14.10.2013

BANKENMailänder Skala

Unicredit prüft einen Börsengang der HypoVereinsbank. Es könnte ein Befreiungsschlag sein - oder der Anfang vom Ende einer schwierigen Ehe.
Wenn die Stimmung danach ist, setzt sich Theodor Weimer, 53, auch vor Publikum gern mal ans Klavier. Am Mittwoch vergangener Woche überraschte der temperamentvolle Chef der HypoVereinsbank (HVB) die Gäste einer Podiumsdiskussion in Passau mit einer Ad-hoc-Einlage. Ob das dargebotene Medley - von "Morning Has Broken" bis zu "Let It Be" - Weimers Gefühlslage spiegelte, ist nicht überliefert. Passen würde es allemal.
Weimer hat allen Grund, zwischen Aufbruchstimmung und stiller Schicksalsergebenheit hin- und hergerissen zu sein. Die Eigentümerin der HVB, die italienische Unicredit-Gruppe, trägt sich mit dem Gedanken, die deutsche Tochter an die Börse zu bringen und so zumindest einen Minderheitsanteil an externe Aktionäre zu verkaufen. Das könnte Unicredit viel Geld bringen und der HVB neue Perspektiven - einerseits. Doch der Vorstand um Federico Ghizzoni in Mailand zögert. Und so muss Weimer warten.
Ein anderer Italiener könnte jedoch bald Bewegung in die Angelegenheit bringen. Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), will ab Januar die Bilanzen der 130 wichtigsten Banken der Euro-Zone durchleuchten lassen, ehe die Notenbank die Aufsicht über die Finanzkonzerne übernimmt. Noch im Oktober soll feststehen, wie hoch Draghi die Messlatte legt.
Dann dürfte in Mailand und anderswo das Rechnen losgehen: Der Test könnte bei Unicredit wie auch bei anderen italienischen Banken großen Kapitalbedarf offenlegen. Wenn Unicredit 15 bis 25 Prozent ihrer HVB-Aktien über die Börse verkaufte und zusätzlich neue Aktien ausgäbe, könnte das Milliarden bringen und die Lücke füllen, schätzen Investoren.
Investmentbanken werben bei der Unicredit-Führung und bei den Sparkassen-Stiftungen, den einflussreichsten Aktionären der Unicredit, für einen Börsengang der HVB. Es wäre ein überraschendes Comeback des Münchner Instituts, das 2005 von Unicredit in schwieriger Lage geschluckt und schließlich von der Börse genommen wurde. Damals galt es als zu schwach, um allein zu überleben, während die Italiener Europa eroberten.
Mittlerweile haben sich die Kräfteverhältnisse umgekehrt: Seit drei Jahren liefert Freizeit-Pianist Weimer hohe Gewinne in Mailand ab. Der HVB kommt zugute, dass die Wirtschaft in Deutschland boomt, außerdem ist das zuletzt ertragreiche Investmentbanking vorwiegend in München angesiedelt.
Dagegen leidet Unicredit unter der politischen und wirtschaftlichen Lähmung Italiens, seit zwei Jahren steckt das Land in einer Rezession. Der Internationale Währungsfonds hat das Bankensystem als Schwachpunkt ausgemacht, Analysten überbieten sich mit Schätzungen, wie viel zusätzliches Kapital die Banken brauchen, um alle Finanzlöcher zur Zufriedenheit der neuen EZB-Aufsicht zu stopfen.
Die britische Barclays Bank erwartet, dass die beiden größten italienischen Institute, Unicredit und Intesa, fünf Milliarden Euro zusätzlich für faule Kredite zur Seite legen müssen, wenn künftig in der Euro-Zone einheitliche und strengere Maßstäbe angelegt werden. Goldman Sachs verweist darauf, dass acht Prozent aller Unicredit-Kredite wackeln.
Aktionäre denken ähnlich. "Wir schätzen, dass bei Unicredit drei bis fünf Milliarden Euro zusätzlicher Kapitalbedarf entsteht", sagt ein großer angelsächsischer Anteilseigner der Bank. "Ein Börsengang der HVB wäre für Unicredit sinnvoll."
Und auch die deutsche Finanzaufsicht BaFin sähe einen Börsengang wohl gern. Sie hat stets gefordert, dass die hohen Reserven der Deutschen nicht nach Mailand abfließen. Sollte bei den Münchnern etwas schiefgehen, so die Sorge der Aufseher, müssten schließlich die hiesigen Steuerzahler geradestehen. Wenn die Bankenaufsicht auf die EZB übergeht, hat die BaFin gegen Begehrlichkeiten aus Mailand keine Handhabe mehr. Wäre die HVB aber an der Börse und Unicredit nicht mehr alleiniger Eigentümer, müssten Tochter und Mutter unabhängig voneinander auf solidem Fundament stehen.
Bei der HVB hieß es wortkarg, das Management habe "keine Kenntnis über Pläne für einen Börsengang der Bank". Unicredit verwies dazu lediglich auf die Stellungnahme ihrer Tochter.
Die Deutschen jedenfalls gewännen mit einem Börsengang ein Stück Unabhängigkeit. Gelingt der Sprung aufs Parkett, könnte irgendwann sogar eine alte Idee wiederaufleben: eine Liaison mit der Commerzbank, an der Berlin noch mit 17 Prozent beteiligt ist. Der Bund sucht einen Weg, um den Anteil mit möglichst geringen Verlusten loszuwerden.
Die Mailänder Skala an Optionen reicht weit. Doch momentan zögert Ghizzoni, bei der HVB neue Anteilseigner ins Boot zu holen. Auch Minderheitsaktionäre könnten den eigenen strategischen Kurs empfindlich stören. Ein früherer HVB-Manager erwartet daher, dass eine börsennotierte HVB mit einem dominierenden Großaktionär in Mailand keine Dauerlösung wäre: "Entweder würde Unicredit die Anteile irgendwann zurückkaufen oder sich über kurz oder lang ganz aus der HVB zurückziehen."
Von Martin Hesse

DER SPIEGEL 42/2013
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