12.04.1999

„Ist das nicht toll?“

Die Katholische Universität Eichstätt ging als Sieger aus dem SPIEGEL-Ranking hervor - den Studenten gefallen die „amerikanischen Verhältnisse“.
Meine Lieben", pflegt der Bischof zu sagen. "Meine Lieben, wie schön, Sie zu sehen." Ein mildes Begrüßungslächeln, ein älterer Herr im Ornat, der durch die Gänge eines spätbarocken Prachtbaus wandelt und leutselig spricht: Das ist Seine Exzellenz, der Bischof von Eichstätt.
Seine Exzellenz hat häufig Besuch im Bischofspalais. Oft sind es junge Menschen, manchmal wollen sie Geld für eine Statue der Heiligen Katharina, manchmal für einen Behindertenaufzug, ein andermal einen Lehrstuhl für Tourismus und Umwelt an der Geographischen Fakultät. Der Theologe Walter Mixa ist nicht nur Bischof, sondern auch "Magnus Cancellarius" oder "Großkanzler" der Katholischen Universität Eichstätt (KUE); ein wichtiger Mann für Studenten und Dozenten, einer, der das Klima prägt, in der Stadt und an der KUE.
Dieser geistliche Herr also bestimmt ganz wesentlich, was zu verstehen ist unter einer katholischen Universität - ein Ort klösterlicher Strenge? Eine christliche Kaderschmiede? Nein, sagt der Bischof sanft, nein, nein, er habe ein ganz einfaches Anliegen nur: das "christliche Welt-, Menschen- und Gottesbild" nämlich und den Wunsch, "daß das hier zum Durchscheinen kommt. Ich hoffe sehr, das ist der Fall".
Ein Nest ist dieses Eichstätt, eine kleine Barockstadt mit 13 000 Einwohnern und 4000 Studenten, weit abgelegen im Tal der Altmühl, anderthalb Autostunden von München entfernt. 1980 wurde die KUE gegründet als einzige kirchliche Universität, an der mehr Fächer studiert werden können als Religion und Philosophie. Und genau diesem Sonderfall haben die Studenten beim SPIEGEL-Hochschulranking die besten Noten erteilt - gerade weil diese Uni so klein und so katholisch ist und so weit weg von der Welt? Oder trotzdem?
Es ist einer jener lichten Vorfrühlingstage, die den trüben Winter fast vergessen machen, wenn der Nebel zäh im Flußtal der Altmühl hängt. Das Sommersemester steht kurz bevor, und es herrscht wieder mehr Leben in der Zentralbibliothek, jenem luftigen Glasbau, den der Stuttgarter Architekt Günter Behnisch wie einen übergroßen Wintergarten in die Flußauen gesetzt hat. 1,5 Millionen Bücher haben sie an der KUE. "Anderthalb Millionen! 20 Minuten, und du kriegst alles, was du willst. Ist das nicht toll?"
Da sitzt einer in der Vorhalle der Bücherei, ein mehrbändiges Werk über "Große Griechen und Römer" auf den Knien, umringt von ein paar skeptisch blickenden Kommilitonen. Bernd Eiser studiert Geschichte und Germanistik im neunten Semester, und er lobt nicht nur, er singt Hymnen: "Diese Auswahl an Seminaren! Diese Vorträge, Kongresse! Die Dozenten!"
Anderswo, sagt Eiser, hockt man in Hörsälen auf Fensterbänken, in Eichstätt nicht. Anderswo muß man sich fast prügeln um Plätze in Seminaren, anderswo drängelt man sich um ein paar Minuten Sprechstunde, in Eichstätt läuft einem der Dozent sowieso dauernd über den Weg. Mehr als 300 Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter kümmern sich um die 4000 Studenten, das seien "amerikanische Verhältnisse", jubelt der junge Historiker, "aber für deutsche Semestergebühren: für 55 Mark".
Leicht peinlich ist den Kommilitonen dieser Jubel; der Mann findet alles gut, einfach alles. "Und der Bischof, Bernd? Die Stiftung? Was sagst du dazu, daß die immer das letzte Wort haben bei Berufungen, auch wenn die Uni was anderes will?" - "Völlig in Ordnung. Das ist ihr gutes Recht."
Die Stiftung: Das ist der katholische Träger der Universität. Die Kirche bestreitet 20 Prozent des Haushalts, 80 Prozent zahlt der Staat; die Stiftung hat die Haushalts- und Personalhoheit über die KUE, der Bischof ist Vorsitzender des Stiftungsrats. Von "konfessioneller Inzucht" war bald nach der Gründung der Uni die Rede, unter Rektoren galt Eichstätt als "Schlußlicht unter den deutschen Universitäten", und es herrschte der Eindruck, so sagte damals der Literaturwissenschaftler Ruprecht Wimmer, daß beim Lehrpersonal der Ruf "primär dem Katholiken und nicht dem Wissenschaftler" galt.
Seit zwei Jahren hat Eichstätt einen neuen Bischof. Präsident der KUE ist jetzt der katholische Germanist Wimmer, und schon das, sagt Wimmer selbst, sei ein Beleg dafür, daß das Klima viel toleranter geworden sei: "Immerhin habe ich auch schon einen Vortrag über Günter Grass gehalten." Auch Protestanten haben heute eine Chance bei der Berufung, solange die Mehrheit katholisch bleibt.
Nicht geändert hat sich, daß geschiedene und wiederverheiratete Professoren unerwünscht sind oder solche, bei denen Zweifel herrschen, ob sich hinter der Annullierung einer ersten Ehe nicht eine ganz normale Scheidung verbirgt. "Wer hierhermöchte", so sagt es der Bischof, "der sollte schon darauf achten, daß er seine persönlichen Verhältnisse im Sinne der katholischen Kirche in Ordnung hat."
Noch immer kann es also passieren, daß der Glaube wichtiger ist als die wissenschaftliche Qualifikation, "aber im Normalfall", sagt der Germanistikstudent Thoralf Dietz, "merkt man das nicht".
Man muß nicht in der Kirche sein als Studierender, muß nicht zum Gottesdienst, und über das Kreuz im Hörsaal kann man hinwegsehen, wenn man es nicht mag. Man kann im Hofgarten flanieren und im Sommer paddeln und radfahren, man kann studieren, studieren, studieren und sicher "sehr glücklich sein, wenn man sonst nichts anderes will", glaubt Dietz. Man kann sich seine Idylle suchen in dieser kleinen, überschaubaren Welt; man kann Weltpolitik und Hochschulpolitik für eine unerfreuliche Erfindung halten. Und solche Leute gibt es ja an der KUE, "reichlich sogar".
Solche Leute saßen im Konvent, der Eichstätter Studentenvertretung, als im Wintersemester 1997/98 die Streiks losgingen. Als bundesweit die Kommilitonen gegen schlechte Studienbedingungen, Studiengebühren und Beschränkungen beim Bafög protestierten, gab der Konvent der KUE ein Flugblatt heraus: Man wolle keine Aktionen. Man habe ja "ausgezeichnete Studienbedingungen", und mehr noch: "Wir studieren, wo andere Urlaub machen!" Das wurde als Provokation verstanden. Danach waren auch in Eichstätt 1000 Leute zu einem Protestmarsch bereit, "schon aus Solidarität", sagt Dietz, der jetzt stellvertretender Konventschef ist. "Das ging einfach zu weit."
Dennoch, viel Interesse herrscht nicht in Eichstätt an solchen Aktionen und erst recht nicht in Ingolstadt, der KUE-Dependance, wo die Wirtschaftswissenschaftler ihr Eigenleben führen. International Business Administration (IBA) wird dort gelehrt, um die Studenten für die Globalisierung zu präparieren. Der Fachbereich hat sich aus der zentralen Studienplatzvergabe verabschiedet und sucht sich seine Studenten selbst aus - nach Noten und Auswahlinterviews, an denen künftig auch Vertreter der Wirtschaft teilnehmen sollen.
Studenten schaffen Sponsorengelder heran, bei Quelle, Lufthansa oder Kleinunternehmen; Studenten werben per Internet für ihre Uni, beim "virtuellen Tag der offenen Tür". "Wir wollen, daß die besten hier studieren", sagt Stefan Schäfers, 8. Semester IBA. "Das fällt auf die Universität zurück, und dann auch auf uns."
Seltsame Wesen sind das, von Eichstätt aus betrachtet. Das findet jedenfalls Florian Preuß vom Linken Aktionsbündnis, einer der Aktivisten vom Winter '97, der nicht viele Ansichten der Wiwis teilt. Nur um ihren Standort hat er sie manchmal beneidet, von Ingolstadt gibt es immerhin einen Intercity nach München und einen Direktbus zum Flughafen. Eichstätt aber, nun ja, "das ist wirklich das Ende der Welt".
Es ist so leer hier in den Ferien und am Wochenende auch. 70 Prozent der Studenten stammen aus der Region, und wie viele Profs auch leben sie ihre Dimido-Existenz: Dienstag bis Donnerstag Eichstätt, und dann nichts wie weg. Eine einzige Disco gibt es, bis vor kurzem nicht einmal einen Pizza-Service, kein Jugendhaus, nur eine einzige richtig wichtige stadtbekannte linke WG, und wenn mal jemand auftaucht wie kürzlich diese lesbische belgische Gaststudentin, dann verzweifelt sie schier, "weil es niemanden gibt, mit dem sie eine Gruppe aufmachen kann, weil sich niemand traut hier, der Bischof könnte ja davon erfahren".
Florian Preuß kam aus Bremen an die KUE, um Journalistik zu studieren; ein Kulturschock, der ihn immer noch prägt. Jeder kennt jeden "in diesem Kaff", man kennt die Dozenten, den Präsidenten, man kennt den Bischof und den Dackel des Bischofs und die Ordensschwester, die häufig den Dackel spazierenführt. Und auch mit der Polizei ist man schnell bekannt.
Im November hat er das erfahren, beim "autonomen Seminar". "Drogen" war das Thema, es ging um alles, von Kaffee bis Kokain, sie hatten Flugblätter verteilt mit der Aufforderung "Lesen - referieren, diskutieren und probieren". Prompt tauchte die Drogenfahndung auf, zwei Herren von der Kripo Ingolstadt, stracks marschierten sie auf den jungen Organisator zu: "Sie sind Herr Preuß, oder nicht?" In Bremen ist ihm so etwas nie passiert. BARBARA SUPP
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 15/1999
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