14.10.2013

Worauf es ankommt

Alice Munro hat den Nobelpreis für Literatur verdient.
Humor ist nicht ihre Stärke. Hin und wieder allerdings benutzt sie ihn, um zu zeigen: Sie weiß Bescheid. Da kauft, in einer ihrer Geschichten, eine Musiklehrerin ein Buch und stellt erst zu Hause fest, es ist "eine Sammlung von Erzählungen, kein Roman. Schon die erste Enttäuschung. Das scheint das Gewicht des Buches zu verringern, als sei seine Verfasserin jemand, der sich nur an die Pforten der Literatur klammert, statt sich in ihr sicher niedergelassen zu haben".
Unter diesem Vorbehalt hat Alice Munro, seit mehr als 60 Jahren Autorin von Erzählungen, eine beachtliche Karriere gemacht. Für Romane, erzählte die Mutter von drei Kindern 1961 in einem Interview, fehle ihr einfach die Ruhe. "Hausfrau findet Zeit, Kurzgeschichten zu schreiben", lobte die "Vancouver Sun". Allerdings feilt sie an ihren Geschichten jahrelang, so dass, alles in allem, auch jene Opulenzmaßnahmen von mindestens 600 Seiten hätten dabei herauskommen können, die - Tschechow, Mansfield, Hemingway, Böll, Carver, Schalamow und anderen zum Trotz - gern mit "richtiger Literatur" gleichgesetzt werden.
Aber sie scheint nicht daran zu glauben, dass mit mehr Worten auch mehr gesagt sein könnte. Und in der Welt, von der sie erzählt, in der kanadischen Provinz, trifft das auch zu.
Da ist das Reden am Stück nur Pfarrern und Radiomoderatoren erlaubt. Wir befinden uns auf dem Land, in einer christlichen Monokultur, wie sie in den schottischen Wäldern, in der niedersächsischen Ebene, in der Prärie der USA und natürlich in Kanada den misstrauischen Ton angibt: Wer hier rhetorisch brilliert, der will dir einen Staubsauger verkaufen, einen Kredit andrehen oder noch Schlimmeres. Es gibt Frauen, die schwatzen - vornehmlich unter Alkohol -, aber das sind lästige Harmlosigkeiten. Worauf es im Leben ankommt, das lässt sich mit Worten nicht regeln.
Und nicht einmal beschreiben. In den Erzählungen Alice Munros bricht sich das Ungesagte, das Unbegriffene plötzlich Bahn, von keiner Erkenntnis, von keiner Warnung vorbereitet und von keiner Erklärung begleitet. Die Kraft, die Menschen zum Leben brauchen, geht in alltäglichen Handlungen auf, in konventionellen Bindungen und in dem Bemühen, einigermaßen anständig über die Runden zu kommen. Wir befinden uns in einer Epoche vor der psychologischen Ratgeberliteratur, vor der Chance und dem Elend, etwas aus seinem Leben zu machen, ein kostbares Individuum zu sein. Es gibt keine zweite Ebene, keine "Kultur", weder im Sinne der Reflexion noch als Ablenkung oder Versöhnung. Die Leute reißen klaglos Truthähnen die Gedärme heraus, Tag für Tag, da ist das Elend Hamlets kein Trost. Sie misstrauen der großen Welt, der Politik, der Plauderei. "Wie's aussieht, ham die Schweine wieder Spulwürmer", sagen die Männer ins lange Schweigen hinein, beim großen Familienessen. Und die Frauen versichern sich ihrer Zuneigung, indem sie Rezepte und Krankheitssymptome austauschen, wenn sie die Schminktipps hinter sich gelassen haben.
Doch bleibt ein Rest von Energie, der zu jähen Wendungen führt. Eine unerwartete Liebe, aus der eine Krankheit wird, oder eine Krankheit, aus der eine Liebe entsteht. Verheimlichte Kinder, ein endlich geglückter Mord, ein neues Gebiss, das ein Gesicht entstellt. Nichts ist vorhersehbar, gerade da, wo alles festgezurrt und angepflockt erscheint; das Leben hält Gnade und Schrecken bereit, und wer nicht an Gott glauben kann, der hat nur seine alltägliche Sprödigkeit, um die Katastrophe zu überstehen. Oder auch die vermiedene Katastrophe, die manchmal schlimmer sein kann. Und die Munros Spezialgebiet ist. Nicht nur in ihren Geschichten, sondern auch in ihrer Art zu erzählen: auf leisen Sohlen, aber in Schritten von unerbittlicher Präzision. Mit einer fast anämischen Diskretion, im vollen Vertrauen auf die Intelligenz ihrer Leser.
Die Stockholmer Jury hat, nach der doppelt deprimierenden Entscheidung 2012 für den Chinesen Mo Yan, einen Paradefall politischer Korruption und literarischer Konfektion, ihre nächste Katastrophe vermieden. Eine 82-jährige schreibende Hausfrau aus der kanadischen Provinz stellt das Ansehen des höchstdotierten Preises für Literatur erst einmal wieder her.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 42/2013
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