12.04.1999

Flucht aus dem Labyrinth

Fächer wie Medizin, Biologie oder Psychologie werden nicht mehr von Idealisten studiert. Die Studenten von heute denken an Beruf und Karriere.
Nur kurz machte Anja Gossel, 21, Bekanntschaft mit den Torturen eines gewöhnlichen medizinischen Paukbetriebs. Zehn Wochen lang studierte sie an der Universität in Marburg, dann erhielt sie einen der 42 Studienplätze an der privaten Universität Witten/Herdecke.
Damit verbesserte sich die Studentin ganz gehörig: Die hessische Traditions-Uni steht in der SPIEGEL-Rangliste für Medizin auf Platz 27, die kleine, feine Uni in Nordrhein-Westfalen ist hingegen Nummer eins.
Das Lernpensum verringerte sich für Anja Gossel keineswegs; dafür erscheint ihr der Arbeitseinsatz jetzt viel plausibler. Das liegt unter anderem an einer methodischen Eigenart in Witten, dem "problemorientierten Lernen", abgekürzt "Pol". Die Medizinausbildung orientiert sich hier an konkreten Krankengeschichten und verliert sich nicht im Labyrinth medizinischer Details.
An gemeinen medizinischen Lehrstätten wie in Marburg oder München (in der SPIEGEL-Liste auf Rang 20) nähern sich angehende Ärzte den Krankheiten durch systematische Zergliederung des Fachgebiets: In der Anatomie zerlegen die Erstsemester Leichen, in der Terminologie das lateinische Fachvokabular, und in der Biochemie löst sich ihr Sujet in Hunderte Enzyme und Stoffwechselentgleisungen auf. Nach jahrelanger Dekonstruktion wird der Mensch erst im Hauptstudium für den Studenten wieder als Ganzes erkennbar.
Das Resümee der Münchner Studentin Monika Empl nach sechs Jahren Pauken von scheinbar unzusammenhängenden Fakten klingt denn auch bitter: "Wir wissen viel und können nichts." Frisch geprüft, stehen sie und ihre Kommilitonen nach dem langen Studium ratlos vor dem Patienten mit üblicherweise diffuser Symptomatik - im Krankenhaus folgt der Praxisschock.
Die Wittener gehen anders vor. Nicht Embryologie, Physiologie und Histologie stehen bei ihnen auf dem Lehrplan, sondern "Wahrnehmung des Menschen", die Lerneinheit "Bewegung" oder Kurse, in denen die Studenten sich gegenseitig untersuchen.
In einer "Lern-Lehr-Kaskade" führen sogenannte Paper-cases, wie der Bruch eines Unterschenkels, über Fragen der Anatomie der unteren Extremitäten zu tieferen Nachforschungen über die Rolle des Mineralstoffwechsels beim Knochenaufbau und zu Erörterungen des Hormonhaushalts. Die Studenten erarbeiten sich das Wissen selbst, Dozenten spielen eher die Rolle von Entwicklungshelfern. "Der Druck zum Lernen", sagt Anja Gossel nun, "kommt nicht aus der Institution, sondern aus einem selbst."
Bereits im dritten Wittener Semester sind die Ärzte-Azubis in der Lage, anhand weniger Symptome beispielsweise einen Leberkranken zu erkennen. "Man gewinnt mehr Verständnis für die Krankheiten als jemand, der nur Anatomie und Physiologie runterlernt und das nicht in Zusammenhang setzen kann", sagt Gossel.
Witten/Herdecke hat die praxisnahe Lernstrategie keineswegs erfunden. Im Ausland wie an der niederländischen Universität Maastricht, der amerikanischen Harvard-Universität oder der McMaster- Universität im kanadischen Ontario ist Pol lange schon nichts Neues mehr.
Einzelne Pioniere probten die Ausbildungsrevolution auch in Deutschland, bislang aber ist Witten/Herdecke die einzige Einrichtung, in der das problemorientierte Lernen - seit 1983 - zentraler Bestandteil des Studiums ist.
Die westfälische Universität bekam allerdings nicht nur Lob für das engagierte Reformprojekt - sie gilt auch als Musterbeispiel elitärer Auslese. Rund 500 Anwärter geben jedes Jahr ihre Bewerbung an der Modelluni ab, aber nur 42 erhalten nach intensiven Auswahlgesprächen, in denen sie unter anderem ihre soziale Kompetenz vermitteln müssen, einen Studienplatz. Darüber hinaus kostet die Studenten die Sonderbehandlung rund 30 000 Mark, die sie jedoch unter moderaten Bedingungen und verdienstabhängig (zum Beispiel acht Prozent des Einkommens über acht Jahre) nach dem Studium abbezahlen dürfen.
Auch das "Studium Fundamentale", in dem die Studenten immer donnerstags ihre musischen, philosophischen oder wissenschaftstheoretischen Neigungen pflegen, bringt der medizinischen Hochschule den - nicht abträglichen - Ruf einer Eliteschmiede ein. Die Ärztin Gudrun Bornhöft, in Witten/Herdecke zuständige Koordinatorin für Pol, gibt zu, daß unter derart exklusiven Bedingungen wahrscheinlich jede Lernform besser fruchten würde als an einer der üblichen Massenuniversitäten.
Das praxisorientierte Lehren und Lernen ist keineswegs unumstritten. Vor allem die Professoren an den Traditionshochschulen halten Pol für eine unkontrollierbare, anarchische Lehrform, die den klassischen Frontalunterricht entbehrlich macht und damit auch den Lehrstuhlinhaber.
Nach Jahren des Widerstands - allen voran vom Medizinischen Fakultätentag - ist unter der rot-grünen Bundesregierung dennoch kürzlich der Durchbruch gelungen. Anfang Februar verabschiedete der Bundesrat die achte Novelle zur Approbationsordnung. Seitdem sind Studiengänge à la Witten/Herdecke an medizinischen Hochschulen zugelassen.
Nun dürfen auch staatliche Großbetriebe unter Beweis stellen, daß sie mit anderen Lehrarten die Qualität und Zufriedenheit der Studenten steigern können.
Auf diese Möglichkeit haben Studenten von der FU Berlin lange schon gewartet - genau zehn Jahre; die ehrwürdige Berliner Universität erreichte im SPIEGEL-Ranking einen unauffälligen 15. Platz.
Aus einem Streik im Wintersemester 1988/89 entwickelte sich an der FU die studentische "Arbeitsgruppe Reformstudiengang". Die Medizin-Studenten sahen sich im Ausland um, suchten nach produktiven Ansätzen für ihre Ausbildung. Nach zehn Jahren Vorbereitungszeit und einigen Testläufen mit Pol-Kursen (seit 1990 zum Beispiel in Kinderheilkunde und Neurologie) bietet die nunmehr zur Charité gehörende Arbeitsgruppe im Wintersemester 1999/2000 für 63 der 200 Studienanfänger erstmals einen Pol-Pilotstudiengang an.
Einen kleinen Vorteil gegenüber Witten/Herdecke bringen die Berliner Reformer sogar mit. Während die Westfalen noch mit den bundesweit einheitlichen An- kreuztests das Wissen prüfen, geht Berlin einen Schritt weiter und sichert bis zum zweiten Staatsexamen mit sogenannten Semester-End-Prüfungen den Lernfortschritt.
Testinstrumente sind modifizierte Multiple-choice-Tests, mündliche Prüfungen und "Osces", "Objective structured clinical examinations": Die Studenten müssen 5 bis 15 Stationen an Simulationspatienten durchlaufen und demonstrieren, ob sie die passenden Fragen stellen können, die Blutabnahme beherrschen und mit dem Stethoskop hantieren können. Dafür entfallen das Physikum und das erste Staatsexamen.
Schon immer war die Zufriedenheit der Medizin-Studenten mit ihrem Fach auch die Folge eines fest umrissenen Berufsziels. Irgendwann, so denkt vermutlich jeder angehende Doktor, trägt man einen weißen Kittel und arbeitet auf einer Krankenstation. Anderes ist für die Studenten kaum vorstellbar - auch wenn mittlerweile unter den Medizinern die Arbeitslosigkeit grassiert.
Die deutschen Biologen hingegen galten lange als kaum karrieresüchtig. Die Naturfreunde und Ökopaxe, die Bio- oder Gentechnik für des Teufels hielten, hatten nur bescheidene Aussichten auf eine akademische Karriere. Viele von ihnen mußten sich am Ende mit einem Job als Taxifahrer oder Programmierer durchschlagen.
Die gegenwärtige Studentengeneration setzt andere Prioritäten, sie ist praxisbezogen und der Gen- oder Biotechnik gegenüber prinzipiell überaus aufgeschlossen. Nicht mehr Naturfreaks prägen das Bild, sagt Sven Gemballa, 34. Er ist Habilitand, hat an der Universität Tübingen studiert und sieht jetzt "eine Schar von Studenten" am Werk, "die geradezu atomistisch an die Sache herangeht".
Den neuen Pragmatikern gefallen Universitäten wie Tübingen oder auch die Ost-Unis, weil die interessante Berufspraktika anbieten.
Dabei ist Tübingen in einer vergleichsweise luxuriösen Position - und rangiert auf Platz fünf des SPIEGEL-Rankings. Gleich vier hochkarätige Max-Planck-Institutionen (MPI) liegen unweit der biologischen Fakultät: für biologische Kybernetik, für Entwicklungsbiologie, für Biologie und ein Laboratorium für biologische Arbeitsgruppen in der Max-Planck-Gesellschaft. In diesen vier MPI sind Spitzen der biologischen Wissenschaft versammelt, die Ausstattung ist überaus großzügig.
Da das Lehrangebot in Tübingen breit gefächert ist, nutzen höhere Semester aus anderen Universitäten die Möglichkeit, sich nach dem Vordiplom in Tübingen auf eine biologische Teildisziplin zu spezialisieren.
Die MPI-Habilitanden leisten ihre Lehrverpflichtungen in Form von mehrwöchigen Praktika für die Studenten ab. "Das gibt auch böses Blut", sagt Gemballa, "weil die Studenten zum größten Teil von der Uni ausgebildet werden und viele gute unter ihnen dann zum MPI abwandern und dort ihr Diplom oder ihre Doktorarbeit machen."
Auch die biomedizinische Forschung an den Unikliniken ist in Tübingen gut bestückt und bietet vor allem an der Augenklinik interessante Forschungsprojekte. Auf diesem Feld besteht für Diplomanden der Biologie sogar die seltene Chance, eine Arbeit mit bis zu 800 Mark im Monat über Drittmittel finanziert zu bekommen: "Das spricht sich rum", meint Gemballa.
Das Tübinger Studieridyll ist freilich getrübt, die Zahl der sich einschreibenden Erstsemester läßt deutlich nach. Zwar sind Hörsäle auch an Freitagen voll belegt, aber nicht aus purer Leidenschaft der Studenten fürs Studium, sondern weil vom ersten Semester an benotete Pflichtklausuren auf dem Plan stehen.
Der traditionellen Kaderanstalt Tübingen wird nachgesagt, daß sie am Anfang besonders streng siebt. Man habe, so nennt das Studiendekan Wolfgang Maier, in den unteren Semestern "eine nicht geringe Schwundquote". Kamen im Wintersemester 1989/90 noch fast zwei Bewerber auf einen der 150 Diplomstudienplätze, fanden im letzten Semester 147 Neulinge bequem Platz. Maier sieht den Abwärtstrend gelassen: Weniger Studenten habe die Uni doch immer angestrebt, die Zeit der ausufernden Studentenzahlen sei eben vorbei.
Die Studenten von heute sind offenbar zweck- und zielorientiert. "Wenn sie nach einer Medizinvorlesung nach Hause gehen", sagt Andrea Kaupert, vom Referat Fach- und Bildungspolitik im Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, "dann wissen sie, wie ein Magen aussieht. Die Klarheit des Faches schafft Zufriedenheit."
Zu jenen Fächern, die den Studenten das Privileg naturwissenschaftlicher Klarheit verschaffen, gehört die Psychologie allerdings nicht unbedingt. Um mehr biopsychologische Präzision macht sich deshalb die psychologische Abteilung der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf verdient - so erfolgreich, daß sie im Urteil der Studenten auf Rang sechs landete.
Die Psychologie ist in Düsseldorf den Naturwissenschaften zugeordnet worden. Die Studenten müssen sich weniger mit Freud, mit der Verhaltenstherapie oder den Problemen der Sozialpsychologie auseinandersetzen. Sie lernen vielmehr die neurobiologischen Grundkenntnisse des Denkens und Fühlens - die Psychologie wird in Düsseldorf zum Teilgebiet der Hirnforschung.
Den Psychologie-Studenten leuchtet der handfeste Zugang zu ihrem Fach ein. Der Anteil der freiwillig gewählten Prüfungen in Neuropsychologie steigt ständig. HARRO ALBRECHT
Von Harro Albrecht

DER SPIEGEL 15/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Flucht aus dem Labyrinth