12.04.1999

Ein Drittel Daimler, ein Drittel Bosch

An den Fachhochschulen werden die Studenten schulähnlich und praxisnah ausgebildet - und sie haben gute Aussichten auf einen Job.
Sein Blick ging demonstrativ nach oben. Wie üblich, wenn der Herr Professor an der Universität Freiburg dozierte, versagte er den Studenten der Forstwirtschaft die Gnade seiner Aufmerksamkeit und starrte beim Extemporieren an die Decke, als wollte er sich beim lieben Gott darüber beklagen, daß ihm diese jungen Kretins schon wieder die Muße für die wahren Wonnen der Wissenschaft raubten.
Alois Schwarz, 34, war einer dieser Kretins. Nach seinem Abschluß in Freiburg schrieb er sich an der Fachhochschule (FH) Reutlingen für den Aufbaustudiengang Internationales Marketing ein und wunderte sich bald, daß ihm Professoren nicht nur gerade in die Augen schauten, sondern sogar beim Arbeiten über die Schulter.
Auch Amadou Sow war zuvor auf einer richtigen Universität, in München. Zwei Semester hat der Senegalese dort gelernt, bis er begriff, daß "an der Uni eigentlich gar keine Ingenieure ausgebildet werden sollen, sondern Wissenschaftler".
Sow steht in Reutlingen kurz vor dem Diplom in Automatisierungstechnik und hat hier nach dem Uni-Schock allerhand Brauchbares erfahren. Zum Beispiel, daß eine Workstation an der FH mit der Rückseite zum Arbeitsplatz aufgebaut wird, weil man öfter an die Anschlüsse des Computers heranmuß als an den Einschaltknopf. Gute zehn Kilometer entfernt, an der Uni Tübingen, stehen die Workstations genau andersherum, erzählt Sow süffisant.
Uni-Frust, FH-Lust - nicht wenige der 147 Fachhochschulen, von Universitätsprofessoren immer noch gern als Bastelbuden der Wissenschaft abgetan, haben mittlerweile ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein entwickelt. Beflügelt vom Wunsch der Wirtschaft nach Absolventen, die im ersten halben Jahr nicht unter Praxisschock leiden - und Geld bringen, anstatt welches zu kosten, verdeutlicht der Esslinger FH-Rektor Jürgen van der List genüßlich die Schwächen der Uni: "Sechs Semester Mathe - das will die Welt nicht mehr; für das meiste hat man doch heute Rechenprogramme."
Der gute Ruf der FH spricht sich herum. 403 074 Studenten zählte das Statistische Bundesamt im Wintersemester 1998/99 an deutschen Fachhochschulen, rund 16 000 mehr als vor fünf Jahren. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Studenten an Universitäten um gut 55 000 auf 1,172 Millionen gesunken. Mehr als die Hälfte aller Ingenieure und immerhin ein Drittel aller Wirtschaftswissenschaftler kommen mittlerweile von der FH, die der Wissenschaftsrat zur "Hochschule der modernen Industriegesellschaft" geadelt hat.
So sind auch im vergangenen Semester wieder 74 821 Anfänger der Verheißung einer schulähnlichen und praxisnahen Ausbildung gefolgt - ein Plus von gut 3300 gegenüber dem Vorjahr. Wie bei der großen Schwester - Universitäten sind im Durchschnitt fünfmal größer als die FH - gibt es aber auch hier Qualitätsunterschiede, die sich dem künftigen Studenten nur schwer von allein erschließen.
Der SPIEGEL hat deshalb erstmals auch diese Lehrstätten in sein Hochschul-Ranking aufgenommen. Welche drei Fachhochschulen sie ihrer Tochter oder ihrem Sohn in Deutschland empfehlen würden, lautete die Frage an 630 FH-Professoren der Fachbereiche Betriebswirtschaft, Elektrotechnik, Maschinenbau und Sozialwesen. Das Ergebnis zeigt, daß es unter diesen Eingeweihten klare Vorstellungen davon gibt, wo die eigenen Kinder am besten aufgehoben wären.
Am deutlichsten fiel die Präferenz der Professoren in der Betriebswirtschaftslehre aus: Den Sieger, die Fachhochschule Reutlingen, nannten Dozenten dreimal häufiger als die beiden Zweitplazierten, Pforzheim und Münster. In Elektrotechnik schälte sich die FH München als Nummer eins heraus; auch sie hielt die Konkurrenz aus Nürnberg und Darmstadt klar auf Distanz. Dagegen rangieren die Top-Adressen in Maschinenbau (FH Esslingen) und Sozialwesen (FH Köln) fast gleichauf mit drei, vier anderen Instituten.
Eines macht das Quartett der Sieger deutlich: Größe ist kein Kriterium für Qualität - anders als bei den Universitäten. Bei den FH gilt weder "größer gleich schlechter" noch "größer gleich besser", stehen doch die Großstädte Köln mit 18 000 Studenten und München mit 14 000 unter den deutschen Fachhochschulen ganz vorn im SPIEGEL-Ranking. Klein, aber fein kommen Esslingen und Reutlingen daher: 3300 Studenten hier, 3200 dort, ohne daß sich eine der beiden Fachhochschulen über einen Mangel an Bekanntheit oder Renommee in Politik und Wirtschaft beklagen müßten.
"Eliteschmiede - mit dem Wort habe ich kein Problem", bekennt sich Reutlingens Rektor Georg Obieglo zum Anspruch einer Hochleistungshochschule. Im Fachbereich Europäisches Studienprogramm für Betriebswirtschaft (ESB) geht Reutlingen noch weiter: Dort kokettiert man damit, das "Harvard des Landes" zu sein, obwohl der Vergleich, wie Prodekan Wolfgang Stahl sofort ironisch präzisiert, nicht ganz stimme: "Unser Selektionskriterium ist härter als das von Harvard." Soll nur keiner glauben, das ESB nehme jeden Abiturienten, der mit einem Notendurchschnitt von 1,0 daherkommt.
In Reutlingen zeigt sich ein Trend, den auch die SPIEGEL-Sieger der anderen Fachbereiche vorantreiben: Die Erfolgsformel lautet "Internationalität gleich Qualität".
"Wer nach Reutlingen kommt, weiß, daß er im Studium ins Ausland geht", sagt Rektor Obieglo. Studenten des ESB sind nur zur Hälfte "made in Germany"; zwei Jahre verbringen sie an Fakultäten in aller Welt. Auch die allesamt dreisprachigen Fachhochschüler der Studiengänge Außenwirtschaft und International Business verlassen Deutschland für mindestens ein Praxissemester.
Von den Esslinger Maschinenbauern geht heute jeder dritte während des Studiums ins Ausland - Zielmarke für Rektor van der List: jeder zweite.
An deutschen Hochschulen sieht es anders aus: Noch nicht einmal 2,6 Prozent des Akademiker-Nachwuchses trauten sich 1996 über die Grenzen.
In Köln verweist man stolz auf "Macess", einen englischsprachigen Studiengang in Sozialwesen, der in Kooperation mit der Hogeschool Maastricht und der University of North London läuft und mit dem Master-Titel abschließt. Auch in München können Elektrotechniker demnächst ihren Master machen und damit eine Schwäche des deutschen FH-Wesens ausgleichen: die internationale Unbekanntheit.
"Einem Ausländer klarzumachen, welchen Status Fachhochschulen haben, ist nicht ganz einfach", klagt Harald Hagmann, Ministerialdirigent im baden-württembergischen Wissenschaftsministerium. Allein im Südwesten sollen deshalb 15 Bachelor- und Master-Studiengänge die Fachhochschulen nach den Worten von Minister Klaus von Trotha "international kompatibel" machen.
Dazu gehört aber auch umgekehrt, daß Ausländer an deutschen Fachhochschulen studieren. "Wir müssen international um ausländische Studierende werben", forderte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn erst kürzlich. Der Reutlinger ESB-Professor Stahl kann da nur müde lächeln: "Wir machen seit 20 Jahren, was unsere Politiker heute für Zukunftsvisionen halten. Die Hälfte unserer Studenten kommt schon aus dem Ausland."
In Esslingen sind es zwar nur 4,5 Prozent, dafür kann Rektor van der List mit einer anderen Zahl renommieren: Bei der Abschlußfeier im Februar habe jeder der 80 Maschinenbauer schon mindestens ein Vertragsangebot in der Tasche gehabt. Zwar sind Ingenieure zur Zeit Mangelware; arbeitslos wird ohnehin keiner. Aber nicht überall sind die Adressen so erstklassig wie in Esslingen: "Ein Drittel DaimlerChrysler, ein Drittel Bosch", schätzt Maschinenbau-Dekan Hans Ruoß die Marktchancen seiner Absolventen ein.
Die richtige Visitenkarte verdanken die zukunftssicheren Studenten einer auch mit Drittmitteln gut geschmierten Achse zwischen Hochschule und Industrie - neben der Internationalität offenbar das zweite entscheidende Kriterium für ein Top-Ranking. Die meisten Diplomarbeiten schreiben die Esslinger Maschinenbauer über praktische Probleme eines Unternehmens, in dem sie im Laufe des Studiums gearbeitet haben.
Für Norbert Schaub, bei DaimlerChrysler Leiter des Prüfbetriebs Passive Sicherheit, ist der fliegende Studentenwechsel eine unverzichtbare Hilfe: "Wir haben einen so hohen Aufgabendruck, da sind die Esslinger Studenten Gold." Schaub, selbst Absolvent der Hochschule, ist einer von 200 Lehrbeauftragten, und das nicht nur aus pädagogischem Antrieb. Sieben "Esslinger" hat er in seiner Zeit beim "Daimler" schon eingestellt.
So fühlen sich die Umworbenen wie die Achtsemestlerin Regine Crämer nicht nur "traumhaft gut" betreut, sondern "vom Glück geradezu geküßt". Von einer "Elite der Chancen" schwärmt die Reutlinger ESB-Studentin Imme-Verena Behrens.
Derart verwöhnt, wissen die Karriere-Eleven um ihre Qualität und feilschen um ihren Preis. Einstiegsgehälter um 80 000 Mark im Jahr sind für Absolventen aus Esslingen erreichbar, Reutlinger ESB-Diplomierte drücken sich mit Verhandlungsgeschick auch schon mal über die magischen "100 000".
Mußte der Esslinger Maschinenbauer früher noch darauf gefaßt sein, anfangs 10 000 Mark weniger zu verdienen als ein wissenschaftlich profunder und um Jahre länger ausgebildeter Universitätsabsolvent, ist die Differenz nach den Erfahrungen von Daimler-Mann Schaub auf allenfalls 200 Mark im Monat zusammengeschrumpft.
Es sei denn, ein Fachhochschüler strebt ausgerechnet in den Öffentlichen Dienst - das kostet den FH-Techniker im Vergleich zum Universitätsabsolventen anfangs einen guten Tausender im Monat. "Wir fordern seit fünf Jahren, daß die Gehaltslücke geschlossen wird", grollt Josef Lange, Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz. Genausolange ignorieren die Innenminister das Flehen - mangels Geld.
"Schikane" vermutet der Esslinger Rektor van der List hinter einem anderen Handicap für FH-Absolventen. Wer sein Diplom mit einem Doktortitel krönen wolle, müsse erleben, wie ihm etwa an der Stuttgarter Universität Nachsitzen in Grundlagenfächern aufgebrummt werde; das allein koste zwei Jahre. Der konservative Deutsche Hochschulverband, Standesvertretung von 18 000 Universitätsprofessoren, hält es gar für "völlig abwegig", FH-Absolventen zur Promotion zuzulassen.
Nur 30 Fachhochschüler haben in Deutschland bisher den "Doktor" gemacht, eine "lächerlich geringe Zahl", wie Bundesbildungsministerin Bulmahn kritisiert. Dabei haben alle Bundesländer die rechtliche Grundlage dafür geschaffen, zum Beispiel Niedersachsen: Dort steht guten Fachhochschülern der Weg zum karrierefördernden Titel schon seit 1994 prinzipiell offen.
"Die Universitäten verteidigen ihren Heiligen Gral", meint der Esslinger FH-Rektor van der List. Wie lange noch? Volkswirtschaftlich vernünftig, so stichelt Lists Reutlinger Kollege Obieglo, sei es ohnehin schon lange, das Zahlenverhältnis von Fachhochschülern und Universitätsstudenten umzudrehen - von 30 zu 70 in 70 zu 30. Obieglo: "Wir tun in Deutschland so, als müßten wir alle Studenten zu Universitätsprofessoren ausbilden. Diese hohe Wissenschaftlichkeit in der Breite leistet sich kein anderes Land." JÜRGEN DAHLKAMP
Von Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 15/1999
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