07.10.2013

FUSSBALLKönig und Knecht

Katar, Gastgeber der Weltmeisterschaft 2022, lockt mit viel Geld Spieler und Trainer ins Land. Auch Zahir Belounis, Stéphane Morello und Abdeslam Ouaddou sind in das Emirat gegangen. Nun erleben sie einen Alptraum.
Zahir Belounis sitzt in seinem Haus in Katar auf dem Sofa und überlegt, ob es nicht vernünftig wäre, sich umzubringen.
"Ich liege oft nachts im Bett und heule. Heule wie ein Mädchen. Ich denke dann, Selbstmord ist die einzige Möglichkeit für mich, die Sache zu beenden. Dass es keinen anderen Weg gibt, um frei zu sein."
Grundlos lächelt er. Belounis wohnt jenseits der Wolkenkratzer von Doha, nahe der Landmark Shopping-Mall, es ist Ende September, früh um elf, und das Thermometer zeigt bereits 40 Grad. Zahir Belounis ist Franzose, 33 Jahre alt und Fußballprofi, ein Stürmer, er hat in der Schweiz gespielt, dritte Liga.
Vor sechs Jahren ist er nach Katar gekommen, auf die öde Halbinsel am Persischen Golf, in das reichste Land der Welt, Gastgeber der Weltmeisterschaft 2022.
"Ich dachte damals, ich hätte den Jackpot gewonnen. Heute stehe ich vor dem Nichts. Mein Leben ist ruiniert."
Er hält die Hände zwischen den Knien, seine Pupillen wandern umher wie Suchscheinwerfer, er ist unrasiert, die Wangen sind eingefallen, das Gesicht eines verzweifelten Mannes. Auf dem Tisch vor ihm liegen Briefe, Akten, Urkunden.
Belounis zeigt seinen Vertrag, abgeschlossen mit dem Verein der katarischen Armee, als Berufsfußballer im Rang eines Senior Civil Technician, eines leitenden Technikers. Unterschrieben hat er für fünf Jahre, der Vertrag endet am 30. Juni 2015. Ihm stehen 24 400 Rial im Monat zu, umgerechnet macht das 4950 Euro.
Es findet sich auf den vier Seiten keine kleingedruckte Zeile, es gibt keine Lücke, keine Stolperfalle, trotzdem hat er seit 27 Monaten kein Geld bekommen.
"Ich bin kein berühmter Spieler, ich bin nicht reich. Freunde aus Frankreich überweisen mir Geld, damit wir über die Runden kommen. Meine Ersparnisse sind in fünf, sechs Monaten aufgebraucht. Keine Ahnung, wie es dann weitergehen soll."
Er würde gern mit seiner Frau und den Kindern ins nächste Flugzeug steigen und sich einen neuen Verein suchen, aber dieser Weg ist versperrt. In Katar gilt das Kafala-System, jeder Gastarbeiter hat einen Bürgen, in der Regel ist das der Arbeitgeber, und ohne dessen Zustimmung darf er nicht aus dem Land.
Belounis bekommt kein Ausreisevisum, sein Club lässt ihn nicht ziehen.
Er hantiert an seinem Mobiltelefon herum, er wartet auf einen Anruf von der französischen Konsulin, vom Anwalt, irgendwer muss ihm doch helfen können. Das Handy bleibt stumm.
"Ich bin hier gefangen", sagt Belounis. "Katar ist mein Knast."
Katar inszeniert sich gern als aufgeklärte Monarchie, als Land, in dem Tradition auf Moderne trifft, das sich als Sportnation einen Namen machen möchte. Bis zur Weltmeisterschaft in neun Jahren will das Emirat weit über 100 Milliarden Euro investieren für Straßen, Hotels, Stadien.
Es ist ein Trugbild, das da in der Wüste flimmert. Katar ist ein Staat von 300 000 wohlhabenden Bürgern und 1,7 Millionen Immigranten, die die Arbeit machen. Vergangene Woche veröffentlichte die britische Zeitung "Guardian", dass 70 Nepalesen seit Anfang 2012 starben, weil sie auf den Baustellen schuften mussten wie Sklaven. Und nach Angaben von Human Rights Watch sitzen sieben Europäer und Amerikaner gegen ihren Willen in Katar fest. Einer von ihnen ist Zahir Belounis, der Fußballer.
Freitags und samstags spielt die Qatar Stars League, eine Liga mit 14 Mannschaften. Vier Ausländer dürfen für jedes Team auf dem Platz stehen, häufig sind es verglühende Sterne aus Europa und Südamerika, die sich noch mal die Taschen vollmachen. Der Spanier Raúl ist gerade die große Nummer, sechs Millionen Euro soll er im Jahr verdienen.
Raúl wird in Katar hofiert wie ein König. Belounis gedemütigt wie ein Knecht. Er hat für den Armee-Club in der zweiten Liga gespielt, nach drei Jahren unterschrieb er seinen aktuellen Vertrag, der Verein mietete ihm ein Haus und stellte ein Auto vor die Tür. Er war Kapitän und führte seine Mannschaft in der Saison 2010/11 zum Aufstieg.
Belounis räuspert sich, blickt zu Boden. "Dann fing der Alptraum an", sagt er.
Für die erste Liga wurde sein Club neu gegründet, er heißt al-Dschaisch. Belounis sagt, er habe in der Saisonpause im Internet gelesen, dass zwei neue Spieler verpflichtet werden sollen, ein Brasilianer und ein Algerier. "Ich dachte: Hey, wir werden eine gute Truppe sein." Aber dann habe ihn der Manager zu sich gerufen und gesagt, man brauche ihn nicht mehr, er müsse den Verein wechseln, für ein Jahr zurück in die zweite Liga.
"Ich war enttäuscht. Aber ich habe mitgemacht. Weil er garantiert hat, mein Vertrag bleibe gültig. Er hat mir versprochen, mein Gehalt zu übernehmen, obwohl ich woanders spiele. Er hat gelogen." Jeden Monat habe er auf sein Geld gewartet, jede Woche bei al-Dschaisch angerufen, stundenlang auf der Geschäftsstelle ausgeharrt. Nichts geschah.
Vergangenen Oktober hat sich Belounis einen Anwalt genommen, und im Februar hat er vor dem Verwaltungsgericht in Doha geklagt, Fall 47/2013. Er verlangt unter anderem eine Entschädigung in Höhe von 364 350 Rial, das sind 74 000 Euro. Für diese Summe würde Raúl sich wahrscheinlich nicht die Stutzen hochziehen.
"Ich habe nichts Böses getan", sagt Belounis. "Nichts, nichts, nichts. Ich verlange nur das, was mir zusteht."
Wenn Belounis spricht, überschlagen sich seine Worte hin und wieder, und im nächsten Augenblick bricht seine Stimme weg. Der Generalsekretär des Clubs habe gesagt, er bekomme sein Ausreisevisum erst, wenn er die Klage fallen lasse. Man habe ihm ein Schreiben zur Unterschrift vorgelegt, in dem es hieß, er, Zahir Belounis, kündige seinen Vertrag. Wenn er kündigt, muss der Verein ihn nicht auszahlen.
Der Club habe ihm sein Auto abgenommen und vor vier Wochen ausrichten lassen, er müsse bald 4000 Euro im Monat für das Haus bezahlen. "Wie soll das gehen? Die wollen mich weichkochen."
Belounis hat die französische Botschaft eingeschaltet, und er wollte in einen Hungerstreik treten, aber davon hat ihm sein Anwalt abgeraten. Er hat sogar den französischen Präsidenten um Hilfe gebeten, er traf François Hollande für 20 Minuten, als der im Juni in Katar eine Schule einweihte. "Der Präsident meinte, ich solle stark bleiben. Er meinte, er werde schon eine Lösung finden. Es ist nichts passiert."
Seit einem Jahr hat Zahir Belounis nicht mehr Fußball gespielt, zuerst hat er sich noch fit gehalten, aber das macht er jetzt nicht mehr. Er schläft lange, zieht die Vorhänge im Haus selten auf, er guckt viel fern und hat angefangen zu rauchen, 20 Zigaretten am Tag.
Er steht auf, nimmt den Wagen seiner Frau und fährt ins Zentrum zu Stéphane Morello, einem der wenigen Freunde, die ihm geblieben sind. Die zwei wollen besprechen, was sie als Nächstes unternehmen in ihrem Kampf um Gerechtigkeit.
Auch Morello ist Franzose, 51 Jahre alt, im Mai 2007 ist er in Doha eingetroffen, am 2. August verpflichtet ihn das Nationale Olympische Komitee als Trainer des SC al-Schahanija, die Mannschaft spielte in der zweiten Liga. 11 280 Rial im Monat, 2285 Euro, Taschengeld in Katar. Seit drei Jahren versucht er, Katar zu verlassen.
In seinem Haus müsste dringend jemand Staub wischen, im Wohnzimmer hängt Picassos "Guernica" schief an der Wand. Stéphane Morello trägt einen Anzug aus Leinen, er raucht Kette. "Die Katarer - das ist die reinste Mafia", sagt er.
Sein Vertrag mit dem Olympischen Komitee galt nur für ein Jahr, verlängerte sich aber automatisch immer wieder um ein Jahr, wenn keine Partei spätestens 30 Tage vor Ablauf gekündigt hatte.
Nach dem ersten Jahr wechselte Morello den Verein, das Olympische Komitee Katars vermittelte ihn an al-Schamal, einen Absteiger aus der Qatar Stars League. Am 22. Oktober 2008 fing er an, am 7. Januar 2009 feuerte ihn der Club. Der Club, nicht das Olympische Komitee, sein eigentlicher Arbeitgeber.
Morello bat das Komitee, einen neuen Club für ihn zu suchen; er forderte es auf, sein restliches Gehalt auszuzahlen, aber es war wie in einer Geschichte von Franz Kafka: Man schickte ihn von einem Büro in das andere und wieder zurück. Keiner fühlte sich zuständig.
Am 27. Juni 2010 war seine Geduld am Ende, er kündigte von sich aus den Vertrag nach Artikel 51 des Arbeitsgesetzes und verlangte vom Generalsekretär des Olympischen Komitees, in den nächsten 14 Tagen ausreisen zu können. Er bekam keine Genehmigung.
Mittlerweile unterrichtet Stéphane Morello an einer Grundschule 25 Stunden pro Woche Französisch und Mathematik, "mehr oder weniger illegal", wie er sagt. "Ich weiß nicht, warum Katar mir das antut", sagt er. "Ich weiß nur, dass ich in die Heimat zurückmöchte."
Dabei soll ihm ein Marokkaner helfen, der in einer ähnlichen Lage war, es aber geschafft hat, aus Katar rauszukommen.
Abdeslam Ouaddou läuft über die Place Stanislas in Nancy, am 21. November 2012 ist er zurückgekommen aus Katar. "Ein barbarisches Land. Nie wieder werde ich dort einen Fuß auf den Boden setzen", sagt er. "Wenn Katar die WM austragen darf, wird es eine WM der Sklavenhändler sein. Eine WM der Schande."
Sein Fall liegt beim Weltverband des Fußballs, bei der Fifa, Referenznummer 12-02884/mis.
Ouaddou hat einen geschorenen Kopf, ist dünn wie ein Strich und komplett in Schwarz gekleidet. 68 Spiele für die Nationalmannschaft hat er gemacht, als Verteidiger, er hat in England für den FC Fulham gespielt und mit Olympiakos Piräus in der Champions League.
Im Juli 2010 wechselte er zum SC Lachwija nach Katar, sofort in der ersten Saison gewann der Club die Meisterschaft, und Ouaddou war es auch, der die Trophäe überreicht bekam. Dennoch musste er danach zum SC Katar wechseln; ohne Ablösesumme, ohne Leihgebühr. Und ohne Mitspracherecht. Ouaddou wollte nicht gehen, aber der Manager sagte ihm, es sei der ausdrückliche Wunsch des Prinzen, und der Wunsch des Prinzen sei nicht verhandelbar.
Sein Vertrag galt noch zwei Jahre, aber schon nach der ersten Saison beim SC Katar sortierte man ihn aus. Ouaddou weigerte sich, einen Auflösungsvertrag zu unterzeichnen, weil er in Form war, weil er spielen wollte. Als erste Maßnahme suspendierte die Clubführung ihn vom Mannschaftstraining.
Dann strich sie Ouaddou aus dem Kader, er bekam kein Trikot. Als sich die übrigen Spieler und die Vereinsoberen zum Mannschaftsfoto versammelten, stellte er sich demonstrativ dazu, in T-Shirt, breitbeinig, die Hände in den Hüften; als Zeichen, dass er sich nicht unterkriegen lässt. Die Funktionäre tragen weiße Gewänder und lachen.
Ouaddou wollte ausreisen, bekam aber kein Visum. Am 27. September schaltete er die Fifa ein, aber erst als er ankündigte, an die Öffentlichkeit zu gehen, gab der Club nach. "Der Generalaufseher des Clubs hat etwas zu mir gesagt, das ich nie vergessen werde: Ouaddou, du bekommst dein Visum, aber ich verspreche dir, es wird fünf oder sechs Jahre dauern, bis die Fifa ein Urteil in deiner Angelegenheit fällen wird. Wir haben in der Fifa großen Einfluss."
Abdeslam Ouaddou zuckt mit den Schultern, läuft durch Nancy und wartet. Ein Jahresgehalt steht noch aus; vorletzten Dienstag hat ihm die Fifa ein Fax geschickt, es heißt, die Ermittlungen seien beendet, immerhin das.
Er sagt, er habe Belounis geraten, auch die Fifa einzuschalten, wisse aber nicht, ob es ihm nütze. "Mein Name hat mich gerettet. Ich konnte weg, weil ich ein bekannter Spieler bin. Zahir ist das nicht."
Ouaddou hat keinen neuen Verein gefunden, er unterstützt nun den Internationalen Gewerkschaftsbund. In dieser Woche wird er in Wien am "Welttag für menschenwürdige Arbeit" eine Rede halten, wird über "moderne Sklaverei in Katar" sprechen. Er setzt sich auch für die Kampagne "Re-run the vote" ein, die erreichen will, dass die Fifa die WM 2022 neu vergibt.
Sein BlackBerry klingelt, aber Ouaddou geht nicht ran. Er sagt, er erhalte Drohanrufe, die Nummer sei stets unterdrückt, und jemand warne ihn davor, Stimmung gegen Katar zu machen, sonst kriege man ihn. Zwei- oder dreimal die Woche telefoniert er mit Zahir Belounis. "Er ist depressiv. Ich versuche, ihn davon abzuhalten, auf dumme Ideen zu kommen." Auch mit Stéphane Morello spricht er regelmäßig.
An einem Freitagabend kurz vor Sonnenuntergang soll Morello für ein Foto zur Corniche von Doha kommen, aber er taucht nicht auf. Stattdessen schickt er eine SMS; er wolle sich nicht fotografieren lassen, niemand müsse wissen, wie er aussehe. Er habe Angst, er müsse sonst büßen.
Zahir Belounis erscheint pünktlich. Er setzt sich auf eine Mauer, hinter ihm dümpeln Daus auf dem Wasser, die Skyline der Stadt flirrt, man hört das Rattern eines Abbruchhammers.
"Katar hat die WM verdient - schreiben Sie das", sagt Belounis. "Schreiben Sie das, bitte. Ich weiß nicht, wie lange ich noch in diesem Land leben muss. Vielleicht komme ich nie hier weg. Ich befürchte, der Richter kriegt Druck vom Scheich. Was wird dann aus mir? Aus meiner Familie? Also, bitte, schreiben Sie es."
Die katarische Fußball-Liga, die Vereine und das Nationale Olympische Komitee äußerten sich nicht zu den Fällen. Der Fußball-Verband teilte mit, man habe "den höchsten Respekt für jedes Individuum".
Von Maik Grossekathöfer

DER SPIEGEL 41/2013
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