14.10.2013

USARuinen-Porno

Detroit ist bankrott. Es gibt Häuser für 100 Dollar, Kojoten streunen durch die Straßen. Kann die Stadt, die einmal Amerikas große Hoffnung war, zurückerobert werden?
Es ist ein Haus mit Geschichte, weil es einmal Deborah Nelson gehörte, der Mutter des Rappers Eminem. Und Eminem ist einer der berühmtesten Bürger Detroits. Vor 13 Jahren war ein Foto des Hauses auf dem Cover von Eminems drittem Album, das ihn reich gemacht hat: Der Rapper sitzt vor dem frisch gestrichenen Kleinbürgerheim mit Garten und Bäumen, mitten in Detroit, 19 946 Dresden Street.
Davon ist nicht viel übrig geblieben: Die Fassade bröckelt, das Dach fault, die Fenster sind zugenagelt. Seit Jahren schon lebt niemand mehr in diesem Haus, genauso wenig wie in dem nebenan und dem gegenüber. In den Gärten wuchern die Büsche, Unkraut wächst aus dem Bürgersteig. Man denkt, hier wolle niemand leben.
"Wir haben viele Angebote bekommen", sagt aber Mario Morrow von der Michigan Land Bank, "es gibt sehr großes Interesse an dem Haus, auch international." Im Immobilienregister der staatlichen Michigan Land Bank wird das Haus unter der Nummer 21034756 geführt, eine Immobilie, mit der niemand mehr etwas anfangen konnte. Bis vor einem Monat Eminem das Cover seines neuen Albums vorstellte.
Auch das zeigt wieder dieses Haus. Vernagelt, heruntergekommen, kaputt. So trostlos, wie es jetzt eben ist. Es ist ein Zeichen des Trotzes geworden, und Trotz prägt das neue Lebensgefühl einer Stadt, von der es hieß, sie sei untergegangen.
Vor drei Monaten hat Detroit Konkurs anmelden müssen. Es war die ultimative Demütigung einer Stadt, die einmal die viertgrößte Metropole der USA war, die stolze Heimat der "Big Three", der drei großen Autokonzerne Chrysler, Ford und General Motors. Die Stimmung hat das nicht getrübt, ebenso wenig wie den Glanz in den Augen der Presseleute, die die Stadt gerade jetzt vermarkten wollen, mitten in der Krise, weil sie glauben, dass sich nichts besser vermarktet als Ruinen und Elend. Sie nennen das nur anders: Ehrlichkeit und Authentizität.
Es ist ihr Code für die Geschichte von einem unwahrscheinlichen Comeback, die sie gern erzählen würden.
Nicht nur Chrysler hat inzwischen den Vorteil entdeckt, Produkte "Imported from Detroit" zu verkaufen. "Made in Detroit" heißt eine hippe Kleidermarke, und es gibt Shinola, ein neues Detroiter Unternehmen, das Schuhcreme, Fahrräder, Uhren und lederne Hüllen für iPhones verkauft, eine eher wirre Palette von Produkten. Aber ein Wort steht überall, auf den Uhren wie auf dem Kettenschutz der Fahrräder: "Detroit".
Es gilt inzwischen als schick, in Detroit zu investieren oder zumindest ein Produkt zu kaufen, das in Detroit produziert wurde. Ein Auto aus Detroit ist wie eine Jutetasche aus Afrika, ein Symbol der Wohltätigkeit. Unternehmer präsentieren sich mit überlebensgroßen Schecks, um zu zeigen, dass sie der Stadt wieder auf die Beine helfen. "Detroit ist nun ein Fall für die Wohltätigkeit", schrieb die "New York Times".
Detroit war einmal eine boomende Stadt mit fast zwei Millionen Einwohnern, heute leben nur noch rund 700 000 dort.
Etwa 90 000 Häuser stehen leer, eine Warnung vor dem, was bleibt, wenn ein Land sein Gemeinwesen vernachlässigt, seine öffentliche Infrastruktur, die industrielle Basis, wenn sich das, was der amerikanische Traum genannt wird, verflüchtigt. 400 Morde werden pro Jahr begangen. Stadtverordnete kommen bewaffnet zum Rathaus, Priester gehen sonntags mit Schusswaffe auf die Kanzel, weil sie sich selbst dort nicht mehr sicher fühlen. Bis zu 50 000 verwilderte Hunde streunen angeblich zwischen den Ruinen umher, sogar Kojoten wurden gesichtet, und die meisten Stadttauben sind davongeflogen. Sie sind Nutznießer jeder funktionierenden Zivilisation, aber für sie gibt es hier nicht mehr genug zu holen.
Mehr als 300 Jahre nachdem Detroit gegründet wurde, sind große Teile der Stadt wieder, was sie einmal waren: Wildnis, die erobert werden muss.
"Detroit ist wie Pompeji", schreibt der Detroiter Charlie LeDuff in seinem Buch "Detroit - eine amerikanische Autopsie". "Nur dass die Leute nicht von Asche verschüttet sind. Wir leben noch."
Seit Jahrzehnten schon steuert Detroit auf diesen Untergang zu, mit korrupten Politikern, mit einem Haushaltsdefizit von 327 Millionen Dollar, einer Arbeitslosenquote von 16 Prozent und einer katastrophalen Bildungspolitik.
Detroit ist nicht die erste Stadt mit akuter Geldnot. Im vergangenen Jahr gingen unter anderem die kalifornischen Städte Stockton und San Bernardino pleite. Nur hat Detroits Scheitern eine besondere Symbolkraft für den Rest des Landes, denn lange stand diese Stadt für den amerikanischen Traum.
Aber irgendwann ließen sich die großen, durstigen Autos der "Big Three" nicht mehr gut verkaufen, und Detroits Absturz entzweite die Stadt. Während japanische Automobilkonzerne den Weltmarkt eroberten, verlor Detroit seinen Ruf als Musterstadt der Integration. Im Juli schlugen wohlhabende Detroiter, die in die Vorstädte geflüchtet sind, ernsthaft vor, eine Mauer um ihre gesamte Wohngegend zu bauen, um all die Kriminellen auszusperren.
Sieht so das Ende Amerikas aus?
Das Elend Detroits ist heute zur Touristenattraktion geworden. "Ruin porn" nennen Taxifahrer und Busunternehmer das Interesse für diese Ruinen, "Ruinen-Porno". Und die Frage wird diskutiert, ob manche der Ruinen einmal als die großen Monumente industriellen Niedergangs in die Geschichte eingehen werden.
Es gibt auch das andere Detroit. Da ist die Skybar im David Stott Building, der Szenetreff in dem alten Art-déco-Hochhaus, das über Detroit aufragt. Da sind die Tigers, Detroits Baseballmannschaft, die wieder oben mitspielt. Künstler eröffnen Galerien, und Restaurantketten feiern ihre Rückkehr nach Detroit.
George Hunter hatte Sonntagsdienst, als eine dieser neuen Filialen eröffnete, die von Buffalo Wild Wings mitten in der Innenstadt. Es war sein Pech.
Hunter ist Polizeireporter bei der "Detroit News", normalerweise schreibt er über Morde, Gerichtsprozesse, über das, was er das wirkliche Detroit nennt. Er quälte sich Zeile für Zeile, trank viel Kaffee und verwünschte ausnahmsweise seinen Job. Er sagt, es sei ihm selten so schwergefallen, die paar Zeilen zu schreiben, er fühlte sich wie ein Werbemann für Detroit.
Als ihn Freunde danach lobten, er habe endlich mal was Positives geschrieben, sagte er nur: "Das ist ein Missverständnis. Ich muss die Welt nicht verbessern. Ich schreibe, was ist."
Hunter ist einer der Übriggebliebenen bei der "Detroit News", einer Zeitung, die nur noch an drei Tagen pro Woche an die Abonnenten geliefert wird, aus Kostengründen. Vor vier Jahren haben seine Chefs Hunderte Mitarbeiter entlassen. Hunter haben sie nicht gefeuert, denn in Detroit kann man auf vieles verzichten, aber auf einen Polizeireporter nicht. Und so sitzt er heute manchmal in seinem leeren Großraumbüro und schreibt im Alleingang den Lokalteil der Zeitung voll.
Seine Geschichten handeln von Gangstern, Pitbulls und überwucherten Nachbarschaften. Hunters Detroit ist eine soziale Hölle, Kriegsgebiet. "Wenn Sie in Detroit Schüsse hören, reagiert niemand mehr", sagt er. "Nur wenn jemand schreit. Aber Schüsse allein sind hier wie Vogelgezwitscher."
Es gibt Überlebensregeln für Detroit: Man darf zum Beispiel nicht die Verpackung in den Mülleimer stecken, wenn man sich einen neuen Fernseher gekauft hat, sonst wird eingebrochen. Man sollte auch nur tagsüber tanken, um nachts nicht an der Tankstelle überfallen zu werden. Man sollte in den Drive-through nur dann fahren, wenn vor einem kein Auto steht, damit man nicht von hinten von einem zweiten Auto eingeklemmt werden kann. Man muss den bestmöglichen Fluchtweg immer mitdenken, das ist Hunters Detroit, eine Stadt, in der der schlimmstmögliche Fall normal ist.
Die Frage ist dann nur, warum Hunter überhaupt bleibt. Warum er nicht vor Detroit flieht. "Wir kümmern uns umeinander", sagt Hunter, "weil wir wissen, dass es sonst niemand tut."
Der Niedergang Detroits hat einen neuen Gemeinschaftssinn geschaffen, Nachbarschaftshilfen, ehrenamtliche Patrouillen von Ex-Polizisten, die das Vakuum zu füllen versuchen, das der überforderte Staat hinterlassen hat. Es ist das Gefühl aus Schrecken, Empörung und Trotz, das sich nach großen Katastrophen einstellt und nicht nur die Betroffenen zusammenbringt, sondern manchmal auch ein ganzes Land.
Amerika war stets von der Vorstellung fasziniert, das Unmögliche möglich zu machen. Und so ist es auch ein Test für Amerika, ob ausgerechnet jene Stadt wieder zum Vorbild werden kann, der bis heute der Ruf der Unverfrorenheit anhängt - nachdem sie vor 33 Jahren den irakischen Diktator Saddam Hussein zum Ehrenbürger ernannte, ihm den goldenen Schlüssel überreichte.
Es war die Zeit, als Malik Kadhim aus Bagdad in seiner Heimat das Handwerk des Konditors erlernte. Er war damals noch ein junger Mann, hatte volles Haar, einen schwarzen Schnauzer. Jetzt steht der Einwanderer in Detroit, in einer Halle, die einmal ein One-Dollar-Shop war. Er braucht Geld, um ein neues Geschäft zu eröffnen, einen Delikatessenshop, in dem er europäische Spezialitäten anbieten will, Apfelstrudel, Schwarzwälder Kirschtorte.
Vor ihm stehen drei junge Herren von gemeinnützigen Organisationen wie Southwest Solutions, die Kredite an Neuunternehmer vergeben, richtige Kredite und Mikrokredite wie in der Dritten Welt. Sie wollen alles ganz genau wissen. Wo der Kühlschrank hinsoll? Mit welchen Kunden er rechnet? Kann er Schwarzwälder Kirschtorte?
Er hat ihnen lange zugehört und ihnen immer wieder geduldig geantwortet. Er will ja etwas von ihnen, im Idealfall 80 000 Dollar Kredit. Aber irgendwann wird ihm das zu viel: "Ich habe für Saddam gearbeitet", sagt er plötzlich, "ich kann alles. Ich war sein Koch."
Vergessen sind auf einmal die Fragen nach den Kühlschränken und Rührstäben. Die Milchgesichter sind beeindruckt, auch wenn es natürlich überhaupt keine Beweise dafür gibt, dass Kadhim wirklich Saddam Husseins Koch war.
Draußen wächst das Gras kniehoch neben dem Bürgersteig, es ist noch ein weiter Weg zum Erfolg. Aber man ist sich schon jetzt, nach dem ersten Treffen, weitgehend einig. "Ich werde bald das nächste Geschäft eröffnen und dann das übernächste", sagt Kadhim; er hört sich gar nicht mehr wie ein Iraker an, sondern sehr amerikanisch. "Detroit", sagt er, "ist nur der Anfang."
Wird aus Detroit plötzlich ein unternehmerisches Schlaraffenland, in dem alles so billig ist wie nirgendwo sonst? Die "New York Times" schreibt über die Faszination des sogenannten 100-Dollar-Hauses, denn natürlich kann man in Detroit für 100 Dollar Hausbesitzer werden, wenn man im Wilden Westen wohnen will. Und der Unternehmer Tim Bryan, der vor Jahren mit seiner Softwarefirma ins indische Bangalore gegangen war, eröffnete 2010 in Detroit eine Niederlassung und argumentiert, die Produktion in der Stadt sei nur fünf Prozent teurer als etwa im Schwellenland Brasilien.
Selbst der Washingtoner Think-Tank Brookings Institution äußert sich zu Detroits Wirtschaftschancen für seine Verhältnisse ungewohnt euphorisch: "Die gute Nachricht, die in den Schlagzeilen zum Bankrott unterging, lautet, dass die Dynamik des Marktes in der Innenstadt greifbar ist und ein festes Fundament für künftiges Wachstum bietet."
Es gibt allerlei Ideen, die Detroit wieder zu altem Glanz zurückbringen sollen, auch verrückte. Der Unternehmer John Hantz etwa möchte Detroit in eine Baumplantage umwandeln, in der das Holz für Möbel wachsen soll. Und Rodney Lockwood, der mit Seniorenwohnheimen immens reich geworden ist, will der Stadt ihre Ausflugsinsel Belle Isle abkaufen, um dort eine autofreie Steueroase für Reiche zu errichten.
Jim Palmer hat auf YouTube den Werbeclip für den Chrysler 200 angeklickt und lässt ihn wieder einmal auf sich wirken. Zwei Minuten lang ziehen Bilder von Detroit vorüber, von monströsen Ruinen und zugigen Straßen, dazu die Bässe von "Lose Yourself", Eminems großem Rap über die eine Chance im Leben.
Der Clip für das Auto habe aus Detroit eine neue Marke gemacht und aus ihm, Jim Palmer, einem Detroiter, der es nie aus Detroit herausgeschafft hat, einen Abenteurer, einen richtigen Mann.
Seit drei Monaten ist Palmer nun Chef von Lowe Campbell Ewald, der ältesten Werbeagentur Detroits. Vor 35 Jahren ist die Agentur aus Detroit in die Vorstadt gezogen, wie so viele, aus Furcht vor Kriminellen.
Er geht zum Fenster, ein Mann Ende 50, blaue Augen, ein wenig Wohlstandsspeck auf den Hüften. Von seinem Vorstadtbüro aus sieht Detroit noch immer wie eine Fotowand aus, eine stolze Skyline am Horizont, hinter der gerade die Sonne versinkt. Aus der Ferne sieht man nicht, wie viele der Wolkenkratzer leer stehen. Wenn Palmer jetzt anderswo in Amerika unterwegs ist, werde er anders behandelt, respektvoller, erzählt er. Die Leute bedauern ihn nicht mehr, weil er aus Detroit kommt, sondern behandeln ihn mit Respekt; wie einen Cowboy, der nach einem harten Ritt gerade abgesattelt hat.
"Imported from Detroit" steht auf dem Bildschirm seines Laptops, die Zeile aus Eminems Werbevideo, die Karriere gemacht hat, weil sie den Eindruck erweckt, als wäre Detroit eine Stadt außerhalb Amerikas, jenseits der Zivilisation.
"Wir ziehen jetzt wieder nach Detroit", sagt Jim Palmer und nickt seiner Assistentin zu.
* Mit dem ehemaligen Haus seiner Mutter Deborah.
Von Marc Hujer

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