04.11.2013

TIERSCHUTZ„Großes Hündchen“

Der ehemalige Wal-Trainer John Jett über die Qual gefangener Orcas, die erstaunliche Intelligenz der Tiere und den rätselhaften Unfalltod seiner Kollegin Dawn Brancheau
Jett, 47, war fünf Jahre lang Wal-Trainer im US-Vergnügungspark Seaworld und arbeitet heute als Umweltforscher an der Stetson University in Florida. In dem Dokumentarfilm "Blackfish", der diese Woche in die Kinos kommt, verurteilt er die Haltungsbedingungen gefangener Orcas.
SPIEGEL: Die Tiertrainerin Dawn Brancheau wurde 2010 im Vergnügungspark Seaworld in Florida von einem Schwertwal getötet. Was ist damals passiert?
Jett: Wir wissen es bis heute nicht genau. Dawn war eine sehr erfahrene Trainerin. Und das Männchen namens Tilikum hatte schon hundertfach ohne Zwischenfälle mit ihr gearbeitet. Doch an diesem einen Tag zog der Orca die Frau ins Wasser und tötete sie.
SPIEGEL: Die Attacke war ausgesprochen brutal. Der Wal hat die Trainerin verstümmelt.
Jett: Ja, und das ist schwer zu erklären. Wissen Sie, diese Tiere sind sehr gelangweilt. Tilikum zog Dawn ins Wasser und spielte mit ihr wie mit einem neuen Spielzeug. Dann jedoch versuchten die anderen Trainer einzugreifen - da wurde der Wal sehr aggressiv.
SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung für das Verhalten des Orcas?
Jett: Tilikum wurde als Zweijähriger gefangen und von seiner Mutter getrennt - und das, obwohl diese Wale eigentlich ihr Leben lang mit ihrer Mutter zusammenbleiben. Er wurde in ein Flugzeug geladen, und am Ende kam er in ein winziges Wasserbecken, zusammen mit Orcas, die er nicht kannte. Seit 30 Jahren treibt er jetzt in solchen Pools herum. Tagsüber wird er von den dominanteren Weibchen attackiert und nachts von Moskitos zerstochen. Das alles muss traumatisch für ihn sein.
SPIEGEL: Die amerikanische Regisseurin Gabriela Cowperthwaite hat einen Film über den Todesfall und die gefangenen Schwertwale gedreht. "Blackfish" zeichnet ein grausiges Bild vom Leben der Tiere und gibt indirekt Seaworld die Schuld am Tod Brancheaus. Zu Recht?
Jett: Absolut. Der Film ist sorgfältig recherchiert. Und er war überfällig. Es leben weltweit noch immer etwa 50 Schwertwale in Gefangenschaft. Und seit Dawns Tod hat sich nichts an ihrer beklagenswerten Situation geändert.
SPIEGEL: Sie waren selbst lange Trainer bei Seaworld. Wie war das?
Jett: Extrem aufregend. Die Tiere sind faszinierend. Und ich empfand es als große Ehre, mit ihnen arbeiten zu dürfen.
SPIEGEL: Was hat Sie vor allem begeistert?
Jett: Schwertwale sind wie von einem anderen Planeten. Wir können nicht wissen, was in ihrem Kopf vor sich geht. Aber wir wissen, dass ihr Gehirn sehr komplex ist und dass die Tiere sehr intelligent sind. Wir hatten zum Beispiel ein Weibchen, Tahima, das eines Tages begann, die Möwen zu triezen: Tahima deponierte kleine Fischstückchen an der Wasseroberfläche. Wenn eine Möwe herabkam, um sich das Futter zu nehmen, schnappte sie deren Fuß und zog den Vogel quer durch das Becken - übrigens ohne das Tier zu ertränken. Die anderen Wale haben das dann sogar nachgemacht.
SPIEGEL: Trotz der Begeisterung haben Sie den Trainerjob aufgegeben. Warum?
Jett: Ich habe schon bald gemerkt, dass es Probleme gab. Nahezu alle Männchen in Gefangenschaft haben zum Beispiel diese herunterhängende Rückenflosse. In der Wildnis kommt das nur bei einem von 100 Tieren vor. Der Grund ist, dass die gefangenen Wale nur bewegungslos vor sich hin dämmern. Ich merkte außerdem, wie gestört das Sozialleben der Tiere ist und wie krank sie sind. Wir stopften Berge von Medikamenten in sie hinein: Antibiotika, Pillen gegen Pilzkrankheiten und Magenleiden. Irgendwann habe ich das nicht mehr ausgehalten.
SPIEGEL: Sie haben auch mit Tilikum gearbeitet, dem Wal, der Ihre Kollegin tötete und sogar in den Tod zweier weiterer Menschen verwickelt war. Wie haben Sie ihn erlebt?
Jett: Für mich war Tilikum immer wie ein großes Hündchen. Ich habe es geliebt, mit ihm zusammenzusein. Die Aggressivität war nie Thema. Wir sollten nicht denken, dass unser Job gefährlich ist.
SPIEGEL: Lebt Tilikum noch immer in Gefangenschaft?
Jett: Ja, er darf in der Show mit Wasser herumspritzen. Er wurde nur deshalb nicht eingeschläfert, weil sein Samen für Seaworlds Zuchtprogramm sehr wertvoll ist. Die gezüchteten Tiere werden verkauft. Ich halte das für äußerst fragwürdig. Diese Tiere dürfen keine Ware sein. Sie wissen um sich selbst. Sie haben eine eigene Sprache und sind sozial hoch entwickelt. Wer in die Augen eines Schwertwals guckt, weiß, dass da jemand zu Hause ist.
SPIEGEL: Was fordern Sie?
Jett: Seaworld muss aufhören, die Tiere zu züchten. Die Bedürfnisse von Schwertwalen lassen sich in Gefangenschaft nicht erfüllen. In der Wildnis schwimmen die Tiere bis zu 160 Kilometer pro Tag und tauchen über 200 Meter tief. Die Situation für die gefangenen Schwertwale ist noch schlimmer, als es "Blackfish" zeigt. In der Wildnis werden viele der Tiere über 50 Jahre alt. In Gefangenschaft sterben zwei Drittel von ihnen nach zehn Jahren.
Interview: Philip Bethge
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 45/2013
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