14.10.2013

Klassenkampf

HOMESTORY Warum es falsch ist, Kinder spät einzuschulen
Die Schule war noch eine feindliche Macht, als meine Mutter entschied, dass ich "ein Jahr länger spielen" sollte. Die Schule war das System. Die Schule war Konformismus. Die Schule war mehr als der Ernst des Lebens.
Spielen dagegen war gut, das war das Argument meiner Mutter. Spielen war Autonomie. Spielen war Widerstand gegen das Funktionieren im Kapitalismus.
Es waren eben die siebziger Jahre. Rasen betreten verboten. Knurrige Hausmeister mit soldatischem Gestus. Angst und Autorität. Das war die Welt, vor der meine Mutter mich schützen wollte.
Ich lief also noch ein Jahr länger nackt durch den Münchner Kindergarten, warf mit meinem Essen, wenn ich wollte, und Narzissmus war der schmale Grat zwischen sozial akzeptablem Verhalten und Anarchismus.
Es waren lustige, ernste, ideologische Jahre. Meine Mutter las Simone de Beauvoir, Shere Hite und Karl Marx, es ging um Freiheit, Sex und Klassenkampf. Sie trug eine lilafarbene Latzhose und hennarote Locken und wirkte wie eine Frau, die sich alle Mühe gibt, wie ein Automechaniker auszusehen, der in einen Farbtopf gefallen ist.
Meine erste Lehrerin hieß dann tatsächlich Frau Schrankenmüller und wollte mich umerziehen, anders kann man das nicht nennen, vom Links- zum Rechtshänder. Sie hatte auch ein langes Lineal aus Holz drohend auf ihrem Schreibtisch liegen, aber sie benutzte es nie, es war eine Erinnerung an alte Zeiten.
Ich blieb Linkshänder, und in der Schule funktionierte ich. Überhaupt schien das Funktionieren durch den antiautoritären Imperativ eher befördert worden zu sein. Am Ende studierten fast alle meine Freunde Jura oder Betriebswirtschaft - und keiner studierte Soziologie.
An all das muss ich denken, wenn ich mich mit Freunden unterhalte, die ihre Kinder ein Jahr später in die Schule schicken wollen. Natürlich sagen auch sie meistens den Satz, dass das Kind "noch ein Jahr länger spielen" solle. Aber der Satz wirkt irgendwie falsch. Er wirkt auswendig gelernt. Er wirkt wie eine Entschuldigung.
Das sind schließlich Eltern, die sich dauernd Gedanken darüber machen, welche Schule die beste für ihr Kind ist und welche Lehrerin in der besten Schule die beste ist. Es sind Eltern, deren Kinder Englisch lernen, seit die Kinder zwei Jahre alt sind, die Geige lernen, seit sie drei sind, Yoga, Ballett oder Hockey. Ein Programm bis abends um halb sechs.
Kinder, ich weiß, sind ein Luxusgut, Kinder sind eine Lifestyle-Entscheidung, Kinder fügen sich in das Lebenskonzept der Eltern. Anders gesagt: Der Narzissmus der siebziger Jahre war einer der Kinder. Der Narzissmus von heute ist einer der Eltern.
Denn was sie tatsächlich sagen, diese Anwälte, Journalisten, Künstler, die mir nie als antiautoritäre Spät-Hippies aufgefallen waren, in ihren Anzügen, mit ihren Krawatten, in ihren Business-Kostümen, in ihren Lederjacken und Trenchcoats, immer pünktlich, die Kinder ordentlich: Wir wollen noch ein Jahr lang verreisen, wann und wohin wir wollen.
Sie sagen das ohne schlechtes Gewissen, warum auch. Sie sind die bürgerlichen Kinder des antibürgerlichen Aufstands. Hedonismus statt Klassenkampf, so ist der Lauf der Zeit. Also im September noch nach Sizilien, im Dezember nach Sri Lanka, im Mai nach Mallorca. Das ist unser Leben.
Wenigstens ein Jahr noch Freiheit, verstanden als Ferienmachen. Ein Jahr lang Unabhängigkeit auf diesem Level. Ein Jahr lang tun, was man will, wenn man es denn einrichten kann. Vielleicht ist das, was sie machen, sogar eine Art unbewusster Widerstand gegen die G-8-Tempoverschärfung.
Und ich weiß ja wirklich nicht, ob sie recht haben oder nicht. Ich weiß nicht, was es ändert, wenn Max, Marlene oder Mia ein Jahr später eingeschult werden. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich ein Jahr früher in die Schule gekommen wäre. Ich weiß nicht, ob ich wirklich "ein Jahr länger" gespielt habe und was das genau bedeuten würde.
Ich weiß nur, warum wir unsere Tochter früher eingeschult haben, mit fünf, und ganz ohne einen höheren Grund: Wir haben einfach gedacht, dass es gut ist für sie, dass sie darauf jetzt Lust zu haben scheint, dass sie gern lernen will und dass wir das unterstützen.
Das ist der unideologische Pragmatismus, der mir von den ideologischen siebziger Jahren geblieben ist. Manchmal fühle ich mich damit wohl und manchmal nicht. Manchmal glaube ich, dass ich dadurch freier bin, und manchmal, dass ich verzagter bin.
Nur eines frage ich mich: ob die Eltern den Widerspruch wenigstens bemerken, den Widerspruch zwischen einem Satz, der aus einer anderen Zeit ist, und ihrem eigenen Leben.
Für mich lässt sich dieser Unterschied leicht beschreiben: Ich glaube, anders als meine Mutter, dass die Schule kein feindlicher Ort ist.
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 42/2013
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