14.10.2013

COMPUTERInfoklotz am Handgelenk

Elektronikkonzerne wie Samsung bringen erste Smartwatches auf den Markt. Was taugen die schlauen Uhren wirklich?
Die Mängelliste ist lang. Eine Batterielaufzeit von unter zwei Tagen? Viel zu mickrig. Eine Breite von vier Zentimetern? Viel zu klobig für schmale Handgelenke. Und dann erst das Design! Das mit vier Schrauben versehene Metallgehäuse erinnert an Taschenrechner-Uhren der achtziger Jahre.
Viel Häme erntete der südkoreanische Elektronikkonzern Samsung in der Fachpresse, als er Anfang September auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin seine Smartwatch vorstellte. Noch in diesem Monat soll die "schlaue Uhr" in Deutschland in die Läden kommen.
Auf den ersten Blick bietet das Gear (Ausrüstung) genannte Utensil zwar mancherlei nützliche Funktionen, die an eine James-Bond-Armbanduhr erinnern. Mit der Smartwatch kann man Mails empfangen, Musik hören und fotografieren (wobei die Kamera nur über 1,9 Megapixel verfügt). Wer die Hand ans Ohr hebt, kann dank eingebautem Lautsprecher und Mikrofon sogar telefonieren. Und dennoch ist die Gear wegen der Beschränkungen kein großer Wurf.
"Wir geben zu, dass unserer Uhr das gewisse Etwas fehlt", zitiert die "Korean Times" einen ungenannten Samsung-Manager. Aber vor allem geht es den Koreanern darum, schneller als der Rivale Apple technische Innovationen auf den Markt zu werfen. So präsentierte Samsung auch ein Handy mit gebogenem Display, das sich besser in die Hand schmiegen soll. Noch einen Schritt weiter ist der Konzern LG, der vorige Woche verkündete, bereits in die Produktion von biegsamen Plastik-Bildschirmen zu gehen.
Wer aber unbedingt Erster sein will, riskiert einen Fehlstart - wie Samsung nach Expertenmeinung mit der Smartwatch. Gleichwohl gelten die schlauen Uhren als der nächste große Trend auf dem Gadget-Markt. Rund ein Dutzend Firmen tüfteln an ähnlichen Geräten, darunter angeblich auch Apple. Weltweit 373 Millionen verkaufte Smartwatches sagen die Marktforscher von NextMarket voraus - wenn auch erst für das Jahr 2020.
"Infozentralen am Handgelenk", fasst die Computerzeitschrift "c't" die sehr unterschiedlich konzipierten Smartwatches zusammen. Traditionelle Uhrenhersteller sind dabei kaum vertreten. Casio bemüht sich zwar, seine G-Shock-Uhr mit einer Anzeige für Mail und Facebook zu frisieren. Aber viel mehr als Benachrichtigungshinweise passt nicht aufs Display: Wer die vollständigen Mails oder Kommentare lesen will, muss doch wieder sein Smartphone herauskramen.
Noch funktionieren die meisten Smartwatches nur als Anhängsel der jeweiligen Smartphones, gekoppelt über den Nahfunk Bluetooth. Keine Infozentralen - sondern Infofilialen.
Neben Neulingen wie Kronoz, Pearl und Sonostar basteln auch die Digital-Giganten wie Google an schlauen Uhren. Für Aufsehen sorgte die Start-up-Firma Pebble, welche die Entwicklung ihrer Uhr über das Internetportal Kickstarter von investitionsfreudigen Kunden finanzieren ließ. Immerhin passt die Pebble sich vergleichsweise elegant in den Alltag ein: Wenn eine SMS eintrifft, erscheint sie auf dem Display, begleitet von einem angenehm dezenten Vibrationsalarm.
"Heutzutage greifen viele Nutzer ja reflexhaft zum Handy, wenn sie eine Nachricht bekommen", sagt Patrick Baudisch, Professor für Mensch-Maschine-Interaktion am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Ist der Anruf wirklich so wichtig, dass ich rangehen sollte und in Kauf nehmen muss, mein Gegenüber zu brüskieren? "Smartwatches könnten die Handy-Etikette verändern", glaubt Baudisch.
Auch auf dem Fahrrad oder in schweren Winterklamotten ist der schnelle Blick aufs Handgelenk praktisch. Auf jeden Fall gilt man als Trendsetter und wird auf das wundersame Ding am Handgelenk angesprochen. Aber wer zu den ersten Nutzern gehören will, darf nicht erwarten, dass alles schon reibungslos klappt. Beim Joggen zickt beispielsweise die Pebble oft herum und erfindet fehlerhafte Puls- und Streckenwerte des Sportlers. Man kennt das: Mit dem nächsten Software-Update soll alles anders werden, versprochen.
Die größte Schwäche der bisherigen Smartwatches aber ist die Batterielaufzeit. Spätestens nach zwei Tagen machen viele Uhren schlapp. Und zum Aufladen werden häufig spezielle Adapter benötigt.
Besonders einfallsreich will der Chiphersteller Qualcomm das Problem lösen: mit einem neuartigen Mirasol-Display, das ähnlich wie die elektronische Tinte in E-Book-Lesegeräten wenig Strom verbraucht, dabei aber sogar Farben und Video beherrscht. Weiterer Clou: Die Batterie lädt kabellos. Das Design des Prototyps jedoch hat noch den Charme einer Supermarktkasse.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 42/2013
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