14.10.2013

Goldfinger

GLOBAL VILLAGE: Ein französischer Spionage-Autor versteckt in seinen Werken Geheimdienstinformationen.
Der Mann, der über 100 Millionen Bücher verkauft hat, sagt, dass er sich im Leben für vier Dinge interessiere: Waffen, Geopolitik, Frauen. "Und für Katzen. Die spielen in meinen Büchern aber keine große Rolle."
Gérard de Villiers ist 83 Jahre alt, ein schlanker Aristokrat mit ernsten Augen. Er ist einer der erfolgreichsten und produktivsten Autoren der Welt. In Deutschland kennt man ihn kaum, in der französischsprachigen Welt dafür umso besser. Als er vergangenes Jahr in Mali war, um für ein Buch zu recherchieren, wollte sich der Putschistenführer Amadou Sanogo sofort mit ihm treffen. "Der Mittelsmann schärfte mir ein: ,Vergessen Sie nicht, Ihr neues Buch mitzubringen'", sagt de Villiers. "Die lieben mich im frankophonen Schwarzafrika."
Er sitzt zurückgelehnt auf einem senfgelben Sofa im vierten Stock eines großbürgerlichen Hauses an der Avenue Foch, einer der teuersten Straßen von Paris, nur einen Handgranatenwurf vom Arc de Triomphe entfernt. Mit einer Hand umfasst er den Griff des Rollators, auf den er angewiesen ist, seit vor drei Jahren seine Aorta riss und er fast gestorben wäre. Trotzdem sagt er: "Ich trinke nur Wodka und Bordeaux."
Am Vormittag hat er am nächsten Buch gearbeitet. Er schreibt seit 1965 und schafft fünf Stück pro Jahr. Gerade ist in seiner Erfolgsreihe "S.A.S." die 200. Ausgabe erschienen. Sie heißt "Die Rache des Kreml", und auf dem Cover ist wie immer eine leichtbekleidete Frau mit Waffe abgebildet.
De Villiers ist der Meister eines Genres, das von der Literaturkritik verachtet wird, aber seine Fans begeistert: erotische Spionagegeschichten. Sie haben ihn sehr reich gemacht. Gérard de Villiers ist der Goldfinger des Groschenromans.
Held seiner Geschichten ist der österreichische Agent Malko, der im Auftrag der CIA zu den Konfliktherden der Welt reist. Alle Bücher sind nach dem gleichen Prinzip gebaut: Malko erledigt ballernd seine Aufträge, gern in ehemaligen Kolonien, dazwischen wird die politische Lage im Land erläutert, alle paar Seiten folgen Sexszenen in pornografischer Detailtreue. De Villiers sagt: "Alle lesen mich aus unterschiedlichen Gründen."
Es wäre ein Leichtes, diese Bücher als Altmännerphantasien abzutun. Doch sie verfügen über eine verblüffende Besonderheit: Gérard de Villiers hat im Gegensatz zu anderen Spionage-Autoren Zugang zu echten Geheimdienstinformationen. Er hat sich im Lauf der Jahre ein Netz aus Informanten aufgebaut. Und so kommt es, dass sich bei ihm manchmal geradezu prophetische Szenen finden.
Ein halbes Jahr vor dem Anschlag auf den US-Botschafter in Libyen beschrieb er im Roman "Die Verrückten von Bengasi" das dortige geheime Kommandozentrum der CIA. Er hatte es kurz zuvor besucht. Wenige Wochen vor einem Anschlag auf den Führungszirkel des syrischen Regimes erzählte er in "Der Weg nach Damaskus" die Geschichte eines fast identischen Attentats. Und schon 1980, ein Jahr vor der Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat, beschrieb er einen ähnlichen Fall in einem Buch.
"Er ist wirklich gut informiert", sagt der frühere französische Außenminister Hubert Védrine, einer seiner treuen Leser. Als er noch Minister war, lud er de Villiers einmal zum Essen ein. "Wir müssen reden", sagte Védrine. "Ich glaube, Sie und ich, wir haben dieselben Quellen."
De Villiers' Informanten sind Geheimdienstler, die seine Bücher mögen, viele sind Franzosen, aber er ist beispielsweise auch im Libanon gut verdrahtet. So kam es, dass de Villiers 2010 in "Die Liste Hariri" als Erster öffentlich die Namen jener Killer nannte, die den früheren libanesischen Premier Rafik al-Hariri im Auftrag der Hisbollah getötet haben.
"Alle Spione ähneln einander", sagt de Villiers. "Egal ob Franzosen, Russen, Amerikaner oder Deutsche." Er fühlt sich wohl in ihrer Welt.
In Frankreich erhält er erst seit kurzem öffentliche Anerkennung. Er war lange verschrien als Reaktionär, und er macht kein Geheimnis daraus, dass er politisch rechts steht: "Der Sozialismus, das ist der Kommunismus ohne Panzer." De Villiers interessiert sich sehr für das "Dritte Reich", er kann über das Verhältnis von Eva Braun und Hitler dozieren; nach dem Krieg, als junger Journalist, besuchte er einmal gar Eva Brauns Eltern.
De Villiers schaut auf die Avenue Foch, neben ihm steht die riesige metallene Skulptur einer Frau, aus deren Vagina ein MP44-Automatikgewehr schräg aufragt. "Sie heißt: ,Der Krieg'", sagt er. Es ist eine eigenartige Welt, in der er lebt. Er hat viermal geheiratet, habe viele Frauen geliebt, sagt er. Seine neue Freundin ist 30 Jahre jünger als er, sie wohnen nicht zusammen.
An der Wand hängen Pin-ups und eine Kalaschnikow, im Nebenzimmer eine Kopie von Hieronymus Boschs "Der Garten der Lüste". Es gibt einen gerahmten Dankesbrief des damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy und Fotos: de Villiers in Kenia, im Kongo, überall. Er ist immer noch auf Reisen für seine Bücher, er kann nicht aufhören, vor Monaten ist er gar nach Kabul geflogen, trotz Rollator.
Er sagt: "Ich mache weiter bis zum Schluss."
Von Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 42/2013
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