12.04.1999

Paradies auf dem Hügel

In Anglistik, Germanistik, Geschichte, Pädagogik sind kleine Universitäten wie Greifswald oder Siegen besonders beliebt, weil es dort so unbürokratisch zugeht.
Wie eine Trutzburg steht die Universität auf einer Anhöhe hoch über Siegen - eine Ansammlung von Betonkästen im Stil der siebziger Jahre. Das Hauptgebäude hat die Hochschulleitung in zartem Lila neu streichen lassen, doch der Eindruck grauer Uniformität ist so einfach nicht zu vertreiben. Die Gesamthochschule Siegen, 1972 vom damaligen nordrhein-westfälischen Wissenschaftsminister Johannes Rau eröffnet, ist keine Alma mater, der die Studentenherzen gleich zufliegen.
Doch wer hier einige Seminare absolviert hat, ist von "seiner" Universität angetan. "Optimal" seien die Lernbedingungen, ein "richtiger Glücksfall", schwärmt Pädagogik-Studentin Kerstin Hundebrink, 23. Und ein Germanistik-Student nennt die Uni gar "ein Paradies".
Auch im SPIEGEL-Ranking für die Fachbereiche Erziehungswissenschaften, Anglistik, Germanistik und Geschichte schneidet die Gesamthochschule überdurchschnittlich gut ab: einsame Spitze bei den Anglisten, stolze Zweite bei den Pädagogen; die Germanisten erreichen einen respektablen 8. Platz, und lediglich die Historiker sind mit Platz 21 nicht ganz so gut plaziert.
Rund 11 000 Studierende hat die Siegener Gesamthochschule. Da grüßt man sich noch in der Mensa oder auf dem Gang, und in den Lehrveranstaltungen bleibt die Teilnehmerzahl meist einigermaßen überschaubar. Bereits im zweiten Semester, so Frank Große-Entrup, 25, habe ihn der Professor im Seminar mit Namen angesprochen. "Das", sagt der Pädagogik-Student, "fand ich sehr wertvoll."
Weil man sich gegenseitig kennt, sind Beratungsgespräche unbürokratisch zu arrangieren. Wer Hilfe braucht, kann fragen, ohne lange auf die offizielle Sprechstunde warten zu müssen. Notfalls, so Germanistik-Studentin Jana Mikota, 25, "haben wir kein Problem, die Dozenten auch zu Hause anzurufen".
Eine Vertrautheit, die an den großen Massenuniversitäten undenkbar ist. Mit rund 38 000 Studierenden ist beispielsweise die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn fast viermal so groß wie die Siegener Gesamthochschule. Da muß man sich schon "gewaltig anstrengen", um von Professoren und Dozenten als Individuum überhaupt wahrgenommen zu werden, weiß Claudia Engeln, 27, die an der 1818 am Bonner Hofgarten gegründeten Traditionsuniversität Französisch und Germanistik studiert.
Weil begehrte Plätze, etwa in den Einführungsseminaren, wegen des großen Andrangs ausgelost werden, sind die Studierenden froh, "wenn man sich", so Amerikanistik-Studentin Michaela Mander, 34, "seinen Stundenplan wenigstens einigermaßen zusammenbasteln kann".
Wer aber Pech hat im Tombola-Verfahren und eine hohe Losnummer erwischt, dem kann passieren, daß er gerade in einem Kurs, der in seinen Stundenplan paßt, keinen Platz mehr findet.
Der Frust über den Massenbetrieb läßt sich an den Untersuchungsergebnissen des SPIEGEL-Rankings ablesen. Spitzenplätze ergattern vor allem die kleineren Unis mit einer fast noch privaten Lernatmosphäre. An der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald sind beispielsweise insgesamt nur etwas mehr als 5000 Studenten eingeschrieben.
Bei der Emnid-Frage, ob Lehrangebot und Prüfungsanforderungen gut aufeinander abgestimmt sind und ob Professoren ausreichend beraten, waren die Rückmeldungen bei Historikern und Germanisten so positiv, daß die Universität an der Ostsee auf dem ersten Platz landete.
Bonn dagegen schaffte es für diesen Fragenkomplex gerade mal auf Platz 53 (in Germanistik) und Platz 47 (in Geschichte). "Was man hier nicht selbst auf die Beine stellt, das trägt einem keiner nach", faßt Claudia Engeln ihre Studienerfahrungen in der langjährigen Bundeshauptstadt zusammen. Die 27jährige nimmt das Gerangel um Seminarplätze und Professoren-Zuwendung dennoch gelassen. "Das übt fürs Berufsleben", findet sie.
Nicht alle können dem Andrang auf dem Campus Positives abgewinnen. An der Universität Köln etwa, die in Geschichte und Pädagogik im SPIEGEL-Ranking das Schlußlicht bildet, sind 63 000 Studierende eingeschrieben. Allein bei den Historikern drängeln sich rund 5000 Studenten. "Wir sind zu 160 Prozent ausgelastet", sagt Geschichtsprofessor Jost Dülffer. Dennoch seien in den letzten Jahren die Stellen von drei Professoren und eines Akademischen Direktors eingespart worden.
Die Folge: In historischen Einführungsseminaren sitzen bis zu hundert Studenten, und selbst in den Hauptseminaren werben noch mehr als 60 Lernende um die Aufmerksamkeit des Dozenten. Oftmals hält nur ein Drittel der Teilnehmer bis zum Ende des Semesters durch und schreibt die geforderte Seminararbeit. "Wie soll man mit so vielen Studenten ordentlich arbeiten?" klagt Historiker Dülffer.
Eine ähnliche Diskrepanz zwischen den kleinen, manchmal eher unscheinbaren Hochschulen und den großen Traditions-Unis registrierten die Emnid-Befrager auch bei der Ausstattung der Fachbereiche mit Lehrmaterial. Die Siegener Sprach- und Erziehungswissenschaftler landeten auf den vorderen Plätzen, während die Universitäten Bonn oder Köln sich in der Studentenbewertung erst ab Platz 46 wiederfinden.
Die Bücherbestände, lobt die Siegener Anglistik-Studentin Ute Minker, 26, "werden hier ständig aktualisiert" und seien "wirklich gut zugänglich". Videokassetten gebe es in der Bibliothek auch. Bücher, die nicht verfügbar sind, könnten per Online-Katalog leicht aufgetrieben werden.
In Bonn hat Claudia Engeln bei der Buchausleihe eine ganz andere Erfahrung gemacht. "Was wichtig ist, ist meistens weg." Vor allem, weil viele Studenten einmal ergatterte Bücher einfach mitgehen ließen.
Als Mittel gegen den grassierenden Bücherklau hat das Germanistische Seminar der Bonner Universität jetzt am Ausgang seiner malerischen alten Bibliothek eine Alarmanlage installieren lassen, wie sie in Kaufhäusern oder Boutiquen üblich ist. Mit Hilfe eines in den Büchern angebrachten Metallstreifens sollen Diebe, sobald sie die Sperre passieren, durch einen schrillen Alarmton entlarvt werden.
"In großen Systemen" fühle sich der einzelne eben "nicht so verantwortlich", kommentiert der Siegener Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann, 52, die unterschiedlichen Studienwelten in Siegen und Bonn. Das gelte für die Lehrkräfte ebenso wie für die Studenten. "Wir Professoren üben hier nicht nur eine Rolle aus, sondern sind auch als Person sehr viel präsenter und wichtiger", glaubt der Pädagoge.
Aber nicht nur in der Überschaubarkeit ihrer Universität sehen die Siegener Hochschullehrer einen Grund für die gute Plazierung im SPIEGEL-Ranking. Ursache sei auch die Konzeption als Gesamthochschule. Deren Selbstverständnis sei von jeher berufsbezogener als das der traditionellen Universitäten.
Die Düsseldorfer Regierung hatte Anfang der siebziger Jahre zugleich mit Siegen noch vier weitere Gesamthochschulen gegründet. Sie faßten die Fachhochschul- und Universitätsstudiengänge zusammen und sollten vor allem Jungen und Mädchen aus Nichtakademikerfamilien Chancen zum Studieren erschließen. Das einstmals gepriesene Reformprojekt findet inzwischen jedoch kaum noch Zuspruch bei Bildungspolitikern. Im neuen nordrhein-westfälischen Hochschulgesetz sollen die Gesamthochschulen nicht mehr erwähnt werden. Das Modell, sagt die Düsseldorfer Bildungsministerin Gabriele Behler (SPD) zur Begründung, habe sich bundesweit nicht durchgesetzt.
In Siegen kann man die Abkehr von dem einstigen Lieblingskind sozialdemokratischer Bildungspolitik so recht nicht verstehen. "Wo im Studium vom Berufsfeld her gedacht wird, sind die Studierenden zufrieden", hat Pädagoge Brügelmann beobachtet.
Die guten Noten für die Gesamthochschule Siegen geben dem Professor recht. Schon beim ersten SPIEGEL-Ranking vor zehn Jahren rangierte die Hochschule ganz vorn, auf Platz eins. Vier Jahre später kam sie auf den vierten Rang. Und wie damals ist auch diesmal die Praxisnähe der Ausbildung ein wichtiger Grund für die Zustimmung. So können Lehramtsstudierende vor einem Seminar zur Arbeit mit lerngestörten Kindern erst einmal drei Stunden lang bei der Betreuung von schwierigen Jungen und Mädchen Erfahrungen sammeln.
Studenten in den Sprachwissenschaften übersetzen Werbebroschüren ins Englische oder entwerfen Computer-Textbausysteme für französische Korrespondenz. Und bei den Historikern wird gerade eine Ausstellung über die Auswanderung aus der Region nach Amerika erarbeitet. Im 18. Jahrhundert waren Pietisten aus dem Wittgensteiner Land in die USA emigriert und hatten dort eine heute noch existierende Wiedertäufer-Gemeinde gegründet.
Die Ausstellung und den dazugehörenden Katalog gestalten vor allem Siegener Studenten. "An welcher anderen Universität tauchen Studierende schon gleich als Autoren einer Publikation auf?" fragt der Historiker Cornelius Neutsch. Die ebenfalls im historischen Seminar entstandene CD-Rom zur Geschichte Nordrhein-Westfalens hält der Siegener Dozent für ein "Positivum, mit dem wir werben können".
Zum Praxisprogramm gehört auch, daß Absolventen der Hochschule als Lehrbeauftragte zurückkehren, wenn sie im Beruf stehen. "Die sind inzwischen schon in Positionen, daß sie auch Praktika vermitteln können", meint Burkhard Schaeder, Dekan des Fachbereichs Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften.
Auf einen Coup sind die Uni-Verantwortlichen besonders stolz: Bei den Bemühungen, Kontakte zur regionalen Wirtschaft zu knüpfen, ist es einmal sogar gelungen, einem Philosophie-Studenten einen Praktikumsplatz in einem Schlacht- und Zerlegebetrieb zu verschaffen. Der Nachwuchs-Philosoph half bei der Reorganisation der Firmenlogistik.
Dennoch sind natürlich auch in Siegen nicht alle nur zufrieden. Die Ausbildung ist "wirklich hervorragend", sagt Nicole Mause, 24, die im zehnten Semester Geschichte studiert und sich gerade auf ihre Magisterprüfung vorbereitet. "Aber
* Mit Rohrsystem für die Entlüftung.
die Stadt, die reicht mir." Trotz seiner 120 000 Einwohner bietet Siegen weder großstädtisches Ambiente noch das Flair einer quirligen Universitätsstadt wie Heidelberg oder Marburg. Über die Einrichtung eines Theaters wird seit 20 Jahren ergebnislos debattiert, die Kneipenszene ist eher bescheiden.
Bewußt hatte die nordrhein-westfälische Landesregierung die Hochschule vor 27 Jahren in dem pietistisch geprägten, strukturschwachen Siegerland angesiedelt. In der kargen, über Generationen von Eisengewinnung, Stahlindustrie und Erzbergbau dominierten Region war es zuvor nicht üblich, seine Kinder auf die Universität zu schicken.
Lange standen sich Stadt und Universität, die erst seit der kommunalen Neuordnung von 1975 zur damals neu geschaffenen Großstadt Siegen gehört, fast feindselig gegenüber. Es dauerte 14 Jahre, bis der Stadtrat geruhte, seiner Hochschule den ersten offiziellen Besuch abzustatten.
Inzwischen ist der "Bildungshügel", wie Einheimische die Uni nennen, mit rund 1500 Beschäftigten zu einem der größten Arbeitgeber in einer Region geworden, die ansonsten mit fast zehn Prozent Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Stadt und Hochschule haben ihren Frieden miteinander gemacht - viel mehr aber auch nicht.
Einen Großteil der Studierenden stört das Manko allerdings nicht sonderlich. Sie kommen aus der näheren oder weiteren Umgebung, reisen zu Vorlesungen und Seminaren an und fahren abends wieder nach Hause zurück. "Am Studentenleben hier", sagt die 24jährige Geschichtsstudentin Nicole enttäuscht, "sind die überhaupt nicht interessiert." KAREN ANDRESEN
* Mit Rohrsystem für die Entlüftung.
Von Karen Andresen

DER SPIEGEL 15/1999
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