12.04.1999

Studieren auf Kredit

Angehende Wirtschaftswissenschaftler und Juristen drängen an die Massenuniversitäten - obwohl sich private Hochschulen im SPIEGEL-Ranking höchster Beliebtheit erfreuen.
Ein deutsches Geldinstitut vergibt keinen Kredit an einen Studenten, wenn der als einzige Sicherheit seine Immatrikulationsbescheinigung vorlegen kann. Auch für die Sachbearbeiter der Allgemeinen Deutschen Direktbank (ADD) in Frankfurt gilt diese Regel - nur bei einer Hochschule machen sie eine Ausnahme.
Die Studenten der European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel, eine halbe Autostunde vom Bankenzentrum Frankfurt entfernt, gelten als absolut kreditwürdig. "Wir wissen, daß diese Studenten mit Jobangeboten regelrecht überhäuft werden", sagt Bernhard Hafner, Vorstandsvorsitzender der kleinen Privatbank.
Wer im EBS-Schloß Reichartshausen studieren will, muß zwei Voraussetzungen erfüllen: den Aufnahmetest bestehen und, neben den allgemeinen Kosten für Studium und Lebenshaltung, noch 7850 Mark Studiengebühren pro Semester übrig haben. Schon dadurch genießt das fesche Völkchen, das sich im Schloß zwischen Rheinufer und Weinbergen auf seinen Karrierestart vorbereitet, eine Sonderstellung unter Deutschlands Studenten.
Etwa 700 Abiturienten stellen sich pro Jahr hoffnungsvoll der Eingangsprüfung (Logik-Test in englischer Sprache, Mathe-Test, Sprach-Tests auf Leistungskurs-Niveau), etwa 200 werden genommen.
Daß seine Schützlinge aus überdurchschnittlich begüterten Familien stammen, weiß Jacob de Smit, Rektor der privaten Wirtschaftshochschule. Das Engagement der Frankfurter Bank - der Kredit ist allerdings auf die Studiengebühren beschränkt - paßt de Smit deshalb gut ins Konzept: "Damit können wir garantieren, daß hier wirklich eine Leistungselite ist, denn am Geld darf es nicht scheitern", sagt de Smit. "Das einzige, was man jetzt noch braucht, ist der Mut, in sich selbst zu investieren."
Die Investition scheint sich zu lohnen. Die Studenten der EBS signalisieren höchste Zufriedenheit mit ihren Studienbedingungen. Beim SPIEGEL-Ranking im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften landete die EBS in den Einzelwertungen nie tiefer als auf Platz zwei und bekam nie eine schlechtere Teilnote als 1,4. Damit wurde die Privat-Uni Sieger in ihrem Fachbereich.
Auch die Bilanz der Studienabschlüsse an der EBS kann überzeugen: Das Durchschnittsalter der Absolventen beträgt 25 Jahre (Abschluß nach acht Semestern als Diplom-Betriebswirt oder nach zehn Semestern als Diplom-Kaufmann), jeder hat ein Jahr im Ausland studiert, und auf die Absolventen warten Einstiegsgehälter von durchschnittlich 80 000 Mark.
Überhaupt schneiden im SPIEGEL-Ranking bei den Wirtschaftswissenschaften und auch in Jura die kleinen Hochschulen besser ab als jene Unis, deren Studenten- und Bedienstetenzahl die Größe einer Kleinstadt erreicht. Darüber hinaus sind die privaten Hochschulen im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften fast durchweg vor den staatlichen Universitäten gelandet - zählt man die Katholische Universität Eichstätt zu den privaten, finden sich im Spitzensextett fünf Hochschulen mit staatlicher Anerkennung, aber in freier Trägerschaft.
Die Privat-Unis bieten offenbar genau das, was ihre Studenten suchen. "Ich wollte optimal auf den Jobeinstieg vorbereitet werden", sagt EBS-Studentin Katja Kremendahl, 27, "schnell, effizient und praxisnah." Ihre Erwartungen haben sich, kurz vor dem Abschluß, erfüllt. "Ich würd's immer wieder machen."
Ganz ohne Neid blickt sie dennoch nicht auf die Kommilitonen in Frankfurt, München oder Berlin: Manchmal fühlt sich Katja in Oestrich-Winkel (12 000 Einwohner) von der Außenwelt abgeschnitten wie auf einer Insel - wenn auch der Zusammenhalt unter den EBS-Studenten dafür um so besser ist.
Das "Lebensumfeld" ist denn auch einer der Gründe, weshalb Unis wie München oder Berlin sich vor Andrang kaum retten können, obwohl sie im SPIEGEL-Ranking schlecht abschneiden. An der Freien Universität (FU) Berlin haben die Studentenvertreter am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft die Erstsemesterstudenten befragt, weshalb sie sich für das Studium an der FU entschieden haben. "Die meisten kommen wegen der Stadt Berlin an die FU", hat der Volkswirtschaftsstudent Clemens Paulusch dabei in Erfahrung gebracht, "der gute Ruf der Ausbildung und die großen Auswahlmöglichkeiten rangieren erst an zweiter und dritter Stelle."
Im SPIEGEL-Ranking landete die Freie Universität im Fach Jura auf dem letzten Platz, bei den Wirtschaftswissenschaften auf dem drittletzten - und doch muß sie im Fach Betriebswirtschaftslehre (BWL) drei von vier Studienplatzbewerbern abweisen. Damit belegt in der BWL-Bewerber-Statistik die FU bundesweit Platz zwei - unmittelbar vor der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München.
Dort sieht die Situation nicht anders aus, weder in BWL noch in Jura: in der Umfrage bei den Schlußlichtern, bei der Abstimmung mit den Füßen ganz vorn. "Wenn wir wirklich so schlechte Bedingungen hätten", meint Professor Bernd Schünemann, Jura-Dekan an der LMU, "dann müßte man sich wundern, weshalb wir ab den mittleren Semestern eine so enorme Zuwanderung an Studenten haben."
Die Einschätzung der Studenten kann vielleicht auch manchmal täuschen - schon, weil ihnen in der Regel der direkte Vergleich fehlt. So waren im SPIEGEL-Ranking die EBSler mit den Auswahlmöglichkeiten an ihrer Schule äußerst zufrieden. Die Auswahlmöglichkeiten an der FU Berlin dagegen weckten bei deren Wirtschaftsstudenten nur mäßigen Beifall.
Tatsächlich aber bekommen die BWL-Studenten vom Rhein schon zu Semesterbeginn einen neunseitigen Plan, der jeden Tag, jede Veranstaltung vorschreibt - die große Auswahl beschränkt sich auf drei Grundschienen. "Das Studium ist hier wesentlich straffer und verschulter als an staatlichen Hochschulen", sagt auch EBS-Professor Heinz Klandt.
Die Privatschüler kennen eben nicht das chaotischere, aber größere Angebot staatlicher Hochschulen und sind, weil sie an der EBS bekommen, was sie suchen, auch mit der geringeren Auswahl voll zufrieden. "Wenn man nur Studenten hat, die das Fach genau aus den Gründen gewählt haben, die sich in der Studiensituation wiederfinden, schafft das eine ganz andere innere Anteilnahme", meint Klandt, der seit dem vergangenen Sommersemester an der EBS den neugegründeten "Lehrstuhl für Gründungsmanagement und Entrepreneurship" leitet.
"Und wenn Studenten zu Kunden werden, nimmt man auch flexibler auf studentische Interessen Rücksicht." Was wiederum einfacher ist, je kleiner und homogener die Studentenschaft ist. Klandt: "An einer öffentlichen Hochschule wissen Sie ja nicht einmal, ob jemand hauptberuflich Student ist oder nicht."
Mit heterogenem Publikum geschlagen ist auch Professor Lutz Kruschwitz, Mitglied im Fachbereichsrat Wirtschaftswissenschaft der FU Berlin. "Wir haben eine ganze Menge sehr guter und eine ganze Menge recht schlechter Studenten - und in der Mitte ist ein Tal." Seine Erklärung: Nur wer zu schlecht für eine Ausbildung in der freien Wirtschaft ist oder aber wer höhere Ansprüche hat, komme an die Uni.
34 Wirtschaftsprofessoren hat die FU Berlin - so viele wie kaum eine andere Hochschule. Doch die Größe ist das Problem. "Das Grundstudium platzt aus allen Nähten", berichtet Kruschwitz, "Vorlesungen im Audimax vor 600 Leuten - das sind theatralische Ereignisse, die da zelebriert werden." Und Kleingruppen, vor 30 Jahren eingeführt für maximal 12 Studenten, finden teilweise vor bis zu 60 Studenten statt.
Das muß nicht immer so sein. "Die Befürchtung, es gäbe hier einen Massenbetrieb und überfüllte Hörsäle, hat sich nicht bewahrheitet", schildert Alexander Schaaf, 21, seine Eindrücke vom ersten Semester Jura an der Münchner LMU, "selbst in meiner Arbeitsgemeinschaft zum Grundkurs Zivilrecht waren wir meist nur zu zwölft." Die Veranstaltung war Freitag früh, die zeitlich günstiger gelegenen Kurse fanden allerdings vor 50 Leuten statt.
Der Sohn des Vorstandschefs Hafner, dessen Geldinstitut die EBS-Studenten so gern mit Kredit versorgt, muß vor überfüllten Kursen keine Angst haben. An der Hochschule, an der er Wirtschaft studiert, faßt kein Vorlesungssaal mehr als 62 Hörer - und jeder bekommt einen Platz: Der Banker-Sprößling geht auch auf die EBS. DIETMAR HIPP
Von Dietmar Hipp

DER SPIEGEL 15/1999
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