28.10.2013

KATHOLIKENResidenz mit Suppenküche

Kaum ist der Bischof im Zwangsurlaub, beginnt in Limburg eine Debatte über die Zukunft seines Luxusbaus - als Flüchtlingsheim, Touristenattraktion oder Seniorentreff.
Der Bischof ist weg, sein Haus verwaist, nur die indischen Nonnen sind noch da. Per Ersten-Klasse-Flug hatte Franz-Peter Tebartz-van Elst ihren Orden besucht und sie nach Deutschland gelockt, damit sie ihn bekochen, die Gewänder bügeln, die Wohnung staubfrei halten.
Nun könnten Theresa Marie und Sophia wieder das machen, was ihrer Bestimmung vielleicht eher entspricht: den Armen helfen, mit einer Suppenküche, nicht in Indien, sondern droben, in der Limburger Bischofsresidenz. Ganz im Sinne von Papst Franziskus.
Dieser Vorschlag kursiert seit neuestem in Priesterkreisen und im Ordinariat, denn Bedarf für Armenspeisung gibt es durchaus an der Lahn. Es trifft sich, dass die Inderinnen in deutscher Kost bereits versiert sind. Sie haben einen Crashkurs in niederrheinischer Küche absolviert, weil ihrem bisherigen Arbeitgeber das indische Essen nicht so recht schmeckte. In seiner Heimat am Niederrhein bevorzugt man Grünkohl mit Mettenden oder Reibekuchen mit Rübensirup.
Kaum ist Tebartz-van Elst im unbefristeten Zwangsurlaub, startet in seinem Bistum schon die Debatte über die Zukunft seiner Residenz. Ein Ideenwettbewerb hat begonnen über alternative Verwendungsmöglichkeiten. Vieles ist denkbar - nur nicht, dass ein Bischof den Luxusbau bezieht, als wäre nichts gewesen. "Der Geldgestank muss weg", sagt ein Mitglied des einflussreichen Domkapitels.
Gleichzeitig hat eine schmerzliche Vergangenheitsbewältigung eingesetzt. Unterstützer des Bischofs, die lange Zeit die Oberhand hatten, sehen sich plötzlich in der Defensive. Am Limburger Hof sortieren sich die Lager neu: Einst stolze, konservative Würdenträger müssen sich beschimpfen und fragen lassen, warum sie ihrem Chef so lange kritiklos folgten. Jahrelang ausrangierte Reformer wittern die Chance auf ein Comeback.
"Der Bau ist jetzt so etwas wie unsere Erbsünde geworden, die uns der Bischof hinterlassen hat", sagt ein Caritas-Mann im Ordinariat, "ganz Deutschland wird verfolgen, was nun damit geschieht."
Etliche Ideen werden bereits geprüft. Neben einer Suppenküche könnte es in dem 31-Millionen-Euro-Komplex eine Pfarrbücherei, ein kirchliches Hospiz, einen Jugendtreff, eine Begegnungsstätte für Senioren oder einen Kindergarten geben.
Im Gespräch ist sogar die Unterbringung von Flüchtlingen - nach dem Vorbild von Altbischof Franz Kamphaus, der in den achtziger und neunziger Jahren sein damaliges Bischofshaus einer fünfköpfigen Familie aus Eritrea überließ und selbst ins Priesterseminar zog.
Nicht alles wäre leicht umzusetzen, denn die Residenz - offiziell "Diözesanes Zentrum St. Nikolaus" genannt - wurde auf andere Bedürfnisse zugeschnitten. So fehlt ein Fahrstuhl, weshalb Vorschläge für ein Hospiz oder ein Altersheim schnell wieder verworfen wurden.
Werner Otto ist Mitglied des Limburger Priesterrats und Stadtjugendpfarrer in Frankfurt am Main, das zum Bistum gehört. "Der Begriff 'Diözesanes Zentrum' war eine Täuschung der Öffentlichkeit", sagt er, "dieses Haus war nie für das Bistum gedacht, sondern allein für den Bischof und seine Mitarbeiter."
Er schlägt vor, "das Haus, das als Symbol für Verschwendung gilt, für die Obdachlosen und Bedürftigen der Stadt Limburg zu öffnen".
Platz ist genügend vorhanden, es gibt sogar einen großen Versammlungssaal im Untergeschoss, der um die Reste eines historischen Wehrturms in den Fels gefräst wurde. "Es wäre nicht in Ordnung, das alles lange leerstehen zu lassen", sagt ein Caritas-Mitarbeiter. Die Obdachlosenunterkünfte seiner Organisation könnten Entlastung vertragen. "Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, könnten doch in der Residenz bewirtet werden", sagt er, "dann bliebe wenigstens der 25 000-Euro-Tisch des Bischofs nicht ungenutzt."
Andere Bistumsvertreter können sich für die Zukunft ein duales System am Domberg gut vorstellen. Eine Residenz, in deren Räumen auf der einen Seite durchaus ein neuer Bischof leben und arbeiten könnte - wenn auf der anderen Seite Bedürftige bedient, bewirtet und beherbergt werden.
Ein weiteres Szenario sieht vor, den kühlen Bau als Touristenattraktion zu nutzen und dort Kommunikation und Seelsorge für die rund eine Million Besucher anzubieten, die Jahr für Jahr den Dom besichtigen.
Große Sympathien gibt es außerdem für den Vorschlag, den rund 800 000 Euro teuren bischöflichen Mariengarten für die Allgemeinheit zu öffnen. In der warmen Jahreszeit könnte es dort ein kirchliches Park-Café geben. Auch die schwarze Privatkapelle mit der 100 000 Euro teuren Adventskranzhängevorrichtung soll für jedermann zugänglich werden. Ein neuer Bischof könne dorthin jeden Morgen die Armen der Stadt zum Gottesdienst und anschließenden Frühstück einladen, heißt es. "Das ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, uns als eine dialogbereite, den Menschen zugewandte Kirche zu präsentieren", sagt Pfarrer Albert Dexelmann aus dem nahen Runkel.
Jahrhundertelang war ein Bischofshaus ein zentraler Ort der Armenfürsorge. "Pater pauperum", Vater der Armen, lautet ein Ehrentitel, den jeder Bischof bis heute bei seiner Weihe bekommt. "Wenn wir diese Funktion in Limburg wiederbeleben, sind wir endlich auch auf der Linie von Papst Franziskus", hofft Dexelmann.
Die nun in Limburg geführte Debatte geht freilich weit über die Zukunft der Residenz hinaus. Für die Amtskirche am Domberg geht es auch grundsätzlich darum, das Vertrauen der Gläubigen zurückzugewinnen. Geistliche, die als Günstlinge des gestrauchelten Bischofs gelten, müssen daher um ihr Ansehen kämpfen.
Vor allem das Domkapitel steht in der Kritik. Dessen sechs Mitglieder haben den Kurs des Bischofs stets mitgetragen und sind nie offen gegen dessen extravagantes Bauprojekt vorgegangen. "Dafür hat sich bis heute keiner der Herren entschuldigt", sagt Pfarrer Dexelmann empört. Ihn und viele andere, Seelsorger wie Gläubige, beunruhigt, dass dieses Gremium auch den nächsten Bischof aus einem vom Papst vorgelegten Dreier-Vorschlag wählen wird, falls Tebartz nicht mehr aus seinem Zwangsurlaub zurückkehrt.
Die Unruhe im Klerus ist groß, auch was die - von Tebartz-van Elst nach Jahrzehnten wieder eingeführten - altmodischen Ehrentitel der Kirche betrifft. Plötzlich gab es wieder Prälaten, Monsignori und Protonotare. Selbst nachdem Papst Franziskus in Rom den überkommenen Titelzauber gestoppt hatte, erhob das Domkapitel an der Lahn einen verdienten Katholiken noch zum "Ehrendomherrn an der Hohen Domkirche zu Limburg". Wer diese Auszeichnungen angenommen hat, ist nun verdächtig. "Wie glaubwürdig sind solche Würdenträger, wenn sie jetzt nach Reformen rufen?", fragt ein Ordinariatsmitarbeiter, der den Wendehälsen im eigenen Haus noch nicht so recht traut.
Die Prüfungskommission unter Leitung des Paderborner Weihbischofs Manfred Grothe ist nur bedingt hilfreich bei der Vergangenheitsbewältigung. Denn ihre Arbeit dreht sich nur um einen, wenn auch zentralen Punkt der Affäre. Sie soll "die Kosten, die Finanzierung und die Entscheidungswege rund um die Bauprojekte klären" - mehr nicht. Aber den Vorwurf gegen Tebartz-van Elst auf Geldverschwendung zu reduzieren sehen viele Katholiken in Limburg skeptisch. Sie klagen, er habe als Führungskraft der Kirche auch viel Vertrauen zerstört und Gläubige und Priester eingeschüchtert.
"Diskretion steht uns gut an und hilft uns auch: als Verschwiegenheit untereinander und, mehr noch, gegenüber dritten Personen" - so hatte es der bisherige Generalvikar Franz Kaspar, der engste Vertraute und Reisebegleiter des Bischofs beim First-Class-Flug in die Slums, einst in seiner Antrittsrede formuliert. Vorige Woche wurde Kaspar vom Papst abgesetzt.
Im Bistum herrscht inzwischen eine ungekannte Rede- und Gedankenfreiheit. Themen, über die bislang eher geflüstert wurde, werden nun offen angesprochen. Zum Beispiel der Fall von Pater Wolfgang Jungheim aus Lahnstein. 2011 kam für ihn das Aus, weil er bei einer Firmungsfeier das Brot mit Laien brach und beim Hochgebet den Bischof nicht erwähnte. Der beliebte Pater wurde trotz Widerstands seiner Pfarrei durch den Bischof von seiner Gemeindearbeit entbunden. Gemaßregelte wie Jungheim können auf Rehabilitierung hoffen.
Schwierig könnte es dagegen für die jungen konservativen Priester im Bistum werden. Viele von ihnen haben bis zum Schluss in Treue fest zu Tebartz gehalten.
Ältere Seelsorger, die noch vom Reformgeist des Zweiten Vatikanischen Konzils geprägt sind und mit dem vom Bischof protegierten Nachwuchs wenig anzufangen wissen, können sich gut an die letzte Priesterweihe zu Pfingsten im Limburger Dom erinnern.
Ein Vertreter der jungen Geistlichkeit sprach Tebartz-van Elst mit den Worten "Hochwürdigster Vater" an - eine Anrede, die seit Jahrzehnten in Limburg verpönt ist. Die Lobrede schloss mit dem Satz: "Sie sind für uns das große Vorbild."
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 44/2013
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