11.11.2013

Kanzler der Herzen

Im Dezember wäre Willy Brandt 100 Jahre alt geworden. Wenn die Deutschen seiner gedenken, erinnern sie sich an einen Mann, der sie bewegt und gerührt hat wie kein anderer Politiker.
Am Ende war es eine Liste mit Frauennamen, die den vierten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland zu Fall brachte. Ein paar Journalistinnen, dazu eine Stewardess, von der am nächsten Morgen ein Collier liegen geblieben war, das dann ein Helfer aus dem Hotelzimmer fischen musste: Informationen über Bettbekanntschaften, in einer peinlichen Befragung herausgepresst aus einem der Leibwächter und von den eigenen Leuten in einer Mischung aus aufgeregter Schwatzsucht und gezielter Böswilligkeit in Umlauf gebracht.
Alles hatte Willy Brandt überlebt: die Anwürfe wegen seiner Herkunft (unehelich), die Verdächtigungen wegen seiner Zeit als Exilant in Norwegen, wo er die Nazi-Zeit im Widerstand durchgestanden hatte, die Schmähungen als Vaterlandsverräter und Kommunistenfreund. Und nun sollten ausgerechnet ein paar Techtelmechtel ausreichen, um ihn zu stürzen?
Der düstere SPD-Fraktionschef Herbert Wehner hatte dem Kanzler die Liste mit sorgenvoller Miene vorgehalten. Brandt solle sich vorbereiten auf das, was da komme, hatte Wehner mit dem ihm eigenen Talent zur Infamie geraunt. Er müsse überlegen, ob er das durchstehen wolle und könne.
Noch viele Jahre später konnte sich Brandt darüber erregen, auf welche Ebene er hier gezerrt wurde. Das meiste war ohnehin Erfindung, Zusammengetratschtes und Herbeispekuliertes. Aber wie es in der Politik nun einmal ist: Das eine sind die Verdächtigungen - das andere ist das, was man aus ihnen machen kann. So wie Wehner es sah, war ein Kanzler, der in der Öffentlichkeit als Weiberheld dastand, nicht länger tragbar, da kam der Puritanismus des ehemaligen KPD-Funktionärs durch.
Er habe sich nicht der ehrlosen Medienhatz aussetzen wollen, so hat Brandt im Nachhinein seine Entscheidung begründet, das Amt nach nur viereinhalb Jahren an seinen Finanzminister Helmut Schmidt zu übergeben. Tatsächlich war ja schon einiges nach draußen gelangt. Die Zeitschrift "Quick" hatte Mutmaßungen über den "größten Erpresserkatalog, von dem man je hörte", lanciert, die "Bild" fragte mit Scheinheiligkeitsfragezeichen nach den "Porno-Fotos" des "Kanzler-Spions".
Schwerer aber wog, dass er sich von den eigenen Leuten im Stich gelassen fühlte. In diesem Fall waren es ja nicht die Feinde von der anderen Seite des politischen Grabens, die ihn in den Dreck des Boulevards gezogen hatten: Der Angriff kam aus den eigenen Reihen, das machte den Vorgang für ihn so unerträglich. Seine Vertrauten bestürmten ihn, Wehner zur Rede zu stellen, den sie hinter der Intrigiererei vermuteten. Aber so ein Schritt hätte das Zerwürfnis bedeutet, vielleicht sogar den Bruch in der Partei. Das lag außerhalb der Möglichkeiten des Mannes, der zweieinhalb Jahre zuvor den Friedensnobelpreis erhalten hatte.
Wohl kein anderer Kanzler wurde auf so krumme Weise zur Strecke gebracht wie Willy Brandt, im Nachhinein hat ihn das noch größer erscheinen lassen. Ein Rücktritt aus Überforderung oder wegen offenkundigen Fehlverhaltens, das wäre schmählich gewesen. Aber so verliehen die Umstände dem Kanzlersturz auch etwas Tragisches.
Tragik hat Brandt immer umweht, bei aller Unbekümmertheit, die er ebenfalls ausstrahlen konnte. Das machte schon zu Lebzeiten seine Wirkung aus, diese fast magische Anziehungskraft, der sich nicht einmal seine Gegner zu entziehen vermochten.
Andere Kanzler wurden respektiert, manche verehrt. Willy Brandt wurde geliebt. Kein anderer Regierungschef hat bei den Deutschen solche Emotionen freigesetzt, im Guten wie im Schlechten. Noch heute verklären sich bei vielen die Gesichtszüge, wenn sie an den Mann denken, den seine Bewunderer nur beim Vornamen nannten. Umgekehrt war kein anderer im politischen Geschäft auch solchen vitriolgetränkten Angriffen ausgesetzt wie der Sozialdemokrat, den seine Verächter am liebsten bei seinem Geburtsnamen Herbert Frahm nannten - nicht einmal der auf der Linken gründlich verhasste Franz Josef Strauß oder der fast zu Tode verspottete Helmut Kohl.
Hundert Jahre alt wäre Brandt in ein paar Wochen geworden. Am 18. Dezember 1913 wurde er in Lübeck geboren: der erste Sozialdemokrat, der das oberste Regierungsamt nach dem Zweiten Weltkrieg für sich eroberte, der einzige Kanzler auch, der im Dritten Reich von Anfang an auf der richtigen Seite gestanden hatte. Die Männer vor ihm hatten überwintert oder sich arrangiert. Nachfolger wie Kohl und Gerhard Schröder waren schon zu jung gewesen, um Schuld auf sich zu laden. Brandt ist in der Generation derer, die das "Dritte Reich" noch selbst erlebten, die große Ausnahme: ein Deutscher, der sich instinktiv richtig entschied, als sich die Mehrheit auf die falsche Seite schlug.
Bastard, Emigrant und Sozialist: Als Brandt schließlich, gegen alle Widerstände, das Kanzleramt erreichte, erschien das seinen Anhängern wie ein Wunder. Er hat über diesen Tag gesagt, damit habe Hitler endgültig den Krieg verloren. Pathos war auch Brandt nicht fremd, so selbstironisch er bei anderer Gelegenheit sein konnte.
Später haben die 68er für sich reklamiert, sie hätten das Land ein weiteres
Mal befreit und in einer Art zweitem Herrenchiemsee neubegründet, aber das war immer Hybris. Während die revolutionär gestimmten Bürgerkinder nachholten, was ihre Eltern versäumt hatten, saß im Palais Schaumburg ja längst nicht mehr der greise Konrad Adenauer, sondern erst als Vizekanzler und dann als Kanzler jemand, der unter Einsatz seines Lebens für das eingestanden war, wofür sie nun die Universitäten lahmlegten.
Was genau Brandt hinterließ, ist schon schwieriger zu sagen. Da ist die Neuordnung in der Ostpolitik, die er zum Kernstück seiner ersten Amtsperiode erklärt hatte, da sind der Grundlagenvertrag mit der DDR und die diversen Abrüstungsinitiativen. Aber das hätte kaum ausgereicht, ihn zu der Jahrhundertfigur zu machen, deren anhaltende Popularität noch die von Adenauer übertrifft.
Wenn das Land in den nächsten Wochen seines vierten Bundeskanzlers in Büchern, Sonderheften und Fernsehdokumentationen gedenkt, dann geht es eher um die Verheißung, die sich mit seiner Wahl verband: dass echte Demokratie mehr ist als eine Veranstaltung von dafür Ausgebildeten und Auserwählten, dass sie alle braucht, auch diejenigen, die sich bis dahin am Rande gesehen hatten - die Frauen, die Jungen, die politisch Querköpfigen und Aufmüpfigen.
In den Deutschen die Liebe zur Demokratie geweckt zu haben, das ist die eigentliche Leistung Brandts, hier liegt sein wahres Erbe. Wenn Adenauer das Vertrauen in die Demokratie begründet hat, dann kam mit Brandt die Leidenschaft für diese Staatsform. Nie wieder haben sich die Bundesbürger so begeistert für Politik eingesetzt wie in den wenigen Jahren, in denen der berühmte Heimkehrer das Land führte. Seine Kampagne zur Wiederwahl brachte Millionen auf die Straße, die für den Verbleib ihres Kanzlers demonstrierten. Als das Misstrauensvotum im Bundestag scheiterte, mit dem der ölige Rainer Barzel diesen Kanzler der Herzen vorzeitig hatte aus dem Amt kippen wollen, hatten sogar Leute Tränen in den Augen, denen die Sozialdemokratie immer ein wenig suspekt geblieben war.
Die Welt, in die Brandt hineingeboren wird, ist noch hierarchisch streng gegliedert, eher Standes- denn Klassengesellschaft. Im Zentrum der Hansestadt Lübeck, hinter dem Holstentor, lebt die vornehme Kaufmannschaft, diese enggewobene Welt aus altem Geld und Neupatriziertum, die Thomas Mann zum Entsetzen der feinen Gesellschaft in den "Buddenbrooks" beschrieben hat. Draußen, vor den Mauern der Stadt, hat der Plebs sein Quartier: schwerarbeitende Leute, die es trotz aller Anstrengung aus ihren grimmigen Verhältnissen selten herausschaffen.
Brandts Geburtsort liegt draußen, eine Etagenwohnung im Arbeitervorort St. Lorenz. Die Mutter ist eine kleine Verkäuferin, der Vater ein Lehrer aus Hamburg, mit dem sie sich auf ein kurzes Abenteuer eingelassen hat und der schon vor der Niederkunft wieder über alle Berge ist. So geordnet die Welt, so verworren sind die Familienverhältnisse.
Seine Mutter habe ihr Bestes getan, ihm ein häusliches Umfeld zu bieten, hat Brandt später über seine Kindheit gesagt, aber das ist mit dem goldenen Pinsel der Erinnerung gezeichnet. In Wirklichkeit ist die junge Frau überfordert mit dem Kind. Während der ersten Jahre wird es hin und her geschoben: Zuerst kümmert sich eine Nachbarin, dann der Großvater, den der Kleine "Papa" nennt, bis er erfährt, dass der Mann, den er für seinen Opa gehalten hat, ebenfalls kein Verwandter ist, sondern nur der Ersatzgroßvater. Ihren leiblichen Vater hat auch seine Mutter Martha nie gekannt; bei Brandt dauert es bis zum 34. Lebensjahr, dass er wenigstens den Namen seines Erzeugers erfährt. Eine Begegnung hat es nie gegeben.
Man muss kein großer Psychologe sein, um in der emotionalen Entbehrung der Jugend eine Wurzel für die seelischen Verschattungen zu sehen, die Brandt bis ins hohe Alter begleiten werden. Der Junge wird von Einsamkeitsanfällen geplagt. Trost findet er in der Parallelwelt der Bücher, in die er sich, wann immer er kann, zurückzieht.
Auch sein Verhältnis zu Frauen wird zeit seines Lebens kompliziert bleiben. Dreimal ist er verheiratet, gerade das Melancholische und Geheimnisvolle scheint das andere Geschlecht zu reizen. Es ist ihm ein Leichtes, Frauen für sich einzunehmen; ihnen treu zu bleiben fällt ihm schon sehr viel schwerer. Seine erste Ehefrau, die Norwegerin Carlota Thorkildsen, verlässt er, da ist die gemeinsame Tochter Ninja gerade zwei Jahre alt. Auch seine Frau Rut, mit der er drei weitere Kinder hat, muss sich damit abfinden, dass wirkliche Nähe zu diesem Mann eher die Ausnahme bleibt. In seiner 1989 vorgelegten Autobiografie kommt die Frau, mit der er 32 Jahre lang verheiratet war, mit keinem Wort mehr vor.
Brandt ist ein Loner, einer, der sich immer etwas abseits hält und es gern hat, wenn man ihm nicht so schnell auf die Schliche kommt. "Wie alle In-sich-Gekehrten mochte er das Gefühl, dass andere an ihm herumrätselten oder sich gar ein falsches Bild von ihm machten", hat Brigitte Seebacher, die dritte und letzte Ehefrau, nach seinem Tod über ihn geschrieben. Enge Bindung baut er nur zu Männern auf, die dann die Stelle des fehlenden Vaters einnehmen.
Die erste dieser Vaterfiguren ist sein Deutschlehrer, der die außerordentliche Begabung erkennt und fördert. Ein anderer, noch weit wichtigerer Ersatzvater ist dann Julius Leber, Chefredakteur des "Lübecker Volksboten", dem der Schüler "Herbert Fr., 13 Jahre" im Winter 1927 einen Artikel für die Kinderbeilage geschickt hat.
Was die politische Haltung angeht, gibt es im Lübecker St.-Lorenz-Viertel nur zwei Möglichkeiten: Entweder man interessiert sich nicht für Politik - oder man ist links, das heißt bei den Sozialdemokraten beziehungsweise bei den Kommunisten eingeschrieben.
Brandt entdeckt früh sein Talent, andere zu überzeugen. Er schließt sich der Sozialistischen Arbeiterjugend an, dann der SAP, einer Abspaltung der SPD, die sich als die eigentlich progressive, weil deutlich radikalere Kraft empfiehlt. Dass Brandt als Kanzler, im Gegensatz zu seinem Nachfolger Schmidt, immer erstaunliche Nachsicht mit den Jusos an den Tag legte, war möglicherweise in der eigenen Pubertätsradikalität begründet.
Vermutlich wäre aus Brandt ein ordentlicher Journalist geworden. Aber dann kommen die Nazis an die Macht, und wie viele muss er sich entscheiden, ob er sich irgendwie arrangieren oder gegen das neue Regime den Widerstand wagen will. Zwei Monate nach der Ernennung des neuen Reichskanzlers Adolf Hitler hockt er von Tauwerk und Kisten verborgen auf einem Fischkutter auf dem Weg ins dänische Rødbyhavn, im Gepäck 100 Mark vom "Papa", eine Aktentasche mit ein paar Hemden und einen selbstgewählten Decknamen, eben jenen "Willy Brandt", unter dem ihn nach Kriegsende die ganze Welt kennenlernen wird.
"Eines wird man doch Herrn Brandt fragen dürfen: Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht? Wir wissen, was wir drinnen gemacht haben", wird sein bayerischer Groß- und Dauergegner Strauß fast 30 Jahre später in einer Aschermittwochsrede sagen. Es ist eine dieser Fragen nach der Legitimität, wie sie in den sechziger Jahren an der Tagesordnung sind und wie sie nicht einmal nach der Verleihung des Nobelpreises ganz verstummen werden.
Im Grunde habe er in Skandinavien eine "überwiegend normale Existenz" geführt, hat Brandt in der Rückschau gesagt. Das ist richtig, wenn man den unermüdlichen Einsatz als Kurier für die Sache der Hitler-Gegner, einen Abstecher in den Spanischen Bürgerkrieg inklusive, als normal ansieht.
Einmal kehrt Brandt getarnt als "Gunnar Gaasland", Student und Bewunderer der deutschen Geschichte, sogar nach Berlin zurück. Beim Grenzübergang wird er von einem ehemaligen Kameraden erkannt, der inzwischen beim Zoll ist: Der lässt den Reisenden, der auf der Gestapo-Liste steht, unbehelligt ziehen - ob aus Anständigkeit oder weil er nicht richtig schaltet, ist schwer zu sagen. Der Besuch ist in jedem Fall eine an Dummheit grenzende Kühnheit, die sich nur mit der Sorglosigkeit der Jugend erklären lässt.
Falls er erwartet haben sollte, dass ihn die Leute nach seiner Rückkehr aus dem Exil für seine Haltung bewundern würden, hat er sich getäuscht. Die Jahre im Exil sind für jemanden, der es im Nachkriegsdeutschland in der Politik zu etwas bringen will, keine Empfehlung. Die Mehrheit hat sich mit dem Regime arrangiert, manche auch noch mehr als das. Sie leben zwischen den Möbeln, die Juden gehörten, sie sitzen in deren Wohnungen und essen von deren Tellern. Wer nicht selbst dafür gesorgt hat, dass die einen verschwanden, damit die anderen ihren Platz einnehmen konnten, hat dabei zugesehen, wie es geschah. Da braucht man niemanden, der einem zeigt, dass es auch anders ging. Die Anständigkeit macht verdächtig.
Dazu kommt die etwas verworrene Passsituation. Auch die junge Bundesrepublik hat ihre "Birthers". 1938 hatten die Nazis Brandt ausgebürgert, woraufhin er sich um einen norwegischen Pass bemühte. Erst 1948 wird er wieder Deutscher, diesmal unter seinem neuen Namen. Als er im November 1945 ins zerstörte Deutschland zurückkehrt, als "War Correspondent" für den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, trägt er sogar kurzzeitig die norwegische Uniform. Vom "Exilanten" zum "Besatzer" ist es nicht weit.
Es ist eine bemerkenswerte Fähigkeit Brandts, dass er seine Biografie niemals gegen diejenigen wendet, die sich als weniger mutig oder anständig erwiesen haben als er. Auch später im Kanzleramt gibt es von ihm kein Wort des Vorwurfs. Als er älter wird, lobt er sogar Adenauers Politik der Nachsicht gegenüber den Mitläufern. Nur in seiner direkten Umgebung duldet er keinen Globke, so viel Selbstverleugnung bringt er nicht auf. Dafür finden sich viele Leute, bei denen schon aufgrund ihrer Lebensgeschichte klar ist, wo sie stehen.
Da ist Egon Bahr, ein ehemaliger Rias-Kommentator und ab 1969 Architekt der Ostaussöhnung, der 1944 wegen "Einschleichens in die Wehrmacht" fast unter die Räder gekommen wäre: Er hatte seine jüdische Großmutter verheimlicht. Sein Redenschreiber Klaus Harpprecht ist mit einer Jüdin verheiratet, die nicht nur Auschwitz und die Todesmärsche, sondern auch noch die letzten Monate in Bergen-Belsen überlebt hat.
Wie weit Brandt bereit ist, die Schuld seines Volkes auf sich zu nehmen, zeigt sein berühmter Kniefall in Warschau, diese fast biblische Geste, ohne die heute kein Brandt-Porträt auskommt. Wenn es jemanden gibt, der sich an diesem Ort nicht hätte entschuldigen müssen, dann ist es dieser Kanzler der Bundesrepublik. Wie kompliziert die Seelenlage der Deutschen zu dem Zeitpunkt noch ist, zeigen die Umfragen: 48 Prozent halten die Demutsgeste für übertrieben.
Brandt hat später gesagt, der Kniefall sei spontan erfolgt. Aber ganz so war es wohl doch nicht: Harpprecht erinnert sich, dass ihm Brandt berichtete, er habe sich am Morgen im Hotel überlegt, dass er bei dem für diesen Tag anstehenden Besuch im Warschauer Ghetto etwas Besonderes tun müsse. Nur was genau, sei ihm noch nicht klar gewesen.
In der Erinnerung hat sich das Bild eines ewigen Zauderers festgesetzt. Aber wenn es darauf ankommt, kann Brandt erstaunlich hart sein, gegen sich ebenso wie gegen andere. Berlin ist in den frühen Fünfzigern für einen aufstrebenden Politiker ein ungemütlicher Ort. Die Stadt ist fest in der Hand einer Gruppe von Sozialdemokraten, die sich "Keulenriege" nennt. Wer ihre Kreise stört, muss damit rechnen, eine ordentliche Tracht Prügel zu beziehen. Wie Brandt die Konkurrenz ausmanövriert, zeigt nicht nur sein strategisches Talent, sondern auch eine Robustheit, die ihm viele nicht zugetraut hätten. Bei Gelegenheit erwähnt er später, dass er mal Amateurboxer gewesen sei.
Zunächst geht es zügig voran. 1957 wird er Berliner Bürgermeister, dann Vorsitzender der SPD und ihr Kanzlerkandidat, das Wort wird extra für ihn erfunden. Doch danach bleibt er stecken. Zweimal verliert er, einmal gegen Adenauer, einmal gegen Erhard. Die Karriere scheint am Ende, da bricht im Oktober 1966 die schwarz-gelbe Koalition auseinander, und die CDU holt anstelle der FDP die Sozialdemokraten in die Regierung, um Neuwahlen zu vermeiden.
Plötzlich ist Brandt Außenminister und Vizekanzler, und als sich drei Jahre später die Chance bietet, selbst die Regierung zu stellen, drängt er seine Partei in das Bündnis mit den Freidemokraten, gegen den Widerstand Wehners, der eine Fortsetzung der Großen Koalition will.
Aus heutiger Sicht spricht alles für den weltgewandten Aufsteiger, sein Fortschrittsoptimismus, die Jugendlichkeit im Auftreten, das Flair des Freiheitskämpfers. Aus Sicht der Wähler spricht vieles gegen ihn, nicht nur die Zeit im Exil.
Alles an diesem Mann ist anders, als es die Deutschen der sechziger Jahre gewohnt sind. Brandt spricht vier Sprachen in einer Zeit, als die meisten zum ersten Mal in einem fremden Land Urlaub machen. Statt mit Funktionären umgibt er sich lieber mit Feingeistern - Literaten, Künstlern und solchen, die sich dafür halten. Brandt ist nicht im klassischen Sinne gebildet, dazu reichte die Schule nicht aus, aber doch ein musisch veranlagter Mensch, der außerdem einen wachen Sinn für das Schmeichelbedürfnis der intellektuellen Klasse besitzt.
Auch die proletarische Herkunft ist nach Meinung der Mehrheit keine Empfehlung für das höchste Regierungsamt. Dass einer von ganz unten kommt, macht man jemandem in der jungen Bundesrepublik nicht mehr zum Vorwurf, aber es ist eben auch kein Plus. Juristensohn wie Adenauer oder Professor wie Erhard, das sind Lebensläufe, die als kanzlertauglich gelten. Aber Sohn einer Konsum-Verkäuferin aus Lübeck?
Doch Brandt kann reden, die Leute hören ihm gebannt zu. Er bringt eine Saite in ihnen zum Schwingen, von der sie bis dahin gar nicht wussten, dass sie existierte. Seine Reden sind gerade am Anfang der Karriere, als er noch nicht auf die Künste von Leuten wie Harpprecht vertrauen kann, zwar erstaunlich nüchtern, manchmal sogar etwas ungelenk. Aber wie alle Charismatiker überzeugt er durch die Art des Vortrags.
Brandt besitzt eine unverwechselbare Stimme, die mühelos über Straßen und Plätze trägt. Beim Sprechen hält er oft inne, als müsste er sich die Sätze abringen, womit er den Zuhörern den Eindruck vermittelt, sie seien Zeugen, ja Helfer beim Verfertigen der Gedanken. Am Anfang wirkt das Zögernde und Tastende auf einige noch irritierend, aber bald gilt Brandts Sprechstil als Beweis des Arglosen und Unverstellten. Nachdenklicher Ernst bei unterdrücktem, aber spürbarem Gefühl: Das ist eine Kombination, die selten ihre Wirkung verfehlt und deren Anziehungskraft Brandt genau zu kalkulieren weiß.
Einen "Mystiker und Melancholiker" hat Brigitte Seebacher ihren Mann genannt. Das ist so falsch nicht: Spätestens nachdem er im Kanzleramt angekommen ist, befällt das Publikum bei seinen Auftritten eine fast religiöse Andacht. Wie einem Erlöser strecken sich ihm die Hände entgegen; wo er strauchelt, sind Tausende zugegen, um ihm aufzuhelfen.
Die Kehrseite der Politik als spirituelle Übung ist bei Brandt eine merkwürdige Tendenz zur Selbstversunkenheit, mitunter gerät er in eine Art Trancezustand. Manche Bewunderer sind geradezu schockiert, wenn sie den großen Mann zum ersten Mal aus der Nähe erleben. Statt auf den Weltgeist, den sie erwartet haben, stoßen sie auf einen in sich gekehrten Schweiger, der seine Entspannung bei Alkohol und schlechten Witzen sucht.
Selbst in Gesellschaft kann es vorkommen, dass Brandt die Zeit einfach durchstarrt. Dann sitzt er in seinen Sessel versunken, während um ihn herum das Gespräch weiterläuft, nur hin und wieder kurz nickend oder eine ironische Bemerkung einstreuend. Manchmal sagt er stundenlang gar nichts.
Der Historiker Arnulf Baring erinnert sich daran, wie er einmal zu einer längeren Autofahrt mit dem Kanzler aufbrach. Er hatte gerade die Arbeit am "Machtwechsel" aufgenommen, seiner meisterhaften Erzählung der Regierungsübernahme durch das Gespann Brandt/Scheel. Im Wagen versuchte er, Konversation zu machen, wie es sich gehört, aber Brandt stierte ins Nichts, unfähig zur Beachtung der einfachsten Höflichkeitsregeln.
Was das politische Geschäft angeht, war Brandt alles andere als ein Träumer. Die Linke hat aus dem Vorzeige-Sozialdemokraten im Nachhinein eine ihrer Ikonen gemacht. Aber das entsprach immer eher einem Renommierbedürfnis als der Realität.
Brandt hat nie die Ohnmacht vergessen, die er verspürte, als am 13. August 1961 bewaffnete Einheiten damit begannen, die Bürger der DDR einzumauern. "Als junger Mann habe ich mich gegen die Nazi-Herrschaft entschieden, die Knechtung und Krieg bedeutete", schrieb Brandt in seinen "Erinnerungen". "In Berlin stand ich an der Seite derer, die sich der kommunistischen Gleichschaltung und dem Stalinschen Würgegriff widersetzten." So schreibt niemand, der noch Sympathie für den realen Sozialismus hegt.
Tatsächlich war Brandt als Mann der Exekutive für die Linken im Lande eine herbe Enttäuschung: Als Vizekanzler half er, die Notstandsgesetze auf den Weg zu bringen, also genau das Stück Gesetzgebung, das wesentlich zur Bildung der Apo beitrug. Als Kanzler setzte er den sogenannten Radikalenerlass durch, der alle Angehörigen verfassungsfeindlicher Organisationen aus dem Öffentlichen Dienst verbannen sollte. In der Rückschau hat er den Extremistenbeschluss als seinen "gröbsten Fehler" bezeichnet, aber das war schon die Sentimentalität des Alters. Wenn man nicht mehr im Kanzleramt sitzt, sondern vorzugsweise auf Konferenzpodien, kann man es sich leisten, rührselig zu werden.
Auch die Ostpolitik, die das Land zunächst spalten sollte, war aus Pragmatismus geboren, nicht aus Ideologie oder Illusion über die Natur des Sowjetkommunismus, deshalb überzeugte sie auch so viele Menschen. Die alte Doktrin der strikten Ächtung der DDR, die jedes Land einschloss, das diese anerkannte, war nur noch mit größten diplomatischen Verrenkungen durchzuhalten. Was ursprünglich als Mittel zur Isolierung des anderen Deutschlands gedacht war, drohte in eine Selbstfesselung umzuschlagen. So gesehen vollzog die sozial-liberale Koalition nur, was die Vernunft gebot.
Die Brandt-Jahre sind auch Jahre der Unschuld, noch nicht verdüstert von Klimaangst, Welthunger und Atomtod - vielleicht erinnern wir uns deshalb so gern an sie. Für einen kurzen Moment schien alles möglich: Gerechtigkeit, "Compassion", um ein berühmtes Brandt-Wort aufzugreifen, dazu ein Volkswagen und ein Reihenhaus für jeden.
Der Historiker Bernd Faulenbach hat vom sozialdemokratischen Jahrzehnt gesprochen, der Soziologe Ralf Dahrendorf sogar vom sozialdemokratischen Jahrhundert, aber tatsächlich sind die goldenen Jahre der Sozialdemokratie eher kurz. Nicht von ungefähr beginnt Brandts Abschied vom Kanzleramt im großen Krisenjahr 1973, diesem annus horribilis, das für immer das Ende vom Traum steten Wachstums einläutet.
Mit dem ersten Ölpreisschock ist der ewige Frühling auf einen Schlag zu Ende. Wer sich die Fotos aus der Zeit anschaut, sieht viele ernste Gesichter. Brandt liebte immer die nachdenkliche Pose: Die Sondermarke zum 100. Geburtstag zeigt ihn mit der Hand am Kinn, die Stirn sorgenvoll gerunzelt. Aber nun passt die Pose zur Wirklichkeit. Zunächst hängen die Machthaber der Erwartung an, der Einbruch sei vorübergehend. Aber bald wird klar, dass die guten Zeiten für immer vorbei sind. Statt die Anhänger auf die veränderten Zeiten einzustellen, belassen sie es bei ein paar Korrekturen an ihren ambitionierten Sozialprogrammen.
Schon der Start in die zweite Legislaturperiode ist unglücklich. Wenige Tage nach der Wiederwahl 1972, dem größten Triumph der Sozialdemokratie in ihrer 150-jährigen Geschichte, muss sich der Kanzler in ärztliche Obhut begeben. Seit längerem quälen ihn Probleme mit den Stimmbändern. Brandt hat auf einmal Angst, an Krebs erkrankt zu sein. Der Befund ergibt, dass es sich um eine gutartige Geschwulst handelt. Dennoch raten die Ärzte dringend, endlich die Finger von den Zigaretten zu lassen.
Der Nikotinentzug setzt Brandt enorm zu, macht ihn übellaunig und reizbar. Vor allem aber fällt er wegen des Eingriffs während der Koalitionsverhandlungen aus. Als er nach der Genesung ins Kanzleramt zurückkehrt, haben Wehner und Schmidt jene Hälfte der Leute ausgetauscht, die sie nicht leiden können.
Bahr wird mit dem Posten eines Bundesministers für besondere Aufgaben abgefunden. An die Stelle des tüchtigen Umkremplers Horst Ehmke als Kanzleramtschef tritt Horst Grabert, ein braver Bauexperte, der mit der Verwaltung des Amtes völlig überfordert ist, wie sich bald zeigt. Einen Zettel mit Anweisungen und Wünschen, den Brandt vom Krankenbett aus Wehner hatte zukommen lassen, hatte dieser in seiner Tasche "vergessen", wie der "Zuchtmeister" mit schiefem Lächeln mitteilt.
Brandt reagiert auf Druck, indem er sich entzieht. Tagelang schließt er sich dann in sein Schlafzimmer ein, eine dunkle Kemenate im Dach der Dienstvilla auf dem Bonner Venusberg. Die Mitarbeiter sprechen pietätvoll von fiebriger Erkältung, die der Chef auskuriere, dabei ist allen klar, dass diese Erkältung seelische Ursachen hat.
Am Anfang war noch Ehmke da, der die Autorität und die Furchtlosigkeit besaß, Brandt aus seinen Wehleidigkeitsattacken zu reißen. Wenn nichts anderes mehr half, kreuzte er mit einer Flasche Wein im Arm auf, um den maladen Kanzler zurück an den Schreibtisch zu locken. Mit Ehmkes Abgang fehlt dieser Antreiber. Die Absenzen, die sich der Kanzler nimmt, werden häufiger und länger.
So treiben die Dinge dahin. Wehner zischelt böse Bemerkungen über den Mann an der Spitze, Schmidt flüchtet sich in Spott. "In der Europa-Kommission sitzen 13 Graberts ohne Brandt", witzelt er vor Kabinettskollegen nach einem Besuch in Brüssel: "Mir reicht ein Grabert mit Brandt." Irgendwann stehen solche Vergleiche auch in der Zeitung. "Scheißblatt", knurrt Brandt, als ihn der SPIEGEL im Dezember 1973 unter der Überschrift "Kanzler in der Krise" als verwittertes Denkmal in den Wolken zeigt. Da ist der Sturz nur noch fünf Monate entfernt.
Harpprecht hat später beschrieben, wie er auf Long Island mit Brandt spazieren ging, als diesen die Nachricht von Wehners Tirade in Moskau erreichte. Während der Kanzler das Land bei den Vereinten Nationen präsentierte, hatte der Fraktionschef mal wieder in Russland sondiert und dabei in größerer Runde eine Zustandsbeschreibung der Regierung gegeben: "Die Nummer eins" sei "entrückt" und "abgeschlafft", von einer Regierung im eigentlichen Sinn könne man nicht mehr reden. Auf dem Heimflug folgte dann der Satz, der alles Gift enthielt, das der "Onkel" über die Monate in sich angesammelt hatte: "Der Kanzler badet gern lau" - Zug aus der Pfeife - "so in einem Schaumbad."
Er müsse den Rückzug des Fraktionsvorsitzenden fordern, unverzüglich, rät Harpprecht dem düpierten Kanzler. Nun gelte es: Wehner oder er. Das treffe wohl zu, erwidert Brandt gepresst, doch er sei sich nicht sicher, ob er der Partei die Zerreißprobe zumuten könne.
So weicht Brandt erneut dem Konflikt aus, belässt es bei ein paar beleidigten Worten im Parteivorstand. Wehner gibt sich demütig: Ob es der Kanzler noch einmal mit ihm versuchen wolle, fragt er mit seifiger Unterwürfigkeit, um dann hinter dessen Rücken weiter zu rumoren - "immer, versteht sich, für die Sache", wie Harpprecht bitter bilanziert.
Wollte Wehner den Kanzler stürzen? Brandts Anhänger haben hinter den Schlechtrednereien die finstersten Motive vermutet. Wehner neidete ihm seine Popularität, wohl auch die Ungezwungenheit und innere Freiheit eines Menschen, der ohne Beschädigung durch die Terrorjahre gekommen war. Wehner war ein beschädigter Mensch; die Jahre im Hotel Lux, diesem Vorhof der stalinistischen Hölle, hatten ihn für immer gezeichnet.
Die verkümmerte Seele erträgt die reine Lauterkeit neben sich nur schlecht: Sie muss diese verächtlich machen und, wenn möglich, verkleinern.
In der Sache allerdings lag Wehner nicht so weit daneben. Auch Schmidt, der starke Mann des Kabinetts, drängte ungeduldig auf einen Richtungswechsel. Dass er Wehners Vorbehalte teilte, war allen, die ihn kannten, klar - und denjenigen, die ihn nicht kannten, ebenfalls, dafür sorgte er zuverlässig in Hintergrundgesprächen mit Journalisten.
Das ist die Ausgangslage, als der Fall Guillaume öffentlich wird. Am Morgen des 24. April 1974 nehmen Polizisten den Parteireferenten des Kanzlers in seiner Wohnung wegen des Verdachts der Spionagetätigkeit fest. Noch im Morgenrock gibt sich der ehemalige Ostberliner Fotograf als "Bürger der DDR und ihr Offizier" zu erkennen. Bei den anschließenden Verhören schweigt er eisern zu den Vorwürfen.
Brandt hat bis zu seinem Tod an eine Verschwörung geglaubt, ein Komplott von alten und neuen Feinden, ihn zu Fall zu bringen. Es fällt ja zunächst auch schwer, hier ein bloßes Missgeschick zu sehen. Schon die Einstellung des Spions hätte so nicht erfolgen dürfen. Im Frühjahr 1956 war Günter Guillaume aus der DDR in den Westen übergesiedelt. Eine gründliche Sicherheitsüberprüfung, wie sie bei einer Regierungstätigkeit in so einem Fall zwingend vorgeschrieben war, unterblieb aus Schlamperei.
Diese Panne war nicht die einzige. Als die Abwehr dem Spitzel im Vorzimmer durch Zufall auf die Spur kam, zog ihn der Verfassungsschutz nicht sofort aus dem Verkehr, wie es die Nähe zu Brandt zwingend verlangt hätte, sondern ließ ihn weiter gewähren, um Beweise zu sammeln. Die Idee, den Kanzler als Lockvogel zu benutzen, war von Verfassungsschutzpräsident Günther Nollau gekommen. Aber es war Innenminister Hans-Dietrich Genscher, der sie dem Kanzler einredete. Was er ihm nicht sagte, war, wie ernst die Verdachtsmomente waren. Brandt seinerseits fragte nicht wirklich nach. Er hielt das Ganze für eine der typischen Geheimdienstpossen.
Viele haben sich später gefragt, warum Brandt nicht darauf drängte, Guillaume aus seiner Umgebung zu entfernen, als sich die Hinweise erhärteten, dieser arbeite für die Stasi. Brandt hat zur Erklärung gesagt, er habe Guillaume gar nicht richtig wahrgenommen. Das klang wenig glaubhaft, zumal der Referent ständig in der Nähe war. Es gibt unzählige Bilder, die den Kanzler mit dem Spion als seinem Schatten zeigen. Über die Jahre hatte sich der beflissene Adlatus unentbehrlich gemacht: Bei Reisen trug er die Koffer, im Urlaub schleppte er die Weinkisten und half Rut beim Einkauf.
Aber vermutlich war es genau so: Wer Brandt nicht interessierte, durch den sah er einfach hindurch. Guillaume war ihm viel zu servil und gewöhnlich, um von ihm ernst genommen zu werden. So war der Parteireferent einfach immer weiter dabei, auch als sich das Ehepaar Brandt im Sommer 1974 nach Norwegen in den Urlaub verabschiedete, wo er dann morgens die geheimen Fernschreiben in der Entschlüsselungsstelle in Empfang nahm, um sie dem Kanzler an den Frühstückstisch zu bringen.
Wenn es jemanden gibt, der in der Spionageaffäre den Hut hätte nehmen müssen, dann ist es Genscher. Der Innenminister steht in jenen Tagen am Rande der Panik. Er fürchtet, dass ihm der Fall den versprochenen Aufstieg ins Außenamt vermasseln könnte. Man hat zwar den Spion, aber nichts wirklich Verwertbares, um ihn vor Gericht zu bringen. Als einer der Personenschützer von "Kontakten" zu Frauen berichtet, die der Referent für Brandt angebahnt habe, regt Genscher an, Näheres zum Intimleben des Kanzlers zu erfragen. Das Ergebnis ist ein Bericht zum Komplex "Frauenzuführungen", dessen Inhalt auch an Nollau und dessen Mentor Wehner geht. Von dort ist es nicht mehr weit zu "Quick" und "Bild".
Hätte Brandt die Enthüllung überlebt? Vermutlich. Die Zeiten waren in den Siebzigern nicht mehr so, dass ihm das Wahlvolk wegen ein paar außerehelicher Eskapaden die Unterstützung aufgekündigt hätte. Seine Ehefrau Rut war beliebt, ein Idol fast wie der Ehemann, aber dass "Willy" auch anderen Frauen hinterhersah, war über den Kreis der Freunde hinaus bekannt. Zum Schürzenjäger taugte Brandt ohnehin nicht wirklich. Wenn er in einem fremden Bett landete, dann war er dort am Ende eines langen Abends eher aus Trostbedürfnis hineingesunken.
Warum Brandt dennoch zurückgetreten ist? Er hat sich dazu eher vage geäußert. Sicher ist, dass er am Ende seiner Kräfte war. Schon nach dem Triumph im Herbst 1972 hatte sich eine Erschöpfung eingestellt, die nie mehr ganz weichen wollte. Um die Dinge zum Besseren zu wenden, hätte es eines Kraftaktes bedurft, zu dem er sich außerstande sah.
Wie nahe er dem Abgrund war, hat er seinem Freund Holger Börner anvertraut. "Wenn ich in dieser Nacht einen Revolver gehabt hätte, dann hätte ich mich erschossen", sagte er diesem über den Moment der Verzweiflung nach der Lektüre des klebrigen Geheimdienst-Fabrikats. Baring berichtet in "Machtwechsel" sogar von einem Abschiedsbrief. Vier Tage bevor er dem Bundespräsidenten seinen Rücktritt erklärte, habe Brandt nach einem Auftritt auf Helgoland seine düsteren Gedanken in einem Schreiben an die Familie festgehalten. Noch auf dem Rückflug trug er den Brief bei sich, erst in Bonn hat er ihn dann zerrissen.
Viele haben den Verzicht auf die Macht als Eingeständnis der Schwäche gesehen, man kann den Schritt aber auch als Ausdruck der Stärke werten. In jedem Fall war es ein Akt der Befreiung. Erhard und Kiesinger sind über den erzwungenen Rückzug ins Private nie mehr hinweggekommen, sie verkümmerten im Abseits. Brandt brauchte nur ein paar Wochen in Norwegen, um sich zu sammeln und zu alter Kraft zurückzufinden.
"Brandts Zeit als Bundeskanzler war trotz Friedensnobelpreis, trotz Kniefall in Warschau nicht seine beste Zeit, die kam erst danach", hat der langjährige SPIEGEL-Reporter Hermann Schreiber, der ihm so nahestand wie wenige andere Journalisten, über das dritte Leben Brandts notiert. Unbeschwert von der Verantwortung des Regierungsgeschäfts kann der Altkanzler nun das tun, was er immer schon am liebsten tat: die Zeitläufte mahnend einordnen und seinen Anhängern als moralischer Kompass dienen. So reist er durch die Welt, hält Reden und Vorträge und schreibt Bücher gegen den Welthunger und für den Weltfrieden.
Wie sehr er sich von seiner deutlich provinzielleren Partei über die Zeit entfremdet, zeigt sich, als er eine junge, parteilose Griechin als SPD-Sprecherin durchsetzen will. Die Funktionärselite bockt, woraufhin der Alte den "Aufstand von Spießertum" mit der Niederlegung des Parteivorsitzes beantwortet. Er kann ohnehin mit den meisten Genossen, die nun den Ton angeben, nicht mehr viel anfangen, aller Enkelei zum Trotz. Zu den regelmäßigen Besuchern in seinem Haus im heimischen Unkel zählt stattdessen der Nach-Nachfolger Helmut Kohl. Wenn schönes Wetter ist, sitzen die beiden im Garten, trinken einen Schoppen und lästern über das politische Personal.
Einmal hatte Brandt noch die Hoffnung, dass ihn die Politik zurücknähme. Nach dem Fall der Mauer glaubte er, dass er das Rentnerleben gegen die Villa Hammerschmidt tauschen könne. Der erste gesamtdeutsche Bundespräsident des Landes, das wäre die Krönung gewesen. Aber als die SPD bei der Bundestagswahl 1990 mit ihrem Kandidaten Oskar Lafontaine kläglich scheiterte, war auch dieser Traum ausgeträumt. Zwei Jahre später war Brandt tot, Folge eines Krebsleidens, das sich ein Jahr zuvor bemerkbar gemacht hatte.
Kurz vor Brandts Tod war Kohl ein letztes Mal in Unkel. Brandt war schon so geschwächt, dass er kaum noch aufstehen konnte. Er saß im Wohnzimmer und hatte sich Hemd und Schlips anlegen lassen. "Sach mal, wenn ich zu dir komme, musst du dir doch keinen Schlips umbinden", sagte Kohl. Brandt entgegnete: "Wenn der Bundeskanzler kommt, gehört sich das so."
Der Staatsakt in Berlin, den der Bundespräsident am 17. Oktober 1992 für den Toten ausrichten lässt, würdigt Brandt als den, der er immer war: ein großer deutscher Patriot.
Manche Bewunderer sind geradezu schockiert, wenn sie den großen Mann zum ersten Mal aus der Nähe erleben.
Die beschädigte Seele erträgt die reine Lauterkeit neben sich nur schlecht, sie muss diese verächtlich machen.
Bei schönem Wetter sitzen Brandt und Kohl im Garten und lästern über das politische Personal.
* Auf dem Bundespresseball; 2. v. l. (mit Brille): der damalige SPIEGEL-Chefredakteur Günter Gaus.
Von Jan Fleischhauer

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