07.10.2013

KORRUPTIONBlonde Bombe

Gepflegte Geschäfte: Ein deutscher Konzern, zu dem auch der Waffenhersteller Sig Sauer gehört, soll in Indien für Aufträge geschmiert haben.
In der weitgehend ungeschriebenen, aber überfälligen Kulturgeschichte der E-Mail sollte ein Kapitel auf keinen Fall fehlen: wie die E-Mail dem Menschen ganz neue Möglichkeiten eröffnete, sich besonders dämlich anzustellen. Sehr zu empfehlen wäre da als Beispiel die Mail des indischen Waffenlobbyisten Abhishek Verma vom 8. Juli 2011, die an seine engste Mitarbeiterin und Ehefrau Anca Neacsu ging.
Darin heißt es zu dem in diesen Kreisen stets aktuellen Thema Bestechung: "Du sollst nicht darüber schreiben, dass man Regierungsmitarbeiter mit Essen, Getränken und in der Sex-Stellung 69 bedient. Das alles sollte der mündlichen Kommunikation vorbehalten bleiben. Aufgeschrieben werden sollten nur dienstliche Dinge, die nichts mit $$$ an Entscheidungsträger zu tun haben."
Bleibt noch zu sagen, dass Verma die Mail darüber, was man in Mails auf keinen Fall schreiben sollte, besser auf keinen Fall geschrieben hätte. Sie liegt heute, wie viele weitere Dokumente, indischen Ermittlern vor, und sollte stimmen, was darin steht, bringt sie eine Waffenschmiede in deutschem Besitz in Schwierigkeiten: Sig Sauer. Der US-Pistolenhersteller, der den Unternehmern Michael Lüke und Thomas Ortmeier aus Emsdetten gehört, ist nach dem Rheinmetall-Konzern (SPIEGEL 39/2013) schon die zweite Firma, die bei der Beschaffung von Aufträgen in Indien die Dienste von Verma genutzt hat. Und in diesem Fall lassen die Indizien für schmutzige Geschäftsanbahnungen kaum an Klarheit zu wünschen übrig - dank der Erfindung der E-Mail.
Verma und seine Frau Anca sitzen seit Sommer 2012 im Gefängnis, es geht um Korruption und den Verrat von Staatsgeheimnissen beim Verkauf von Waffen an die indische Regierung. Wem das zu technisch klingt, der könnte es mit Vermas Hang zur plastischen Sprache aber auch anders sagen: Anca Neacsu, eine gebürtige Rumänin, erwies sich offenbar als blonde Bombe von besonderer Durchschlagskraft in indischen Ministerien, Verma selbst als Granate bei der Kundenakquise.
So auch bei Sig Sauer, einem der weltgrößten Ausrüster für Polizei und Armee, der in Indien mit Pistolen und Sturmgewehren ins Geschäft kommen wollte. Die Zusammenarbeit sicherte sich Verma offenbar im Mai 2011, als er Sig-Sauer-Chef Ron Cohen in Indien nach allen Regeln der Kunst umgarnte: Zunächst, so protzte Verma am Tag danach in einer Mail, verwöhnten livrierte Diener den Gast in Vermas Villa mit Champagner der Marke Krug, Jahrgang 1990. Beim abendlichen Gala-Dinner ließ Verma indische Tanzgruppen auftreten, während es "rosa Champagner und ein Acht-Gänge-Menü in einem kleinen Kreis von Botschaftern ... und Politikern an meinem Pool" gab. Schließlich endete die Party um zwei Uhr morgens nach entspannten Männergesprächen: "Wir redeten über gute Weine, gute Frauen, unsere schlechten Erfahrungen mit fetten Frauen." So jedenfalls schildert es der Mann, der in Indien den Spitznamen "Lord of War" trägt, in seiner Mail.
Kurz danach gründete Sig Sauer mit Verma ein Joint Venture, das als Geschäftszweck offiziell "IT-Service und Software-Entwicklung" angab - von Waffen keine Rede. In Wahrheit ging es aber offenbar um nichts anderes, und bei jedem Geschäft sollte Vermas Firma zehn Prozent verdienen. Vor allem für sein "Umfeld-Management", wie er seinen Service gern nannte.
In einer Mail an einen Mitarbeiter ging der Lobbyist schon bald mögliche Sig-Sauer-Deals durch: Die Armee wolle leichte Sturmgewehre kaufen. Offenbar kein Problem, denn das technische Pflichtenheft lege dafür ein "Colonel" fest, der ganz offen als "unser Mann" bezeichnet wird. Auch bei Pistolen für die Armee und Nahkampfwaffen für eine Air-Force-Spezialeinheit könne man sehr wahrscheinlich nachhelfen, damit die Ausschreibung auf Sig-Sauer-Waffen zugeschnitten werde.
Für besonders schwierige Fälle verließ sich der indische Waffenhändler offenbar auf seine Frau Anca. Am 22. Juni 2011 hatte sich ein Direktor des Innenministeriums, zuständig für die Beschaffung, intern beklagt, dass Sig Sauer noch nicht geliefert habe. Der Deal sei gefährdet. Doch Verma, so heißt es in einem internen Papier, habe binnen einer Stunde einen Vertrauten im Ministerium angerufen, der in dem Schreiben nur als "VIP" auftaucht, als Very Important Person. Der soll den aufgebrachten Einkaufschef umgehend wieder auf Linie gebracht haben. Und um ihn zu besänftigen, erschien demnach nur eine Stunde später Neacsu mit den gewünschten Entschuldigungsschreiben in der Behörde - offenbar der Beginn einer fruchtbaren Freundschaft.
Ein paar Tage später nämlich traf sich Neacsu ausweislich dem SPIEGEL vorliegender Dokumente mit dem Chefbeschaffer zum Abendessen im Hyatt Neu-Delhi und arbeitete für Sig Sauer einen Fragenkatalog mit ihm ab: welche Ausschreibungen demnächst anstünden, ob der Innenministeriale Sig Sauer auch bei der Polizei in Neu-Delhi ins Geschäft bringen könne und sein Ministerium bei Polizeibehörden zweier Bundesländer Einfluss habe.
Der Einkaufschef, so lassen Mails vermuten, tat sein Bestes, mit Rückendeckung von oben: Denn auch ein Unterstaatssekretär setzte sich eifrig für das Gelingen von Aufträgen an Sig Sauer und die Schwesterfirma Swiss Arms ein, versprach, notfalls dafür "die Peitsche zu schwingen". Eine weitere Mail von Vermas Frau Anca an Sig-Sauer-Chef Cohen im November 2011 legt sogar nahe, dass der ominöse "VIP", der alle Hindernisse aus dem Weg räumte, Einfluss ganz oben im Ministerium hatte: Der Unterstaatssekretär, frohlockte Verma nämlich, habe "Instruktionen vom (VIP) Innenminister erhalten". Dieser offenbar hochrangige Kontakt im Innenministerium habe ihm in einem Gespräch persönlich versichert, dass damit alle Probleme bei einem Auftrag über 262 Sig-Sturmgewehre gelöst seien. Ein "schönes Erntedankfest". All das müsse natürlich sehr vertraulich bleiben.
So wie die verdächtigen Zahlungen: in einem Fall 50 000 Dollar, höchst diskret gezahlt, für "Geschäftsentwicklung in Indien". In einem als "Secret" gekennzeichneten Papier heißt es zudem über einen "VIP", er wolle die erste Hälfte der vereinbarten Summe von 220 000 Dollar sofort, die zweite, wenn er mit seinem Einsatz Erfolg habe.
Das indische Innenministerium bestritt auf Anfrage jede Form von unsauberen Geschäften mit Sig Sauer. Eine Überprüfung habe ergeben, dass der Kauf von Sig-Sauer-Sturmgewehren voll und ganz den bewährten Regeln der Beschaffung entsprochen habe. Verma wollte zu den Vorwürfen nichts sagen. Sig Sauer und Swiss Arms ließen eine Anfrage unbeantwortet. Auch der deutsche Miteigentümer von Sig Sauer und Swiss Arms, Michael Lüke, äußerte sich nicht. Dabei hatte auch er Vermas exklusive Gastfreundschaft genossen, bei einem Trip nach Neu-Delhi im Dezember 2011, mit "Gala-Empfang und Cocktails zu Ehren von Herrn Michael Lüke", in Gegenwart von "Armeegenerälen und Regierungsbeamten", wie es im Besuchsprogramm hieß. Lüke profitierte offenbar von Vermas gutgepflegten Freundschaften, er traf den Unterstaatssekretär, den Verteidigungsminister.
Noch schwerer dürfte sich Sig-Sauer-Chef Cohen in Amerika mit Erklärungen tun. Vor allem bei einer Mail von der Sorte, die man besser nicht verfasst. Im Juli 2011 schrieb ein Verma-Mitarbeiter, Cohens Sekretärin habe sich gemeldet. Offenbar war ihr Chef wenig erfreut: Er verstehe ja, dass die Inder so mit den Amtsträgern umgehen müssten, aber die Amerikaner und Europäer könnten das wohl kaum. Und gerade bei solchen Mails, wie Neacsu sie geschrieben habe, da dürfe der Chef einer Firma doch niemals im Verteiler stehen.
Von Jürgen Dahlkamp, Jörg Schmitt und Wieland Wagner

DER SPIEGEL 41/2013
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