04.11.2013

Müssen wir uns vor Trümmern aus dem All fürchten, Herr Klinkrad?

Heiner Klinkrad, 60, ist Leiter der Abteilung für Weltraummüll bei der Europäischen Weltraumbehörde.
SPIEGEL: Herr Klinkrad, haben Sie den Hollywood-Spielfilm "Gravity" im Kino gesehen, bei dem herumfliegende Satellitentrümmer der Spaceshuttle zerstören?
Klinkrad: Ja, mit meiner Frau.
SPIEGEL: Und?
Klinkrad: Ihr hat der Film gefallen.
SPIEGEL: Irgendwann diese Woche werden Trümmer des Forschungssatelliten "Goce" auf der Erde einschlagen. Lässt sich sagen, wo genau das sein wird?
Klinkrad: Das ist erst etwa einen Tag vor dem Aufschlag möglich. Wir gehen davon aus, dass einige Bruchstücke des Satelliten, bis zu 90 Kilo schwer, als Trümmer auf die Erde regnen werden.
SPIEGEL: Kann man die Bahn des Satelliten denn noch beeinflussen?
Klinkrad: Nein, das ist nicht mehr möglich. Der Treibstoff des Satelliten ist aufgebraucht.
SPIEGEL: Das klingt jetzt aber nach Glücksspiel.
Klinkrad: Glücksspiel ist ein zu hartes Wort, man muss das im Kontext sehen. Die Menschheit betreibt seit 56 Jahren Raumfahrt. In dieser Zeit sind mehr als 15 000 Tonnen Material zurück auf die Erde gestürzt, und nie wurde ein Mensch verletzt.
SPIEGEL: Im Dezember 2011 durchschlug ein Teil eines russischen Kommunikationssatelliten das Dach eines Hauses in Sibirien.
Klinkrad: Dass so etwas bei "Goce" passiert, ist extrem unwahrscheinlich. Er fliegt auf einer nahpolaren Umlaufbahn. Die Wahrscheinlichkeit, dass seine Trümmer im Meer landen, liegt bei etwa 68 Prozent. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ein einzelner Mensch getroffen wird, ist denkbar gering. Es ist 250 000-mal wahrscheinlicher, dass Sie oder ich den Lotto-Jackpot knacken, als dass wir von Satellitentrümmern getroffen werden.
SPIEGEL: Kann man Satelliten auch kontrolliert abstürzen lassen?
Klinkrad: Ja, das ist möglich. Es gibt eine "dump area" im Südpazifik, zwischen Chile und Neuseeland. Keine Inseln, kaum Schifffahrts- und Flugrouten. Man spart sich Treibstoff auf, bremst den Satelliten und zwingt ihn zum Absturz in dieser Region.
SPIEGEL: Warum wurde das bei "Goce" nicht gemacht?
Klinkrad: Mit seiner Technik war das Gebiet für ihn nicht erreichbar.

DER SPIEGEL 45/2013
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