14.10.2013

KINOOben ohne

Die Schauspielerin Golshifteh Farahani ist auf dem Weg zum Weltstar. Nur in einem Land darf sie nicht mehr arbeiten: in ihrer Heimat Iran.
Alles, was die Schauspielerin Golshifteh Farahani tut, kann zum Politikum werden: was sie sagt, wo sie dreht, mit wem, mit wem nicht, ob mit Kopftuch oder ohne. Hardliner in Teheran könnten es auch schon für eine Provokation halten, dass sich Farahani zum Interview mit dem SPIEGEL ausgerechnet im Café des Hotels Amour in Paris treffen möchte. Das Hotel war früher ein Bordell.
Freiheit bedeutet für Golshifteh Farahani, dass sie heute nicht mehr ununterbrochen darüber nachdenken muss, wie ihr Verhalten von den Sittenwächtern in ihrer Heimat beurteilt werden könnte. Farahani, 30 Jahre alt, ist Iranerin, die berühmteste Schauspielerin ihres Landes, im Westen bekannt durch einen Film mit Leonardo DiCaprio - und dafür, dass sie beim iranischen Regime in Ungnade gefallen ist. Seit gut vier Jahren lebt sie im Exil in Paris, ein paar Straßen entfernt vom Hotel Amour, das heute ein angesagter Treffpunkt für Einheimische und Touristen ist; Farahani ist hier Stammgast.
"Ich will keine politische Figur sein", sagt Farahani, "ich hoffe, ich bin keine." Dann erzählt sie von Verhören bei der Geheimpolizei in Teheran, von Rollenangeboten, die das State Department in Washington in Aufregung versetzt haben, von ihrer Karriere, die sie seit einigen Jahren um die halbe Welt führt, nach New York, Los Angeles, Berlin, Cannes, Venedig, Marokko, nur nicht mehr nach Teheran, wo ihre Eltern leben, zu riskant.
Golshifteh Farahani sieht aus wie ein Model, das Bücher liest. Im Gegensatz zu Schauspielerinnen aus Deutschland oder den USA spricht sie nicht über Tierschutz oder Yoga. Farahani redet wie eine Bürgerrechtlerin, die nichts zu verlieren hat, eloquent und leidenschaftlich, in nahezu perfektem Englisch. Kopftuch trägt sie nur noch beruflich, als Kostüm vor der Kamera, wie in der Literaturverfilmung "Stein der Geduld", die jetzt in den deutschen Kinos läuft.
Der Film spielt in Afghanistan; er ist eine One-Woman-Show, ein Manifest mit großartigen Bildern. Farahani verkörpert eine Mutter von zwei Kindern, die ihren verletzten Ehemann pflegt. Der Mann, viel älter als sie, liegt zu Hause auf einer Matte, im Mund einen Schlauch, durch den eine Nährlösung aus einem Plastikbeutel tropft. Er ist bewusstlos, aber seine Augen stehen irritierend weit offen. Eine Kugel hat ihn in den Nacken getroffen. Vor dem Haus knallen immer wieder Schüsse.
"Kannst du mich hören?", fragt die Frau ihren Mann. Keine Antwort.
Sie redet trotzdem weiter, "ich habe genug vom Beten". Sie erzählt über sich, über ihn, über ihre Ehe, die geschlossen wurde, als sie 17 Jahre alt war, über ihre geheimen Wünsche, Begierden, über Sex, über all das, was in vielen Beziehungen unausgesprochen bleibt, auch im Westen.
Ein stummer Mann, eine redselige Frau: Lebenserfahrene Europäer könnten diese Konstellation für eine glückliche Ehe halten, Komödienstoff. In Afghanistan jedoch können Frauen in Lebensgefahr geraten, wenn sie den Mund aufmachen.
Atiq Rahimi, der Regisseur von "Stein der Geduld", geboren in Kabul, Wohnsitz Paris, ist auch der Autor der Romanvorlage. 2008 wurde er für das Buch mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, dem wichtigsten Literaturpreis Frankreichs. Rahimi hatte anfangs Bedenken, Farahani in "Stein der Geduld" zu besetzen. "Ihre Schönheit hat mir zunächst ein wenig Sorge bereitet", sagt er, Sorge, dass die Geschichte darüber "zur Nebensache werden" könnte.
"Das sollte ein Witz sein", behauptet Farahani. "Er konnte sich mich nicht als eine Frau vorstellen, die leidet."
Sie war schon immer eine Kämpferin. Als Schülerin führte sie einen Protest an, weil die Schule nicht geheizt wurde. Mit 16 schnitt sie sich die Haare ab und verkleidete sich als Junge, um auf dem Fahrrad durch Teheran fahren zu können.
Sie stammt aus einer Künstlerfamilie. Der Vater leitet ein Theater; Mutter, Schwester, Bruder spielen oder führen Regie. "Nur einen Beruf sollte ich auf keinen Fall ergreifen: Schauspielerin", sagt Farahani und lacht.
Musikerin sollte sie werden, Pianistin, sie besuchte das Konservatorium in Teheran und übte Mozart, Schubert, Bach, "Präludien und Fugen, ziemlich schwer". Ein Jahr lang lernte sie Deutsch, zur Vorbereitung auf ein Studium in Wien. Kurz vor der Abreise, mit 17, teilte sie ihren Eltern mit, dass sie andere Pläne habe.
Bereits als 14-Jährige hatte sie sich dem Verbot ihres Vaters widersetzt und eine Filmrolle angenommen. Mit Anfang zwanzig war sie verheiratet und drehte in Iran einen Film nach dem anderen. Einige Werke wurden verboten, aber dafür auf den DVD-Schwarzmärkten Teherans und auf internationalen Festivals umso populärer.
Der Film, der Farahanis Leben verändern sollte, heißt "Body of Lies", ein Hollywood-Thriller, der in Deutschland unter dem Titel "Der Mann, der niemals lebte" in die Kinos kam. Regie führte der Brite Ridley Scott ("Gladiator"), Russell Crowe und Leonardo DiCaprio übernahmen die Hauptrollen. Für eine größere Nebenrolle - eine Krankenschwester, in die sich der von DiCaprio verkörperte CIA-Agent verliebt - suchte Scott eine junge Schauspielerin aus dem Mittleren Osten.
Ein paar Wochen später, die iranischen Behörden waren erstaunlich kooperativ gewesen, saß Farahani in Los Angeles und wartete. Noch hatte sie die Rolle nicht. Farahani war die erste Iranerin, die seit der islamischen Revolution 1979 und der Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran für ein Hollywood-Studio arbeiten sollte. Ein Fall, der die Manager bei Warner Bros. in Verlegenheit brachte. Wegen des Embargos gegen Iran verbot sich eigentlich jede Zusammenarbeit, doch Ridley Scott hielt zu Farahani. Das amerikanische Außenministerium wurde konsultiert.
Am Ende fand man einen Kompromiss: Die Warner-Außenstelle in London unterzeichnete Farahanis Vertrag. Gedreht wurde in Marokko, auch eine Szene, in der Farahani ohne Kopftuch neben DiCaprio am Ufer eines Sees sitzt und irgendwann ihre gute muslimische Erziehung vergisst: Sie streichelt seine Hand.
Im Film fehlt die Sequenz, Farahani ist stets mit Kopftuch oder Schwesternhaube zu sehen. Aber ein Werbetrailer für "Body of Lies" im Internet zeigte sie ein paar Sekunden ohne Kopftuch. Einigen Sittenwächtern in Iran reichte das, um einen Skandal zu inszenieren.
Farahani wollte gerade nach London, diesmal für eine Disney-Produktion, ausgerechnet mit dem Titel "Prince of Persia". Doch am Flughafen in Teheran wurde ihr der Pass abgenommen. Es gebe eine Akte über sie bei Gericht, lautete die Begründung.
Damit begann "ein Alptraum", wie Farahani sagt. Immer wieder musste sie zu Verhören vor Gericht und bei der Geheimpolizei erscheinen. Was hatte sie mit dem "großen Satan" USA zu schaffen? War "Body of Lies" Propaganda der CIA? Der Vorwurf, sie habe die nationale Sicherheit gefährdet, lag in der Luft.
"Dafür kann man gehängt werden, einfach so", sagt Farahani. Wenn sie zur Vernehmung musste, zog sie zwei Garnituren Unterwäsche übereinander. "Falls ich sofort ins Gefängnis gesperrt worden wäre, hätte ich wenigstens Wäsche zum Wechseln gehabt." Ihr Ehemann wartete vor dem Gebäude, um sicherzugehen, dass sie auch wieder herauskam.
Die Dreharbeiten in London fanden derweil ohne Farahani statt. Auf Anraten eines Regime-Mitarbeiters schrieb sie eine Beschwerde ans Gericht: Iran habe Schaden genommen, weil ihre Rolle eine Israelin bekommen habe. Tatsächlich ging der Part an Gemma Arterton, eine Engländerin.
Die Verhöre zogen sich über sieben Monate hin. Farahani drehte in der Zwischenzeit "Alles über Elly" unter der Regie von Asghar Farhadi, der 2012 für "Nader und Simin" einen Oscar gewinnen sollte. Das Kulturministerium hatte den Regisseur angewiesen, Farahani nicht zu beschäftigen; sie bekam die Rolle trotzdem.
"Alles über Elly" gewann bei der Berlinale 2009 einen Silbernen Bären. Golshifteh Farahani, die Hauptdarstellerin, lief bei der Premiere mit angespanntem Lächeln über den roten Teppich. Ein Richter hatte Mitleid gehabt und ihr kurz zuvor dringend geraten, Iran zu verlassen.
Seitdem lebt Farahani in Paris. Ihr iranischer Pass ist mittlerweile abgelaufen, sie hat jetzt einen französischen Ausweis. Ihre Ehe ging im Exil in die Brüche, beruflich läuft es umso besser.
Farahani drehte "Huhn mit Pflaumen" in Potsdam-Babelsberg, inszeniert von Marjane Satrapi, ebenfalls eine Exil-Iranerin. "Stein der Geduld" entstand in Marokko, nur einige Straßenszenen wurden in Afghanistan mit einem Double gefilmt, verkleidet mit einer Burka.
Mittlerweile kann sich Farahani ihre Rollen aussuchen. Es sind, Zufall oder nicht, oft Filme über rebellische Frauen in muslimischen Ländern. Im kurdischen Teil des Irak drehte sie "My Sweet Pepper Land", eine Art Western, der im Mai in Cannes Premiere hatte; Farahani spielt darin eine Lehrerin. In "Little Brides" verkörpert sie die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, die sich für zwangsverheiratete Mädchen im Jemen einsetzt.
Natürlich verfolgt sie auch genau, was in Iran passiert. Ja, der neue Präsident Rohani stimme sie optimistisch. Aber der vermeintliche Wandel sei vielleicht nur Strategie. "Sehen Sie sich die Vorgänger an: Rafsandschani, Chatami, Ahmadinedschad - immer abwechselnd Unterdrückung, Entspannung, Unterdrückung, jetzt wieder Entspannung. Die wahre Macht liegt beim religiösen Führer."
Die Behörden in Iran wiederum registrieren, was Farahani treibt. Nachdem sie in einem Werbevideo für die Césars, die französischen Filmpreise, für einen Sekundenbruchteil ihre rechte Brust entblößt hatte, bekamen ihre Eltern einen Anruf. Ein Mitarbeiter der Justiz drohte, Farahani würden zur Strafe die Brüste abgeschnitten.
"Ich glaube nicht, dass ich noch in Iran leben könnte", sagt Farahani. "Einen Baum, den man einmal aus der Erde geholt hat, kann man nur schlecht wieder einpflanzen."
Ihre stärkste Waffe sind Filme. Gerade hat sie wieder an einer US-Produktion mitgewirkt, bei "Rosewater", dem Regiedebüt von Jon Stewart, dem wichtigsten Fernsehmoderator des linksliberalen Amerika.
Es geht in "Rosewater" um einen Journalisten, der eingesperrt und brutal verhört wird. Der Film spielt in Iran.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 42/2013
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