14.10.2013

KARRIEREN„Ein wahrer Mensch“

Amerikas neue Notenbank-Chefin Janet Yellen wird von vielen bereits wie eine Heilsbringerin gefeiert. Doch auf sie wartet eine gewaltige Herausforderung.
Von seinem Bücherbord lächelt Janet Yellen auf einem Foto herab. Ein Rosenkranz hängt über der linken Ecke des Bilderrahmens, die andere Seite schmückt eine arabische Gebetskette. Davor stehen eine Kerze, eine Tüte mit geschredderten Dollar-Scheinen und ein alter Geldschein, Überbleibsel der jugoslawischen Inflation, damals etliche Millionen Dinar wert.
Der kleine Hausaltar ist der künftigen Chefin der US-Notenbank gewidmet. Der Berkeley-Professor Andrew Rose hat ihn in seinem Büro aufgestellt. Das Ensemble ist nicht ganz ernst gemeint - irgendwie symbolisch ist es dieser Tage aber schon. Yellen wird in den USA wie eine Heilsbringerin gefeiert, als könnte sie die finanzpolitischen und wirtschaftlichen Probleme der Vereinigten Staaten quasi im Alleingang lösen.
Seine ehemalige Kollegin sei "intelligent und umsichtig", sagt Rose. Yellen sei "ein wahrer Mensch", erklärt auch der Star-Ökonom Robert Shiller aus Yale.
US-Präsident Barack Obama nannte Yellen "einen Champion" - eine Vorkämpferin, was für Nichteingeweihte dann doch ziemlich große Worte schienen für die zurückhaltende und auffallend kleine, ältere Dame, die daraufhin im schwarzen Kostüm an ein Rednerpult des Weißen Hauses trat. Und ihr Dankeschön sorgfältig vom Blatt ablas.
Yellen ist die erste Frau, die den Chefsessel in der wichtigsten Geldzentrale der Welt übernehmen wird: Nach dem Rückzug ihres einzigen ernsthaften Konkurrenten, des einstigen Finanzministers Larry Summers, hat Obama die 67-jährige Wissenschaftlerin erkoren.
Wenn der Senat jetzt noch sein Plazet gibt, wird Yellen neben Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, zu einer der mächtigsten Frauen der Welt.
Landesweit werden nun also Anekdoten ausgetauscht, die sich vor allem um Yellens menschliche Qualitäten drehen und um ihre erschreckend kluge Familie. Yellens Mann ist George Akerlof, der 2001 den Wirtschaftsnobelpreis bekam für seine Forschung zur Wirkung von asymmetrischen Informationen auf Märkten. Yellens Sohn lehrt mittlerweile in Großbritannien als Ökonom. Das Ehepaar verstehe unter einem guten Urlaub, am Strand zu liegen und einen Haufen Bücher über Ökonomie dabeizuhaben, scherzte Obama.
Dabei ist die Lage ernst, nicht nur wegen des Shutdowns des amerikanischen Haushalts. "Wir sind an einer Art Wendepunkt angekommen", sagt John Williams, der Chef der Notenbank in San Francisco, die wie alle Regionalvertretungen in den USA die Banken vor Ort überwacht und der mächtigen Washingtoner Zentrale bei der Geldpolitik zuarbeitet.
In Williams' Büro, dessen gigantische Glasfenster einen beruhigenden Blick auf die Bucht von San Francisco bieten, hat Yellen sechs Jahre lang das Sagen gehabt, bevor sie als Vizepräsidentin in die Zentrale in Washington wechselte.
Nun sitzt ihr jugendlich wirkender Nachfolger ohne Krawatte an dem hölzernen Besprechungstisch und gibt seine Interpretation der aktuellen Verhältnisse wieder: "Die Krise hat das Beste aus uns herausgeholt", resümiert Williams.
Man kann allerdings auch sagen, dass diese Krise die US-Notenbanker zu einem gewagten Feldversuch getrieben hat: Unter dem Stichwort "Quantitative Lockerung" hält die Fed nicht nur die Zinsen niedrig, zu denen sich Banken in Washington Geld leihen dürfen (siehe Grafik). Sie kauft dem Finanzsektor auch noch regelmäßig Schuldverschreibungen und Wertpapiere ab, für derzeit 85 Milliarden Dollar - jeden Monat.
Alle fünf Monate pumpt die Zentralbank damit eine Summe ins Weltfinanzsystem, die dem Jahresetat der Bundesrepublik entspricht - seit 2008 sind es insgesamt etwa 2,5 Billionen Dollar. Die Hilfsmaßnahmen der Europäischen Zentralbank für Südeuropa wirken im Vergleich dazu wie Taschengeldzahlungen. Auch Notenbanker Williams spricht von einem Experiment.
Das billige Geld soll eigentlich Schmierstoff für die US-Industrie sein, aber natürlich fließt es überall hin, weil Finanzprofis sich nicht vorschreiben lassen, wo sie die billigen Barschaften investieren.
So verzerrt die Fed global die Investitionsströme, Wechselkurse werden verändert. US-Produkte würden deshalb auf den Weltmärkten plötzlich billiger im Vergleich zu ausländischen Waren, wettern Finanzpolitiker aus anderen Ländern. Der brasilianische Finanzminister Guido Mantega warnte wütend vor einem "Währungskrieg".
Dessen verheerende Folgen zeigten sich schon im Mai. Als der aktuelle Fed-Chef Ben Bernanke damals öffentlich über ein mögliches Ende des billigen Geldes philosophierte, spielten die Börsen vor allem in Schwellenländern verrückt: In Brasilien oder der Türkei stürzten die Aktienkurse binnen vier Wochen um 20 Prozent ab, weil etliche Investoren als Erstes ihre Risikoinvestments zurückzogen, als das Geld wieder teurer zu werden drohte.
Irgendwann in den nächsten Jahren müsse man aber zu einer "normaleren" Geldpolitik zurückkehren, sagt Währungshüter Williams in San Francisco. Nur wann? Diesen Zeitplan zu managen, wird Yellens Feuerprobe - selbst wenn ihr Vorgänger Bernanke die ersten Schritte noch selbst einleitet.
Das Protokoll der letzten geldpolitischen Sitzung zeigt, wie tief das Entscheidungsgremium der Fed - der sogenannte Offenmarktausschuss - mittlerweile gespalten ist in der Frage, wie und wann das "Tapering" beginnen soll: der Einstieg in den Ausstieg. Wenn jemand die teils eigenwilligen Notenbanker wieder auf einen gemeinsamen Kurs einschwören könne, dann sei es Yellen, sagen ihre Unterstützer. Anders als ihr einstiger Rivale Summers, dessen bullige Arroganz berüchtigt war, wird Yellens Fähigkeit, Kompromisse zu schmieden, sogar von politischen Gegnern anerkannt.
Die Akademikerin, die schon mit 25 Jahren den ersten Lehrauftrag hatte, scheint Einigungen schlicht herbeizuanalysieren. Eine Diskussion mit ihr sei eine "erstaunliche Erfahrung", sagt Notenbanker Williams: "Wenn man in ein Meeting mit ihr geht, kann man ziemlich sicher sein, dass sie mehr über das Thema weiß, als man selbst", sagt er. Trotzdem fühle man sich am Ende ernst genommen, selbst wenn man verloren habe.
Als Beleg dieses vielgepriesenen Talents nennt Williams ein wenige Seiten langes Statement der Fed aus dem Jahr 2012. Die Notenbank beschreibt darin die grundsätzlichen Ziele ihrer Geldpolitik. Yellen war für die Erstellung des Papiers verantwortlich. Was nach Verwaltungsaufgabe klingt, war keine unwichtige Angelegenheit: In dem Papier legt sich die Fed unter anderem erstmals fest, ein Inflationsziel von zwei Prozent zu verfolgen - für die Finanzmärkte eine fundamentale Information.
Man habe jahrelang über solche gemeinsamen Aussagen gerungen, sagt Williams, "aber am Anfang schien es schlichtweg unmöglich. Wir waren in allen Punkten unterschiedlicher Meinung". Yellen habe es dennoch irgendwie geschafft, eine Lösung herauszufiltern.
"Sie hat Vertrauen aufgebaut, nicht ihre eigene Agenda gepusht, sondern ein Ziel ausgelotet, das für alle vertretbar war", sagt Williams.
Die Aufgabe, die Weltfinanzmärkte vom stetigen Geldfluss aus Washington zu entwöhnen, dürfte zur Herkulesaufgabe für die "kleine Frau mit dem großen IQ" werden, wie Yellen in Washington genannt wird. Zumal sich die Frage stellt, wie konsequent sie das Problem überhaupt angehen will.
In ihrer ersten kurzen Ansprache nach der Fed-Nominierung ging es jedenfalls um andere Dinge: "Ich glaube, Herr Präsident, wir sind uns einig, dass mehr getan werden muss, um den Aufschwung zu stabilisieren", las Yellen ungerührt von ihrem Blatt ab. "Zu viele Amerikaner finden immer noch keine Arbeit und wissen nicht, wie sie ihre Rechnungen bezahlen und für ihre Familien sorgen sollen."
Solche Aussagen klingen merkwürdig aus dem Mund einer Zentralbankerin, die sich doch eigentlich um ihre Währung kümmern soll, fand ein europäischer Kollege danach. Dazu aber muss man wissen: Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gehört nicht nur laut Gesetz ausdrücklich mit zum Auftrag der US-Notenbank, sie war auch immer Yellens großes Thema.
Schon bevor sie 1994 zur Notenbankerin wurde, forschte sie an der Universität Berkeley gemeinsam mit ihrem Mann zu allen Phänomenen moderner Beschäftigung. Den Glauben an die Fähigkeit des Staates, das Auf und Ab der Wirtschaft über gezielte Anreize kontrollieren zu können, hat sie bis heute behalten.
Andrew Rose will seine Ex-Kollegin trotzdem nicht als geldpolitische Taube abstempeln lassen, die die Notenbank als Gelddruckmaschine für die Wirtschaft missbraucht. Yellen sei Analytikerin, beschwört ihr Co-Autor bei mehreren Werken. "Janet will Problemen immer auf den Grund gehen", sagt Rose.
Ein anderer Kollege weiß noch, wie er Yellen einmal mit einer riesigen Einkaufstüte voller Bücher über die Flugzeugindustrie traf. Sie wollte in einem Seminar ein ökonomisches Beispiel über Boeing und Airbus anbringen. "Jeder andere hätte ein oder zwei Artikel darüber gelesen", sagt der Kollege. "Aber nicht so Yellen."
Die Frage freilich ist, ob analytische Brillanz ausreicht, um die globalen Finanzmärkte dauerhaft zu beherrschen.
Einer der Mythen, die dieser Tage über Janet Yellen verbreitet werden, lautet, sie habe schon lange vor der Finanzkrise Alarm geschlagen wegen des Wahnsinns, der sich auf den US-Immobilienmärkten abspielte. 2005 sei das gewesen, als Yellen noch Chefin der Notenbank von San Francisco war.
Tatsächlich lässt sich in einer Rede von damals nachlesen, dass die Notenbankerin sich wegen der explodierenden Häuserpreise sorgte. Die Auswirkungen für die Wirtschaft seien aber beherrschbar, schlussfolgerte sie. Wenig später brach sich die Finanzkrise Bahn.
Von Anne Seith

DER SPIEGEL 42/2013
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