14.10.2013

Die Farbe Rot

FILMKRITIK: In dem düsteren Thriller „Prisoners“ schildert der Kanadier Denis Villeneuve das moralische Dilemma eines Vaters, dessen Tochter entführt wurde.
Ein Junge steht mitten im Wald und zielt mit seinem Gewehr auf ein Reh. Der Vater wartet neben ihm und spricht leise das Vaterunser. Der Junge drückt ab, das Reh sackt zu Boden, der Vater sagt: "Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Der Film "Prisoners" beginnt mit einem Gebet, das ungehört verhallt.
Der Vater heißt Keller Dover (Hugh Jackman) und lebt mit Frau und zwei Kindern in einer amerikanischen Kleinstadt. Er rechnet fest mit dem Weltuntergang und hat im Keller Lebensmittel gehortet. Seinem Sohn schärft er ein: "Sei bereit." Dann wird Dovers sechsjährige Tochter entführt, zusammen mit ihrer Freundin.
Der Kanadier Denis Villeneuve erzählt in "Prisoners" von dem verzweifelten Hoffen auf göttliche Hilfe, die nie kommt. Er stellt die Frage, was Eltern tun würden, um ihre Kinder wiederzubekommen, ob sie auch foltern und töten würden. Der Thrill des Films entsteht aus einem moralischen Dilemma.
"Prisoners" entwirft ein Szenario, das die deutschen Zuschauer gut kennen. Im Jahr 2002 fasste die Frankfurter Polizei den Kindesentführer Magnus Gäfgen, der den Bankierssohn Jakob von Metzler in seine Gewalt gebracht hatte. Der Fall löste in Deutschland eine heftige Debatte um die Legitimität von Folter aus.
Als der ermittelnde Polizist Gäfgen beim Verhör Folter androhte, verriet dieser den Aufenthaltsort des Jungen. Doch Jakob von Metzler war zu dem Zeitpunkt bereits tot. In Villeneuves Film muss die Polizei den Tatverdächtigen wegen Mangels an Beweisen wieder freilassen, Dover bringt ihn daraufhin in seine Gewalt. Doch Villeneuve macht nicht den Fehler, die Ermittlungsbehörden als kraftlos zu beschreiben, um zu rechtfertigen, warum Dover das Gesetz in die Hand nimmt.
Der Film stellt dem Familienvater einen Polizisten gegenüber, der den Fall mit stiller Besessenheit verfolgt. Detective Loki (Jake Gyllenhaal) hat im Film keinen einzigen privaten Moment, rund um die Uhr ist er damit beschäftigt, die Kinder zu suchen.
Doch Loki braucht Zeit, um die Spuren auszuwerten, und mit jeder Stunde, die verstreicht, sinkt die Wahrscheinlichkeit, die Mädchen noch lebend zu finden. Dover schlägt den Tatverdächtigen Alex Jones zusammen, einen jungen Mann aus der Nachbarschaft, der geistig behindert ist.
Immer wieder prügelt Dover auf ihn ein, stundenlang, bis die Augen des Mannes so verquollen sind, dass er sie kaum noch öffnen kann. Es scheint unzweifelhaft, dass er mit dem Fall zu tun hat, aber es ist unklar, wie viel er weiß. Dover schreit, weint, fleht Gott an und sieht hilflos auf seine Fäuste.
Villeneuve baut in diese kaum zu ertragenden Szenen Bilder ein, die man aus Abu Ghuraib kennt, wo US-Soldaten vor zehn Jahren irakische Gefangene folterten. Einmal zeigt er Jones mit einer blutigen Kapuze. Der Film beschreibt die Dynamik der Folter, die überall gleich ist: Wer erst einmal damit anfängt, weiß nicht mehr, wann er aufhören muss.
In graubraunen Bildern, in denen nie die Sonne scheint, entwirft der Kameramann Roger Deakins eine morbide Welt, in der die Menschlichkeit zersetzt wird. Die einzige kräftige Farbe in diesem Film ist das Rot des Blutes: im Gesicht des Gefolterten, an den Händen seines Peinigers und in den Kleidern der Mädchen.
Ständig blickt der Film durch Scheiben, und immer sind sie schmutzig oder nass, am Ende von "Prisoners" ist der Regen so stark, dass Detective Loki nichts mehr erkennen kann, als er mit dem Wagen durch die Stadt fährt. Der Zuschauer sieht, wie die Trennschärfe verlorengeht, vor allem die zwischen Gut und Böse.
"Prisoners" handelt auch davon, was Menschen so alles in ihren Kellern treiben, welche Geheimnisse sie darin verbergen und welche Leichen sie darin begraben haben. Unter jedem noch so harmlos erscheinenden Einfamilienhaus kann in diesem Film ein Verlies liegen.
Villeneuve nimmt den Zuschauer mit auf einen Abstieg in den Unterbau der Gesellschaft, in dem es ziemlich düster aussieht. "Prisoners" ist ein Film voller getriebener, verzweifelter und an Wahnvorstellungen leidender Menschen. Selbst wer in diesem Film nicht eingesperrt ist, ist noch lange nicht frei.
Am Ende lässt Villeneuve ein paar Hoffnungsschimmer durch die Finsternis irrlichtern. Unabhängig voneinander finden Dover und Loki heraus, wo die Mädchen gefangen gehalten wurden. Sind sie noch am Leben? In der Schlusseinstellung des Films erfährt der Zuschauer, was es wirklich bedeutet, aus dem letzten Loch zu pfeifen.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 42/2013
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