30.09.2013

ARCHÄOLOGIEAttacke der Werwölfe

Forschern zufolge huldigten Hirten aus der Tundra vor 4000 Jahren einem düsteren Opferritual: Sie schlachteten Hunde, warfen sich Wolfsfelle um - und zogen in einen folgenreichen Krieg.
Kaum scheint der Vollmond, beginnt die schaurige Verwandlung: Der Kiefer springt hervor, die Finger werden zu Krallen, Fangzähne schieben sich aus dem Gebiss, und unter grässlichem Jaulen platzt ein haariger Tierleib aus der Kleidung.
Zahllose Filme und Romane haben die Metamorphose des Menschen zum irren Isegrim beschrieben. Bei Harry Potter schnappt der böse Fenrir Greyback am liebsten nach Kindern. Auch Stephenie Meyer ("Twilight") lässt Werwölfe antreten.
Doch schon unsere Ahnen - "wer" steht germanisch für "Mann" - fürchteten sich vor dem Unhold. Der römische Dichter Petronius Arbiter erzählte im 1. Jahrhundert, wie ein Soldat sich in einer Mondnacht auf einem Friedhof seiner Kleidung entledigt und danach zur Bestie mutiert.
Womöglich hat die Geschichte noch tiefere Wurzeln. Der Archäologe David Anthony vom Hartwick College im Bundesstaat New York vermutet, dass der ganze Horror auf ein schamanisches Fest zurückgeht, das vor rund 3800 Jahren bei Fackelschein und Mondlicht in der verschneiten Steppe Russlands zelebriert wurde.
Bronzezeitliche Jungmänner hätten dort, glaubt Anthony, in einem magischen Ritus Hunde geschlachtet und einem Gott geweiht, um sich deren Kraft und Wut einzuverleiben.
Bereits vor einigen Jahren stieß der Gelehrte nördlich des Kaspischen Meeres auf eine seltsame Gebeinhalde. Im US-Fachblatt "Archaeology" wird der Fundort Krasnosamarskoje jetzt vorgestellt: Zwei oder drei Gebäude ragten einst aus dem Grasland. Daneben, in Gruben, kamen Tausende zerhackte Hundeknochen zutage.
Die Schädel der Tiere seien mit Bronzeäxten zu Häppchen zerkleinert worden, berichtet der Ausgräber. Selbst die Schnauzen der Kläffer wurden in drei Teile gespalten - und gebraten. Dass Priester hier eine heilige Handlung vollzogen, belegen zwei verzierte Holzstöcke, die wohl als "Zauberstäbe" dienten. Insgesamt haben Archäologen die Reste von 51 Hunden und bis zu 13 Wölfen freigelegt.
Es gibt eine weitere Merkwürdigkeit: Das Heiligtum liegt im mutmaßlichen Kerngebiet der indogermanischen Ursprache, die vor rund 6000 Jahren in den Weiten des Ostens gesprochen wurde, ehe sie sich zügig ausbreitete. Deutsch, Keltisch, Griechisch, Armenisch oder Persisch - all diese Sprachen sind Ableger jenes Ur-Idioms.
Wie es einfachen Viehhirten aus dem Grasland gelingen konnte, dem halben Erdkreis ihre Mundart aufzudrängen, gilt bis heute als eines der großen Rätsel der Vorgeschichte.
Anthony glaubt, das Geheimnis nun lösen zu können. Er deutet Krasnosamarskoje als "Initiationsplatz". Weil die Steppenbewohner zu wenig Nahrung produzierten, so seine Annahme, hätten sie ihre Söhne in einer Vollmondzeremonie Caniden opfern lassen, ihnen Felle übergestülpt und sie fortgeschickt.
Verwandelt von Teenies zu Kriegern, schwärmten die Trupps aus, fielen - vereint zu ganzen Horden - über Europa her und drängten den Unterjochten ihre Sprache auf.
Eine radikale Idee. Die Frage ist, ob sie so stimmen kann.
Dass in den Weiten des Ostens einst ungestüme Gesellen lebten, steht außer Zweifel. Über Jahrtausende griffen plündernde Stämme das Abendland und den Orient an. In der Antike kamen die Skythen, es folgten die Hunnen, Awaren, Ungarn oder Mongolen.
Auch die Institution des Männerbundes ist für die Geschichte gut belegt. Viele frühe Gesellschaften kannten den Brauch, den Aggressionsdrang ihrer Jungmannen nach außen zu lenken, indem man sie mit Keule oder Schwert auf saisonale Raubzüge schickte.
Der um 1000 vor Christus verfasste altindische Yajurveda erwähnt spezielle "Hunde-Priester", die im Winter an 16-jährigen Knaben eine Erwachsenenweihe vollzogen. Danach gingen die Jungen - schwarz bemalt, im Hundefell - vier Jahre lang auf Plündertour.
Sogar die indogermanische Bezeichnung für derlei Räuberbanden ("koryos") ließ sich rekonstruieren. Wahrscheinlich bestanden die Trupps aus jeweils acht Männern. Falls Anthonys Annahme stimmt, müssten die Überfälle dieser dämonischen Burschen tiefe Spuren im kulturellen Gedächtnis unseres Erdteils hinterlassen haben.
Ob Cerberus, der Höllenhund, oder Romulus und Remus, die Gründer Roms, die aus der Wildnis auftauchten, wo eine Wölfin sie gesäugt hatte - viele Sagen und Bräuche deutet der Forscher als Nachhall der urzeitlichen Invasion aus dem Osten.
Auch die isländische Völsunga saga (1250 nach Christus) liefert ihm Hinweise. Dort wird erzählt, wie der Vater von Held Siegfried einen seiner anderen Söhne in der rauen Natur zum Kämpfer ausbildet. Die beiden maskieren sich dabei mit - Wolfsfellen.
Ende vergangenen Jahres trug Anthony gemeinsam mit seiner Frau Dorcas Brown seine Ansichten auf einem Kongress in Kopenhagen vor. Doch viele Kollegen blieben skeptisch. Die einen glauben nicht an eine "durchgehende Traditionslinie von der Bronzezeit bis zu den Wikingern", so etwa der Kieler Skandinavist Klaus Böldl. Andere fragen, wie die Tierkrieger, bitte schön, damals rund 3000 Kilometer überwunden haben sollen - so weit ist es vom Hundeschlachtplatz bis nach Westeuropa.
Und was machte die einfachen Nomaden und Schafzüchter aus dem Grasland so unwiderstehlich, dass nahezu alle Völker Europas flugs ihre Sprache übernahmen?
Doch Anthony hat auf die Zweifel verblüffende Antworten parat. In der Steppe Eurasiens, argumentiert er, sei um 3500 vor Christus ein neues Arbeits- und Fortbewegungsmittel erfunden worden, das schnell welthistorische Bedeutung erlangte: das gezähmte Pferd.
Fast zeitgleich ersannen die Leute dort eine Karre mit vier Rädern. Es folgten Zügel, Zaumzeug und die bewegliche Deichsel. Um 2000 vor Christus gelang ihnen ein weiterer Coup: Sie entwickelten den zweirädrigen Kampfwagen mit Speichen, Modell Ben Hur.
Was für ein Know-how! Die Voraussetzungen für echten Fortschritt waren gegeben: Gäule konnten Pflüge ziehen, Bollerwagen schwere Güter bewegen. Und die Streitrösser und Rennchaisen revolutionierten alsbald das Kriegswesen im Altertum.
Anthony zufolge waren es diese glänzenden Erfindungen, mit denen die einstigen Steppenbewohner alle begeisterten. Bei ihrem Vormarsch hätten sie kaum zu schießen brauchen. Bewundernd hätten die heimischen Eliten die neue Sachkultur übernommen - und damit auch die Sprache und die Sitten der heranpreschenden Krieger.
Ist das der Grund, warum - von Norwegen bis nach Indien - so viele Sagen um den Wolf kreisen? In einem keltischen Tempel in England kamen Bronzehunde mit langer Schnauze zutage. Das antike Rom feierte in einer Grotte das mysteriöse Fest der "Luperkalien". Dabei ging es um die Abwehr unheilbringender Wölfe.
Auch in den Legenden des heidnischen Nordens klingt das Motiv an. Odin, Gott der Ekstase und des Krieges, kann zugleich wie ein Zauberer Menschen verwandeln. Begleitet wird er von den geifernden Wölfen Geri und Freki (gierig und gefräßig). Sie vertilgen die Leichen auf dem Schlachtfeld.
Beim nordischen Weltuntergang "Ragnarök" tritt gleich eine ganze Truppe von Zähnefletschern an: Erst verschlingen zwei Wölfe den Mond. Dann beißt der Hund Garm einen Gott tot. Schließlich sprengt der monströse Fenriswolf seine Fesseln und vernichtet Odin.
Deutlicher sind die Anklänge im "Haraldslied". Der Preisgesang rühmt die Taten des norwegischen Königs Harald Schönhaar (um 850 bis 933 nach Christus). Zu dessen Soldaten gehörten Leute mit Bärenfellen ("Berserker") sowie solche, die sich mit Wolfspelzen behängten ("Ulfhednar").
Klaus Böldl deutet diese Maskenmänner als "Kriegerelite mit ekstatischen Kompetenzen".
Aber auch die Archäologie liefert neuerdings erstaunliche Befunde. In einer Art Großfahndung hat die Hamburger Professorin Britta Ramminger mehr als tausend vorgeschichtliche Hundeskelette untersucht. Die Ergebnisse sind noch unveröffentlicht.
"Viele Tiere wurden rituell geschlachtet und dann an düsteren Orten abgelegt", erzählt sie. Die Kelten steckten die Tierleichen in Schächte, die Germanen packten sie in Höhlen oder Brunnen.
Auch in Herxheim, einem schaurigen Opferort in der Südpfalz (rund 500 Menschen starben dort, wahrscheinlich bei kannibalischen Riten), wurde Ramminger fündig: Sie entdeckte Caniden mit abgetrenntem Kopf.
Ob David Anthony mit seinem gewaltigen Geschichtsentwurf richtigliegt, möchte die Forscherin allerdings nicht beurteilen. "Dazu wissen wir noch zu wenig." Aber auch sie sieht eine neue, spannende Spur.
Auf elegante Weise verknüpft Anthonys Theorie die Ausbreitung der indogermanischen Sprache mit der Domestizierung des Pferdes. Moderne Gruselgestalten werden aus einem 4000 Jahre alten dämonischen Tierglauben heraus erklärt. Und sogar der Hunne Attila, die "Geißel Gottes", fügt sich nahtlos ins Bild. Dessen Reiterscharen waren ebenfalls in der russischen Steppe gestartet und im 5. Jahrhundert bis über den Rhein gehetzt.
Die Hunnen verstanden sich als Abkömmlinge von Wölfen.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 40/2013
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