28.10.2013

SÜDASIENFestung im Himalaja

Im geteilten Kaschmir nimmt die Gewalt zu: Indische und pakistanische Einheiten liefern sich Scharmützel an der Grenze, Leidtragende im Dauerkonflikt sind vor allem Zivilisten.
Der trauernde Vater deutet auf das Handy, über dessen Bildschirm ein kurzes Video flimmert. Es zeigt seinen Sohn Irfan vor einem Computer, der Junge wiegt begeistert den Körper im Takt der Musik, die er für ein Schulfest gemixt hat. Einen Tag später wurde der 17-Jährige erschossen, bei einem Einsatz indischer Soldaten, hier, vor seinem Elternhaus.
Irfans Vater ist zu verzweifelt, um selbst zu berichten, was sich ereignete in jener Nacht Ende Juni in Sumbal. Der Bezirk liegt nordwestlich von Srinagar, der Hauptstadt von Jammu und Kaschmir - Indiens einzigem Bundesstaat, in dem mehrheitlich Muslime leben.
Gegen drei Uhr morgens sei Irfan aus dem Haus gerannt, erzählt ein Cousin, er habe draußen Viehdiebe vermutet. Dort sei er dann erschossen worden.
"Die Soldaten wollten seine Leiche mitnehmen", sagt der Cousin. Er vermutet, dass die Militärpatrouille dem Toten später ein Gewehr in die Hand drücken und ihn so fotografieren wollte. Als Beweis, dass Irfan ein militanter Separatist im Dienste des feindlichen Pakistan war - oder ein Rebell einer der islamistischen Gruppen, die gegen die indische Herrschaft über Kaschmir kämpfen.
Seit dem Sommer nimmt die Gewalt in der Unruheprovinz wieder zu: Am 6. August erschossen muslimische Extremisten fünf indische Soldaten - und nach indischen Angaben sollen pakistanische Militärs den Angreifern geholfen haben. Seither liefern sich Pakistaner und Inder fast täglich Scharmützel an der Grenze.
Im Landesinneren geht die indische Armee rabiat gegen all jene vor, die sie für Separatisten hält. Ein Sondergesetz garantiert indischen Soldaten Immunität, wenn sie dabei Unschuldige töten.
Bis zum Ende der britischen Kolonialherrschaft im Sommer 1947 herrschte in Kaschmir der Maharadscha Hari Singh, ein Hindu, über eine Mehrheit von Muslimen. Als der Subkontinent geteilt wurde, zögerte Singh, ob er sich Indien oder Pakistan anschließen soll. Am liebsten hätte er wohl die Unabhängigkeit gewählt - die auch viele Kaschmirer heute ersehnen. Doch ein Angriff aus Pakistan, angezettelt von paschtunischen Stammeskriegern, erzwang eine andere Entscheidung: Der Maharadscha bat um militärischen Beistand aus Neu-Delhi und trat im Oktober 1947 der Indischen Union bei.
Seither haben Indien und Pakistan insgesamt drei Kriege um Kaschmir geführt. Indien kontrolliert mit seinem Bundesstaat Jammu und Kaschmir den größten Teil der umstrittenen Region, Pakistan den kleineren Norden - beide beanspruchen die gesamte Region für sich. Geteilt wird sie über Gipfel und Gletscher hinweg, durch die "Line of Control", eine 740 Kilometer lange ehemalige Waffenstillstandslinie.
Kaschmir gleicht einer Festung, nicht nur an den Grenzen: Allein die Inder haben in ihrem Teil nach inoffiziellen Angaben eine halbe Million Soldaten stationiert. Die Militärs postieren sich hinter Sandsäcken, patrouillieren auf Straßen - stets auf der Hut vor Anschlägen von Separatisten, von denen viele in pakistanischen Terrorcamps trainiert werden.
Um Proteste zu unterdrücken, verhängt die Regierung häufig Ausgangssperren, schaltet das Internet ab. Mitte Juli wurden bei Unruhen vier Einheimische erschossen und zehnmal so viele Menschen verletzt. Zuvor hatten indische Soldaten in einem religiösen Seminar angeblich Seiten aus einem Koran gerissen.
Mohammed Umar Farooq lebt und arbeitet in einem ummauerten Komplex in Srinagar, die Stadt ist einer der beiden Verwaltungssitze des Bundesstaates. Wer den geistlichen Führer der Muslime in Kaschmir besuchen will, wird von Leibwächtern gefilzt, auch Farooq fürchtet Anschläge - von Seiten nationalistischer Hindus. Denn Hurriyat, seine Muslim-Organisation, strebt nach der Unabhängigkeit Kaschmirs.
Farooq sitzt in seinem orangefarbenen Kaftan hinter einem Apple-Computer, daneben steht eine hölzerne Miniatur der größten Moschee in Srinagar. Dorthin wollte er kürzlich zum Freitagsgebet, doch es kam wie so oft: Ein Militär-Lkw habe sein Tor versperrt, Offiziere hätten ihm verboten, das Haus zu verlassen, ohne Begründung. "Ich stehe praktisch unter Hausarrest", sagt der Geistliche.
Die Regierung im fernen Neu-Delhi betrachte Kaschmir ausschließlich unter Sicherheitsaspekten, klagt Farooq. Selbst friedliche Proteste würden unterdrückt, vor allem bei gebildeten jungen Kaschmirern wachse der Hass auf die Inder. Farooq: "Kulturell gehören wir nicht zu Südasien, auf Dauer lässt sich Kaschmir nicht vom muslimisch geprägten Zentralasien abtrennen."
Tatsächlich gleicht Kaschmir in Indien einem Fremdkörper. Muezzine rufen von Moscheen, viele Frauen tragen Burka. Für die Bändigung des widerspenstigen Bundesstaats zahlt Indien einen hohen Preis. Ungefähr 70 000 Menschen sind in dem Konflikt bereits umgekommen, Tausende gelten als vermisst - Widerstandskämpfer wurden verschleppt und in Massengräbern verscharrt.
Was sich in Zahlen nicht messen lässt, sind die tiefen Wunden, die Jahrzehnte der Gewalt verursacht haben. Arshad Hussain arbeitet in der Psychiatrie in Srinagar. An diesem Morgen lässt er sich von einem Krankenwagen abholen. Weil steinewerfende Jugendliche sich mit der Polizei Gefechte liefern, sind die meisten Straßen nahe der Klinik abgeriegelt. Im Hof der Psychiatrie warten zahlreiche Patienten auf Arshad. Viele leiden unter Depressionen. Einige sind akut selbstmordgefährdet, darunter ein Beamter mit einem langen grauen Bart und tief eingefallenen Augen.
Suizid - für diese Todesart kennt die Sprache der Kaschmirer kein Wort. Lange wies die tiefreligiöse Bevölkerung hier die niedrigste Freitodrate in ganz Indien auf. Doch nach zwei Jahrzehnten der Gewalt steige nun die Zahl der Selbstmorde, sagt Arshad. Viele Menschen würden Gift schlucken, manisch Depressive sich die Kehle durchschneiden.
Er ruft eine Frau Ende vierzig herein: Seit Jahren leidet sie unter Herzklopfen und Bauchschmerzen. Von Arzt zu Arzt lief sie, keiner fand eine medizinische Ursache. Man habe es mit einem klassischen Krankheitsbild für Kaschmir zu tun, sagt der Psychiater: Vor 15 Jahren starb der 13-jährige Sohn der Frau im Kreuzfeuer. Das hat sie nie verwunden, sie bereitete weiter Essen für ihn, das sie an Vögel verfütterte.
Das Land, so der Arzt, brauche dringend eine politische Lösung, Gespräche zwischen Indien und Pakistan, der Regierung in Neu-Delhi und den Separatisten.
Der Hindu-Politiker Omar Abdullah, Regierungschef in Jammu und Kaschmir, empfängt im Gästehaus der Provinz in Neu-Delhi. Hier steigen die Politiker des Bundesstaates ab, wenn sie Gespräche mit der Zentralregierung führen.
Im Eingang hängt ein Foto von seinem Großvater, der den Himalaja-Staat bereits als Premier führte. Später folgte ihm Abdullahs Vater im Amt. Sie alle kamen durch Wahlen in ihre Ämter, doch tatsächliche Macht übte letztlich keiner von ihnen aus - alle wichtigen Entscheidungen fallen bis heute in Neu-Delhi.
"Ich fürchte, das historische Fenster für Gespräche zwischen der Zentralregierung und den Separatisten in Kaschmir hat sich gerade dramatisch verengt", sagt der 43-Jährige, er klingt müde und enttäuscht. Im kommenden Jahr wählt Indien ein neues Parlament, daher kann es sich selbst die Abdullah nahestehende Koalition in Delhi derzeit nicht leisten, versöhnliche Signale an kaschmirische Separatisten zu senden.
Omar Abdullah würde gern zwischen den Konfliktparteien in der Kaschmir-Frage vermitteln, doch keine Seite nimmt ihn richtig ernst. Und so kann er nur Hoffnungen formulieren wie die, dass Neu-Delhi die Immunität der Armee in Kaschmir endlich einschränkt.
Möglicherweise ebnet auch der jüngste Regierungswechsel in Pakistan Wege zur Entspannung. Der neue Premier Nawaz Sharif stieß 1999 den sogenannten Friedensprozess von Lahore an. Nach 14 Jahren voller Rückschläge vereinbarte Sharif nun in New York mit seinem indischen Kollegen Manmohan Singh, einen Plan auszuarbeiten, mit dem weitere Verstöße gegen ein Waffenstillstandsabkommen von 2003 verhindert werden.
Abdullah hofft, dass Indien und Pakistan die "Line of Control" langfristig in eine Staatsgrenze verwandeln, eine friedliche Grenze, durchlässig für die Menschen in beiden Teilen Kaschmirs. Er sagt: Der ganze Subkontinent müsse endlich das Erbe der Teilung überwinden. Inder und Pakistaner sollten sich ein Beispiel nehmen an den Europäern, die von einem Land ins andere reisen könnten.
Über Twitter hatte der Inder Abdullah im Mai dem Pakistaner Sharif zum Wahlsieg gratuliert. Er möge doch bitte den Friedensprozess neu beginnen.
* Der lila Farbstoff dient zur späteren Identifizierung der Demonstranten.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 44/2013
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