14.10.2013

Ein Lichtblick

Die internationalen Giftgas-Inspektoren bekommen den Friedensnobelpreis - vor ihrer schwierigsten Mission.
Manchmal kann man auch dem Nobelpreis-Komitee nur schwer glauben. Die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen, OPCW, bekomme den diesjährigen Friedensnobelpreis nicht wegen der Ereignisse in Syrien, sondern für ihre langjährige Arbeit, so das Komitee am vergangenen Freitag.
Nur dass die Arbeit der OPCW seit ihrer Gründung 1997 an den Rändern der öffentlichen Aufmerksamkeit stattfand. Denn eigentlich wurde die Organisation nur als Kontrollinstanz installiert, sie soll die Umsetzung der internationalen Chemiewaffenkonvention überprüfen. Alle Bestände sollen danach vernichtet, die Produktionsanlagen zerstört werden.
Die Sprengköpfe und Granaten in jenen Staaten, die die Konvention unterzeichnet haben, stammten zumeist aus Zeiten des Kalten Krieges und galten vor allem in den Industriestaaten als gefährliche Altlasten, die alle loswerden wollten. 58 172 Tonnen, knapp 82 Prozent der weltweit bekannten Bestände, sind bislang nach Angaben der OPCW-Zentrale in Den Haag vernichtet worden, recht einvernehmlich. Die OPCW-Prüfer machten, nüchtern formuliert, einfach ihren Job, und kaum jemandem fiel das auf.
Trotzdem wurde die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees jetzt weltweit begrüßt. Denn sie kann helfen, jenen Auftrag abzusichern, dessen Erfüllung auf jeden Fall preiswürdig sein wird: die Zerstörung des syrischen Giftgas-Arsenals, 1000 Tonnen wohl.
Gemessen an der sonstigen Hoffnungslosigkeit, dem Krieg in Syrien ein Ende zu bereiten, ist das ein Lichtblick - auch wenn die Kämpfe mit allen anderen Waffen weitergehen. Das Prinzip Hoffnung, das schon US-Präsident Barack Obama den Friedensnobelpreis eingetragen hat, dürfte diesmal ebenfalls eine Rolle gespielt haben. "Man kann den Preis auch etwas opportunistisch finden", konzidiert Åke Sellström, Chef der Uno-Waffeninspektoren in Syrien, der natürlich trotzdem begeistert ist ("ganz toll!").
Die Mission, von Uno und OPCW gemeinsam übernommen, ist die schwierigste in der Geschichte der Kontrolleure. Für so etwas ist die OPCW in Wahrheit nicht ausgelegt: die Vernichtung eines immensen Chemiewaffenarsenals mitten in einem Kampfgebiet.
Bislang haben die derzeit 27 Spezialisten in Syrien mit simplen Mitteln wie Vorschlaghämmern einige Produktionsanlagen unbrauchbar gemacht. Die hochkomplizierte Vernichtung der Vorräte steht noch in weiter Ferne.
Damit hat die OPCW unter Generaldirektor Ahmed Üzümcü zwar Erfahrung, aber in friedlicher Umgebung: in Russland und den USA - die beide dem Zeitplan hinterherhinken, weil selbst die technischen Kapazitäten der Großmächte daheim nicht ausreichen. "Eigentlich war vorgesehen, alle Chemiewaffen innerhalb von zehn Jahren zu vernichten", so der deutsche Chemiewaffenexperte Ralf Trapp, der die OPCW mitaufgebaut hat, "maximal sollte es eine Verlängerung auf 15 Jahre geben, ab Inkrafttreten 1997."
Doch von den etwa 40 000 Tonnen in Russland beispielsweise sind nach OPCW-Angaben bislang erst 75 Prozent vernichtet.
Dass ein Staat Giftgas im Krieg einsetzen würde, zumal gegen die eigene Bevölkerung, damit hatte ernsthaft niemand mehr gerechnet. "Die Vergangenheit hat uns eingeholt", konstatiert Stefan Mogl, Leiter des Fachbereichs Chemie beim Schweizer Bundesamt für Bevölkerungsschutz und bis Juni Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der OPCW: "Aber der Preis ist wunderbar, denn ich bin der Überzeugung, dass die Chemiewaffenkonvention einer der wichtigsten Abrüstungsverträge überhaupt ist mit umfangreichen Kontrollmechanismen - nur wurde er international bislang wenig wahrgenommen."
Nun gebe es Hoffnung auch für den Bereich neuartiger toxischer Stoffe aus dem Arsenal von Polizeikräften, deren Einsatz unter den Vertragsstaaten umstritten ist. Sie sind bislang von der Konvention ausgenommen. Es geht um Giftstoffe, wie sie russische Spezialeinheiten 2002 beim Sturm eines von tschetschenischen Geiselnehmern besetzten Theaters in Moskau nutzten. Über 120 Geiseln starben an Vergiftungen. Das Label "nichttödlich" sei irreführend, so ein OPCW-Protokoll vom 27. März, "schließlich ist Giftigkeit eine Frage der Dosis".
"Wenn hochentwickelte Staaten einen Kampfstoff einsetzen", fragt Mogl, "was hält dann deren Gegner davon ab, auch Chemie einzusetzen? Das ist eine hochgefährliche Mischung."
Lesen Sie zu den Nobelpreisen auch auf Seite 138: die Schriftstellerin Alice Munro; auf Seite 156: die Physiker Peter Higgs und François Englert
Von Manfred Ertel, Hans Hoyng und Christoph Reuter

DER SPIEGEL 42/2013
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