07.10.2013

SCHICKSALEAlles, was ging

Der deutsche Student Moritz Erhardt war Praktikant bei einer Investmentbank in London. Er arbeitete viel und schlief kaum. Dann brach er zusammen. Sein Leben verlief im rasenden Tempo der Finanzindustrie.
Zwei Wochen nachdem sie ihren Sohn beerdigt haben, steigen Ulrike Erhardt und Hans-Georg Dieterle in Hamburg aus dem Flugzeug. In ein paar Tagen wäre Moritz 22 Jahre alt geworden. Seine Eltern haben beschlossen, mit ihrer Tochter eine Schiffsreise von Hamburg nach Oslo zu buchen. Ulrike Erhardt sagt, vor den Schmerzen, die sie empfinde, könne sie ohnehin nicht fliehen. Es ist egal, wo man nicht schläft.
Moritz war Sommerpraktikant bei der Bank of America Merrill Lynch in London. Sein Praktikum war fast zu Ende, als er am Morgen des 15. August im Badezimmer seiner WG zusammenbrach, an einem Donnerstag. Eine Praktikantin und ein Vice President der Bank fuhren zu seiner Wohnung und fanden ihn unter der Dusche.
Die Nachricht von dem toten Deutschen verbreitete sich zunächst in Banker-Foren. Auf Wallstreetoasis.com schrieb "hawkish2": "Einer der besten Praktikanten im Investmentbanking von BAML, drei Nächte durchgemacht, tauchte danach nicht auf, Herzinfarkt." Das Gerücht, ein junger Banker habe sich tot gearbeitet, schwappte über die BlackBerrys, und am Montag meldete Bloomberg, was in den Büros von der Canary Wharf bis zur King Edward Street schon alle wussten. Die Londoner Boulevardzeitungen jagten ihre Beißhunde los. Am Dienstag stand es in der "New York Times".
Ulrike Erhardt weiß nicht mehr, wie sie die vergangenen Wochen überstanden hat. Die Zeit verschwimmt in ihrem Kopf. In den Tagen nach Moritz' Tod klingelte ein Kamerateam bei den Nachbarn, RTL berichtete, die "Daily Mail" rief auf ihrem Handy an. Anfangs war sie fassungslos, aber irgendwann schrie sie ins Telefon, sie wolle bitte endlich ihre Ruhe.
Sie steht jetzt in einem Hotelzimmer am Hamburger Hafen, nicht weit von der Stelle, wo morgen das Schiff nach Oslo ablegt. Hans-Georg und Annalena, ihr Ehemann und ihre 19-jährige Tochter, sinken in das Sofa. Annalena wird später hinunter ans Wasser gehen, weil sie es immer noch nicht ertragen kann, dass über ihren Bruder als Toten gesprochen wird.
Ulrike Erhardt ist ausgebildete Kinderkrankenschwester, ihr Mann Hans-Georg Dieterle arbeitet als Psychiater und Coach für Führungskräfte. Beide wollten nach der Heirat ihren Nachnamen behalten. Dieterle spricht mit einer tiefen Stimme und denkt lange nach, bis er antwortet. Während des Gesprächs wirkt er ruhiger, distanzierter als seine Frau, die mit dem Schock noch immer kämpft.
Moritz liebte seine Mutter, er hat ihr das oft geschrieben und gesagt. Sie hatte ein inniges Verhältnis zu ihm und staunte über seinen Tatendrang, seine Neugier und die Kühnheit, mit der er durch die Welt ging. Sein Vater ist rationaler. Er nennt Moritz den "Beziehungsstifter".
Beide beschreiben ihn als einen Jungen, der vor Energie vibrierte und der Beste sein wollte. Er wuchs in Staufen im Breisgau auf, einer Kleinstadt südlich von Freiburg, lernte im Schwarzwald Skilaufen, spielte Tennis und Fußball. Moritz warf sich mit seinem ganzen Körper ins Leben und verletzte sich oft. Über seine rechte Wade zog sich eine Narbe von einem Skiunfall, auch ein Kreuzband war gerissen. Als Kind kämpfte er mit Neurodermitis, später mit Asthma. Ulrike Erhardt sagt, das Asthma sei aber verschwunden.
Es wirkte, als führte Moritz ein Leben in der Zukunft. Er wusste vor dem Abitur, was er wo studieren wollte, hatte einen Notenschnitt von 0,8 und war der Jahrgangsbeste auf dem Faust-Gymnasium. Er bekam Preise für seine Leistungen in Englisch, Mathe und Französisch. "Er hat nicht viel, aber dafür sehr effektiv gelernt", sagt seine Mutter. "Der Bursch war einfach begabt", sagt Dieterle.
Moritz wollte ein guter Sohn, Bruder und Schüler sein, der perfekte Junge mit dem bestmöglichen Leben. Er ging sogar zwei- oder dreimal zu Treffen der Jungen Union, nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern aus strategischen Gründen. "Kann im Lebenslauf nicht schaden", sagte er zu seiner Mutter.
Die London School of Economics hätte ihn aufgenommen, er entschied sich aber für die deutsche Provinz. Er hatte in Vallendar bei Koblenz von einer besonderen Privat-Uni gehört. An der WHU, der "Otto Beisheim School of Management", hieß es, studiere die Elite der deutschen Wirtschaft.
Das Wort Elite hören die Studenten dort nicht gern. In den vergangenen Jahren sind einige Bücher und Zeitungsartikel erschienen, die die WHU als Ausbildungsstätte geldfixierter Jungkarrieristen beschrieben. Die Journalistin Julia Friedrichs schildert die WHU in ihrem Buch "Gestatten: Elite" als monokulturellen Kosmos, in dem Menschen wachsen, die sich erstaunlich ähnlich sind.
Einer der Studenten heißt Alexander Hemker, 21, er trägt einen Kapuzenpulli mit dem WHU-Logo, eine randlose Brille, Jeans und Turnschuhe. Er steht an der Theke der Korova Bar, nicht weit vom Burgplatz, und sagt: "Wir sind keine homogene Masse." Alexander ist Semestersprecher für den Abschlussjahrgang 2014 und war mit Moritz Erhardt befreundet. Darüber will er aber nicht reden. In den letzten Wochen wurden er und andere Studenten von Journalisten bedrängt, sie haben beschlossen, Fragen nur schriftlich zu beantworten.
Alexander bleibt vorsichtig, während er von seinem Leben erzählt. Fast alle an der WHU hatten schon mindestens eine Geschäftsidee, bevor sie nach Vallendar kamen. Alexander hat in der Schule einen Anti-Mobbing-Verein gegründet. Seit zwei Jahren studiert er Betriebswirtschaftslehre und Management, das Auslandssemester hat er in Kuala Lumpur verbracht. Interessante Erfahrung, sagt er. Einmal sollte er ein Buch seines malaysischen Professors rezensieren, es ging darin um den Kapitalismus als großes Übel und den Islam als Rettung. Er habe eine sehr ehrliche Kritik geschrieben, sagt Alexander. Er spricht wie ein Anwärter auf den Diplomatischen Dienst.
Immerhin ist er der Erste, der mehr oder weniger freiwillig über seine Uni redet. Er erzählt, dass die Tage an der WHU oft früh beginnen und spät enden. Um acht Uhr an diesem Morgen hatte er eine Vorlesung in Kapitalmarktrecht, jetzt, um 23 Uhr, werde er sich an den Schreibtisch setzen und lernen.
Die WHU verlangt viel von ihren Studenten, aber sie gibt auch viel zurück. Man tritt einer Gemeinschaft Gleichgesinnter bei. Zu Beginn des Studiums veranstalten ältere Semester für die Neuen eine Schnitzeljagd, sie trinken und feiern auch viel auf der Marienburg oder in der Stadt, denn wer etwas leistet, darf sich belohnen. Am Ende bekommt jeder Student ein dickes rotes Buch, in dem die Namen, E-Mail-Adressen und Privatnummern sämtlicher Alumni stehen. Das hilft anschließend bei der Jobsuche.
Moritz betrat die WHU wie einen Traumplaneten. Er fand eine Zweier-WG nicht weit vom Burgplatz und begann 2011 ein Bachelor-Studium in Betriebswirtschaft. Er war nicht mehr der Überflieger wie zu Hause, sondern unter Menschen, die genauso wach und schnell waren wie er. Es war phantastisch, aber auch beängstigend, weil sich der Druck erhöhte. Moritz musste jetzt mehr Kraft aufbringen, um zu den Besten zu gehören.
Am nächsten Vormittag tritt Alexander mit Max und Konstantin ins Goethezimmer der Uni. Max ist Studentensprecher des Bachelor-Jahrgangs 2015, Konstantin Sprecher des Master-Jahrgangs. Nach langem Zaudern haben sie sich entschlossen, einem Reporter den Campus zu zeigen. Sie seien skeptisch, sagt Max.
Es ist nicht einfach, diese drei jungen Männer einzuordnen. Ihre Sätze klingen wie die von Erwachsenen, vernünftig und durchdacht, gleichzeitig sehen die drei noch aus wie große Kinder. Sie veranstalten Dinner mit Leuten von Credit Suisse, tragen im Praktikum Anzug und Krawatte und nennen ihre Erstsemester "Quietschies". Sie stehen da wie ein Vexierbild.
Sie sagen, man brauche Disziplin und die Fähigkeit zur Selbstkontrolle, wenn man an der WHU nicht untergehen wolle. "Es ist alles zu schaffen, wenn man sich die Zeit gut einteilt", sagt Max. "Wir lernen hier, mit dem Druck umzugehen", sagt Konstantin. Sie steigen die Treppe zum Gewölbekeller hinunter, wo abends Banker und Unternehmensberater zu "networking dinners" einladen. Es gibt Alkohol. Der Boden ist noch etwas klebrig vom Networking am Abend zuvor.
Während des Rundgangs fällt häufig der Begriff "Familie". Teamgeist und Anpassungsfähigkeit werden an der WHU belohnt, Kritik eher nicht. In ihrer Traueranzeige lobten die Studenten unter anderem Moritz' beispielhafte Hingabe, mit der er sich für "die Belange der Hochschule und ihrer Angehörigen einsetzte".
Es gibt ein Foto von Moritz aus seiner Zeit an der WHU, es zeigt ihn mit verschränkten Armen, sehr viel Gel im Haar, gestreiftem Hemd, Krawatte und Hosenträgern. Er sah aus wie Gordon Gekko, das Bild wurde nach seinem Tod dutzendfach gedruckt. Alexander sagt, das Foto sei aber bei einer Mottoparty entstanden. Das Motto hieß "Nerds".
Moritz' Familie hätte nichts dagegen, wenn Freunde nicht nur privat, sondern auch öffentlich etwas Nettes über den Sohn erzählen würden, "damit nicht nur alte Säcke wie ich reden", sagt Hans-Georg Dieterle. Aber niemand hat das bisher getan. Vielleicht hatten sie zu wenig Zeit. Die Studenten der WHU befassen sich wieder mit Kapitalmarktrecht und planen die nächsten Praktika. Vergangene Woche war Merrill Lynch zur Firmenpräsentation eingeladen. Max schrieb nach der Begegnung auf dem Campus in einer Mail an den SPIEGEL, sie hätten beschlossen, sich doch nicht mehr über Moritz zu äußern, auch schriftlich nicht. Sie wollten "mit dem Thema seelisch abschließen".
Hans-Georg Dieterle tritt mit verschränkten Armen ans Fenster. Hinter der Glasscheibe stürzt der Boden 17 Etagen tief hinab. Links liegt die Hamburger Hafenstraße, wo in den Achtzigern der Staat und seine Gegner aufeinanderprallten. Dieterle fühlt sich an seine Zeit in Freiburg erinnert, in der er als Student gegen die Politik der alten BRD protestierte. Er lächelt. Damals habe er sich vor Demonstrationen mit Kugelschreiber die Telefonnummer eines Rechtsanwalts auf die Hand geschrieben, für den Fall, dass ihn die Polizei festsetzt.
Wer aus Wut nach draußen auf die Straße geht, reibt sich am System, er will, dass es sich ändert. Womöglich gehört die Hitze, die bei der Reibung entsteht, zum Erwachsenwerden, sie formt Menschen zu Bürgern. Hier unterschieden sich der Vater und der Sohn. Moritz war kein Feigling, sondern zu umtriebig, um Zeit auf Demos zu vergeuden.
Dieterle hat sich in den letzten Wochen viel mit seinem Sohn beschäftigt, aus dem traurigsten Anlass, den es für einen Vater geben kann. Erst vor ein paar Tagen hat er sich getraut, Moritz' Laptop aufzuklappen. Er ging mit der forensischen Genauigkeit eines Psychiaters vor, während er Fotos suchte. Als ginge es um ein Gutachten. Dieterle hat eine Vorliebe für Sinnsprüche von Denkern und Philosophen, und als er in den Laptop sah, stellte er fest, dass er diese Vorliebe weitervererbt hatte. Auf Moritz' Rechner fand er eine Zitatensammlung mit einem Spruch von Marilyn Monroe: "I don't want to make money, I just want to be wonderful." Ich will kein Geld machen, ich will nur wunderbar sein. Dieterle schmeckt dem Satz noch eine Weile hinterher, als könnte Marilyn erklären, was mit seinem Sohn geschehen ist.
Er und seine Frau kannten sich mit Privat-Unis nicht aus, den Namen der WHU hatten sie noch nie gehört. Die Banker-Welt war ihnen fremd. Sie wussten zwar, wie mies deren Ruf ist, sie konnten ja fast täglich in der Zeitung lesen, wie das Finanzwesen Menschen veränderte, nachdem der große Crash 2008 die Fassaden weggerissen hatte. Allerdings dachten sie dabei nie an ihren Sohn. Ulrike Erhardt sagt, Moritz wollte ein paar Jahre lang hart arbeiten und dann etwas Gutes tun. Warum hätten sie ihn bremsen sollen?
Die 30 000 Euro für sein Bachelor-Studium konnten sie sich nicht leisten, sagt Dieterle. Moritz bekam die Hälfte der Studiengebühren erlassen, den Rest finanzierte er über einen Generationenfonds, in den Ehemalige der WHU einzahlen.
Im Sommer 2012 machte er bei der Unternehmensberatung KPMG in Frankfurt am Main ein Praktikum, Anfang dieses Jahres begann sein Auslandssemester. Er hatte sich für Ann Arbor im US-Bundesstaat Michigan entschieden, einer College-Stadt westlich von Detroit.
Moritz kam im Winter an. Jetzt wärmen die letzten Strahlen der Herbstsonne die Luft über dem Asphalt. Die Jungs von Beta Theta Pi werfen sich im Vorgarten ihres Wohnheims ein paar Rugby-Bälle zu, auf einem Grill zischen Steaks. Gleich ums Eck, in einem Quader aus Glas, Beton und Stahl, sind die Seminarräume und Hörsäle der Stephen M. Ross School of Business untergebracht. Drinnen ist die Luft neutral und kühl.
Moritz Erhardt hat vier Monate an der Ross School studiert, es war eine weitere Etappe auf seinem Weg nach oben, von dem alle dachten, dass er geordnet weitergehen würde. Er saß häufig in der großen Mittelhalle des Glaskastens mit schwarzen Stühlen und schwarzen Tischen, an denen Studenten in den Bildschirm ihres Laptops starren.
Eine Wirtschaftsschule wie Ross belohnt Schnelligkeit, Ausdauer und Entschlossenheit. Müßiggang bestraft sie. Studenten pressen Energie und Geld ins Studium, dafür erwarten sie, dass nach drei Jahren die Türen vieler Firmen aufspringen. Wenn es gut läuft, funktioniert eine Wirtschaftsschule wie ein Katapult.
Die Gespräche beginnen meistens so:
"Hey, wie geht's?"
"Ziemlich busy, und du?"
Oben, in der ersten Etage, warten ein halbes Dutzend Erstsemester in einer Sitzgruppe. Sie sind 18 oder 19 Jahre alt und sehen nicht aus, als würden sie sich jemals die Telefonnummer eines Anwalts auf die Hand schreiben. Die Jungs tragen scharf geschnittene Anzüge, die Mädchen Kostüme und Schuhe mit Absätzen. Alle paar Minuten laufen zwei ältere Studenten die Treppe hoch, sie sind Anfang zwanzig, und führen den nächsten Kandidaten nach unten, in eine gläserne Kabine. Sie trainieren hier Bewerbungsgespräche, aber es wirkt, als planten ernste Kinder die Übernahme der Weltherrschaft. Wenn man etwas darüber nachdenkt, kommt einem der Gedanke: genau darum geht es ja.
Ein paar Schritte weiter zieht Lynn Perry Wooten eine Bürotür hinter sich zu und setzt sich an einen Besprechungstisch in einem fensterlosen Raum. Sie ist Professorin für Strategie, Management und Organisationen, hat Moritz unterrichtet und kannte ihn ganz gut. Neben ihr kontrolliert die PR-Frau der Uni eine Stoppuhr. Wooten hat 30 Minuten für Moritz.
Er habe sich in Ross schnell eingelebt, erzählt sie. "Die meisten Leute in meinem Kurs sahen in ihm einen Freund, sie wuchsen als Gemeinschaft zusammen." Am Ende sagte er, sie sollten ihn alle zu Hause besuchen kommen, in Staufen.
Die Ausbildung in Ross orientiert sich eng an echten Problemen von Firmen. Wooten nennt es "action based learning", sie sagt, in Ross werde weniger frontal unterrichtet als in Deutschland. Moritz arbeitete unter anderem für einen amerikanischen Supermarkt eine Expansionsstrategie nach Kanada aus.
Wooten trug zudem jedem Studierenden auf, ein Nutzerprofil bei Seelio.com anzulegen, einer Karriereplattform für Studenten. Eine Rubrik heißt dort "Philosophy Statement". Man sollte sich ein paar Gedanken über sich selbst machen.
Moritz wollte wahrhaftig sein, ehrlich und klar. Sein Philosophie-Statement, das nach seinem Tod gelöscht wurde, ist ausgedruckt zwei Seiten lang. Aus dem Aufsatz spricht die Stimme eines 21-Jährigen, der sich seiner Schwächen bewusst war.
"Ich bin schon früh äußerst konkurrenzbetont und ehrgeizig gewesen", schrieb Moritz. "Manchmal war ich allerdings etwas zu ehrgeizig, was Verletzungen zur Folge hatte." Sein Vater habe ihm empfohlen, seine Interessen besser zu fokussieren. Moritz schrieb: "Ich habe versucht, einen Schritt nach dem anderen zu machen." Er sah die Welt durch die Perspektive eines Wettkämpfers. Moritz wollte sich bremsen, zumindest schrieb er das.
Das Problem ist, dass in Ross eine normale Arbeitswoche 60 Stunden haben kann. Die Überforderung ist Teil des Konzepts. Moritz lernte, effizient zu sein, zielgerichtet, schnell. Er hatte keine Chance auf Verlangsamung. "Er dachte strategisch, analysierte Wirtschaftsprobleme auf brillante Weise und konnte sich hervorragend ausdrücken", sagt Lynn Wooten. Er erreichte Höchstpunktzahlen und fiel wieder als einer der Besten auf.
Ulrike Erhardt sitzt mit dem Rücken zum Fenster im Hotelzimmer. Ihr Mann ist mit dem Aufzug nach unten gefahren, um zu rauchen. Sie schweigt eine Weile, dann sagt sie, sie sei dankbar, dass Moritz nach Ann Arbor noch einmal nach Staufen gekommen sei, anstatt in Frankreich ein Praktikum zu machen. Moritz war sechs Wochen lang zu Hause und kochte für seine Eltern und seine Schwester Pasta mit Scampi oder Hackfleischsauce.
Moritz sei wärmer, herzlicher aus den USA zurückgekehrt, sagt sein Vater, nachdem er wieder oben ist. Gleichzeitig sorgte sich Moritz über seine Leistung an der WHU. Er dachte darüber nach, sein Amt als Semestersprecher aufzugeben, weil er glaubte, zu viel nebenbei erledigen zu müssen. "Ich könnte überall Einsen haben, wenn ich den Job als Semestersprecher nicht hätte", sagte er.
Moritz war ein Athlet, dessen größter Gegner er selbst war. Ihm machte der Wettkampf Spaß, aber man fragt sich, wovon dieser Junge angetrieben wurde. Woher kam der Ehrgeiz? Seine Mutter schaut nach rechts zum Sofa und sagt lächelnd, von ihrem Mann sicher nicht.
Wenn man die beiden beobachtet, sieht man ideale Eltern, eine deutsche Familie. Sie haben ihren Sohn nicht angepeitscht, das übernahm er selbst. Hätten sie Moritz mäßigen müssen? Wie viel Kontrolle hätte er ihnen überhaupt gestattet?
"Ich glaube, dass ich als Mensch mehr Erfolg haben werde, wenn ich mich auf ein einziges Ziel konzentriere", schrieb Moritz in seinem Philosophie-Statement. "Konkret gesprochen: Mein primäres Interesse besteht darin, mich selbst kontinuierlich zu verbessern und nach Exzellenz zu streben." Anfang Juli packte er zwei Koffer und flog nach London.
Die Bank of America Merrill Lynch hat ihre Büros im Osten der Stadt in einem sechsstöckigen Gebäude nicht weit von der St-Paul's-Cathedral entfernt. Die Teams, für die Moritz arbeitete, sitzen in Großraumbüros in der vierten und fünften Etage. Moritz kannte die Bank, weil er dort im Jahr zuvor eine Woche lang hospitiert hatte. "Ich habe schon 20 Freunde in London", erzählte er seinen Eltern.
Eine Investmentbank ist kein gutmütiges Wesen, sie ist ein Tier. Man muss gewappnet sein. Moritz hatte Ehrgeiz, Charme und Durchsetzungswillen für einen ganzen Bus voller Praktikanten. Er bekam, was er wollte, aber womöglich hat er übersehen, dass Zeit vergehen muss, bevor aus Menschen Helden werden.
Ein Analyst in einer Investmentbank schreibt vor allem Powerpoint-Präsentationen, die sein Boss vor Kunden halten wird oder auch nicht. Er steht unten in der Hierarchie des Großraumbüros, erstellt Unternehmensprofile, recherchiert Zahlen und erhebt Daten über Konkurrenten. Das Einstiegsgehalt für einen Analysten im ersten Jahr bei Merrill Lynch liegt bei 45 000 Pfund, knapp 54 000 Euro, dazu kommt ein variabler Bonus, dieses Jahr um die 20 000 Pfund. Niemand bezweifelt, dass Moritz Erhardt einen dieser Jobs bekommen hätte.
Diesen Sommer begannen rund 40 junge Frauen und Männer ihr Praktikum in der Investmentsparte. Moritz mietete sich ein Zimmer in einer Fünfer-WG im Claredale House, einem Studentenwohnheim 25 Busminuten von der Bank weg.
Nach allen Schilderungen aus der Bank war Moritz einer der beliebtesten Praktikanten dieses Sommers. "Mama, die Stadt ist phantastisch", schwärmte er am Telefon. Moritz fühlte sich wohl, weil er Leute hatte, denen er vertrauen konnte, zumeist Deutsche, die in London lebten. Außerdem kannte er zwei WHU-Absolventen bei Merrill Lynch. Er arbeitete viel, freitags feierte er in den Londoner Clubs, so erzählte er es seiner Mutter. Eine feste Freundin hatte er nicht, aber er war beliebt bei Frauen. "Die Freude, die er während seiner Zeit in London hatte, und den Stolz, in der Finanzindustrie zu arbeiten, waren nicht zu übersehen", schrieb ein Kollege später.
Am Sonntagnachmittag, dem 11. August, sah Ulrike Erhardt ihren Sohn das letzte Mal auf Skype. Er gefiel ihr nicht.
"Moritz, du siehst blass aus. Schläfst du genug?" - "Ja, Mama."
Er wolle noch rasch Schuhe kaufen, dann müsse er wieder in die Bank. Er hatte noch zwei Wochen vor sich, aber woran er arbeite, sagte er, dürfe er nicht erzählen. Er bat seine Mutter noch, ihm bei der Bewerbung für ein Stipendium zu helfen, dann endete das Gespräch.
Moritz schrieb dann noch drei E-Mails aus London, die letzten beiden am Dienstag und am Mittwoch. Beide gegen fünf Uhr morgens. Moritz' Eltern sagen, sie wissen, dass er auch am Donnerstag erst gegen fünf nach Hause kam. Das alles beweist noch nicht, dass er tatsächlich so lange in der Bank war. Aber es sind Indizien einer Überforderung.
Es ist jetzt still im Hotelzimmer. Moritz starb am 15. August, die Urne mit seiner Asche liegt auf einem Friedhof in der Nähe von Staufen. Hans-Georg Dieterle und seine Frau haben sieben Wochen nach dem Tod ihres Sohnes noch erstaunlich wenig über die Umstände erfahren. Sie wollen trotzdem nicht spekulieren, weshalb er gestorben ist. Der Obduktionsbericht ist noch nicht geschrieben.
Menschen, die Moritz kannten, erzählen, dass er mehrere epileptische Anfälle in den vergangenen Jahren hatte. Eine Theorie lautet, dass sein Körper durch zu wenig Schlaf geschwächt wurde, dass er in der Duschkabine einen Krampfanfall erlitt, ohnmächtig wurde und unter dem laufenden Wasser ertrank. Auch das muss aber belegt werden, und die Bank will Spekulationen über mögliche Nachtschichten ihres Praktikanten nicht kommentieren. Ulrike Erhardt sagt, sie würde gern erfahren, an welchem Projekt Moritz bis zuletzt so lange saß. Doch auch dazu sagte die Bank bis jetzt nichts.
Wenn es aber stimmen sollte, dass Moritz so viele Nachtschichten gemacht hat: Warum gab es niemanden, der ihn beiseite nahm und nach Hause schickte?
Was fühlen die Eltern? Wut?
"Absolut nicht", ruft Hans-Georg Dieterle. Er sagt, es habe ihn tief berührt, wie effizient, professionell und leise sich die Leute von Merrill Lynch in London und Frankfurt um alles kümmerten. Er benutzt mehrmals das Wort "Wärme". Als er nach Moritz' Tod zum ersten Mal dessen WG-Zimmer im Claredale House betreten habe, sei alles erstaunlich sauber und aufgeräumt gewesen.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 41/2013
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