14.10.2013

GESUNDHEITAusreißer nach unten

Der AOK-Krankenhausnavigator vergleicht die Qualität hiesiger Kliniken. Nun wollen zwei von ihnen das Internetportal stoppen.
Vor dem Schreibtisch von Michaela Schwab sitzen die Ratlosen und Verunsicherten. Wer sich auf die grauen Besucherstühlchen im Berliner Büro der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland drückt, sucht Antwort auf existentielle Fragen: Wo ist man am besten aufgehoben, wenn die Gallenblase zwickt? Welches Krankenhaus hat einen makellosen Ruf bei Hüftoperationen? "Viele Patienten sind ratlos, wie sie diejenige Klinik finden können, die für sie am besten ist", sagt Schwab.
Wer liest schon die fingerdicken Qualitätsberichte der Krankenhäuser? Und auf den Rat eines Arztes allein mögen sich viele auch nicht verlassen. Michaela Schwab bittet ihre Besucher deshalb an den Computer: Gemeinsam klicken sie sich durch die Vergleichsportale im Internet - die Weiße Liste etwa oder die Krankenhaustests der gesetzlichen Kassen. "Das ist für die Patienten eine sehr gute Möglichkeit, sich über die richtige Klinik zu informieren." Noch.
In einer konzertierten Aktion wollen die Kliniken die Qualitätsvergleiche im AOK-Krankenhausnavigator stoppen. Gegen das Portal des Kassen-Bundesverbandes ziehen gleich zwei Krankenhäuser in Musterprozessen vor Gericht. Das St. Antonius Hospital aus Eschweiler will sich vor dem Sozialgericht Berlin gegen die Bewertungsmethode wehren, die Kreiskliniken Gummersbach Waldbröl ziehen vor das Landgericht Köln. Unterstützt werden sie dabei von der Kliniklobby. Gäben die Richter ihnen recht, fürchtet die AOK, dass sie ihren Internetvergleich schlimmstenfalls komplett abschalten müsste.
Dabei bereiten die Unterschiede hiesiger Krankenhäuser nicht nur Patienten, sondern auch Politikern Kopfzerbrechen. Selbst bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin soll das Thema eine Rolle spielen.
Gute Gründe dafür finden sich im neuen Qualitätsreport 2012, den der Gemeinsame Bundesausschuss von Kliniken, Kassen und Ärzten diese Woche vorstellt. Auf 244 Seiten attestiert das Papier den Krankenhäusern zwar insgesamt eine "gute Versorgungsqualität". Allerdings beklagt der Report eine bedenkliche Zahl an Ausreißern nach unten. Das gilt vor allem dann, wenn sich Patienten über einen Katheter eine künstliche Herzklappe einsetzen lassen. Die Autoren empfehlen, bei "auffälligen Krankenhäusern" nach Gründen zu suchen.
Die Klagen der beiden Kliniken aus der Provinz sind für die ganze Branche bedeutsam. "Ich bin kein Einzelkämpfer, ich mache das stellvertretend für alle Krankenhäuser bundesweit", sagt Joachim Finklenburg, Chef der Gummersbacher Kliniken. Er amtiert auch als Vizepräsident der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen, die Lobby-Vereinigung finanziert die beiden Musterklagen aus ihrem Prozesskostenfonds. In einem Rundschreiben weist sie darauf hin, dass sie Anfang November ein Rechtsgutachten zur Verfügung stellen will, das weitere "klageinteressierte Krankenhäuser" nutzen könnten.
Dabei schneiden die beiden klagenden Kliniken in den AOK-Charts nicht einmal schlecht ab - nur schlechter, als sie es selbst für angemessen halten. Es geht ihnen ums Prinzip: Schon 2005 hat ein Gesetz die Krankenhäuser verpflichtet, regelmäßig in einem Qualitätsbericht zu veröffentlichen, wie gut sie ihre Patienten versorgen. Doch die Bewertungen, die die AOK ins Netz stellt, reichen weit darüber hinaus.
Denn die regierungsamtliche Qualitätsmessung krankt an einem Problem: Sie untersucht nur die Dauer des Krankenhausaufenthalts. Ob ein Patient aber etwa Wochen nach einer Hüftoperation mit Komplikationen wieder eingeliefert werden muss, lässt sich nicht direkt ablesen. Um diese Rückfallquoten zu bestimmen, lässt die AOK die anonymisierten Abrechnungsdaten ihrer Versicherten auswerten. Vor allem gegen dieses Vorgehen sträuben sich die Kliniken vor Gericht.
Ein Eilverfahren haben die Richter im September abgelehnt, in der vergangenen Woche schickten die Krankenhäuser ihren Antrag auf Berufung ab. Noch in diesem Jahr wollen sie auch ihre Klage im Hauptsacheprozess einreichen. "Wir wehren uns nicht gegen die Veröffentlichung von Qualitätsdaten", sagt Klinikchef Finklenburg. "Ich bin nur dafür, dass es dabei sauber zugeht." Die Angaben des AOK-Navigators führten zu einer Verunsicherung der Patienten, niemand könne die Berechnungen nachvollziehen.
Allerdings sehen das viele Kliniken anders. In der Initiative Qualitätsmedizin (IQM) haben sich 214 deutsche Krankenhäuser zusammengeschlossen. Sie wollen aus Misserfolgen lernen - und Transparenz gehört für sie dazu. Die AOK-Qualitätsberechnungen veröffentlichen sie deshalb freiwillig.
"Ich würde es bedauern, wenn wir diese Zahlen aus dem Netz nehmen müssten", sagt Axel Ekkernkamp, IQM-Vorstand und Chef des Unfallkrankenhauses Berlin-Marzahn. "Ich kenne derzeit kein besseres Analyse-Instrument, das den Patienten langfristig im Auge behält." Wer Fehler vermeiden wolle, müsse Fehler offenlegen.
Von Cornelia Schmergal

DER SPIEGEL 42/2013
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