14.10.2013

Glücksfall im Lesesaal

Vor fast 50 Jahren hatte ein schüchterner Brite eine verrückte Idee - nun bekommt er dafür den Physiknobelpreis.
Wie hätte er ahnen sollen, was er da lostrat? Peter Higgs sortierte gerade Zeitschriften in der Edinburgher Uni-Bibliothek, als ihm der entscheidende Gedanke kam.
Dieser Einfall war Ausgangspunkt des aufwendigsten Experiments der Physikgeschichte, Auftakt einer fast 50-jährigen Jagd nach einem der Elementarteilchen und Beginn einer bizarren Nobelpreisgeschichte, die am vergangenen Dienstag mit der Ehrung ebendieses Peter Higgs ihr Ende fand. Aber hätte irgendjemand dem schüchternen 35-Jährigen in dem Edinburgher Lesesaal all das damals erzählt, er hätte es als Spinnerei abgetan.
Später sollte Higgs' Eingebung an jenem 16. Juli 1964 als einer der Heureka-Momente in die Annalen der Physik eingehen, in denen sich plötzlich ein Geheimnis der Natur dem menschlichen Geist offenbart: Der Brite war auf einen mathematischen Trick gekommen, mit dessen Hilfe sich erklären lässt, warum alle Materiebausteine mit Masse behaftet sind.
Higgs selbst allerdings war das seinerzeit keineswegs bewusst. Er glaubte, ein zweckfreies Gedankenspiel zu betreiben. "In diesem Sommer habe ich etwas völlig Nutzloses herausgefunden", schrieb er kurz nach seiner epochalen Entdeckung an einen seiner Mitarbeiter.
Bis heute streiten die Kollegen, wie jener Gedankenblitz zu bewerten sei: War da ein brillanter Denker zu einer Einsicht gelangt, die anderen, weniger genialen Geistern bis dahin verschlossen geblieben war? War Higgs, der nie zuvor von sich hatte reden machen, in einem einzigartigen Moment über sich selbst hinausgewachsen? Oder stimmt, was er in der für ihn so typischen Zurückhaltung einmal über sich selbst sagte: "Wahrscheinlich hatte ich einfach Glück"?
Manches spricht dafür, dass diese Aussage nicht nur bescheiden, sondern auch richtig ist. Denn die zündende Idee lag offenbar in der Luft: Unabhängig von Higgs wurde sie fast gleichzeitig noch mindestens zwei weitere Male formuliert. Der Belgier François Englert, einer der Mitentdecker, darf sich nun die Stockholmer Trophäe mit Higgs teilen. Die anderen gingen leer aus. Nur Higgs wurde, auch dies ein Zufall, Jahre später zum Namenspatron des gesuchten Wunderteilchens ausgewählt.
Auf Widerspruch stößt nun vor allem eine weitere Entscheidung der Nobelpreis-Juroren: Sie verzichteten darauf, als dritten Preisträger einen der Physiker des Genfer Forschungszentrums
Cern zu küren, die im vorigen Jahr das Higgs-Teilchen experimentell nachgewiesen hatten. So heftig umkämpft war im Nobelpreis-Komitee diese Frage, dass vom traditionellen Procedere abgewichen und die Verkündung um eine Stunde vertagt werden musste.
In der Preisjury dürfte sich ein Grundkonflikt widergespiegelt haben, der die Physikergemeinde spaltet. Denn diese besteht aus Menschen von sehr unterschiedlichem Schlage: Die einen, oft etwas verschroben-vergeistigte Typen, versuchen, der Natur durch bloße Geisteskraft ihre Geheimnisse zu entreißen; die anderen, hemdsärmeliger und eher praktisch veranlagt, spüren der Wahrheit mit Hilfe raffinierter Experimente nach. Wem von ihnen gebührt mehr Ruhm für neue Erkenntnisse?
Augenfällig trat das Missverhältnis beider Spezies von Physikern bei einer Veranstaltung am Cern im Juli vorigen Jahres zutage: Die mühsame Jagd nach dem Higgs-Teilchen war soeben erfolgreich beendet, und zu diesem Anlass hatten die Cern-Physiker den Namenspatron des Partikels aus Schottland geladen. Da trafen sie nun aufeinander: auf der einen Seite die Heerschar von Experimentatoren, die jahrelang Protonen mit höchster Präzision aufeinandergeschleudert, die Teilchensplitter mit kathedralengroßen Detektoren aufgefangen und mit riesigen Rechner-Clustern Spuren des gesuchten Teilchens aus der Datenflut herausgefiltert hatten; auf der anderen der schüchterne, stockend um Worte ringende Greis, der rund 50 Jahre zuvor einzig mit Papier und Stift bewaffnet dieses Teilchen vorhergesagt hatte.
Ungläubig hatte Peter Higgs vom fernen Schottland aus verfolgt, wie sich sein Ruhm mit jedem Jahr, den die Suche länger dauerte, mehrte. Zwar tat er selbst das ihm Mögliche, um dem entgegenzuwirken. So meidet er die Öffentlichkeit und zieht es vor, statt vom "Higgs-Teilchen" lieber vom "ABEGHHK'tH-Mechanismus"(*) zu sprechen. Doch konnte all das nicht verhindern, dass sein Name zum (neben Stephen Hawking) wohl bekanntesten aller lebenden Physiker aufstieg.
Was ihn denn bewogen habe, statt einer Laufbahn als experimenteller Physiker die des Theoretikers zu wählen, wurde Higgs einmal gefragt. Auch bei dieser Weichenstellung kam ihm offenbar ein glücklicher Umstand zugute: Für die Laborarbeit, so antwortete er, habe er sich schlicht als zu ungeschickt erwiesen.
* Er will damit sämtliche Kollegen würdigen, die Anteil an der Entdeckung haben: Philip Anderson, Robert Brout, François Englert, Gerald Guralnik, Carl Hagen, Peter Higgs, Tom Kibble und Gerard 't Hooft.
Von Johann Grolle

DER SPIEGEL 42/2013
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