28.10.2013

CHINAAi Weiwei im Nachtclub

Auf seinem boomenden Kunstmarkt zeigt sich China als eine Nation glühender Patrioten, eigensinniger Sammler und zunehmend respektloser Künstler. Noch duldet und fördert die Regierung das alles: Sie verdient selbst an dem Geschäft.
Das erste Bild, bei dem die Besucher stutzen, ist ein Doppelporträt mit Gasmasken. Ein nacktes Paar - die Körper sind in kaltes grünblaues Licht getaucht, die Gesichter hinter den Masken verborgen. "Die Welt für zwei Menschen Nr. 4", so heißt das Gemälde von Wang Xiaobo, der Preis: 1,5 Millionen Yuan, etwa 180 000 Euro.
Die nächste Menschentraube steht vor einem Werk mit dem Titel "Wildnis": Ein Bauernmädchen in einer grauen Winterlandschaft schaut den Betrachter mit riesigen Kulleraugen an. Das Bild stammt von Ai Xuan, dem in China verehrten Halbbruder des im Westen weitaus bekannteren Künstlers Ai Weiwei, und steht mit 5,2 Millionen Yuan im Katalog, 620 000 Euro.
Gegenüber hängt ein Gemälde von Liu Ye: Ein kleiner Matrose öffnet einen Theatervorhang, nur einen Spaltbreit, dahinter drängt ein riesiges Kriegsschiff auf die Bühne. Das Werk aus dem Jahr 1997 wird dem "Zynischen Realismus" zugeordnet. Der Ausgangspreis für "Großes Flagg-schiff" liegt bei knapp 1,8 Millionen Euro, er wird am Ende der Auktion deutlich überboten.
Zweimal im Jahr kommen in Peking Kunst und Geld zusammen. Wer das moderne China in seinen Widersprüchen, in seiner ganzen Schönheit und Abscheulichkeit, in seiner Kreativität und Kraftmeierei erleben will - an kaum einem Ort wird er es so verdichtet finden wie auf den Frühjahrs- und Herbstausstellungen des Pekinger Auktionshauses Poly International.
Schon diese Firma ist ein Mischwesen aus zwei Welten, die in anderen Ländern nicht zusammenpassen würden: Poly, vor acht Jahren erst gegründet und heute bereits das drittgrößte Auktionshaus der Welt nach Christie's und Sotheby's, ist die Tochterfirma eines chinesischen Rüstungs- und Immobilienkonzerns, der von der Volksbefreiungsarmee kontrolliert wird.
Auktionschef Zhao Xu betreut seine Messen bis ins Detail: Er präsentiert die ausstellenden Künstler auf dem Podium, er weist die Putzfrauen an und kümmert sich um die perfekte Ausleuchtung der Exponate. Der Snobismus westlicher Galeristen ist ihm fremd. Eigenhändig verteilt er Broschüren, die sehr schlichte Fragen beantworten: Woran erkenne ich den Wert eines Gemäldes?, Was soll ich sammeln - alte oder moderne Kunst?, Wie lange soll ich mitsteigern, wann steige ich aus?
Mehr als 10 000 Besucher kommen jeden Tag - Frauen in Abendrobe oder in Trainingshose, Männer in Smoking oder Badeschlappen, Kinder, die mit Fahrrädern durch die Hallen brausen. Die Poly-Schau ist ein Volksfest, und für viele Chinesen immer noch etwas völlig Neues. Fast die Hälfte der Besucher ist zum allerersten Mal auf einer Kunstausstellung.
Chinas Kunstmarkt wächst noch schneller und sprunghafter als Chinas Wirtschaft, er ist zu einem Milliardengeschäft geworden. Anders als das Verlagswesen oder die Filmindustrie kontrolliert der Staat diesen Markt nur lax, er möchte selbst mitverdienen. Künstlern und Sammlern bleiben gewisse Freiheiten, und so erlaubt der Kunstmarkt erstaunliche Einblicke in Chinas sich verändernde Gesellschaft.
Vor 20 Jahren betrug sein Anteil am Weltmarkt kaum ein halbes Prozent. Inzwischen ist er nach den USA der zweitgrößte Kunstmarkt der Welt, 2011 überholte er den US-Markt sogar kurzfristig, eine Folge der rasanten Umverteilung des Wohlstands im Land: In China leben heute schätzungsweise mehr als 300 Dollar-Milliardäre und bald drei Millionen Millionäre. Vor allem sie kaufen Kunst, manchmal aus Leidenschaft, oft als Statussymbol. Kunst soll den neuen Reichtum veredeln - und sie ist Spekulationsobjekt.
Denn Chinesen dürfen eigentlich pro Jahr nur etwa 50 000 Dollar im Ausland anlegen, die Zinsen im Inland sind niedrig, umso mehr investieren deshalb in Kunst. Dort locken Renditen, die keine Bank bieten kann.
Drei Tage lang zeigen die Auktionshäuser in Peking und Shanghai ihre Exponate - am Wochenende folgt dann die Versteigerung, meist in mehreren Ballsälen gleichzeitig in einem der großen staatlichen Hotels. Um die Werke im Original zu zeigen, bleibt keine Zeit. Die Bilder erscheinen kurz auf einem Bildschirm, die Preise steigen binnen Sekunden, dann fällt der Hammer.
"Die Chinesen sind unkomplizierte und großzügige Käufer", sagt die Amerikanerin Meg Maggio, Nachbarin von Ai Weiwei im Künstlerviertel Caochangdi und Chefin der Galerie Pékin Fine Arts. Die Stimmung in China erinnere sie an die siebziger Jahre in den USA - "nicht, was unsere Dekadenz damals betrifft, sondern unsere Unvoreingenommenheit im Umgang mit Kunst".
Maggio, die seit fast 30 Jahren in Peking lebt, sieht den boomenden Kunstmarkt als Ausdruck einer sich immer stärker individualisierenden Gesellschaft. Diese Entwicklung stehe erst an ihrem Anfang, nicht am Ende. Noch in den späten achtziger Jahren war China ein Land der Uniformität, der gleichen Kleider, Mützen, Fahrräder. Inzwischen aber hat sich in der wachsenden Mittelschicht eine Vielfalt der Stile und Lebensentwürfe herausgebildet. Das, sagt Maggio, gelte erst recht in der Kunst: "Chinas Kunst ist Tausende Jahre alt, doch seine Künstler haben noch viel zu erzählen. Wir sollten uns auf eine Explosion von Individualität einstellen."
Im Büro der Galeristin hängt ein Monumentalgemälde des Künstlers Wu Shanzhuan aus der Serie "Heute kein Wasser". Es ist eine lose Sammlung von Ideen und Bildern, die einem so in den Sinn kommen, wenn ein Tag lang das Wasser ausfällt, sehr persönlich. "Ich würde es ein visuelles Tagebuch nennen", sagt Maggio. "Es ist eine Geschichte. So etwas interessiert die Menschen, damit identifizieren sie sich, so etwas kaufen sie."
Zugleich geht es vielen Chinesen auch um ihre Freude am Wetten und Bieten. Viele der Kunstwerke tauchen auf einer Versteigerung nach der anderen auf und wechseln unter ständigem Wertzuwachs ihre Besitzer. Der Maler Li Guijun, einer der Gäste der Poly-Ausstellung, berichtet, er habe sein Drei-Frauen-Porträt "Still" vor fünf Jahren für 60 000 Euro verkauft; nun ist es mit 500 000 Euro ausgeschrieben. Stört es ihn nicht, dass andere viel mehr mit seinem Werk verdienen als er selbst? "Nein", lächelt Li, "es freut mich für die Sammler."
Den wohl spektakulärsten Deal der vergangenen Jahre machte der als Handtaschenhändler reich gewordene Unternehmer und Sammler Liu Yiqian aus Shanghai. 2005 erwarb er das Tuschebild "Adler auf einer Kiefer" des verstorbenen Malers Qi Baishi für umgerechnet 2,5 Millionen Dollar - sechs Jahre später ließ er das Kunstwerk, zu dem auch zwei Kalligrafien gehören, für 65 Millionen versteigern. Selbst Arbeiten Picassos und des in China populären Andy Warhol erzielten auf derselben Auktion deutlich niedrigere Preise.
Die Chinesen, früher dazu verdammt, Massenkampagnen zu erdulden, suchen sich heute gern ihr eigenes Vorbild - Geschäftsleute orientieren sich am Aufstieg von Steve Jobs, Sportler am Erfolg des Basketballers Yao Ming. Und auch Kunstkäufer, so scheint es, folgen gern prominenten Sammlern wie dem Ehepaar Liu Yiqian und seiner Frau Wang Wei und nicht ihrem eigenen Geschmack. Die beiden haben Ende Dezember in Shanghai das größte private Kunsthaus Chinas eröffnet. Auf 10 000 Quadratmetern zeigt ihr Long Museum traditionelle zeitgenössische Kunst und "Rote Klassiker" - Hymnen auf Mao Zedong und seine Zeit.
Seit sie vor ein paar Jahren auf eine solche Bilderserie gestoßen sei, berichtet Wang Wei, habe sie das gefesselt: "Ich hatte plötzlich die Originale der Bilder in der Hand, mit denen eines der Schulbücher meiner Kindheit illustriert war." Wang begann, die Miniaturen zu sammeln, die Maos Langen Marsch feierten, den "Großen Sprung nach vorn", die Kulturrevolution. Sie weiß um den kontroversen Inhalt dieser Bilder, doch weder konnte noch wollte sie aufhören zu sammeln. Und schon gar nicht wollte sie zulassen, dass Teile dieses historischen Erbes ins Ausland verkauft werden.
Inzwischen füllen die Werke eine ganze Etage, es ist eine der größten Sammlungen revolutionärer Kunst. "Diese Gemälde dokumentieren eine dunkle Periode unserer Geschichte", sagt Wang, "doch sie sind Teil unseres gemeinsamen Gedächtnisses. Wer, wenn nicht wir, sollte diese Arbeiten sammeln?"
Ende des Jahres wird das Ehepaar ein zweites Museum eröffnen, fast doppelt so groß wie das erste. Beide Kunsthäuser sind - nach dem Vorbild der großen Stifter im Amerika des 20. Jahrhunderts - ohne staatliche Hilfe entstanden. Wang Wei und ihr Mann erwarten wenig vom Staat; das Ehepaar steht zur Regierung. Die in ihrem Museum ausgestellte Kunst mag mehrere Millionen wert sein - politisch anstößig ist sie nicht.
"Ich bin gegen aggressive, negative Kunst. Ich werde solche Kunst nicht sammeln und nicht erlauben, sie hier auszustellen", sagt Wang Wei. Den Provokateur Ai Weiwei, den die Regierung erst wegsperren ließ und bis heute überwacht, hält sie trotzdem für einen guten Künstler, das sehe man an den Möbeln, die er entworfen habe.
Eines davon steht am anderen Ende der Stadt, in einer Karaoke-Bar mit dem Namen Shanghai Night. Es ist ein dreibeiniger antiker Ecktisch aus der Qing-Dynastie, auseinandergeschnitten und dann wieder zusammengesetzt, so dass eines der Tischbeine nun zur Wand weist statt zum Boden.
"Viele Künstler behaupten, ihre Arbeiten überschritten die Grenzen von Raum und Zeit. In Wahrheit gelingt das nur sehr wenigen", sagt sein Besitzer Qiao Zhibing. "Ai Weiwei gelingt es. Dieser Tisch ist mehr als hundert Jahre alt. Aber so, wie ihn Ai zusammengesetzt hat, baut er eine Brücke in die Gegenwart."
Qiao, 46, ist einer der bekanntesten Kunstsammler des Landes. Zu Vermögen kam er als Besitzer von drei Nachtclubs auf der Ferieninsel Hainan, in Shanghai und seiner Heimatstadt Peking. "Aber nachts Geld zu verdienen und es tagsüber zu verzocken" habe ihn nicht glücklich gemacht, sagt er. "Mir fehlte etwas, das vielen vermögenden Chinesen fehlt: die Erfahrung der Welt, Spiritualität, etwas, das über die Tageseinnahme hinausgeht."
Vor sieben Jahren begann er, chinesische Kunst zu kaufen, dann schrieb er sich für zwei Jahre an der Kunsthochschule in Peking ein. Inzwischen sammelt er auch Arbeiten westlicher Künstler wie die des britischen Bildhauers Antony Gormley und der Amerikaner Bill Viola und Matthew Day Jackson. Er hat so viel davon gekauft, dass zwischen den Eingängen der etwa hundert Séparées in seinem Nachtclub kein Platz mehr ist für weitere Panzerglasvitrinen.
"Keine Ahnung, wie viele Objekte ich gekauft habe", sagt Qiao, "ein paar hundert vielleicht, die meisten aktuellen Arbeiten liegen noch in einem Warenhaus in Hongkong." Ein eigenes Museum plane er nicht, wohl aber eine Ausstellung in Peking. Auch wenn es dem Klischee widerspreche: "Wer in Chinas Entertainment-Geschäft arbeitet, sucht keine breite Öffentlichkeit."
Als Qiao, ein Asket in Jeans und weißem Hemd, mit einer Einkaufstüte in der Hand am Nachmittag durch seine Sammlung führt, dröhnen die Staubsauger, und der Geruch eines Desinfektionsmittels liegt in der Luft.
Stunden später füllt sich der Nachtclub mit Kundschaft - und mit Hunderten stark geschminkten jungen Frauen in kurz- geschnittenen Schulmädchen-Uniformen. An den meisten Vitrinen gehen sie achtlos vorbei, an der gerade erst aufgestellten Plastik eines von Qiaos Lieblingskünstlern bleiben allerdings fast alle stehen: Es ist eine Kinderschaukel, deren Sitze aus Messing-Güssen weiblicher Beckenknochen bestehen.
Die Sorge westlicher Kritiker, unter dem Marktdruck der Chinesen könnten kritische Inhalte in der Kunstwelt vernachlässigt werden, teilen weder die Galeristin noch der Sammler. Wer glaube, dass China nur teure, aber marktkonforme Kunst kaufe und produziere, so Qiao, ignoriere die Veränderung der chinesischen Gesellschaft. "Unser Reichtum ist immer noch neu und verlockend. Aber gleichzeitig lösen sich die Stile voneinander, die der Sammler und die der Künstler. Manche Künstler sind mittlerweile solche Einzelgänger, dass sie nur mehr sich selbst repräsentieren."
Chinas Regierung fördert den Kunstmarkt auf dieselbe Weise, wie sie auch die Solar-, die Biotechnik- und die chemische Industrie fördert: indem sie Angebot und Nachfrage schafft. Der Staat betreibt nicht nur die beiden größten Auktionshäuser, er hat in Peking und Shanghai auch zwei boomende Kunstdistrikte errichtet und lässt in der Provinz zu Dutzenden Museen bauen. Auch die Banken, die Energie- und Versicherungskonzerne, zum großen Teil in Staatsbesitz, kaufen die Arbeiten chinesischer Künstler, auch wenn die nicht immer Kunst produzieren.
"Das ist ein weiches Mittel harter Politik", sagt die Galeristin Meg Maggio. Die Grundidee sei dieselbe, die Chinas Regierung derzeit auch auf anderen Feldern vorantreibe. "Es geht darum, den privaten Konsum zu fördern." Aus der Werkbank der Welt soll eine Dienstleistungsgesellschaft, aus Arbeitern und Bauern sollen fröhliche Verbraucher werden.
Lässt sich Chinas Kultur heute so kontrolliert entfesseln wie Chinas Unternehmergeist vor 30 Jahren? Kennt die Regierung die Kräfte, die sie da freisetzt?
Der Kunstmarkt mag ein Markt wie jeder andere sein. Doch Kunst ist mehr als eine Ware: Viele Besucher der Poly-Schauen können sich die dort ausgestellte Kunst nicht leisten, trotzdem drängen sie zu Tausenden hinein.
Und so viele von ihnen die elegischen Gemälde aus Chinas Geschichte bewundern, so viele stehen auch grübelnd vor verstörenden Porträts, verschandelten Landschaften und amputierten Körpern, gemalt von zeitgenössischen Künstlern.
Gleich neben Ai Xuans Bauernmädchen sind zwei irritierende Skulpturen ausgestellt. Die eine zeigt eine junge Frau, die nackt in einer leeren Badewanne liegt, die Beine leicht gespreizt, den Mund zu einem Schrei geöffnet; die andere eine zusammengekauerte Alte, auch sie ist nackt, ihr Unterleib verschwindet in einem weißen Baumwollkokon.
Noch hat der Zensor diese Kunstwerke nicht verboten. Vielleicht hat er sie einfach nicht verstanden.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 44/2013
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