14.10.2013

Das Lügen-Gebäude

Armut oder Prunksucht - bei Papst Franziskus und dem Limburger Bischof entdecken deutsche Katholiken die zwei Gesichter des Klerus. Im Fall des Franz-Peter Tebartz-van Elst kann der Pontifex zeigen, wie ernst es ihm mit einer Reform der Kirche ist.
Kraftvoll läuten die Glocken von St. Georg, als Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst über den Limburger Domplatz auf seine neue, im Bau befindliche Residenz zugeht. In respektvollem Abstand begleiten ihn sein Privatchauffeur und drei indische Nonnen.
Es ist ein schöner Sommertag mit blauem Himmel. Vor der Baustelle wartet ein SPIEGEL-Redakteur, in der Hand einen kleinen Fotoapparat, der auch als Videokamera funktioniert und das folgende Gespräch aufzeichnet. So beginnt im Sommer 2012 eine Begegnung, die seit Monaten die Hamburger Staatsanwaltschaft beschäftigt.
Schnell kommt die Rede auf den jüngsten Indien-Besuch von Tebartz-van Elst. Handwerker am Bau hatten von Edelsteinen berichtet, die der Bischof von dort für seine neue Privatkapelle mitgebracht habe.
Tebartz-van Elst: Ich bin ausschließlich aus Gründen da gewesen, ... weil wir dort auch den Ärmsten der Armen helfen wollen ...
SPIEGEL: Aber ich habe doch hier gesprochen mit den Leuten, die Edelsteine einfassen, polieren und schleifen.
Tebartz-van Elst: Also, es werden viele Märchen erzählt. Ich habe keine Edelsteine in Indien gekauft. Ich habe auch mit diesen Dingen nichts zu tun.
...
SPIEGEL: Aber erster Klasse sind Sie geflogen.
Tebartz-van Elst: Business-Class sind wir geflogen ...
Dann empfiehlt sich der Bischof und entschwindet mit seinem Gefolge.
Am vorigen Donnerstag verkündete die Hamburger Staatsanwaltschaft ihre Meinung zu dem Limburger Dialog. Sie beantragte einen Strafbefehl gegen Tebartz-van Elst. Wenn im Hamburger Amtsgericht nicht noch ein Wunder geschieht, wird er als erster Bischof, der von einem Strafgericht verurteilt wird, in die bundesdeutsche Kirchengeschichte eingehen.
Denn Tebartz-van Elst hatte an Eides statt versichert, er habe gegenüber dem SPIEGEL nicht behauptet, Business-Class geflogen zu sein - und gegen die Darstellung der Redaktion geklagt. Vorige Woche war das Video für die Staatsanwaltschaft offenbar Zeugnis genug: Der Kirchenmann hatte nach ihrer Überzeugung gelogen.
"Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten", lautet das achte Gebot. Gelten für einen Bischof andere Gesetze? "Du sollst nicht stehlen", heißt es außerdem im Alten Testament - doch in Limburg fühlen sich viele Gläubige betrogen, seit die wahren Kosten für die neue Bischofsresidenz bekanntwurden: rund 31 Millionen Euro.
Selten hat ein Oberhirte aus der Provinz für mehr Aufsehen gesorgt als Franz-Peter Tebartz-van Elst. ARD und ZDF schalteten Sondersendungen wie nach einem Tsunami, Millionen Menschen diskutierten über die Doppelmoral, die die weltgrößte Religionsgemeinschaft wieder einmal mit der Frage nach der Glaubwürdigkeit ihrer Kurie konfrontierte.
Die Kirche und das Geld: Ein alter Konflikt bricht in diesen Wochen neu auf, und das hat nicht nur mit der Residenz des Bischofs zu tun.
Seit Jorge Mario Bergoglio im Vatikan die Geschäfte führt, erleben deutsche Katholiken eine Kirche mit zwei Gesichtern. In Rom predigt Papst Franziskus Armut und Bescheidenheit und lebt dies mit beeindruckenden Gesten vor. Und in Deutschland verkörpert Tebartz-van Elst die unter seinesgleichen noch immer verbreitete Prunksucht.
Eine Kirche, zwei Weltbilder: auf der einen Seite eine alte, mächtige Amtskirche, die sich selbst genügt, auf Repräsentation setzt, die reine Lehre verteidigt und die Auseinandersetzung mit dem modernen, säkularen Leben scheut. Auf der anderen Seite geht es um Apostel-Nachfolger, die sich nicht hinter die Barockfassaden ihrer Bischofspalais zurückziehen, sondern an die Ränder der Gesellschaft gehen; zu den Armen und Beladenen, so wie es ihnen im Neuen Testament aufgetragen ist.
Die Richtungsfragen betreffen auch die Finanzen der Kirche. Nervös verfolgen Bischöfe von der Isar bis zum Rhein jede Predigt, jede Demutsgeste ihres neuen Vorgesetzten in Rom. Schließlich geht es jetzt um ihre Pfründen, um Milliardeneinnahmen aus Kirchensteuern und Dotationen, die sie vom Staat als Entschädigung für Anfang des 19. Jahrhunderts enteignete Kirchengüter erhielten und bis heute erbittert verteidigen (SPIEGEL 24 und 30/2010, 40/2011).
Schon einmal mussten die deutschen Exzellenzen einen Angriff der Kurie ertragen. Zwei Jahre ist es her, dass Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschland-Besuch mahnte, die Kirche müsse sich "entweltlichen". Es sei besser, sie wäre "von ihrer materiellen und politischen Last befreit". Die Enteignung von Kirchengütern habe einst "zur Läuterung wesentlich beigetragen". Doch den frommen Worten folgten keine Taten.
So leicht kommen die hiesigen Würdenträger unter Franziskus womöglich nicht davon. Denn der neue Pontifex hat schnell und unmissverständlich klargemacht, was er sich wünscht: "eine arme Kirche für die Armen".
Aufmerksam dürften die Bischöfe deshalb beobachten, welches Schicksal ihrem Limburger Bruder durch Rom beschieden werden wird. Kommt ein Machtwort, das ihn seines Amtes enthebt? Oder nur ein milder Tadel für einen verirrten Sünder? Am kirchlichen Strafmaß wird sich ablesen lassen, wie viel Luxus die Kurie unter Jorge Mario Bergoglio noch gestattet.
Der Umgang mit Gottes teurem Diener in Limburg wird aber auch ein früher Testfall für den Papst. In den ersten sieben Monaten seines Pontifikats hat sich der Argentinier vor allem durch Gesten und Predigten profiliert. Er begann damit schon in der ersten Minute, als er nach seiner Wahl auf den Balkon des Petersdoms trat: im schlichten Gewand, ohne jenen Prunk, den sein Vorgänger so sehr liebte. An den folgenden Tagen mussten die Kardinäle erleben, dass nicht sie, sondern Müllmänner und Wachleute des Vatikans die ersten Frühmessen mit dem Neuen feiern sollten.
In der Substanz jedoch hat Bergoglio, 76, bislang nichts geändert. Noch ist nicht ausgemacht, ob es bei Ankündigungen und Anekdoten bleibt, die die Welt begeistern - oder ob er den eigenen Weisheiten tatsächlich folgt und die Kirche auf eine Art reformiert, wie es seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor 50 Jahren nicht mehr geschehen ist.
Franziskus wird sich diese Woche mit den Vorgängen an der Lahn befassen. Am Donnerstag lässt er sich vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, Bericht erstatten. Für die Zukunft des Limburger Bischofs sind mehrere Szenarien denkbar: Entweder reicht er ein Rücktrittsgesuch ein; oder der Papst legt ihm den Rücktritt nahe; er könnte ihn entlassen oder versetzen - oder Tebartz-van Elst bleibt im Amt. Letzteres könnte der Deutsche mit einer Auszeit oder einer anderen demutsvollen Geste flankieren.
Die Kirche nimmt sich Zeit. Als 2000 Jahre alte Institution lässt sie sich den Rhythmus ihrer Entscheidungsfindung nicht vom Blitzlichtgewitter der modernen Mediengesellschaft diktieren. So war es bei den Skandalen um den sexuellen Missbrauch, die Piusbrüder und Benedikts islamkritische Regensburger Rede. Stets brauchten die Gottesleute quälend lange Wochen, um den angerichteten Schaden zu begreifen und Antworten für das verstörte Publikum zu finden.
So war es auch vorige Woche, als es um den richtigen Umgang mit dem Limburger Lügen-Gebäude ging. Ungeduldig hatten sich am Donnerstag Fotografen, Kameraleute, Journalisten in der Bundespressekonferenz versammelt. Doch statt der im politischen Betrieb Berlins sonst üblichen Rücktrittsforderungen und statt harter Urteile über Missmanagement und Verschwendung bekamen sie einen freundlich lächelnden älteren Herrn zu hören und zu sehen: Fast eine halbe Stunde lang sprach Robert Zollitsch, der neben der Deutschen Bischofskonferenz auch das Erzbistum Freiburg leitet und den Pressetermin schon vor Wochen vereinbart hatte, über die Ökumene und über "geistliche Gesprächsprozesse", die er und seine Brüder so erfolgreich in ihren Diözesen angestoßen hätten.
Nur nebenbei offenbarte er sein Verständnis von Krisen-PR: "In Kürze" werde eine Prüfungskommission ihre Arbeit aufnehmen. "Wie lange die Untersuchung dauert, kann ich nicht sagen", so Zollitsch. Nicht einmal die Namen der Kommissionsmitglieder wollte er verraten: "Sie sollen in Ruhe arbeiten können." Allerdings sei bereits zu spüren, wie bedrückend die Situation geworden sei.
Erst 3, dann 5,5, dann 10 und nun über 31 Millionen Euro soll die Residenz auf dem Limburger Domberg kosten, samt Privatkapelle (2,9 Millionen), Privatpark (783 000 Euro) und aufwendiger Adventskranzhängevorrichtung (100 000 Euro). Sogar der eigene Vermögensverwaltungsrat fühlt sich vom Bischof "hinters Licht geführt". Hinzu kommt der gravierende Vorwurf falscher eidesstattlicher Versicherungen vor Gericht.
Dabei hat alles so schön angefangen im Limburger Dom am 20. Januar 2008. Der neue Bischof Tebartz-van Elst, damals 48, steht noch etwas schüchtern im gleißenden Scheinwerferlicht, das Fernsehen ist da, die Luft voller Weihrauch, der Gesang des Domchors hallt nach. Sein Förderer, der Kölner Kardinal Joachim Meisner, ist gekommen und spricht ihm Mut zu. Mit seinem Zögling werde es in Limburg sicherlich "frisch, dynamisch und kreativ" weitergehen, sagt er.
Aus dem Vatikan hat Benedikt XVI. eigens eine Bulle, eine päpstliche Ernennungsurkunde, gesandt. Er pries den "verehrten Bruder" Tebartz-van Elst überschwänglich. Der junge Geistliche sei "mit herausragenden Gaben ausgestattet", "in der Seelsorge erfahren" und damit "geeignet, dieses Bistum künftig zu leiten". Mehr Lob war nicht vorstellbar. Ein für Kirchenverhältnisse blutjunger, konservativer Shootingstar hatte die große Bühne des deutschen Katholizismus betreten. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte es, einen roten Teppich zu seinen Diensträumen im Ordinariat Limburg auslegen zu lassen.
Vielleicht wäre der Vorschusslorbeer ein wenig dezenter ausgefallen, hätte man Tebartz' Bilanz als Weihbischof im Münsterland kritischer hinterfragt. Heute bedauern selbst kirchentreue Limburger Katholiken die damalige Blauäugigkeit. "Schon in Münster gab es Anzeichen, es hätte doch jemand Alarm schlagen können", sagt der frühere hessische Landesminister Jochen Riebel, der im Vermögensverwaltungsrat der Limburger Diözese sitzt.
Piuskolleg, Priesterseminar, Domvikar, Domkaplan, Weihbischof: Tebartz-van Elst legte in Münster eine Blitzkarriere hin - und wurde 2004 schon als Mittvierziger mit seinem ersten repräsentativen Amtssitz am Horsteberg 17 belohnt.
Dies war eines der Kapitelhäuser direkt am Dom in Münster und wurde gerade frisch renoviert. Die Kosten für den Umbau beliefen sich am Ende auf über eine halbe Million Euro. Denn der junge Weihbischof hatte Extrawünsche: Ein roter Teppich musste her, der aufwendig in die Natursteinfliesen eingelassen wurde. Eine kleine Bibliothek im Keller, mehrere Arbeitszimmer, ein neues Bad mit besonderer Wanne. Dazu wünschte er sich eine Treppe in den Garten.
Tebartz-van Elst, der von einem niederrheinischen Bauernhof im marienfrommen Wallfahrtsort Kevelaer stammt, fand Gefallen an seinem neuen Leben, an einer katholischen Glitzerwelt mit Gewändern aus Goldbrokat und in Edelsteinen gefassten Reliquien.
"Architekt, Häuser bauen, das hat mir damals schon als Kind Freude gemacht": So antwortete der Bischof im Fernsehen, als er nach seinem ersten Berufswunsch gefragt wurde.
Diesen Wunsch hat er in Limburg mit großem Hang zur Extravaganz ausgelebt. Aber wie kann ein Bischof Rechnungen in Höhe von 31 Millionen Euro bezahlen, ohne dass dies bemerkt wird?
Wer dieser Frage nachgeht, stößt früher oder später auf Unwahrheiten, Heimlichkeiten und diskrete Kassen - aber vor allem auf eine faktisch nicht existierende Kontrolle eines beachtlichen Millionenvermögens.
"Bischöflicher Stuhl" nennt sich in Limburg, wie in anderen Diözesen, ein häufig beträchtlicher Kirchenschatz, der allein dem jeweiligen Bischof untersteht. Das über Jahrhunderte angehäufte Vermögen ist auch andernorts nicht transparent angelegt: etwa in Immobilien, kirchlichen Banken, Akademien, Brauereien, Weingütern oder Wäldern. Hinzu kommen reichlich Erträge aus Aktienbesitz, Stiftungen, Erbschaften.
Nur der jeweilige Bischof und seine engsten Vertrauten kennen diesen Schattenhaushalt, Finanzämter haben auf die Vermögensverwaltung keinen Zugriff. Verworrene Strukturen erschweren den Überblick. Mal sitzen die Verwalter des Geldes im Domkapitel, mal in der Finanzkammer der bischöflichen Ordinariate, mal im Vermögensverwaltungsrat - wie in Limburg.
In der Stadt an der Lahn lässt sich die Zahl der Kenner des örtlichen Finanzgeflechts an den Fingern einer Hand abzählen. Nach Informationen aus der früheren Bistumsspitze um Altbischof Franz Kamphaus, der zu seiner Zeit bescheiden im Priesterseminar wohnte, dürfte das Vermögen des Bischöflichen Stuhls etwa hundert Millionen Euro betragen haben, als 2008 Tebartz-van Elst sein Amt übernahm.
Die Zahl ist nicht gesichert; abwegig ist sie wohl nicht. Schließlich verfügte er über beachtlichen Immobilienbesitz, Wohnungen in besten Frankfurter Lagen. Ein paar Dinge nur musste der neue Bischof regeln, bevor er das bereits vor seiner Ankunft beschlossene Bauprojekt in seinem Sinne fortführen und drastisch erweitern konnte. Zunächst sorgte sein Generalvikar Franz Kaspar dafür, dass die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in Köln die "kaufmännische Abwicklung des Projekts" übernahm. Mitarbeiter am Bischöflichen Ordinariat oder gar Mitglieder des Domkapitels waren zudem ab 2011 nicht mehr über die Baukosten - und erst recht nicht über deren heimliche Steigerung - informiert.
Damals entzog Tebartz-van Elst dem Domkapitel als höchstem Leitungsgremium seines Bistums nämlich komplett die Zuständigkeit über die Vermögensverwaltung des Bischöflichen Stuhls. Das geschah widerstandslos und ohne Öffentlichkeit.
Stattdessen berief er einen mit drei von ihm persönlich ausgesuchten Herren besetzten Vermögensverwaltungsrat, um dem Konkordatsrecht zu genügen. Deren Namen hielt er lange Zeit geheim. Erst am 19. August gab er sie bekannt, unter wachsender öffentlicher Kritik an seiner neuen Residenz.
Die Zuständigkeit für den Neubau hatten allein Tebartz-van Elst und sein Generalvikar Kaspar. Dass die Handwerkerrechnungen bezahlt wurden, sollte die KPMG sicherstellen. Nur zwei Personen im Ordinariat, die der Bischof eigens zu größter Verschwiegenheit verpflichtete, waren in die Bau- und Finanzverwaltung involviert. Nicht einmal der Chef der kirchlichen Finanzabteilung wusste Bescheid, da der Bischöfliche Stuhl alleiniger Bauträger war.
Die Kölner Wirtschaftsprüfer schickten jedes Jahr seit Vertragsabschluss 2009 eine Aufstellung aller aufgelaufenen Kosten nach Limburg. So waren die Vertreter des Bischöflichen Stuhls die ganze Zeit über die Kosten informiert. Tebartz-van Elst und sein Generalvikar bezahlten dann alles auf ein Anderkonto bei der Deutschen Bank.
Inzwischen geht aus internen Dokumenten des Ordinariats hervor, dass es bereits 2009, also noch vor Baubeginn, eine grobe Kostenschätzung in Höhe von 17 Millionen Euro gegeben hatte. Zwei Jahre später war der Bischof den Unterlagen zufolge über eine genauere Kalkulation in Höhe von 27 Millionen Euro informiert. Dennoch ließ Tebartz-van Elst noch im Juni auf einer Pressekonferenz ausrichten, die Kosten beliefen sich auf "nur 9,85 Millionen".
Dass der Um- und Neubau seiner Residenz zuletzt mit 31 Millionen Euro veranschlagt wurde, konnte für den Bischof keine Überraschung sein. Doch nach außen perfektionierten er und sein Adlatus die Heimlichtuerei in Finanzdingen; und eine falsch verstandene Brüderlichkeit und innerkirchliche Autoritätshörigkeit ließ sie gewähren - das ist der Kern des Konflikts um Tebartz-van Elst.
Mehrfach hat der Bischof seine neue Residenz damit verteidigt, sie sei nachhaltig und solide mit Blick auf viele künftige Generationen gebaut; er habe sich ein gastliches Haus gewünscht, das seinen Gläubigen als Begegnungsstätte dienen könne.
Aber das ist sicherlich nicht im Sinne derer, die das Vermögen des Bischöflichen Stuhls einst begründeten. Erster Stifter war der Herzog von Nassau, der zur Gründung des Bistums 1827 seinen Obolus entrichtete. Seitdem haben gutgläubige Katholiken rund um das reiche Frankfurt am Main, um Königstein im Taunus oder den Westerwald die bischöflichen Kassen jahrzehntelang aufgefüllt mit Spenden, Schenkungen, Stiftungen und Vermächtnissen. Das Geld sollte guten Zwecken dienen.
Das Vermögen des Bischöflichen Stuhls ist ein Treuhandvermögen für die Armen. Wie jeder Bischof erhielt auch Tebartz-van Elst bei seiner Weihe den Ehrentitel "Pater pauperum" - Vater der Armen -, als Ermahnung zur karitativen Diakonie, damit er seine Pflichten für Arme und Kranke als Verwalter des Bischöflichen Stuhls erfülle.
In diesem Sinne hätte sich Tebartz-van Elst beim neuen Papst große Sympathien erwerben können. Nach den Enthüllungen über seinen Limburger Prachtbau jedoch lässt sich ein deutlicherer Gegensatz zum Programm und zum Habitus, mit dem Franziskus in Rom angetreten ist, kaum denken.
Zugewandt, nicht abgehoben wie Tebartz-van Elst, wirkt der neue Papst. Noch im größten Getümmel auf dem Petersplatz blickt er sein Gegenüber so eindringlich an, als gäbe es gerade nur diesen Menschen für ihn auf der Welt; wie ein Filmstar herzt er davor und danach Kleinkinder, fängt zugeworfene Pilgerkappen auf, dreht Ehrenrunden und eröffnet schließlich, wie am vergangenen Mittwoch, seine allwöchentliche Generalaudienz mit den nüchternen Worten: "Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag."
"Complimenti", sagt er zu den Gläubigen, die im strömenden Regen ausharren, oder "buon pranzo", guten Appetit, wenn es Zeit wird fürs Mittagessen.
Vorher erklärt er noch, ohne Umschweife, was eigentlich "katholisch" sei. Das griechische "katholon", sagt Franziskus, bedeute: "das, was alle betrifft". Und in diesem Sinne verstehe er auch die Rolle der Kirche: als "ein Haus für alle, universell, keine Eliteveranstaltung". Die Kirche müsse sich befreien von ihrer "Mondänität".
Die Kardinäle und Erzbischöfe aus Deutschland und dem Rest der Welt lauschten, ohne eine Miene zu verziehen unter ihren Regenschirmen. Schließlich weiß ja keiner, was bei diesem argentinischen Vorgesetzten noch an Überraschungen drin ist. Steht doch inzwischen einiges auf dem Prüfstand: vor allem der repräsentative Lebensstil katholischer Würdenträger.
Und noch während die Kardinäle im Schluss-Defilee Schlange stehen, um ihrem Heiligen Vater die Hand küssen zu dürfen, beginnt unter führenden Vatikan-Kennern, den "vaticanisti", einmal mehr der Wettstreit um die Deutungshoheit.
Meint dieser Pontifex "vom Ende der Welt" es wirklich ernst, wenn er von Armut spricht? Oder ist er vor allem ein brillanter Rhetoriker, geschickt vermarktet von seinem amerikanischen PR-Strategen Greg Burke, der als Kommunikationsberater beeinflussen kann, welche Papst-Bilder und -Geschichten nach außen dringen?
Jene aus Sardinien zum Beispiel, wo der Vicarius Iesu Christi, der Stellvertreter des Gottessohns, den Arbeitslosen Francesco Mattana umarmt. Oder aus Assisi, wo Franziskus den Geburtsort seines Namenspatrons besucht und den Mittagstisch mit Kardinälen und Würdenträgern verschmäht, um ganz in der Nähe mit Bedürftigen das Brot zu brechen.
Jorge Bergoglio posiert für Handy-Fotos mit Wildfremden. Das freut die Jungen. Er erzählt, dass er Hölderlin und Dostojewski verehrt, Mozart und Fellini. Das freut eher die Alten. Und er meldet sich mit einem lakonischen "Ciao, ich bin's, Papa Francesco" am Telefon bei verdutzten Italienern, die sich zuvor mit Fragen und Klagen brieflich an ihn gewandt hatten.
Ein bisschen viel Symbolik auf einmal? Franziskus sei "ein Lernender, ein Wandernder", ein Mann, der keinen "festen Zielpunkt hat, sondern einen Horizont", sagt Antonio Spadaro, ein hagerer, freundlicher Jesuitenpater, der den Papst drei Nachmittage lang für seine Zeitschrift "La Civiltà Cattolica" interviewen durfte. Wer den Heiligen Vater kritisiere, wer ihm Naivität oder ein "Pontifikat Marke Pasticceria" - ein zuckersüßes Papsttum - vorwerfe, so Spadaro, der möge doch lieber gleich sagen: Es wäre besser, wenn die Kirche kein Herz hätte.
Einer, der dem Papst mit ausgesprochen skeptischer Neugier begegnet, ist der bald 90-jährige Gründer und langjährige Chefredakteur der Tageszeitung "La Repubblica", Eugenio Scalfari. Auch er, ein bekennender Nichtgläubiger, wurde von Franziskus zum langen Gespräch empfangen.
Auf die Vermutung Scalfaris, wonach "innerhalb der vatikanischen Mauern und in den Institutionen der Kirche" Machthunger noch immer sehr stark sei und die "Institution die arme und missionarische Kirche, wie sie Ihnen vorschwebt, beherrscht", antwortete Franziskus mit entwaffnender Offenheit: "Die Dinge stehen in der Tat so, und in dieser Frage sind Wunder nicht zu erwarten."
Entsprechend vorsichtig geben sich seine Bischöfe in Deutschland. Vielleicht geht ja dem Störenfried aus Buenos Aires, was seinen Reformeifer betrifft, schon bald die Puste aus? Kann man nicht einfach weitermachen wie bisher?
Der SPIEGEL fragte am vergangenen Donnerstag alle deutschen Bischöfe, ob ihr Limburger Bruder zurücktreten solle.
Geschlossen gingen die 24 befragten Gottesmänner - die Stühle in Passau und in Erfurt sind zurzeit vakant - in Deckung. Das Bistum Fulda erklärte, der Bischof sei in Rom. Hildesheim ließ sich ebenfalls entschuldigen, der Chef weile im Heiligen Land, auf einer Pilgerreise in Jerusalem.
Auch die Daheimgebliebenen trauten sich kein Urteil zu. Köln, München-Freising, Eichstätt, Trier: Überall bestanden die Antworten aus Variationen der Auskunft "kein Kommentar". Im größten deutschen Kirchenskandal seit der Missbrauchsaffäre waren die Vertreter des Papstes so gut wie einstimmig der Meinung, es gebe nichts zu sagen. Nur der Erzbischof von Paderborn, Hans-Josef Becker, erklärte: "Diese selbstkritische, schwere Entscheidung muss er mit seinem Gewissen und vor Gott klären."
Deutschlands Bischöfe sehen sich in der Defensive, weil manche selbst einen aufwendigen Lebensstil pflegen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen - Zollitsch etwa lebt im Reihenhaus, sein Kollege in Münster in einer einfachen Wohnung -, verfügen sie über stattliche Residenzen.
Während Papst Franziskus bis heute seinen Apostolischen Palast meidet und stattdessen ein Zimmer im Gästehaus Santa Marta bewohnt, beeindruckt zum Beispiel der Dienst- und Wohnsitz des Bischofs von Fulda durch seine mehrere hundert Meter langen Fassaden, hinter denen einst Hunderte Mönche lebten.
Jeden Herbst lädt Hausherr Heinz Josef Algermissen zur Vollversammlung in das teils über 1200 Jahre alte Gebäudeensemble. Fotografen sind im Innenhof nicht erlaubt, wenn die hohen Gäste vorfahren: Die Kardinäle und Bischöfe schätzen es nicht, beim Aussteigen aus ihren schweren Limousinen gezeigt zu werden.
Wohl kaum ein Thema nervt die Herren zurzeit mehr als die Frage nach ihrem Dienstwagen.
Sie wird regelmäßig gestellt, seit Franziskus einen Renault 4 von 1984 in seinem Fuhrpark hat oder gern mal mit einem Fiat vorfährt und die PS-Zahl zum theologischen Faktor machte. "Es tut mir weh, wenn ich einen Priester oder eine Ordensfrau im neuesten Automodell sehe", sagte er in Rom - ein bescheideneres wäre besser. "Und wenn euch dieses tolle Modell gefällt, denkt an die vielen Kinder, die an Hunger sterben."
Aus Deutschland gibt es dazu gewundene Erklärungen. "Papst Franziskus wird ja nicht müde, uns zu gelebter Barmherzigkeit zu ermutigen", sagte Zollitsch mit leicht säuerlichem Lächeln bei seinem Auftritt vor der Bundespressekonferenz. Als vielbeschäftigter Erzbischof brauche er, Zollitsch, seinen Dienstwagen, eine Limousine, nun mal als rollendes Büro. Wie der Papst seine ungleich größere Aufgabe im Kleinwagen erledigt, konnte der Freiburger auch nicht erklären.
Sein Amtsbruder in Münster, Felix Genn, hadert ebenfalls mit dem päpstlichen Vorbild. "Wenn ich selbst, etwa in einem R4, durch das Bistum fahren würde, würde das vielleicht für manches Aufsehen sorgen", sagt er. Dann müsse er aber auch, weil Arbeitszeit verlorenginge, auf "sehr viele Besuche im Bistum verzichten". Auch in Münster bleibt also alles beim Alten. Immerhin: "Eine große Limousine" brauche er nicht, so Genn, es reiche ein BMW als "zweiter Schreibtisch".
Und so bemüht sich jeder Bischof auf seine Weise, die von Franziskus eingeforderte Armut und Bescheidenheit unter Beweis zu stellen - auch wenn so gut wie alle ihren Dienstwagen samt Chauffeur weiterbenutzen wollen.
Rainer Maria Woelki aus Berlin etwa erklärt, er lasse seinen 5er BMW stehen, "wenn die Bahn oder andere öffentliche Verkehrsmittel eine Alternative darstellen". Ludwig Schick aus Bamberg outet sich als Inhaber einer "Bahncard 50, zweiter Klasse". Und die Pressestelle des Bistums Görlitz schickt das Foto eines Fahrrads, mit dem sich der Bischof durch den Ort bewege.
Selbst das reiche Erzbistum Köln fühlt sich, wie ein Sprecher mitteilt, von "Papst Franziskus durchaus herausgefordert". So bemühe man sich im "Umgang mit materiellen Gütern" redlich um Antworten auf die Frage nach dem "Warum". Erstes Ergebnis: Bei Neuanschaffungen im Fahrzeugpark würden nun "kleinere Modelle außerhalb der ,Premiummarken'" bevorzugt.
Nur der Erzbischof von Paderborn gibt sich vergleichsweise gelassen. Die "gelebte Nachfolge" Christi, sagt Becker, sei für ihn "weniger eine Frage der Automarke und auch nicht der Quadratmeter Wohnzimmer".
Und Tebartz-van Elst? Der Bischof verließ am Freitagmorgen in seiner schwarzen Dienstlimousine Limburg mit unbekanntem Ziel.
"Einen Gottesdienst oder andere öffentliche Termine mit ihm gibt es momentan nicht", sagt sein Sprecher Martin Wind, der die Stellung im Ordinariat inmitten der idyllischen Altstadt "bis spät in die Nacht" allein hält. Der Bischof, sagt er, bete frühmorgens in seiner Privatkapelle, zusammen mit den indischen Schwestern, wenn andere noch schliefen.
Ob Tebartz-van Elst jetzt zurücktritt? Wind antwortet, ohne zu zögern: "Der Bischof leitet weiter sein Bistum! Ich habe in der Richtung noch nichts von ihm gehört." Tebartz-van Elst warte ab, "was der Prüfbericht der externen Prüfer zu den Baukosten wirklich bringen wird".
Diese Überprüfung hat gerade erst begonnen und kann mehrere Wochen dauern. So lange, sagt der Sprecher, sei der Bischof "freiwillig in einer Schwächeposition".
* Bei der Segnung von Fahrzeugen einer Oldtimer-Rallye im September 2010 in Limburg.
Von Theresa Authaler, Frank Hornig, Walter Mayr und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 42/2013
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