12.04.1999

So schön übersichtlich

Solide Unis in der Provinz sind bei den Studenten für Informatik, Maschinenbau und Mathematik begehrt - aber auch die einstige linke Kaderschmiede in Bremen.
Selten sind Deutschlands Professoren sich so einig. Gefragt, wohin sie ihr eigenes Kind auf keinen Fall zum Studieren schicken würden, landet die Uni Bremen auf Platz eins ihrer Negativliste - für fast alle Fächer von Anglistik bis Wirtschaftswissenschaften. Kaum ein Ordinarius, fand Emnid heraus, will seinen Nachwuchs an einer Hochschule sehen, wo der systemverändernde Geist von 1968 angeblich noch immer in seinen absurdesten Ausprägungen weht.
* Arved Carl Hübler, Direktor des Instituts für Print- und Medientechnik.
Bernd Krieg-Brückner gehört zu jenen Professoren, von denen seine Kollegen ihre Kinder möglichst fernhalten wollen. Der Mann mit dem weißen Vollbart ist Sprecher des Fachbereichs Informatik in Bremen - und er ist mächtig stolz auf seine Universität.
Vor knapp zwei Jahren nahm die einflußreiche Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Bremen in die Liste ihrer 45 Forschungsuniversitäten auf. Unter den Hochschulen im Land spielen die Hanseaten seither gewissermaßen in der gehobenen Liga. "In bestimmten Bereichen gehört Bremen zu den ersten Adressen in Deutschland", hat damals der DFG-Präsident Wolfgang Frühwald erklärt.
Was die Bremer Studenten angeht, ist "Begeisterung" fast noch ein zu mildes Wort für ihr Urteil über ihre Hochschule, zumindest in dem Fachbereich, den Krieg-Brückner vertritt.
Ein "super Verhältnis zu den Professoren" rühmt der Informatik-Student Dirk Meyer, 22, und daß "alles hier schön übersichtlich" sei. 45 Prozent der angehenden Informatiker und sogar 55 Prozent der künftigen Mathematiker gaben ihrer Hochschule bei der Emnid-Umfrage für den SPIEGEL eine glatte Note 1. Auch damit führt Bremen eine Liste an: Die Bremer Mathe-Studenten sind die zufriedensten, die Informatiker kommen auf Platz vier.
Was bedeutet da schon, daß noch im vorletzten Jahr der Bremer Ethnologieprofessor Hans Peter Duerr sich vor einem feministischen Gremium verantworten mußte, nachdem er es gewagt hatte, über die bedeutungsschweren Themen der Prostitution im Mittelalter zu lesen und über die "Kulturgeschichte des Büstenhalters" zu forschen? "Schrullige Episoden", klagt Krieg-Brückner.
Und wie erklärt er es, daß seine Kollegen, die Professoren, noch immer so vernichtend über seine Uni urteilen? "Starrsinnig sind sie", schimpft er.
Daß Bremens Ruf als Universitätsstadt miserabel ist, läßt sich aber nicht allein mit der Macht der Vorurteile erklären. Die Kluft in den Beurteilungen zeigt vielmehr, wie verschieden die Auffassungen von einer "guten Universität" sind.
Das SPIEGEL-Ranking legt nahe, daß das Leitbild der Professoren von einer forschungsbestimmten Universität internationalen Ranges offenbar an den Bedürfnissen der meisten Studenten vorbeigeht: In allen drei der eher technischen Fächer Maschinenbau, Informatik und Mathematik landeten aus den Traditionshochschulen einzig der Fachbereich Mathematik der Berliner FU und die Informatik in Freiburg auf einem der ersten zehn Plätze. Die Freiburger Fakultät nimmt im übrigen eine Sonderstellung ein, weil sie erst seit fünf Jahren aufgebaut wird.
Ilmenau, Clausthal, Magdeburg, Ulm, Chemnitz auf den vorderen Plätzen - Prestigehochschulen vom Range Heidelbergs oder Münchens weit abgeschlagen: Solide Provinzuniversitäten haben das Rennen um die Gunst der Studenten unter sich ausgemacht. Legte man einem Forscher aus Princeton die Liste der Bestplazierten seines Faches vor, müßte er wohl erst überlegen, in welchem Land da befragt wurde.
Zwei Diskotheken namens "Hühnerstall" und "Releé" bietet Ilmenau, die Kleinstadt am Thüringer Wald; in der Nähe hat Goethe sein berühmtes Gedicht "Über allen Gipfeln ist Ruh" gereimt. Die Studenten sind in Plattenbauten untergebracht, gruppiert um ein Mensagebäude, das sie "Freßwürfel" nennen. Trotzdem kam die TU Ilmenau schon im vorigen Jahr, als der SPIEGEL die europäischen Studenten der Ingenieurwissenschaften nach ihrer Zufriedenheit fragte, auf den sechsten Platz - als beste deutsche Hochschule. Auch diesmal steht sie im Fach Maschinenbau deutschlandweit auf Platz eins und in Informatik auf Rang sechs.
"Wir nutzen auch Erfahrungen aus der DDR-Zeit, etwa bei der Betreuung von Erstsemestern", sagt Eberhard Kallenbach, Dekan der Maschinenbau-Fakultät. So wird jeder Studienanfänger in eine Seminargruppe eingeteilt, für die ein Assistent permanent als Ansprechpartner zur Verfügung steht.
Auch für die Fortgeschrittenen unter den 350 Maschinenbau-Studenten ist Ilmenau offenbar attraktiv: Seine Plattenbauten sind
* In einem selbstverwalteten Café.
ans Internet angeschlossen, der Computer-Pool hat die ganze Nacht über und auch am Wochenende geöffnet. Wer eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft will, bekommt sie jederzeit.
Nach dem 8. Semester ist ein Praxissemester Pflicht in Ilmenau. "Die meisten Studenten haben danach einen Arbeitsvertrag in der Tasche", meint Dekan Kallenbach, "im letzten Jahr kamen auf jeden unserer Absolventen etwa zehn Angebote aus der Wirtschaft."
"Hier ziehen einfach alle an einem Strang", lobt der Maschinenbau-Student René Staut, 26: "Das ist das Ilmenau-Feeling." Ein Kommilitone habe zum Beispiel den Wunsch nach einem Auslandspraktikum geäußert. Der Assistent sagte nur "kein Problem" und besorgte ihm ein Stipendium am Nationalen Forschungszentrum für Mikroelektronik in Irland.
Daß die Physikprofessorin Dagmar Schipanski in den letzten Monaten als Bundespräsidentenkandidatin von CDU/CSU bekannt wurde, hat das Selbstbewußtsein der Ilmenauer Studenten und Dozenten nur noch gesteigert. Schipanski, der in der DDR wegen ihrer religiösen Bindung ein Lehrstuhl verwehrt geblieben war, trug als Rektorin der TU wesentlich zur Erneuerung nach der Wende bei.
Die Zahl der Studenten wuchs innerhalb weniger Jahre von knapp 3000 auf 4500, aus ehemals 5 Studiengängen wurden 13: Zu den Klassikern Mathematik, Maschinenbau und Elektrotechnik kamen wirtschafts- und medienwissenschaftliche Angebote, technische Physik, Informatik und Werkstofftechnik.
Das sind Erfolge, die zeigen, daß eine Regionaluniversität abseits von Berlin oder München ihren Studenten durchaus etwas bieten kann - wenn sie ihre Stärken konsequent ausspielt. Für Praxisnähe, Nestwärme und gute Betreuung ziehen Studenten sogar nach Ilmenau - oder fahren jeden Tag gern in die brutalistische Betonarchitektur des Bremer Campus.
Dort haben es die Mathematiker und Informatiker verstanden, ihren Fachbereichen ein Profil zu geben und sie konsequent auf Publikumswirkung und Verflechtung mit der regionalen Wirtschaft zu trimmen.
Ein anwendungsnaher Studiengang Technomathematik wurde aufgelegt; und die wissenschaftlich eher belanglosen, grafisch aber überaus ansprechenden Computerbilder vom Apfelmännchen und andere Hervorbringungen der "fraktalen Mathematik" des Bremer Professors Heinz-Otto Peitgen stellten sich als wahre PR-Renner in der Publikumspresse heraus.
Die Experimente von 1968 haben die Mathematiker und Informatiker an der einstigen Reformhochschule ganz pragmatisch in den Dienst der Ausbildung für den kapitalistischen Arbeitsmarkt gestellt. Nachdem Ende der Achtziger die Fundamentalkritik an Technik und Gesellschaft abgeklungen war, warb die Fakultät einstige IBM-Manager, und, wie Professor Krieg-Brückner sagt, "sogar Firmengründer" an.
Dennoch entkommt in Bremen keiner dem Studentenkollektiv - nur heißt das Kollektiv heute Team. Noch immer sind Studenten und Dozenten zwangsweise per du; aber es sind Referenten aus der Industrie, die bereits den Erstsemestern die Techniken des Projektmanagements einbimsen. Nur selten sind Übungsaufgaben am Fachbereich so angelegt, daß ein einzelner sie bewältigen kann.
Haben die künftigen Informatiker einmal ihr Vordiplom hinter sich, dürfen sie sich statt mit Vorlesungen und Klausuren mit komplizierten Softwareproblemen herumschlagen - immer unter Bedingungen wie in der Industrie und oft in Zusammenarbeit mit Unternehmen. Zwei Jahre lang dauert die Projektphase des Studiums, in der die Studenten in Gruppen zu 15 eine Programmiersprache fürs Internet schreiben oder Methoden zur Trickfilmanimation entwickeln, die später verkauft werden.
Den Studenten, die sich ihre Themen meist selbst stellen können, gefällt''s. "Bis der Pizza-Express in den Morgenstunden nicht mehr liefert", hocke sein Team auf dem Campusgelände und programmiere, sagt Dirk Meyer, der wie 90 Prozent der Studenten hier irgendwo aus der Norddeutschen Tiefebene stammt. Bei aller Begeisterung für die Technik ist er ganz Realist darin, daß "fast alles, was wir hier lernen, in fünf Jahren veraltet sein wird". Genau deswegen sei die Erfahrung der Gruppenarbeit um so wichtiger: "Das werden wir unsere ganze Karriere lang brauchen."
Zuallererst soll das Studium Berufsausbildung sein, darüber sind sich die Studenten einig: "Wir sind doch nicht hier, um politische Meinungen auszudiskutieren." Dem Umstand, daß in Bremen obendrein Vorlesungen über "Informatik und Gesellschaft" auf dem Lehrplan stehen, suchen sie das Beste abzugewinnen. "Ist ja auch wichtig", erklärt der angehende Informatiker Jan Störtz, 24. "Schließlich soll eine Benutzeroberfläche schon so sein, daß der Mensch mit dem Programm glücklich wird."
Die Dozenten haben sich mit diesem blassen Verständnis von Politik längst abgefunden. Sie wissen genau, daß der Erfolg ihres Lehrbetriebs letztlich nicht auf den Vorlesungen, nicht auf den vielen modernen Rechnern und auch nicht darauf beruht, daß ein eigenes Technologiezentrum sich emsig um Stellen für Studenten und Kontakte zu Firmen bemüht. Zufrieden sind die Studenten in Bremen vielmehr deswegen, weil sie hier etwas bekommen, was sie als Randfiguren im Forschungsbetrieb einer Prestigehochschule nie zu erwarten hätten: Sie werden ernst genommen. STEFAN KLEIN
* Arved Carl Hübler, Direktor des Instituts für Print- und Medientechnik. * In einem selbstverwalteten Café.
Von Stefan Klein

DER SPIEGEL 15/1999
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