14.10.2013

„Die Partei ist aus der Spur“

Ministerpräsident Kretschmann, 65, beansprucht mehr Mitsprache bei den Grünen im Bund.
SPIEGEL: Herr Kretschmann, lohnen sich die Sondierungsgespräche mit der Union?
Kretschmann: Darum geht es nicht. Wir sind doch alle zusammen verpflichtet, eine Lösung zu finden. Irgendwer muss ja das Land regieren. Wir müssen aufhören mit Koalitionswahlkämpfen, sonst kommt es zu Polarisierungen und Fragmentierungen, die die Politik beschädigen. Schauen Sie doch in die USA, wo sich die Lager derart blockieren, dass das Land Schaden nimmt. Das ist ein abschreckendes Beispiel.
SPIEGEL: In der Sache ging es bisher eher um Positionen der Parteien, die jedem Zeitungsleser bekannt sein dürften.
Kretschmann: In diesen Sondierungen geht es nicht vorrangig um Positionen und programmatische Schnittmengen, sondern eher darum zu erörtern, ob und in welchen Bereichen Bereitschaft zu Bewegung vorhanden ist. In diesen Gesprächen jenseits der althergebrachten Lager müssen sich alle bewegen. Und wir müssen erkennen, wer sich womöglich wohin bewegt.
SPIEGEL: Halten Sie es wirklich für denkbar, dass die Sondierungskommission der Grünen vorschlägt, Koalitionsverhandlungen mit der Union aufzunehmen?
Kretschmann: Wenn das nicht im Grundsatz denkbar wäre, hätte man nicht sondieren dürfen. Das sind keine Höflichkeitsbesuche.
SPIEGEL: Joschka Fischer sagt, in dem gegenwärtigen Zustand wäre Schwarz-Grün für Ihre Partei ein Kamikaze-Unternehmen.
Kretschmann: So kann man die Dinge nicht angehen. Das Land muss regiert werden. Man muss als Politiker ja auch in außergewöhnlichen Situationen handeln. Allerdings habe ich schon vor den Sondierungen gesagt, dass es schwierig wird, tatsächlich zu Koalitionsverhandlungen mit der Union zu kommen. Wir haben verloren, orientieren uns gerade inhaltlich wie personell neu. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen für eine neue Koalition im Bund.
SPIEGEL: Manche Grüne werfen Ihnen vor, die Partei sei Ihnen herzlich egal.
Kretschmann: Das ist doch abstrus. Ich bin Mitbegründer der Grünen.
SPIEGEL: Sie pflegen das Bild des Außenseiters, der seiner Partei die Wirklichkeit erklären will.
Kretschmann: Vielleicht pflegen Sie das Bild, ich nicht. Ich war viele Jahre lang in der Minderheit, richtig. Heute bin ich der erste grüne Ministerpräsident - also kann man nicht gerade sagen, unser Weg sei erfolglos gewesen. Mein Landesverband ist der mit Abstand erfolgreichste unserer Partei.
SPIEGEL: Aber genau diese Attitüde scheint viele Grüne zu nerven.
Kretschmann: Es stimmt schon, dass man uns immer mal mit spitzen Fingern anfasst. Das irritiert mich auch. Unsere Erfolge kommen ja nicht von ungefähr. Aber der Zuspruch wächst.
SPIEGEL: Sind Ihnen die Grünen außerhalb Baden-Württembergs egal?
Kretschmann: Nein, natürlich geht nichts ohne die Partei. Aber der Blick in die Gesellschaft ist genauso wichtig. Was passiert denn, wenn man immer nur Mehrheiten auf dem nächsten Parteitag sucht, aber die Mehrheiten in der Bevölkerung vergisst? Dann geht es uns so wie bei der Bundestagswahl: Wir bleiben im Zehn-Prozent-Turm. In Baden-Württemberg sind die Grünen so stark, weil sie immer die Gesellschaft mit im Blick haben.
SPIEGEL: Warum können Sie das nicht in den Bund exportieren?
Kretschmann: Das wüsste ich auch gern. Ich werde mich jedenfalls dafür einsetzen, dass sich das endlich ändert.
SPIEGEL: Müssen wir jetzt dauerhaft mit dem Bundespolitiker Kretschmann rechnen?
Kretschmann: Ich bleibe in der Provinz. Aber ich werde mich mehr in die Bundespolitik meiner Partei einmischen.
SPIEGEL: Die Freude bei den Grünen hält sich bisher in Grenzen.
Kretschmann: Bei manchen vielleicht. Das wird auch nicht einfach. Die Partei ist aus der Spur geraten. Sie hat Politik zu lange entlang der alten Protestlinien gemacht. Aber die Zeiten haben sich geändert. Viele Unternehmen haben es verstanden, profitieren von ressourcen- und energieschonender Produktion, machen gute Geschäfte mit Umwelttechnologien. Wir sollten vielmehr eine Partnerschaft zur Wirtschaft pflegen - kritisch, aber konstruktiv. Die ökologische Modernisierung läuft zu einem Gutteil über die Unternehmen.
SPIEGEL: Ihre Kandidatin Kerstin Andreae, die für diesen Ansatz steht, ist bei der Wahl zur Fraktionschefin gescheitert. Ein schwerer Rückschlag?
Kretschmann: Sie ist mit dieser Orientierung angetreten und nicht gewählt worden. Ich sehe das gelassen. Von einem Rückschlag kann nicht die Rede sein. Wir haben doch erst angefangen, bestimmte Dinge bei den Grünen wieder in die Spur zu kriegen. Wir haben im Übrigen mit Katrin Göring-Eckardt eine erfahrene Frau an der Spitze der Fraktion, die meine Unterstützung hat.
SPIEGEL: Sie geben also nicht auf?
Kretschmann: Ich gebe überhaupt nicht auf. Das habe ich noch nie getan.
Interview: Ralf Beste, Florian Gathmann
Von Ralf Beste und Florian Gathmann

DER SPIEGEL 42/2013
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