen. Sie brauchten einen Führungsspieler.
Ibrahimović: Jemanden wie mich? Blödsinn. Deutschlands Fußball-DNA verändert sich gerade. Es fließt jetzt anderes Blut in eurer Mannschaft. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Andreas Brehme und Lothar Matthäus waren fabelhafte Spieler. Aber eure Mannschaft ist nicht mehr diese deutsche Maschine. Sie ist kein Mercedes mehr, sie ist jetzt ein Bugatti. Kreativ. Elegant. Verspielt. Das liegt an den Einwandererkindern, an Mesut Özil und Ilkay Gündogan, an Jérôme Boateng und Sami Khedira. Wie viele Einwohner hat Deutschland? 50 Millionen?
SPIEGEL: Gut 80 Millionen.
Ibrahimović: Leck mich! Was für Möglichkeiten ihr habt. Du brauchst keine Führungsspieler, du brauchst Qualität. Wer ist der Führungsspieler bei Barcelona? Keiner. Und alle. Soll ich Ihnen sagen, wie das in Deutschland ist?
SPIEGEL: Nur zu.
Ibrahimović: Es muss immer etwas geben, worüber ihr jammern könnt. Und wenn euch nichts Besseres einfällt, kommt ihr mit dem Führungsspieler. Ich glaube nicht daran.
SPIEGEL: Womit rechnen Sie im Rückspiel?
Ibrahimović: Wir sind Außenseiter. Alle anderen Spiele in der Gruppe sind wichtiger für uns. Ihr fahrt zur WM, wie immer. Ihr könnt das Ding sogar gewinnen. Es wird aber schwer, Brasilien wird stark sein.
SPIEGEL: Ende vergangenen Jahres wurde das Verb "zlatanera" vom Rat für die schwedische Sprache als neues Wort akzeptiert. Was bedeutet es?
Ibrahimović: Frage ich mich auch. Ich vermute, es beschreibt, wenn du etwas dominierst. Oder etwas auf deine eigene Weise tust. Dann machst du den Zlatan. Es ist verrückt: Ich hinterlasse der Welt ein Wort. Aber so habe ich wenigstens eine bedeutsame Sache getan.
SPIEGEL: Sie haben Ihr eigenes Wort, Sie werden in Liedern besungen, Ihre Biografie war in Schweden eines der erfolgreichsten Bücher überhaupt. Warum sind Sie so beliebt?
Ibrahimović: Ich bleibe mir treu und lasse mich nicht verbiegen. Und ich traue mich, etwas zu versuchen.
SPIEGEL: Das Tor gegen England, der Fallrückzieher aus 25 Metern?
Ibrahimović: Neun von zehn Spielern stoppen den Ball und schießen dann. Ich nicht. Ich habe das Unerwartete getan. Weil ich mir sicher war, dass ich den Ball reinmache. Ich habe an mich geglaubt.
SPIEGEL: Täuscht der Eindruck, oder finden Sie sich toll?
Ibrahimović: Ich bin gern der, der den Unterschied macht. Ich versuche auf dem Platz, eine besondere Situation zu kreieren. Ich will nicht 40 Tore pro Saison schießen, ich will 30 Tore schießen und 20 Vorlagen geben. Ich möchte es machen wie Zinédine Zidane. Er hat seine Mitspieler zu kleinen Zidanes geformt. Das macht ihn zu einem der besten Spieler der Geschichte.
SPIEGEL: Es gibt in Schweden das Jante-Gesetz, das aus zehn Regeln besteht und die gesellschaftlichen Umgangsformen beschreibt. Eine Regel lautet: Du sollst nicht glauben, dass du mehr bist als wir.
Ibrahimović: Alle sind gleich - eine seltsame schwedische Mentalität.
SPIEGEL: Sie genießen es, anders zu sein?
Ibrahimović: Es ist schön, wenn die Leute mich erkennen und auf der Straße ansprechen. Dafür mache ich das doch. Wenn einer sagt, er mag das nicht, lügt er.
SPIEGEL: Real Madrid hat den Waliser Gareth Bale für 100 Millionen Euro Ablösesumme verpflichtet. Ihre bisherigen Clubs haben für Sie zusammengerechnet rund 170 Millionen Euro bezahlt. Sie sind der umsatzstärkste Spieler.
Ibrahimović: Und jetzt wollen Sie wissen, ob ich es wert bin.
SPIEGEL: Sind Sie es?
Ibrahimović: Barcelona hat für mich vor vier Jahren 76 Millionen Euro ausgegeben. Ich war die Summe nicht wert. 100 Millionen für Bale? Auch nicht. Das System ist krank. Die Verträge, die wir bekommen - irre. Kein Fußballer ist dieses Geld wert.
SPIEGEL: Herr Ibrahimović, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Maik Großekathöfer und Juan Moreno.
Von Maik Großekathöfer und Juan Moreno

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