14.10.2013

LEGENDEN„Diese Frau ist mein Leben“

Aus den Tagebüchern von Richard Burton
JANUAR 1969
Montag, 13. 1. (Gstaad) Meine Sünden haben mich eingeholt! Wer hätte gedacht, dass ein Mann, der zu seiner Zeit dafür bekannt war, infolge übermäßigen Alkoholkonsums Fensterscheiben einzuschlagen oder trotz geringer Erfolgsaussichten keine Prügelei auszulassen, entsetzt sein würde, wenn andere sich auf ähnliche Weise verhalten? Zumindest bei anderen, die ihm nahestehen. Und wer steht mir näher als E.? Den ganzen letzten Monat ist sie, bis auf wenige Ausnahmen, jeden Abend nicht bloß angetrunken oder beschwipst ins Bett gegangen, sondern volltrunken. Und ich meine wirklich volltrunken. Unkoordiniert, unfähig, geradeaus zu gehen, und vollkommen grundlos wie ein blödsinniges Kind in einer schwerfälligen, jammernden Babystimme redend. Ich dachte zuerst, es liege an den Medikamenten, aber wenn ich mich nicht irre, nimmt sie momentan nur noch Vitamine. Es muss also doch am guten alten Alkohol liegen. Ich habe am letzten Wochenende, ohne den Arbeitsdruck, einen verzweifelten Versuch unternommen herauszufinden, ob ich es in den Griff kriegen kann. Ergebnis: das Gleiche. Das Schlimme ist ja, dass es mir den Alkohol vergällt! Vielleicht hat es doch sein Gutes. Ich kann nicht viel tun.
Ich muss aufpassen, dass ich nicht auch so werde, sonst müssen wir noch einen Pfleger engagieren, der uns beide im Zaum hält. Aber die Langeweile, die ich in der Gegenwart eines Menschen habe, dem ich alles zweimal sagen muss, wenn ich nicht ebenfalls betrunken bin, bereitet mir echt Bauchschmerzen. Wenn es irgendjemand anders wäre, würde ich meine Koffer packen, mich aus dem Staub machen und in einen Trappistenorden eintreten, aber diese Frau ist mein Leben.
Montag, 20. 1. Gestern war ein Artikel über E. im "Daily Mirror" oder vielmehr im "Sunday Mirror". Unter anderem - er war ihr größtenteils wohlgesinnt, glaube ich - stand darin, dass sie 38 wäre, dabei ist sie erst 36; dass sie zugenommen hätte, obwohl sie seit zehn Jahren ihr Gewicht hält, außer in der Virginia-Woolf-Phase, in der sie absichtlich zunahm; und dass sie grau würde. Letzteres ist wahr, aber das wird sie schon seit zehn Jahren. Na ja.
Es gibt einen Trend unter gewissen Schreiberlingen - vor allem unter den moralisierenden -, "anspruchsvolle" Machwerke über uns zu produzieren. Sie sind alle gleich. Das reiche Paar, lebt sein Leben auf dem Präsentierteller der Öffentlichkeit, außerstande, einen normalen Spaziergang auf einer normalen Straße zu machen, belagert, wo es auch hinkommt, dauerhaft von einer riesigen Gefolgschaft abgeschirmt. Was sie nicht verstehen und vollkommen fehlinterpretieren, ist die Einstellung, die wir zu unserem Beruf haben. Dass Schauspielern auf der Bühne oder im Film bis auf ein oder zwei aufregende Momente die reinste Plage war. Sie können wohl nicht nachvollziehen, wie demütigend und ermüdend es ist, die Schriften eines anderen auswendig lernen zu müssen, unter denen 9 von 10 nur durchschnittlich sind, wenn man 43 Jahre alt und ziemlich belesen ist, sich Tag für Tag zur Arbeit schleppt und zum Abschied einen langen, zögernden Blick auf das Buch wirft, das man stattdessen lesen möchte. Sie werden nie verstehen, dass E. und ich nicht "mit Leib und Seele dabei" sind und dass meine "erste Liebe" (mein Gott, wie oft habe ich das gelesen?) nicht das Theater ist. Es ist ein Buch mit schönen Wörtern drin. Wenn ich mich zur Ruhe setze, was ich bald tun muss, werde ich eine hässliche Schmährede gegen die ganze falsche Welt des Journalismus und des Showbusiness schreiben.
APRIL
Karfreitag, 4. 4. Gestern war ein seltsamer Tag. Die erste Hälfte war hervorragend, verkam dann aber gegen 15.30 Uhr zum reinsten Hickhack. Größtenteils war es meine Schuld. Ich war auf einmal ohne besonderen Grund gereizt und blieb es für den Rest des Tages. Gegen 17 Uhr versuchte ich mich zusammenzureißen, aber es half nichts. E. war natürlich überhaupt keine Hilfe und hackte mit beinahe männlichem Stolz zurück. Hier ein Teil unseres Dialogs, grob gesagt:
Ich: (Ich war gegen 20 Uhr zum Lesen nach oben ins Schlafzimmer gegangen.) "Stinkt es noch im Badezimmer?"
Sie: "Ja." Ich: "Ich rieche da nichts. Vielleicht bist du es." Sie: "Leck mich!" (Sie verlässt das Schlafzimmer und geht nach unten, während ich weiter im Bett lese.)
Sie: (als sie etwa zwanzig Minuten später zurückkommt und mit hasserfülltem Gesichtsausdruck in der Tür steht) "Ich kann dich nicht ausstehen, und ich hasse dich."
Ich: (während ich mir einen Bademantel anziehe) "Gute Nacht, schlaf gut."
Sie: "Du auch." Ich gehe ab und in Chris' Zimmer, wo ich mich ins Bett lege und lese.
NB: Im Interesse der Schauspieler dieser kleinen Studie des häuslichen Lebens der Burtons muss betont werden, dass die Worte an sich zwar relativ harmlos sind, aber mit einer giftigen Bosheit vorgetragen werden.
Freitag, 11. 4. Gestern Abend lag ich lesend im Bett, und E. war in einer anderen Ecke des Raums, ich fragte sie: "Was machst du da, Pummelchen?" Wie ein kleines Mädchen und vollkommen ernst antwortete sie: "Ich spiele mit meinen Juwelen."
Montag, 21. 4. Ich lese alles, was ich in die Finger bekomme. An den meisten Tagen lese ich 3 Bücher, und kürzlich waren es sogar 5!
MAI
Freitag, 2. 5. Mein schlechtes Gewissen wegen des nächsten Films und des Skriptlernens hat einen Höchststand erreicht. Ich werde es heute lesen, und wenn ich mir dafür die ganze Nacht um die Ohren schlagen muss. Es ist absolut erbärmlich und sehr untypisch für mich. Ich wäre entsetzt, wenn ich eine solche Faulheit bei anderen Schauspielern entdecken würde.
Sonntag, 25. 5. (auf der "Kalizma") Was für eine seltsame Welt. Wie kann man mit einem Menschen 13 Jahre und mit einem anderen 8 Jahre zusammenleben und beide noch immer rätselhaft wie Fremde finden. Elizabeth ist ein ewiger One-Night-Stand. Sie ist meine persönliche und selbstgekaufte Mätresse. Und dabei so lasziv. Es ist unmöglich zu sagen, woraus unser Liebesakt besteht. Aber ich kann sagen, dass E. eine Rückschlägerin ist, sie spielt den Ball immer sofort zurück! Ich schreibe nicht oft über Sex, weil es mir peinlich ist, aber, aber, aus irgendeinem Grund, wer weiß, warum, egal, ist selten, ureigen, wunderlich.
Donnerstag, 29. 5. Wie eintönig Menschen sein können, vor allem von der Presse. Ich habe mit einer Dame zu Mittag gegessen, die sich Margaret Hinxman nennt und für den "Sunday Telegraph" schreibt. Ich versprach ihr den bisher noch nicht verliehenen Taylor-Burton-Oscar, wenn sie mir eine Frage stellen würde, die weder E. noch ich jemals gefragt worden sind. Sie ist gescheitert. Warum hat sie die Herausforderung nicht angenommen und zum Beispiel gefragt: "Wie oft ficken Sie und Ihre fabelhafte Frau? Machen Sie es nur am Wochenende, oder haben Sie einen Dienstagsfetisch?" Oder: "Wie oft masturbieren Sie?" Oder: "Wer, glauben Sie, ist normaler: Sie oder John Gielgud?" Oder: "Glauben Sie daran, dass wir, wie Carlyle es ausgedrückt hat, zwischen zwei Ewigkeiten leben?"
AUGUST
Freitag, 1. 8. Aaron ist gestern im Studio angekommen. Ich habe ihn gefragt, wie viel Geld wir haben. Ob wir es uns wirklich leisten könnten, in Rente zu gehen. Er sagte mir, dass ich an "verfügbarem" Geld ungefähr 4 bis 4¿ bis fünf Millionen Dollar habe, und E. hat nur geringfügig weniger. Das ist verfügbares Geld und sollte nicht verwechselt werden mit den diversen Häusern, der "Kalizma", den Gemälden, dem Schmuck etc., was wahrscheinlich noch mal 3 oder 4 Millionen ergibt. Falls, fragte ich, falls wir aufhören würden zu schauspielern, welches Einkommen hätten wir dann, wenn wir das Grundkapital nicht antasten würden? Er sagte: Mindestens ¿ Million Dollar im Jahr. Ich glaube, mit ein wenig weißem Papier und einer Schreibmaschine und ein wenig freundlichem, aber nicht grimmigem Wodka und Jack Daniels würden wir schon zurechtkommen. Geld ist sehr wichtig, nicht ausnahmslos wichtig, aber es hilft ungemein. Falls E. und ich die Willensstärke besitzen, unsere Berühmtheit aufzugeben, können wir in mehr als großzügigem Komfort leben.
SEPTEMBER
Donnerstag, 11. 9. (Bell Inn, Aston Clinton) Ich habe den Großteil des Tages und die halbe Nacht gelesen (4.30 Uhr), ein Buch von Carlos Baker über Ernest Hemingway. Ich hasse E. H., seit ich ungefähr mit 14 "Wem die Stunde schlägt" gelesen habe. Die schreiende Sentimentalität dieses Mannes hat mich beleidigt und tut es immer noch.
Ich verstehe nicht, warum "Kritiker" seinen "kritischen Realismus" loben. Ich habe eher den Eindruck, dass er ein romantischer Blödmann war. Er war ein Blödmann erster Ordnung und ein Oscar-prämierter Sentimentalist. Und trotzdem liebte ihn jeder, der ihn kannte und den ich kenne - selbst der geheimnisvolle Archie MacLeish. Während ich das Buch lese, bemitleide und verachte ich ihn abwechselnd, aber noch immer wird mir schlecht, wenn darin aus seinen Werken zitiert wird. Ich lese es heute zu Ende. Eines Tages, vielleicht schon bald, werde ich mir sein Gesamtwerk im Taschenbuch kaufen (einen festen Einband verdient er nicht) und es durchackern. Am besten, wenn ich Verstopfung habe.
Montag, 29. 9. Vor ein paar Jahren unterhielt ich mich mitten in der Nacht mit E. über dies und das, und sie fragte, ob ich noch irgendwelche Träume hätte, kleinere, realisierbare. Ich dachte nach und sagte ja, ich hätte einen kleinen, aber dafür sei es jetzt zu spät. Was war es denn?, fragte sie. Ich erklärte ihr, dass ich als Kind den Traum gehabt hätte, die gesamte Everyman's Library zu besitzen. Eintausend durchnummerierte, glänzende Bücher mit gleichem Einband, und als ich etwa 12 war, begann ich, sie zu sammeln. Als ich in meinen Zwanzigern war, hatte ich ungefähr 300 oder so. Und dann änderte Dent-Dutton zu meinem Entsetzen das Format - und sie waren nicht mehr alle gleich. Manche waren hoch, andere mittelhoch, und andere gab es weiterhin in der alten Größe. Ohne ein Wort zu mir zu sagen, schrieb E. an Dent-Dutton und fragte, ob sie wohl alle Bücher in der ersten Taschenbuchgröße auftreiben könnten. Es dauerte sehr lange, aber sie haben sie alle gefunden. Dann ließ E. sie in verschiedenen Farben in Kalbsleder binden - Rot für Romane, Gelb für Biografien, Grün für Lyrik etc. etc. Das Ganze kostete sie in etwa £ 2600.
NOVEMBER
Samstag, 1. 11. (Gstaad) Ich habe den Ring für Elizabeth gekauft. Der Erwerb war unglaublich spannend. Ich hatte einen "Deckel" von einer Million Dollar gesetzt, wenn es recht ist, und Cartier überbot mich um $ 50 000. Als Jim Benton anrief und mir davon berichtete, wurde ich zum tobsüchtigen Wahnsinnigen und bestand darauf, dass er Aaron so schnell wie möglich ans Telefon kriegen müsse. Elizabeth war so süß, wie nur sie es sein kann, und sagte, es sei nicht so wichtig und dass es ihr egal sei, wenn sie ihn nicht hätte, dass es im Leben mehr gebe als solche Spielereien, dass sie mit dem auskomme, was sie habe. Der allgemeine Tenor war, dass sie schon zurechtkomme. Aber ich nicht! Die Erleichterung in Jims Stimme war unüberhörbar, ebenso in Aarons, als ich ihn eine Stunde später ans Telefon bekam. Ich schrie Aaron an, dass ich auf Cartier scheißen und diesen Diamanten bekommen würde, ob es mich mein Leben oder 2 Millionen Dollar kosten sollte, was auch immer mehr wert ist. 24 Stunden dauerte die Höllenqual, aber am Ende gewann ich. Ich habe das verdammte Ding bekommen. Für $ 1 100 000. Es wird zwei Wochen oder länger dauern, bis er hier ist. In der Zwischenzeit ist er in Chicago ausgestellt und war es in New York, und 10 000 Leute sehen ihn sich jeden Tag an. Es stellte sich heraus, dass einer meiner Konkurrenten Ari Onassis gewesen war, aber der zog bei $ 700 000 den Schwanz ein. Abgesehen davon, dass ich ein geborener Gewinner bin, wollte ich diesen Diamanten besitzen, weil er unvergleichbar schön ist. Und er sollte die schönste Frau der Welt schmücken. Ich hätte Anfälle bekommen, wenn er an Jackie Kennedy oder Sophia Loren oder Mrs. Etepetete-Hauptsache-Knete aus Dallas, Texas, gegangen wäre.
DEZEMBER
Mittwoch, 10. 12. Eine Auswahl neuer Möbel für die Bibliothek ist eingetroffen. E. und ich sind immer noch unter den zehn finanziell erfolgreichsten Schauspielern, was mich überrascht, da wir außer "Die Frau aus dem Nichts" für E. und "Agenten" für mich gar nichts herausgebracht haben. "Unter der Treppe" läuft noch nicht überall, daher zählt er nicht.
Ich wiege ungefähr 80 Kilo, und es fühlt sich hervorragend an, aber ich werde versuchen, auf 78 zu kommen, bevor ich nächste Woche nach New York fliege. E. wiegt 58 Kilo. Geschmeidig und gelenkig sind wir beide und spielen mörderische Pingpongpartien, damit es auch so bleibt. Die Cocktailstunde rückt näher, das Feuer brennt lichterloh, draußen könnte es nicht kälter sein. ◆
Von Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll

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