14.10.2013

SPORTWETTENPakt mit dem Paten

Wettbetrug galt lange als Geschäft für kleine Ganoven. Jetzt mehren sich die Erkenntnisse, dass die Organisierte Kriminalität den Markt übernimmt. Kartelle aus Osteuropa zielen vor allem auf den internationalen Fußball.
Der Pate leistete keinen Widerstand. Als Tan Seet Eng, alias Dan Tan, von den Beamten des Sondereinsatzkommandos aus seiner Wohnung in Singapur begleitet wurde, trug er einen schlechtsitzenden Anzug und blickte traurig zu Boden.
Es war das Ende einer langen Jagd. Tan, Chef eines verzweigten Wettsyndikats, sitzt jetzt in einer Zelle in Singapur. Fast täglich bekommt er dort Besuch von Ermittlern, die hoffen, dass Tan endlich auspackt.
In den vergangenen drei Jahren soll er weltweit Fußballspiele manipuliert haben, 64 Fälle sind aktenkundig, die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Überall hatte er seine Finger im Spiel, in der italienischen Serie A, in Ligen in Südamerika, Afrika, Finnland, Ungarn, Kroatien und Österreich. Rund 50 Helfer zählten zu Tans Syndikat, darunter sogenannte Fixer, die Spieler oder Schiedsrichter bestachen, oder Runner, die die Wetten platzierten. Weit über 100 Millionen Euro setzte die Bande in den vergangenen Jahren um.
Die Verhaftung Tans wurde von der Weltpolizei Interpol als Coup gefeiert, und vom Fußball-Weltverband Fifa kam kräftiger Applaus. Doch je genauer die Experten hinter die Kulissen des Singapur-Clans blicken, desto klarer wird, dass Tan womöglich gar nicht der ganz große Fisch war, sondern mächtige Hintermänner hatte.
"Über Dan Tan stehen andere, finanziell potentere Geldgeber, die bislang öffentlich noch kein Gesicht haben", sagt Ralf Mutschke, Sicherheitschef der Fifa. Er spricht von Drogenbossen, Menschenhändlerringen. Fahnder in Deutschland hegen den Verdacht, dass Tan sogar mit der russischen Mafia zusammengearbeitet habe.
Mutschke sitzt in seinem Büro in Zürich, der ehemalige deutsche Polizist war 33 Jahre lang beim Bundeskriminalamt, seit 2012 ist er bei der Fifa. Langweilig war der Job noch nie.
Weltweit wird pro Jahr rund eine Billion Euro mit Sportwetten umgesetzt, das ist annähernd so viel wie der gesamte deutsche Exportumsatz. Rund 70 Prozent der Wetten entfallen auf den Fußball. Und das Geschäft wächst und wächst. Wetten ist hip, auch in Deutschland, wo selbst in Kleinstädten immer neue Salons eröffnen. Viele der Läden sind aufgemacht wie Szene-Bars. Die Gäste sitzen auf Sofalandschaften, trinken Milchkaffee oder rauchen Wasserpfeife. Wenn sich auf einem der Bildschirme eine reizvolle Quotenbewegung ergibt, bilden sich vor den Schaltern Schlangen.
Jahrelang zog der Sportwettenmarkt vor allem kleine Ganoven an, Glücksritter wie die Brüder Ante und Milan Sapina aus Berlin. In ihrem Café King, einem Wettlokal in der Nähe des Ku'damms, fädelten sie ihre Spielmanipulationen ein. Der Fall beschäftigt bis heute die Gerichte, im Dezember beginnt erneut ein Prozess gegen Ante Sapina.
Der Ex-Zocker, der bereits eine Freiheitsstrafe wegen Wettbetrugs verbüßt hat, hat mittlerweile die Seiten gewechselt. Sapina arbeitet heute als Berater für eine große Wettfirma, überwacht Quoten, schlägt Alarm, wenn etwas nicht stimmt.
Sapina kennt sich immer noch gut aus in der Szene. Er sei froh, nicht mehr selbst aktiv im Spiel zu sein, sagt er. Es sei am Ende doch ziemlich rau zugegangen. Einmal wollte Sapina den Torwart eines ungarischen Clubs bestechen vor einer Champions-League-Partie gegen den AC Florenz. Der Keeper signalisierte erst seine Bereitschaft, machte dann aber einen Rückzieher. Denn auch eine asiatische Bande hatte ihn angesprochen und dem Spieler gedroht, es werde ihm nicht gut bekommen, wenn er mit anderen Zockern zusammenarbeiten würde.
Sapina lacht. "Damals habe ich begriffen, dass es in dem Teich, in dem ich mich bewege, noch viel größere Fische gibt."
Experten sehen den illegalen Wettmarkt als Pyramide mit mehreren Ebenen. Unten stehen Zocker wie Sapina, darüber kommen Paten wie Dan Tan. Aber wer steht ganz oben? Wer bildet die Spitze?
Einer der größten Wettskandale erschüttert seit Monaten den Fußball in Italien. Dutzende Spiele soll das Dan-Tan- Syndikat dort manipuliert haben. Im Zuge der Ermittlungen fand die Polizei heraus, dass Dan Tan an mindestens 38 Firmen beteiligt gewesen sein soll. Ein undurchsichtiges Geflecht, mit globalen Verästelungen und unzähligen Konten.
Monatelang wurden der Mail-Verkehr und die Geldströme des Wettimperiums beobachtet. Inzwischen sind sich die Ermittler sicher, dass es sich bei Dan Tan wohl eher um eine Art Broker handelt, der das Bindeglied war zwischen örtlichen Manipulateuren und dem organisierten Verbrechen. Immer deutlicher wird auch, mit wem sich Dan Tan einließ - oder einlassen musste. Deutschen Fahndern liegen Kontobewegungen vor, die nahelegen, dass große russische Mafiabanden an seinen Manipulationen beteiligt waren.
Russenmafia. Mutschke, der Fifa-Sicherheitsmann, guckt zum Bürofenster hinaus. Er weiß von solchen Erkenntnissen, er ist in den vergangenen Monaten viel gereist, hat mit vielen Ermittlern gesprochen, um sich ein Bild zu machen.
"Wir sehen Syndikate insbesondere in Asien, Amerika und Osteuropa. Da wird mit brutalen Drohszenarien gearbeitet. Das geht so weit, dass wir sogar von ermordeten Funktionären erfahren haben", sagt Mutschke. Aus Bulgarien kommen Berichte, wonach in den vergangenen zehn Jahren 15 Vereinspräsidenten ermordet wurden. Ein Buchmacher, der über Spielabsprachen ausgepackt hatte, wurde auf offener Straße erschossen.
"Das ist absolut kein Jo-Jo-Spiel", sagt Mutschke. Er wirkt jetzt sehr klein in seinem Büro.
Die Fußballbranche hat ein ambivalentes Verhältnis zum Sportwettenmarkt. Immer wenn ein Betrugsskandal hochploppt, ist das Geschrei groß. Andererseits haben zum Beispiel in Deutschland 17 der 18 Bundesliga-Clubs eine Wettfirma in ihrem Sponsorenportfolio, lediglich Borussia Mönchengladbach verzichtet auf das Geld aus der Branche. Und die Bosse von Bayern München, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und der damalige Finanzvorstand Karl Hopfner, traten im vergangenen Jahr sogar in der TV-Werbung eines großen, in Gibraltar lizenzierten Wettunternehmens auf, in Anzug und mit Sonnenbrille.
Mutschke soll von Zürich aus versuchen, die dunklen Mächte aus dem Fußball fernzuhalten. Er tut, was er kann. Er hat Präventionsmodelle entwickelt. Manche Verbände überlegen noch eine Hotline einzurichten, über die sich Fußballer anonym melden können, wenn sie von der Wettmafia angesprochen wurden. Bei der Fifa hat Mutschke so ein rotes Telefon bereits installiert. Es klingelt selten.
Der Fußball bietet Wettbetrügern unbegrenzte Möglichkeiten. Die Banden müssen gar nicht Partien in der von Kameras und Reportern stark ausgeleuchteten Champions League verschieben, um satte Gewinne einzustreichen. In Wettlokalen in Asien können Zocker große Summen auch auf weniger gut beobachtete Jugendspiele in Europa setzen oder auf einen Freundschaftskick irgendwo in Afrika, wo sich niemand groß aufregt, wenn sich seltsame Dinge abspielen.
Wilson Raj Perumal, 35, war ein Spezialist für solche Spiele an der Peripherie des Weltfußballs. Der Tamile, aufgewachsen in Singapur, galt jahrelang als rechte Hand Dan Tans. Anfang 2011 wurde er in Finnland geschnappt, die Polizei hatte einen Tipp bekommen aus Kreisen der Wettmafia.
Bereits mit 19 Jahren begann Perumal, im Wettmilieu zu arbeiten. Ein selbstbewusster Typ, charismatisch, einnehmend. In seinem nach der Verhaftung konfiszierten Telefon fanden sich Nummern von Fußballern und Funktionären aus 34 Ländern.
"The Boss", wie er im Freundeskreis genannt wird, inszenierte regelrechte Manipulationsorgien. 2010 organisierte Perumal ein Testspiel der Nationalmannschaften von Bahrain und Togo. Dass auf Seiten von Togo übergewichtige und überalterte Spieler aufliefen, hing damit zusammen, dass es sich überhaupt nicht um die Eliteauswahl des afrikanischen Staates handelte. Perumal hatte sich einen Haufen Hobbykicker zusammengekauft und ließ sie als Schein-Nationalteam antreten, sein Geld setzte er auf den Gegner und machte so Millionen.
Im Jahr darauf gelang ihm ein ähnlich spektakulärer Coup. In Antalya ließ er die Nationalmannschaften von Bolivien und Lettland sowie von Estland und Bulgarien, damals trainiert von Lothar Matthäus, gegeneinander antreten. Über eine Eventfirma hatte Perumal die Spiele organisiert. Er bestach sämtliche Schiedsrichter. In den beiden Partien fielen sieben Tore, alle durch Elfmeter. Wieder machten der Zocker und seine Kumpanen Millionen.
Es ist schwer zu sagen, wie viele Deals Perumal mit der Justiz abgeschlossen hat. Obwohl es eine Menge Prozesse gegen ihn gab, saß er nie lange im Gefängnis. An sein durch Wettmanipulation gemachtes Vermögen sind die Behörden bis heute nicht rangekommen. Perumal ließ Anfragen des SPIEGEL unbeantwortet.
Derzeit befindet er sich in Ungarn, formell steht er unter Polizeiaufsicht, er darf das Land nicht verlassen. Der Zocker lebt in der Nähe von Debrecen, und das keineswegs schlecht.
Es gibt Bilder von ihm, auf denen er mit hübschen Frauen in den Nachtclubs von Budapest posiert. Neuerdings besteht der Verdacht, dass er im ungarischen Zwangsaufenthalt weiter Spiele verschiebt. Als es vor einem Monat zu Verhaftungen in der zweiten australischen Liga wegen vermeintlich manipulierter Spiele kam, sagten einige der Beschuldigten aus, sie hätten im Auftrag Perumals gehandelt.
Der Fall Perumal macht Ralf Mutschke wütend. Er schimpft dann über die läppischen Strafmaße für kriminelle Zocker, über die unklare Rechtslage. "Das Strafrecht in Europa, vor allem bezogen auf Sportbetrug, ist schlecht, sehr schlecht. So kann die Polizei nicht effektiv agieren", sagt Mutschke.
Im Gegensatz zu Dan Tan, der bislang im Gefängnis in Singapur schweigt, spricht Perumal aber wenigstens mit den Ermittlern. Er gilt als wichtigster Kronzeuge gegen die Wettsyndikate und deren Hintermänner.
In einer Vernehmung soll Perumal offen über Kontakte Dan Tans zu den Triaden aus China Auskunft gegeben haben. Danach ging er wieder Party machen.
Aus Polizeikreisen heißt es, der plauderfreudige Zocker rede manchmal vielleicht sogar zu viel. "Die Mafia", sagt ein Fahnder, "hat Leute schon für deutlich weniger abgeknallt."
Von Rafael Buschmann

DER SPIEGEL 42/2013
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