14.10.2013

KINO„Riskante Sache“

Die Hollywood-Größe Jeffrey Katzenberg über die ökonomischen Geheimnisse seiner zauberhaften Animations-Hits
Katzenberg, 62, ist einer der erfolgreichsten Filmproduzenten der Welt. Bei Disney verantwortete er einst Hits wie "Arielle, die Meerjungfrau" und "König der Löwen". 1994 gründete er mit Steven Spielberg und David Geffen das Studio Dreamworks. Die inzwischen als eigene Firma von ihm geführte Animationssparte steht für Milliardengeschäfte mit "Shrek", "Kung Fu Panda" oder "Madagascar". Vorige Woche war Katzenberg einer der Stargäste auf der TV-Messe Mipcom in Cannes.
SPIEGEL: Mister Katzenberg, Ihre Animationsfilme kosten mittlerweile so viel wie die teuersten klassischen Filmproduktionen - nicht selten 150 Millionen Euro oder mehr. Warum sind Figuren aus dem Computer so teuer geworden?
Katzenberg: Unsere Produktionen gehören zu den komplexesten Filmen, die jemals von irgendwem auf der Welt gemacht wurden. Einen Animationsfilm zu erschaffen dauert vier, fünf Jahre. 400 bis 500 Künstler arbeiten daran. Durchschnittlich besteht ein Film aus 130 000 Bildern. Jedes Bild muss aber zwölf verschiedene Produktionsstufen durchlaufen, und in jeder dieser Stufen gibt es zwischen zehn und hundert Änderungen. Das ergibt unterm Strich eine halbe Milliarde Bilder, aus denen dann ein Film entsteht.
SPIEGEL: Da kann man sicher eine Menge Arbeit nach Asien auslagern, um Geld zu sparen.
Katzenberg: Nein. Wir haben zwar einen Ableger in Indien, aber das ist kein Billigstudio. Wir sind dort, weil es in Indien sehr talentierte Menschen gibt, nicht wegen der Kosten.
SPIEGEL: Ist es im Animations-Business zwangsläufig notwendig, Kinder als Zielgruppe im Visier zu haben? Der Western-Comic "Rango" war eher ein Erwachsenenspektakel, aber dennoch erfolgreich.
Katzenberg: Erfolgreich? Nicht wirklich. Er hat kein Geld verdient. Was ist für Sie Erfolg? Der Film hat einen Oscar gewonnen, und Erwachsene fühlten sich angesprochen. Aber ganz ehrlich: "Rango" war kein Kassenschlager.
SPIEGEL: Ab wann sind Sie in der Lage, zu prognostizieren, wie viel ein Film einspielen wird?
Katzenberg: Im amerikanischen Markt normalerweise nach dem ersten oder zweiten Kinotag. International ist das schwieriger. Es gibt Filme, die in einzelnen Märkten sehr unterschiedlich laufen. In den USA kennt man zwar auch nicht immer sofort den exakten Umfang des Erfolgs, aber man kann eben schnell sagen, ob etwas generell klappt oder ein Flop wird.
SPIEGEL: Haben klassische Kinofilme ohne Animationselemente künftig überhaupt noch eine Chance?
Katzenberg: Ich bin nicht der Sprecher der Filmindustrie. Ich persönlich glaube aber: ja. Sie dürfen nicht vergessen, dass 2013 bisher an den Kinokassen ein großartiges, wenn nicht das großartigste Jahr ist. Das Filmgeschäft hat seine Herausforderungen. Aber die Menschen auf der ganzen Welt lieben nun mal Filme.
SPIEGEL: Vergangene Woche wurden in Macau Filmpreise verliehen, eine Art chinesische Oscars. Wie wichtig ist die Region für Sie finanziell?
Katzenberg: China ist ein hervorragender Markt. In fünf Jahren wird das Land fürs Filmgeschäft der größte der Welt sein.
SPIEGEL: Beunruhigt es Sie nicht, dass der Online-Abrufdienst Netflix und andere Internet-Filmplattformen neuerdings Ihre Branche kapern?
Katzenberg: Nein. Netflix ist ein Segen für Dreamworks. Wir waren eine der ersten Firmen, die einen Vertrag mit denen abgeschlossen haben. Wir haben vor kurzem ein sogenanntes Blockbuster-Geschäft vereinbart, bei dem unsere neuen TV-Produktionen exklusiv bei Netflix zu sehen sind. Das war einer der größten Deals in der Geschichte des Fernsehgeschäfts.
SPIEGEL: Welche Ihrer Produktionen war Ihr bislang größter Überraschungserfolg?
Katzenberg: Ich würde sagen "Shrek". Der Film war so anders als alles, was irgendwer vorher ausprobiert hatte. Die Art und Weise, Märchen zu erzählen, wurde komplett auf den Kopf gestellt. Es war eine wirklich riskante Sache für uns. Am Ende ist es gutgegangen.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie zu Beginn Ihrer Karriere jeden Morgen einige Stunden in der Branche herumtelefoniert haben, um alle Informationen zu Deals, Drehbüchern, Produktionen zu sammeln?
Katzenberg: Ich habe viel, viel Zeit am Telefon verbracht. So funktioniert die Welt heutzutage nicht mehr. Es gibt viele Wege, neben dem Telefon zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. Das Telefon ist aber immer noch sehr effektiv.
SPIEGEL: Und das eitle Hollywood geht Ihnen dabei nie auf die Nerven?
Katzenberg: Hollywood ist ein Ort mit sehr vielen netten, ganz normalen Menschen. Nicht jeder ist identisch mit der übertriebenen Cartoon-Figur, die als Mythos über die Person in der Öffentlichkeit kursiert. Ich selbst bin ein Familienmensch und seit 38 Jahren verheiratet. Ich habe zwei wunderbare Kinder, die mittlerweile über dreißig sind und eine großartige Karriere hingelegt haben. Nicht jeder in Hollywood ist plemplem.
Interview: Martin U. Müller
Von Martin U. Müller

DER SPIEGEL 42/2013
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