04.11.2013

MEDIZINTherapie beim Praktikanten

In vielen psychiatrischen Kliniken werden Auszubildende als billige Arbeitskräfte eingesetzt - oft ohne das Wissen der Patienten.
Einfühlsam sein, verantwortungsvoll, den Patienten gerecht werden: Lisa Becker(*) will eine gute Psychotherapeutin sein. Doch wenn sie an die Zeit denkt, in der sie erstmals in einer psychiatrischen Klinik arbeitete, packt sie die Wut. Ein Tag blieb ihr besonders im Gedächtnis: "Hätte ich das damals nicht gemeldet", sagt sie, "wäre nichts passiert, es hing an mir."
An diesem Tag bekam Lisa Becker es während einer Therapiesitzung mit der Angst zu tun. "Plötzlich sagte mir der Patient, dass er am liebsten rausgehen und wild um sich ballern würde", erzählt sie. Der Mann litt unter einer Psychose und war depressiv. Sie war sich nicht sicher: Sind das nur wirre Phantasien, oder meint er das ernst? Psychotiker können Realität und Wahn nicht klar unterscheiden. Sie wollte kein Risiko eingehen und informierte den Oberarzt, der den Mann auf die geschlossene Station einwies.
Lisa Becker handelte intuitiv. Sie sagt, dass sie auf so eine Situation nicht vorbereitet gewesen sei. Sie fühlte sich überfordert. Denn sie war, damals in der
Psychiatrie der Universitätsklinik Köln, bloß Praktikantin.
Ereignet hat sich der Vorfall im vergangenen Jahr. Becker machte an der Klinik ein unbezahltes Pflichtpraktikum im Rahmen ihrer Ausbildung zur Psychotherapeutin. Sie stand noch ganz am Anfang und mochte kaum glauben, was man ihr als Praktikantin zutraute und zumutete.
Viele Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) machen solche Erfahrungen. "Viele Kliniken überfordern die PiA", sagt Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. Eigentlich sollten sie erfahrenen Kollegen "über die Schulter schauen" und nicht eigenverantwortlich schwerkranke Patienten behandeln.
Im Sinne der Ausbildung ist das nicht. Angehende Therapeuten müssen nach dem Psychologiestudium eine drei- bis fünfjährige Zusatzausbildung absolvieren, bis sie ihre Behandlungserlaubnis, die Approbation, erhalten. An der Universität haben die meisten zuvor nur Grundlagen erlernt - viel Theorie, kaum Praxis. Viele Kliniken hält das dennoch nicht davon ab, die angehenden Therapeuten als billige Arbeitskräfte zu missbrauchen.
Statt eines Gehalts, berichten PiA, gebe es, wenn überhaupt, oft nur Kantinengutscheine. Als Auszubildende würden sie von den Ärzten kaum betreut. Viele PiA wehren sich nicht, weil sie froh sind, überhaupt einen Praktikumsplatz gefunden zu haben. Tatsächlich gibt es besonders in Großstädten Wartelisten, bei renommierten Kliniken muss man sich mitunter Jahre gedulden.
In Köln sollen PiA zum Beispiel Schizophrene und Depressive behandelt haben. Praktikanten, so berichten Ehemalige, leiteten eigenständig Therapiegruppen, mit denen die Uni-Klinik sogar auf ihrer Website wirbt. Dass sie es mit Auszubildenden zu tun hatten, sei den Patienten meist verborgen geblieben. "Das ist in vielen Kliniken leider die Regel", sagt Robin Siegel vom Berufsverband Deutscher Psychologen.
Die Kölner Uni-Klinik bestreitet die Vorwürfe. PiA würden den Patienten als "Auszubildende" vorgestellt; sie böten zwar Gruppentherapie an, jedoch gemeinsam mit Ärzten oder Pflegekräften. Einzelgespräche zwischen Patienten und PiA fänden unter Überwachung von Fachärzten statt; den "konkreten Einzelfall" von Lisa Becker habe man indes "nicht klar vor Augen".
Sarah Büscher(*) hat ihr Praktikum in einer Psychiatrie am Niederrhein gemacht. Dort führte sie auch Krisengespräche mit Patienten, die sich das Leben nehmen wollten. Sie hatte große Angst, "etwas falsch zu machen" - und musste selbst entscheiden, wann es nötig war, den Oberarzt zu informieren. Doch kann eine Anfängerin beurteilen, ob die Schilderungen eines depressiven Patienten auf einen geplanten Selbstmord hindeuten?
Hartmut Gerlach, ehemaliger Geschäftsführer der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg, hält die Praxis vieler Psychiatrien "für einen Skandal". Die PiA seien doch gar nicht in der Lage, so etwas fachkundig zu beurteilen. Seit Jahren schon würden Kliniken eine juristische Grauzone ausnutzen.
Tatsächlich hat der Gesetzgeber nicht genau definiert, was PiA während ihrer Klinikpraktika dürfen und was nicht. Im Gesetz wird lediglich "fachkundige Anleitung und Aufsicht" gefordert. "Aber die findet oft nur begrenzt oder gar nicht statt", sagt Gerlach. Ein Gutachten für das Bundesgesundheitsministerium kam bereits 2009 zu dem Schluss, dass es während des Pflichtpraktikums "große Defizite" bei Einarbeitung und Anleitung gebe. In der zugrunde liegenden Umfrage gaben viele PiA an, selbständig therapeutisch tätig gewesen zu sein. Passiert ist seitdem nicht viel: Auf Anfrage teilt das Gesundheitsministerium mit, eine Reform der Ausbildung vorzubereiten.
Die ist überfällig, schließlich beschäftigt sich inzwischen auch die Justiz mit der Ausbeutung von PiA. Im November 2012 gab beispielsweise das Landesarbeitsgericht Hamm einer angehenden Psychotherapeutin recht, die für ihr Praktikum im Nachhinein ein Gehalt gefordert hatte. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass die Klägerin "in erheblichem Umfang eigenständige und für das beklagte Klinikum wirtschaftlich verwertbare Leistungen erbracht hat".
In Köln haben sich jüngst mehrere ehemalige PiA zu einer Interessenvereinigung zusammengeschlossen. Ihr Wunsch nach einem gerechten Lohn, befürchtet Hartmut Gerlach, könnte jedoch kontraproduktiv wirken: "Wenn es sich für die Kliniken nicht mehr lohnt, wird es auch keine Praktikumsplätze mehr geben."
* Name geändert.
Von Philipp Alvares de Souza Soares

DER SPIEGEL 45/2013
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