12.04.1999

„Ein himmelweiter Unterschied“

Jura-Professor Dieter Simon über das Studenten-Lob für die Ost-Universitäten und das Desinteresse seiner Kollegen an der akademischen Ausbildung
SPIEGEL: Herr Simon, die kleinen Ost-Universitäten liegen im ersten gesamtdeutschen SPIEGEL-Ranking auf den vordersten Plätzen - zu Recht?
Simon: Es überrascht mich nicht. Im Vordergrund steht hier nicht so sehr die Forschung als die Lehre - und damit natürlich auch die Frage der Zufriedenheit der Studenten. Und daß Studenten sich an den kleineren und sicher aus vielen Gründen betreuungsintensiveren Universitäten des Ostens wohler fühlen als auf den großen Flaggschiffen des Westens, scheint mir plausibel.
SPIEGEL: Gibt es in den einzelnen Fächern Plazierungen, die Ihnen auf Anhieb vernünftig zu sein scheinen, und solche, die Sie nicht nachvollziehen können?
Simon: Natürlich wundert es mich, wenn hier Fachbereiche oder Universitäten plötzlich an der ersten Stelle erscheinen, von denen ich kaum je gehört habe. Andererseits wissen wir ja, daß die Studenten auf die Frage, was eine Universität in ihren Augen attraktiv macht, nahezu nie die Antwort geben, daß sie dort wissenschaftlich hervorragende Professoren antreffen. Den Studenten liegt mehr an Professoren, die sich für sie interessieren. Zwischen Professoren, die sich für die Studenten interessieren, und Professoren, die im Kreis der Kollegen als exzellente Forscher und Wissenschaftler gelten, zeigt sich ein himmelweiter Unterschied. Natürlich gibt es Professoren, in denen beide Qualitäten konvergieren. Aber sie sind selten.
SPIEGEL: In der Professorenumfrage fallen die Ost-Unis zumeist an das Ende der Tabelle, und die Traditionshochschulen des Westens liegen fast immer vorn. Was eigentlich bewerten die Professoren: die Lehre oder doch eher die Forschung?
Simon: Die Professoren interessieren sich nach wie vor kaum für die Lehrqualität. Sie müssen sich - weil das ihre Karriere entscheidend beeinflußt - am wissenschaftlichen Output ihrer Kollegen orientieren. Hier in Berlin etwa weiß man an der Freien Universität schon nicht mehr, ob jemand an der Humboldt-Universität ein guter Lehrer ist. Aber man weiß natürlich sehr wohl, was er publiziert hat und ob er in Amerika als Experte gilt. Die Regel lautet: Jeder ist dort gut, wo er sich konzentriert. Wer sich auf die Lehre konzentriert, ist in der Regel nicht in der Lage, gleichzeitig noch ein führender Forscher zu sein - und umgekehrt.
SPIEGEL: Was halten Sie von dem Vorschlag, die Studentenzahlen gerade bei jenen Universitäten deutlich zu senken, die in der Forschung sehr angesehen sind?
Simon: Diese Idee haben wir im Wissenschaftsrat bereits vor 20 Jahren propagiert, also eine interne Differenzierung in Lehr- und Forschungsprofessoren. Derzeit gibt es 1,8 Millionen Studenten in der Bundesrepublik. Jetzt stellen Sie sich mal vor, wie verschwindend gering der Prozentsatz jener ist, die wirklich Forscher und Wissenschaftler werden wollen. Die meisten wollen eine solide, ihnen im Leben irgendwie weiterhelfende Ausbildung auf wissenschaftlicher Basis. Und zwar möglichst schon berufsfeldbezogen, wenn es irgendwie geht.
SPIEGEL: Warum gibt es noch keine Trennung in Lehr- und Forschungsprofessoren?
Simon: Verhindert wird eine Aufteilung in Lehr- und Forschungsprofessuren von den Universitäten selbst. Sie werden nie einen Professor finden, der bereit ist zu sagen: "Ich bin ein reiner Lehrprofessor." Dagegen werden Sie immer einen finden, der sagt: "Ich bin ein Forschungsprofessor." Die meisten Hochschullehrer glauben ohnehin, daß sie pädagogisch irgendwie ihre Sachen vermitteln können; das ist ja die Tragödie. Sie legen ihr Versagen in der Lehre in der Regel den Studenten zur Last und nicht sich selbst. Und wenn nach vier Wochen statt 200 Studenten nur noch 20 in der Vorlesung sitzen, dann lautet die Erklärung: "Ja, die verstehen mich nicht. Die sind eben zu dumm, nicht gebildet genug. Das interessiert die nicht."
SPIEGEL: Zurück zu den Ergebnissen der SPIEGEL-Umfrage: Welchem Typus Studenten würden Sie von einem Besuch einer Ost-Uni abraten, und welchem würden Sie diesen Schritt empfehlen?
Simon: Wem schon eine Anregung in einer Vorlesung ausreicht, um dann mit Hilfe des Internet und der Bibliothek weitere Fragen aufzuarbeiten und die dann mit dem Professor zu diskutieren, der braucht keine Ost-Universität. Aber wer sich - und das sind natürlich die meisten - unsicher fühlt, wer nicht nur Beratung am Anfang, sondern auch Betreuung während des Studiums braucht, der muß natürlich eine kleine Universität bevorzugen, weil dort immer noch die Chance besteht, daß der Student des Professors nicht erst im fünften Semester ansichtig wird.
SPIEGEL: Sollte man vielleicht zwischen Grund- und Hauptstudium unterscheiden ...
Simon: ... richtig, wenn Sie an Leute denken, die noch am Anfang ihres Studiums stehen und die einfach darauf angewiesen sind, in einem bestimmten Umfang geführt und gestützt zu werden, dann kann ich denen nur wärmstens empfehlen, sich irgendeine kleine Universität auszusuchen, ob nun im Westen oder im Osten, das ist egal.
SPIEGEL: Sie haben nach der Wende die wissenschaftliche Qualität der DDR-Akademien untersucht und festgestellt, daß in einigen natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern hervorragende Leistungen erbracht wurden. Waren auch die DDR-Universitäten besser als ihr Ruf?
Simon: Ja. Es hat sehr wohl - wie wir aber erst später, zu spät, bemerkt haben - qualifizierte Forscher auch an den Universitäten gegeben. Es war keineswegs so, daß man an der Universität nur den sozialistischen Menschen erzogen hat und die Forschung allein an der Akademie geleistet wurde.
* Amtseinführung des Rektors (M.) am 1. Juli 1994.
SPIEGEL: Nach der Wende sind viele Professoren aus dem Westen an die Ost-Universitäten gegangen - vor allem in den Wirtschafts- und Geisteswissenschaften. Kritiker behaupten, es seien häufig nur Dozenten der zweiten Garnitur in den Osten abgewandert.
Simon: Sicher ist da was dran. Daß dieser Import nicht nur aus lauter exzellenten Leuten bestehen konnte, sondern daß man bestenfalls denselben Level, den man im Westen hatte, importieren konnte, liegt auf der Hand. Andererseits gab es natürlich im Westen, was ganz normal ist, eine große Menge von Leuten, die in ihrer Karriere steckengeblieben waren. Jede Fakultät hat so einen kleinen, manchmal größeren Giftschrank mit ...
SPIEGEL: ... Privatdozenten?
Simon: Zum Beispiel. Es gibt viele Leute, die machen nicht Karriere, und man fragt sich: Was ist eigentlich an dem Mann oder der Frau auszusetzen? Er oder sie macht ihre Arbeit gut, ist nicht genial, ist aber auch nicht dumm. Nun also hat man viele von denen in den Osten geholt. Und das ist ihnen ja auch zu gönnen. Andererseits war und ist es natürlich für die neu aufzubauenden Fakultäten häufig auch eine Belastung. Das konnte eigentlich nicht so einfach gutgehen.
SPIEGEL: In den vergangenen Jahren sind viele Milliarden Mark in die Ost-Universitäten geflossen, sinnvollerweise. Sind die Bibliotheken und Institute dort inzwischen sogar besser ausgestattet als die im Westen?
Simon: Das kann man so generell nicht sagen. In den Naturwissenschaften dürfte dies an manchen Orten durchaus zutreffen. Die Bibliotheken sind teilweise sehr gut, teilweise aber gibt es riesige Lücken. Besser als im Westen ist in der Regel die elektronische Grundausstattung. Die ist größtenteils ganz neu und auf dem letzten Stand.
SPIEGEL: Im Osten wurden zudem neue Universitäten gegründet, etwa in Frankfurt an der Oder und jetzt in Erfurt. Ist das eigentlich sinnvoll?
Simon: Die staatlichen Universitätsneugründungen halte ich grundsätzlich für mehr oder minder überflüssig, weil wir im Augenblick eine relativ große Dichte öffentlicher Universitäten haben. Das französische Modell - wenn der Staat eine alte Einrichtung nicht reformieren kann, setzt er selbst etwas Neues daneben - ist für uns kein Vorbild. Man sagt einfach: Offenbar sind die Universitäten nicht in der Lage, sich selbst zu reformieren, also gründen wir Alternativen. Das sollte der Staat den privaten Neugründungen überlassen, die dann den anderen Konkurrenz machen.
SPIEGEL: Ein Element dieser Konkurrenz sind Ranglisten nach amerikanischem Vorbild. Welche Aussagekraft haben Rankings für Sie?
Simon: Die SPIEGEL-Umfrage orientiert sich ganz an den Interessen der Studenten und der studentischen Zufriedenheit. Die wird relativ gut abgebildet. Dabei geht es um eine zentrale Frage, die fast zwei Millionen Menschen in Deutschland ganz konkret betrifft.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß solche Rankings auch so etwas wie ein Ansporn für Professoren sein können?
Simon: Ich glaube nicht, daß sich die Kollegen davon in einem erheblichen Umfang beeindrucken lassen. Daß sie zusammen mit ihren Kollegen, die sie in der Regel ja auch hoch schätzen, an letzter oder vorletzter Stelle stehen, wird keine Freude auslösen. Im Gegenteil, es kommt Mißmut und Betrübtheit auf, aber es wird nicht dazu führen, daß die Ursachen beseitigt werden, die zu dieser Positionierung geführt haben. Sie werden nur sagen: "Wir sind mal wieder bei diesem impertinenten SPIEGEL und seiner unsinnigen Umfragerei auf dem letzten Platz gelandet. Das und das wird der Grund sein."
INTERVIEW: MARTIN DOERRY
* Amtseinführung des Rektors (M.) am 1. Juli 1994.
Von Martin. Doerry

DER SPIEGEL 15/1999
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