07.10.2013

BANKENOffshore am Tiber

Über tausend Kunden, die kein Konto bei der Vatikanbank haben dürften, horteten dort mehr als 300 Millionen Euro - mutmaßlich Schwarzgeld.
Ende Mai standen zwei Deutsche im streng bewachten Inneren der Vatikanbank und blickten hinüber zum Petersplatz. Ernst von Freyberg, 54, war kurz zuvor zum Chef des Geldhauses berufen worden; nun hatte er dem Radio-Vatikan-Redakteur, Jesuitenpater Bernd Hagenkord, ein Interview gegeben. Die beiden Diener der katholischen Kirche zogen eine erste Bilanz: Der Bankchef hatte seine Feuertaufe bestanden.
"Ich bin überzeugt, dass wir eine gutgeführte, saubere Finanzinstitution sind", hatte Freyberg ins Mikrofon diktiert. Er schwärmte von den Morgenmessen mit dem Papst im Gästehaus Santa Marta und fand lobende Worte für die Direktoren der Bank. "Als ich herkam, dachte ich, ich müsste vor allem das tun, was man allgemein als Aufräumen bezeichnet", gab Freyberg preis. "Aber davon kann ich - bis jetzt - nichts entdecken."
Der adlige Bankchef, der sich in seiner Freizeit für die Wallfahrt Behinderter nach Lourdes einsetzt, musste seine Meinung offenbar ebenso schnell wie grundlegend korrigieren. Denn fast parallel zur Ausstrahlung des Interviews waren mehr als 20 Mitarbeiter der US-amerikanischen Unternehmensberatung Promontory Group in den mittelalterlichen Wehrturm Niccolò V eingerückt, um die rund 30 000 Konten zu durchkämmen, die Kunden aus aller Welt bei dem päpstlichen Bankhaus unterhalten. Die externen Prüfer sind auf das Aufspüren von Unregelmäßigkeiten wie Korruption und Geldwäsche spezialisiert.
Die Fachkräfte aus Übersee sollen auch feststellen, wer tatsächlich hinter den Einlagen und Depots bei der Vatikanbank steckt und was auf den einzelnen Konten vorgeht. Den Statuten nach soll das Finanzhaus des Kirchenstaats den Geldern von Geistlichen und religiösen Orden eine Heimat bieten. Doch je mehr sich die Prüfer der Vatikanbank mit den Konten vertraut machten, umso deutlicher wurde, dass eine große Zahl Personen, die eigentlich gar keine Konten bei der Vatikanbank haben dürften, deren diskrete Geschäftspraktiken schätzen.
Dass der Kirchenstaat die Hilfe von Unternehmensberatern in Anspruch nimmt, ist Teil eines Strategiewechsels - weg von der Geheimniskrämerei, hin zu Lauterkeit und Transparenz. Denn mit Affären um seine Bank plagt sich der Vatikan seit deren Gründung im Jahr 1887 als "Kommission für fromme Zwecke". Diese diente dazu, Kirchenvermögen vor den Enteignungsgelüsten des italienischen Staates zu schützen. Über die Konten des später in Istituto per le Opere di Religione (IOR) umbenannten Finanzhauses wurden offenkundig über die Jahrzehnte viele dunkle Geschäfte abgewickelt: So sollen Gelder der sizilianischen Mafia gewaschen, die Aktienmärkte manipuliert und illegale Transaktionen in Milliardenhöhe durchgeführt worden sein.
Eine zentrale Rolle spielte die Vatikanbank auch 1982 beim Zusammenbruch der Mailänder Bank Banco Ambrosiano, dem bis dato größten Bankencrash in der Geschichte Italiens. Deren Präsident wurde kurz darauf erhängt unter einer Londoner Brücke gefunden - ermordet, wie sich herausstellte. In den Neunzigern wuschen italienische Wirtschaftsbosse viele Millionen an Schmiergeldern für Politiker über den Ableger der Kirche.
Ihren jüngsten Höhepunkt erreichten die Skandalnachrichten um das Institut, als im Mai 2012 der damalige Chef der Bank inmitten eines Geldwäscheverfahrens der italienischen Justiz und des "Vatileaks"-Skandals von den Kirchenmännern rüde vor die Tür gesetzt wurde. Dass das Verfahren gegen Ettore Gotti Tedeschi inzwischen eingestellt worden ist, nährt den Verdacht, dass er aus anderem Grund gehen musste: Im Ringen um die Umsetzung internationaler Standards hatte sich Gotti Tedeschi wohl mit anderen Mächtigen im Vatikan überworfen.
Das jedenfalls legt ein vertrauliches Memorandum nahe, das Gotti Tedeschi seiner Sekretärin zwei Monate vor seinem Rauswurf übermittelte. Leitende Angestellte der Bank hätten ihm gesagt, er werde "als derjenige in die Geschichte eingehen, der das IOR zerstört hat", schrieb er.
Absolute Diskretion und der Schutz vor Strafverfolgung durch weltliche Behörden waren lange Zeit die Markenzeichen der Vatikanbank. Erst 2010 hatte sich der Kirchenstaat auf erheblichen Druck der EU darauf eingelassen, Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung auf seinem Territorium zu untersagen.
In seinem Dossier beschrieb Gotti Tedeschi auch das Problem, auf das die Prüfer von Promontory nun stießen: Kunden, die laut Satzung kein Konto bei der Vatikanbank unterhalten dürften - und die "einer der Gründe für die Schwierigkeiten sein könnten, denen wir ausgesetzt sind", schrieb Gotti Tedeschi.
Mehr als tausend Menschen, so zeigt sich nun, tätigten im Schatten des Petersdoms Bankgeschäfte, obwohl sie weder zum Heiligen Stuhl gehören noch einer Kirchenorganisation oder einer wohltätigen Stiftung zuzurechnen sind. Sie profitierten davon, dass im Vatikan keine Steuern zu zahlen sind - und dass sich der Vatikan beim Austausch mit Staatsanwaltschaften äußerst schmallippig gibt. Über Jahrzehnte ging es in der Nachbarschaft des Apostolischen Palasts kaum anders zu als auf den Cayman-Inseln - ein Offshore-Paradies am Ufer des Tiber.
Insgesamt lagen auf diesen Konten, so berichten Insider dem SPIEGEL, noch in diesem Sommer mehr als 300 Millionen Euro. "Zum allergrößten Teil" handle es sich augenscheinlich um Schwarzgeld.
Im Sinne der Aufräumarbeiten ließ der neue Bankchef Freyberg diesen Kontoinhabern einen Brief zustellen. Die wenig frohe Botschaft: Das IOR gedenke, die Geschäftsbeziehung zu beenden. Die geschätzten Kunden müssen ihr Geld nun an einen anderen Ort transferieren.
Ganz offenkundig aber sind nicht nur diese Kunden der Bank problematisch - auch auf den Konten von Würdenträgern der Kurie spielt sich Erstaunliches ab: Bei Monsignore Nunzio Scarano, bis vor kurzem Rechnungsprüfer der päpstlichen Vermögensverwaltung, waren die Verfehlungen so offensichtlich, dass der Geistliche nun in Untersuchungshaft sitzt. Nach Ermittlungen der italienischen Justiz wollte Scarano mit Hilfe eines Geheimagenten 20 Millionen Euro aus der Schweiz einfliegen lassen. "Don 500", wie er im Vatikan wegen seiner Vorliebe für große Geldscheine genannt wurde, unterhielt mehrere Konten bei der Vatikanbank.
Über diese Konten verschob der Priester, der unlautere Absichten bestreitet, innerhalb von ein paar Jahren mehr als fünf Millionen Euro. Dabei wanderte sein Geld bisweilen in kürzester Zeit von einem Steuerparadies in die Vatikanbank und weiter in eine andere Finanzoase. Der Untersuchungsbericht der Finanzaufsicht listete die Transaktionen penibel auf - und kritisierte die Führung der Bank scharf. Offenbar war den Angestellten nicht klar, wann sie einen Verdacht auf illegitime Transaktionen äußern mussten. Der Ton von oben, so monierten die Prüfer, müsse sich ändern.
Freyberg reagierte und zwang den Generaldirektor der Bank sowie dessen Stellvertreter zum Rücktritt: "Es ist klar, dass wir eine neue Führung brauchen, um den Reformprozess zu beschleunigen."
Zum Jahresende will Freyberg, der vergangene Woche erstmals in der Geschichte der Vatikanbank eine Bilanz veröffentlichte, die Aufräumarbeiten abgeschlossen haben. Bis dahin wird sich Papst Franziskus auch entscheiden müssen, wie die Zukunft der Bank aussehen soll. "Manche sagen, es ist besser, dass sie eine Bank ist, manche sagen, sie solle ein Hilfsfonds werden, andere sagen, sie sollte geschlossen werden", skizzierte Franziskus im Juli seine Optionen: "Aber was auch immer die Lösung sein wird, sie muss Ehrlichkeit und Transparenz in sich tragen."
Ehrlichkeit und Transparenz - das scheint ganz auf der Linie von Ernst von Freyberg. Für die Bank und ihre Kunden jedoch ist es ein Kulturschock.
Das Buch "Gottes schwarze Kasse" von SPIEGEL-Redakteur Fidelius Schmid über die Vatikanbank erscheint am 11. Oktober im Eichborn-Verlag.
Von Fiona Ehlers und Fidelius Schmid

DER SPIEGEL 41/2013
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